Arno GeigerWerner Gabriel

29.06.2006Meinung

Warum schreiben?

Autor als Beruf - Von der Bereitschaft, sich zu
verausgaben und nicht zu rechnen. Von Arno Geiger.

In einem Dorf, so erzählt man, saßen eines Abends in einem Wirtshaus mehrere Gäste. Lauter Ansässige, bis auf einen, den keiner kannte, ein Zerlumpter in einer dunklen Ecke. Hin und her war das Gespräch gegangen. Da brachte einer auf, was sich jeder wünschen würde, wenn er einen Wunsch frei hätte. Der eine wollte Geld, der andere einen Schwiegersohn, der dritte eine neue Hobelmaschine. So ging es reihum. Als jeder zu Wort gekommen war, blieb noch der Zerlumpte in der dunklen Ecke.
Er sagte: "Ich wünschte, ich wäre einer, der Bücher schreibt, ich lebte in einem weiten, offenen Land und säße nachts in meinem Zimmer am Schreibtisch und arbeitete und arbeitete, und von der Grenze bräche ein Feind herein, keinen Widerstand gäbe es und keine Zeit, mich auch nur zu bekleiden, im Hemd müsste meine Flucht ich antreten und würde ohne Ruhe Tag und Nacht gejagt, bis hier auf dieser Bank in eurem Wirtshaus ich gerettet angekommen wäre." "Was hättest du von diesem Wunsch?", fragte einer. "Beim Schreiben der Bücher etwas über das Leben gelernt", gab der Bettler zur Antwort.

Ich habe hier eine unter anderem von Walter Benjamin erzählte, alte chassidische Legende variiert, mehr in persönlicher als in allgemeiner Sache, denn auch der, der sich eine neue Hobelmaschine wünscht, hat seine guten Gründe, er wird jedenfalls nicht nach einer Rechtfertigung für seinen Wunsch gefragt.

Ich selbst wurde öfters gefragt, was ich mir von meiner Arbeit verspreche. Und auch vor Erscheinen von "Es geht uns gut" fiel es mir nicht schwer zu versichern, dass mir mein Schreiben langfristig mehr Gewinn als Nachteile eingebracht hat. Ich sage das als einer, der über Jahre ein Mann ohne Mittel war, der mit dem Besteck des Außenseiters umzugehen gelernt hatte, einer, der von allen guten Gütern verlassen war, von den guten Geistern sowieso.

Ich habe vier Jahre lang an "Es geht uns gut" gearbeitet, und nach den Erfahrungen der vorhergehenden Jahre war mit einem Erfolg nicht zu rechnen gewesen, schon gar nicht mit einem Erfolg wie dem, der eingetreten ist. Zum Bedauern vor allem der Verlage kann man die Wirkung von Büchern ja nicht an Mäusen ausprobieren, und so haben sich auch diesmal alle, ich aus Selbstschutz, keine großen Hoffnungen gemacht.
Der Deutsche Buchpreis ist mir dann wie durch den Kamin ins Haus gefallen, umso willkommener war er. Und selbst wenn im Vorfeld der leise Wunsch, etwas in dieser Art könnte vielleicht doch geschehen, vorhanden gewesen wäre, würde dies nicht erklären, warum einer über vier Jahre hinweg auf seinen Ellbogen am Schreibtisch bleibt, ohne unzufrieden zu sein, ohne sich nach Alternativen umzusehen, die es ihm ermöglichen, nicht ständig knapp bei Kasse zu sein.

Warum also? Ich für meine Person: Weil es aus dem Wissen heraus geschieht, dass man das Leben nur ausschöpfen kann, wenn man bereit ist, nicht zu rechnen, und weil wir Bettler wären, wenn wir nicht einmal uns selbst in die Waagschale werfen würden – das ist ja das, was viele von uns, die wir Bücher schreiben, tun. Eine jahrelange Verausgabung, weil hinter der Arbeit etwas steckt, das schöner und wichtiger ist als die Arbeit, weil sich hinter der Arbeit etwas auftut, in dem wir uns selbst finden und in dem wir als Person weiterkommen können. Und in dem auch die Leser weiterkommen können. Klingt nach wenig, ist aber sehr viel.

Und vergessen Sie eins nie: Die Bücher schlafen nicht, wenn wir nach Hause kommen, sie erwarten keine Gegenleistung für das, was sie einem geben. Sie beschweren sich nicht, wenn man etwas nicht weiß. Und sie trinken einem nicht den Wein weg.

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