KARRIERE BERUFSBILDER

08.02.2007

Christine Haug© Mathis Beutel
»Wir brauchen Nachwuchs«

Studium Buchwissenschaft

Buchwissenschaftler sind die Führungskräfte der Zukunft. Ausgebildet werden sie nicht nur, aber auch in München. Christine Haug über die Perspektiven der Absolventen.

Die buchwissenschaftlichen Studiengänge in München sind für ihre starke Praxisorientierung bekannt. Wird darüber nicht die Forschung vernachlässigt?

Haug: So vereinfacht kann man das nicht sagen. Die Buchbranche hat ein wachsendes Interesse an akademisch gebildeten und sogar promovierten Mitarbeitern - gerade für die Führungsetagen von Verlagen und Buchhandlungen. Dazu gehört eine fundierte Ausbildung, die die Vermittlung praktischen Wissens durch Dozenten aus der Branche ebenso voraussetzt wie die Vermittlung wissenschaftlicher Inhalte - etwa in der Buchhandelsgeschichte oder in der Betriebswirtschaft. Mir liegt aber daran, mehr wissenschaftlichen Nachwuchs auszubilden und etwa im Rahmen der geplanten Master-Studiengänge auch gezielt einen Promotionsstudiengang anzubieten.

Warum sind die Buchwissenschaften in Deutschland bisher auf die vier Standorte Erlangen, Leipzig, Mainz und München beschränkt - während es in Berlin, der zweitgrößten Verlagsstadt des Landes, keinen entsprechenden Studiengang gibt?

Haug: Das hat unmittelbar mit der Ausbildung von Nachwuchswissenschaftlern zu tun. In Deutschland gibt es derzeit nur drei habilitierte Buchwissenschaftler. Die bundesweite Einführung von Bachelor- und Master-Studiengängen wäre in meinen Augen geradezu eine Einladung, auch an anderen Hochschulen buchwissenschaftliche Studiengänge anzubieten - denn es gibt eine ganze Reihe von Verlagsstandorten, die auf akademisch gebildetes Personal angewiesen sind. Dazu zählen neben Berlin auch Hamburg, Köln oder Stuttgart.

Haben Diplom-Buchwissenschaftler heute bessere Chancen, ihr Know-how in einem Verlag anwenden zu können?

Haug: Sie haben sicher größere Chancen als die Absolventen eines Germanistik-Studiums. Die Idee, Philologie zu studieren und dann noch ein Jahr Buchwissenschaft dranzuhängen, ist inzwischen ein wenig überholt. Die Vermittlungsquote ist gerade beim Diplom-Studiengang - der sein zehnjähriges Bestehen feiert - sehr hoch. Viele Absolventen sitzen heute in den Führungsetagen der Buchhandelsunternehmen und kehren als Dozenten wieder an die Universität zurück.

Wenn die Ansprüche an die Qualifikation steigen und zugleich ein Direkteinstieg in die Praxis erwartet wird - werden dann nicht auch Management- und betriebswirtschaftliche Kenntnisse immer wichtiger?

Haug: Sicher. Wer heute in einem großen Unternehmen wie Weltbild oder Hugendubel in verantwortlicher Position arbeiten will, kommt um fundierte BWL-Kenntnisse nicht herum. Das ist ein wichtiger Punkt, den mein Vorgänger Georg Jäger, der vor 17 Jahren die Buchwissenschaft in München begründete, entsprechend umgesetzt hat. Die Studiengänge werden von der BWL an der Ludwig-Maximilians-Universität mitbetreut - und das soll auch künftig so bleiben. BWL wird auch Bestandteil der neuen Bachelor- und Master-Studiengänge sein.

Soll die Zusammenarbeit mit der Betriebswirtschaftslehre weiter ausgebaut werden?

Haug: Langfristig bahnt sich eine Zusammenarbeit mit dem Institut für Wirtschaftsinformatik und neue Medien (WIM) an, dessen Leiter für die Verbindung von Betriebswirtschaft und neuen Medien steht - eine Verknüpfung, die auch in Buchhandel und Verlagen immer mehr an Bedeutung gewinnt. Für den kommenden Herbst ist eine gemeinsame Vortragsreihe zu den neuen Medien und zum elektronischen Publizieren geplant. Dann nähmen Buchwissenschafts- und BWL-Studenten an einer gemeinsamen Veranstaltung teil. Die Verbindung beider Disziplinen wird auch in den praxisorientierten Lehrangeboten der Dozenten künftig einen größeren Raum einnehmen.

Reagiert die Buchwissenschaft mit dieser Kooperation auch auf die veränderten Ausbildungsprofile und Berufsbilder?

Haug: Der klassische Verlagskaufmann ist neuerdings vom Medienkaufmann abgelöst worden. Und im elektronischen Publizieren gibt es inzwischen eine Reihe von Berufsbildern, die auch von der Buchwissenschaft entdeckt werden müssen.

Steigen die Studentenzahlen in der Buchwissenschaft?

Haug: Die Zahlen - derzeit sind 120 Studenten eingeschrieben - steigen leicht an, werden aber deutlich zunehmen, wenn die neuen Bachelor- und Master-Studiengänge eingeführt sein werden.

Sind die buchwissenschaftlichen Studiengänge für die Einführung der neuen Studiengänge gerüstet?

Haug: Die rund 50 Dozenten aus der Berufspraxis können 80 Prozent der Veranstaltungen abdecken. Für den wissenschaftlichen Part stehen die festangestellten Lehrkräfte und Professoren. Gemeinsam werden wir das Pensum bewältigen, das durch die neuen Studienangebote auf uns zukommt. Problematisch sind eher die formalen Vorgaben bei der Strukturreform. So gibt es etwa eine Regelung, die nicht mehr als 20 Lehrbeauftragte pro Studienfach erlaubt - was unserem praxisorientierten, berufsvorbereitenden Ansatz natürlich entgegensteht.

Die Ludwig-Maximilians-Universität ist eine von drei deutschen Hochschulen, die den Exzellenz-Status erworben haben. Kommen die damit verbundenen Gelder auch den Buchwissenschaften zugute?

Haug: In der ersten Antragsphase kommen zunächst die Naturwissenschaften in den Genuss zusätzlicher Mittel. In der zweiten Antragsrunde würde ich mich sehr dafür einsetzen, dass auch die Geisteswissenschaften - und speziell die Buchwissenschaften - an dem Geldsegen teilhaben können. Doch selbst wenn das gelingt, könnten diese Sondermittel nicht den Raubbau der vergangenen 20 Jahre wettmachen. Dazu sind zu viele Stellen gestrichen worden. Und die Begehrlichkeiten werden immer wieder dann geweckt, wenn ein Lehrstuhl vakant ist.

Wie steht München im Vergleich zu den anderen buchwissenschaftlichen Instituten und Lehrgängen da?

Haug: Das von Georg Jäger und seiner langjährigen Mitarbeiterin Kirsten Steffen aufgebaute Praxiskonzept sorgt auch künftig dafür, dass uns die Verlage die Stange halten. Durch die Einbindung in den Beirat wollen wir die Bindung an die Verlage weiter stärken. In Mainz und Erlangen ist die Forschung stark vertreten, Praxisangebote spielen aber ebenso eine zentrale Rolle. In Mainz gibt es etwa eine Lehrdruckerei, es gibt Angebote zum Thema Design, und in den Lehrplänen spielen auch die elektronischen Medien eine wichtige Rolle. In Erlangen sorgen Christoph Bläsi und Ursula Rautenberg dafür, dass neben der Forschung praktische und aktuelle Fragen nicht zu kurz kommen. Etwas anders sieht die Lage in Leipzig aus. Die HTWK hat den Schwerpunkt bei Forschung und Lehre mehr und mehr in Richtung Medienwissenschaften und Kommunikation verschoben. Mit der Berufung von Siegfried Lokatis gibt es aber nun einen Lehrstuhlinhaber, der die Buchwissenschaft wieder stärken wird.

Bleibt Ihr Vorgänger Georg Jäger auch in Zukunft ein wichtiger Ansprechpartner für Sie? Oder spielt er sogar die Rolle eines Mentors?

Haug: Mentor ist Georg Jäger für mich seit meiner Promotionsphase. Und er hat sich mit seiner Emeritierung nicht aus der Buchwissenschaft verabschiedet, sondern steht für Gespräche und konkrete Fragen zur Verfügung - ebenso wie Kirsten Steffen, die die Studiengänge unter seiner Ägide koordiniert hat und zum lebenden »Who is who« der Buchbranche geworden ist. Georg Jäger und ich arbeiten kollegial miteinander - von Konkurrenz, wie es sie manchmal zwischen Nachfolger und Vorgänger gibt, keine Spur.

Welchen Forschungsschwerpunkten wollen Sie sich künftig widmen?

Haug: Ein wichtiges Thema sind Nebenmärkte und kulturwissenschaftliche Aspekte des Buchs. Im Frühjahr erscheint meine Habilitation zum Thema Verkehrsbuchhandel - präsentiert wird das Buch im Leipziger Hauptbahnhof.

Interview: Michael Roesler-Graichen