22.02.2007
"Hier zählt jeder Millimeter"Buchbinder
Wer bei dem Wort Buchbinder sofort an Herren mit Schürzen und Leimtöpfen denkt, hat weit gefehlt. Zumindest wenn es um die industrielle Buchbinderei geht. Denn hier wird jeder Arbeitsschritt über elektronische Schaltpulte gesteuert. Handwerkliches Geschick ist beim Umgang mit den komplexen Maschinen eher zweitrangig, an erster Stelle steht der Sinn für Technik. Marco Tria lernt zurzeit bei der Buchbinderei Schaumann in Darmstadt. Nach Lehreinheiten in Schneiden, Fadenheften und Falzen besetzt er im dritten Lehrjahr eine Position an der Prägemaschine. In der Regel verbringt er drei Monate an einer Station der Produktionsstraße. Bevor der 21-Jährige mit der Arbeit beginnen kann, muss er die exakten Maschineneinstellungen berechnen. Sitzt die Prägung nicht millimetergenau, kommt es zu Fehlern. Und das kann bei Auflagen von 2 000 bis 3 000 Exemplaren schnell zu einer teuren Angelegenheit werden.
Qualifiziertes Personal fehlt
»Mir gefällt besonders, wie vielseitig der Beruf ist«, sagt Tria. Bei der praktischen Arbeit im Ausbildungsbetrieb hat er die komplexen Aufgaben an den verschiedenen Bindemaschinen kennengelernt. Der wöchentliche Berufsschulunterricht vertieft die theoretischen Kenntnisse über den Fertigungsablauf und die Technologien. Im Mai steht Trias Abschlussprüfung an, dann müssen die von ihm gebundenen Bücher vor den kritischen Augen des Prüfers bestehen. Tria ist einer von fünf Auszubildenden in der Buchbinderei Schaumann. Damit gehört der Familienbetrieb zu den wenigen Unternehmen, die sich verstärkt für die Ausbildung der Branche engagieren. Insgesamt würden sich zu wenig Betriebe für den Nachwuchs einsetzen, beklagt Geschäftsführerin Ulrike Vettermann: »Dabei fehlt qualifiziertes Fachpersonal.« Die Bewerber für einen Ausbildungsplatz wählt Vettermann nach dem jeweiligen mathematischen und technischen Verständnis aus. Sie vertraut dabei allerdings nicht blind den Schulnoten, sondern möchte, dass »sich die Kandidaten in einem Vorstellungsgespräch selber einschätzen und in einem Praktikum ihre Aufnahmefähigkeit unter Beweis stellen«. Schließlich muss die Chemie zwischen Auszubildendem und Betrieb stimmen. Marco Tria hat Glück: Ein Arbeitsplatz ist ihm schon jetzt sicher. Denn die Buchbinderei Schaumann will ihn nach der Ausbildung übernehmen - und wohl an der Präge- oder an der Buchdeckenmaschine einsetzen. Für Tria ist es ein gutes Gefühl, zu wissen, wie es weitergeht. Besonders in Zeiten, in denen der Einstieg in den Wunschberuf längst nicht bei allen Nachwuchskräften so reibungslos läuft wie bei ihm.
Autor: Frauke Breuer
[...] Tags: Buchbinder, Berufsbilder

