27.07.2006
MEINUNGAlle Möglichkeiten offen
Es gab eine Zeit, kurz nachdem die Seifenblase geplatzt war, da atmeten viele auf, da dachten beinahe alle, es sei vorbei mit diesem technizistischen Größenwahn und Allmachtsglauben, der Internethype sei überstanden. Man könnte, dachte mancher, doch schön zur Tagesordnung übergehen. Und alles so weiter machen wie zuvor. Also auch Bücher.
Kann man aber nicht. Mehr denn je zeigt sich gerade in letzter Zeit, dass es genau umgekehrt ist, dass es keinerlei verlegerische Zukunft ohne das Netz gibt, dass, wer sich nicht das Internet als Werbefläche, als Inspirationsquelle, als Ideenversuchslabor, als Distributionsmittel, als Publikationsort nutzt, sich nicht wundern darf, sich nicht beschweren muss, wenn er abgehängt und am Ende belächelt wird. Längst nicht mehr in den Magazinen, in den Zeitungen wachsen die Meinungsmacher, die Meinungsmächtigen heran, sondern in den Weblogs. Die sogenannte Blogosphäre wird dementsprechend zunehmend die Brutstätte von Bestsellern, die für eine Klientel gemacht sind und von ihr gekauft werden, auf die schon aufgrund ihres Alters kein Buchhändler, kein Verlag verzichten kann. Beispiele?
Bastian Sick. Was Dr. Sommer war in Sachen Sexualaufklärung, ist Bastian Sick in Sachen Sprachaufklärung. Während der eine damals in der klassischen Zeitschriftenkolumne die Triebe entdämonisierte, bringt Sick die Deutschen auf den sprachlichen Pfad der Tugend zurück. Sick schaffte als erster Deutscher den Sprung aus dem Netz in die Welt des Tote-Bäume-Buchs. Ohne das Verbreitungsgebiet Internet – Sicks relativ konservativ kolumnierter Sprach-Blog erscheint bei ‘Spiegel-Online’ – hätte es Sicks geradezu kometenhaften Aufstieg nie gegeben. Inzwischen füllt der Deutschlehrer aus dem Netz Fußballstadien und lässt dank der Millionenauflagen seiner bisher dreiteiligen ‘Der Dativ ist dem Genitiv sein Tod’-Reihe seinen Kölner Verleger ruhiger schlafen.
Glenn Greenwald. Noch besser. Der Jurist ging im Oktober 2005 mit seinem politischen Blog ‘Unclaimed Territory’ online. Das linksorientierte Internettagebuch des munteren Meinungsmachers war ein Erfolg. Greenwald wurde vom Blogosphärenscout Jennifer Nix entdeckt. Die fragte ihn, ob er nicht für das Kreditkarten- und Telekomunternehmen Working Assets seine Blog-Beiträge schnell in ein Buch umarbeiten wolle. Greenwald wollte. Working Assets druckte. Und Jennifer Nix versorgte rasch vorher sieben populäre Blogger mit dem Datensatz des Buchs und dem Hinweis, doch bitte etwas für das Büchlein zu tun. Die taten was. Und kaum war Greenwalds ‘How Would A Patriot Act’ fertig, da war es schon Nummer 1 bei Amazon. Und nicht sehr viel später sah Greenwald seinen Band an der Spitze der ‘New York Times’-Bestsellerliste.
Kathrin Passig. Unheimlich war dem Feuilleton diese Geburt aus dem Giganto-Blog ‘Riesenmaschine’. Das Gründungsmitglied der ironischen, bürolosen Berliner Internet-Firma Zentrale Intelligenz Agentur (ZIA) schrieb ihren ersten literarischen Text. Nahm ihn, kam nach Klagenfurt, las und siegte beim Bachmannwettbewerb. So eroberte der Blog auch die Literatur. Mit unabsehbaren, aber durchaus interessanten Folgen.
Zentrale Intelligenzagenturen? Das waren, das sollten doch – Verlage sein. Und Kapital aus den potenziell unbegrenzten Möglichkeiten des weltweiten Gewebes schlagen. Im wahrsten, im allumfassendsten Sinne des Wortes. Zukunftsangst, Berührungsangst verboten. Modem an und alle Möglichkeiten offen.





