31.05.2007Meinung
Die wahre Bedrohung
Jetzt also auch Libri. Warum schreit eigentlich niemand? Es wurde in unserer Branche doch immer lamentiert, wenn Bücher Konkurrenz bekamen: Zeitschriften, Radio, Kino, Fernsehen, Internet drohten die Zeit fürs Bücherlesen zu stehlen. Es wird heftig diskutiert, was Google online, was Blogs und E-Books anrichten werden. Dabei gibt es eine Bedrohung, die offensichtlich unabwendbar ist: Nun konkurriert das Buch mit dem Buch.Der nostalgische Stöber-Buchhandel im Antiquariat findet längst via ZVAB statt. Jetzt wird, von immer mehr privaten wie professionellen Anbietern und nun auch von Libri, der Handel mit gebrauchten Büchern zur Selbstverständlichkeit gemacht.
In den USA kaufen Schüler und Studenten mehr als die Hälfte ihrer Bücher längst billiger im Netz. Und es ist abzusehen, dass sich dies weltweit zunächst auf jegliche Gebrauchsbücher ausdehnt und zunehmend, wie Rainer Moritz an dieser Stelle vor Kurzem noch staunte, auf Novitäten erstreckt.
Ich habe zwei Dutzend lieferbare Bücher eingegeben, einige nagelneue Novitäten (Brunettis 15. Fall, Prestons »Canyon« ...) – buchstäblich alle (!) gab es billiger gebraucht, oft »wie neu« (Mälzers »Born to Cook« x-mal für 1,40 Euro).
Und ich selbst? Ausgenommen manchmal Novitäten, die ich jungfräulich besitzen will, spare ich allmonatlich beim Einkauf im Netz eine Menge Geld.
Wenn ein Buch nun nicht mehr einmal, sondern fünfmal gekauft wird – wo soll die zusätzliche Lesezeit herkommen? Dabei hat das Niederdrücken der Preise – wie auch in anderen Wirtschaftszweigen – gerade erst begonnen.
Die Rechenaufgabe ist simpel: Wenn man die steigende Kurve der Stückzahlen im wild wachsenden Gebrauchthandel imaginiert – tritt simultan die sinkende Kurve der Auflagen von Novitäten vor Augen.
Für die Verlage wird also der Verdrängungswettbewerb um auflagenträchtige Novitäten weiter wachsen. Für Autoren wird es immer schwieriger, bei sinkenden Startauflagen ins Programm zu kommen – zunehmend auch mit anspruchsvollen Inhalten, für die Verlage keinen Markt mehr sehen, auch weil sie beim Buchhandel nicht mehr eingekauft werden. Man komme mal einem Zentraleinkäufer ehrlich mit dem Lob »literarisch anspruchsvoll« und »nur kleine Startauflage«.
Andersons »The Long Tail«, im März erschienen, habe ich grade mehr als 20 Prozent billiger gekauft. Pardon, Mister Anderson, Hanser Verlag und Buchhändler, daran habt ihr nix verdient. Darin erklärt uns der »Wired«-Chefredakteur, wie zwangsläufig neue Produkte zu- und ihre Stückzahlen abnehmen.
Wohin das führt, wenn man es weiterdenkt? Dann werden Startauflagen und Lagerhaltung ganz abgeschafft, und auch das nur einmal on demand gedruckte Exemplar wird gebraucht weiterverkauft.
Dann müssen Autoren und Verlage ihr Geld online verdienen. Dafür braucht man allerdings keinen Buchhändler mehr, der wird umgeschult auf Content-Broker. Habent sua fata libelli. Nur habe ich, obwohl weder Kulturpessimist noch Branchenhypochonder, zum ersten Mal Sorge um das Schicksal des Buchs.


