19.04.2007
Ende der Warteschleife
Die Regel besagt, dass die Konjunktur in Zyklen abläuft, wenn auch nicht im Gleichschritt, sondern in einem Gänsemarsch der einzelnen Bereiche. Allen voran geht der Maschinenbau, der bereits ein noch bevorstehendes Investitionsverhalten in seinen Büchern spürt, und am Schluss trottet der Konsum allen anderen hinterher. Die Grafik auf dieser Seite zeigt Wirtschaftswachstum und Konsumentwicklung der privaten Haushalte in den vergangenen Jahrzehnten. Die Kurven bieten für die Frage nach der näheren Zukunft des Konsums gleich mehrere Antworten.
Erstens, dass im Lauf der Jahrzehnte die Konjunkturzyklen schwächer geworden sind. Von Wachstumsraten, wie es sie Anfang der 70er Jahre gab, kann man heute nur träumen. Nicht einmal in der Wiedervereinigungsphase um 1990 wurde ein solches Wachstum erreicht.
Zweitens, dass tatsächlich die Entwicklung des privaten Konsums der des Bruttoinlandsprodukts hinterherläuft. Keine Regel ohne Ausnahme, aber meist war es so. Drittens: Die Phasenverschiebung zwischen Konjunktur- und Konsumaufschwung ist normalerweise kurz – nur in Ausnahmefällen beträgt sie mehr als ein Jahr. Der aktuelle Aufschwung der produzierenden Wirtschaft ist am Aufwärtshaken im Diagramm klar zu erkennen. Noch deutlicher wird es, wenn man in der Grafik auf der nächsten Seite oben die vergangenen Jahre betrachtet. Kein Zweifel: Der Konjunkturaufschwung ist da.
Mehr Kulturkonsum
Nicht nur beim Wirtschaftswachstum, sondern auch beim Privatkonsum zeigt die Kurve nach oben. Wo also bleibt der Geldsegen in den Kassen des Buchhandels? Es gibt Anzeichen dafür, dass er unmittelbar bevorsteht. Das Tal der Jahre 2002 bis 2004 hat der Buchhandel umsatzmäßig überwunden, wenn auch die Entwicklung bis einschließlich 2006 wenig überzeugend war. Doch für das erste Quartal 2007 melden die Erhebungen, die sich mit der Entwicklung der Buchhandelsumsätze befassen, eindeutig ein Plus gegenüber dem Vorjahr – und das könnte der Ansatz für eine Umsatzentwicklung sein, die sich im Auftrieb des generellen Aufschwungs stabilisiert.
Dennoch sollten Buchhandlungen und Verlage keine übertriebenen Erwartungen an die Kraft dieser Aufwärtsbewegung knüpfen. Das hat mit den generell schwächeren Konjunkturzyklen ebenso zu tun wie mit einem veränderten Konsumverhalten der Deutschen. Dies zeigt sich beim langfristigen Vergleich der gesamten Konsumausgaben mit denen des Konsumbereichs Freizeit, Unterhaltung, Kultur. Letzterer erfreute sich zeitweise großer Beliebtheit, etwa im Umfeld der deutschen Wiedervereinigung. 1990 wuchs der Konsum privater Haushalte insgesamt um 7,3 Prozent, der im Freizeit- und Kulturbereich jedoch um 12,3 Prozent.
Begrenzte Aussichten
Nur leider sind auch diese Zeiten vorbei. Seit 2001 hat der Konsumbereich Freizeit, Unterhaltung, Kultur eher unterdurchschnittliche Entwicklungsraten gehabt, war 2002 und 2003 sogar rückläufig. Im Buchbereich wirkte hier zuletzt noch der Preisverfall trendverstärkend.
Zudem ist es ein unübersehbarer Trend, dass die Deutschen ihr verfügbares Geld immer weniger im Einzelhandel ausgeben, dafür umso mehr anderswo. Kulturbeflissene machen wieder mehr Reisen und gehen öfter essen, der (g) astronomischen Preisentwicklung zum Trotz. Dass für den Einzelhandel vom verfügbaren Konsum-Etat schon seit Langem immer weniger übrig bleibt, zeigt die Grafik rechts unten: Seit Anfang der 90er Jahre ist der Einzelhandelsanteil von über 42 auf unter 30 Prozent abgestürzt.
Das war nicht immer so: Noch in den 80er Jahren ging es mit dem Anteil des Einzelhandels am privaten Konsum aufwärts; die Wiedervereinigung setzte dem noch ein finales Krönchen auf. Seit 1991 geht es stetig bergab, wobei zwar eine Verlangsamung des Trends erkennbar ist, aber eben auch noch keine Umkehr.
Fazit: Der Buchhandel steht an der Schwelle eines zyklischen Umsatzaufschwungs. Über dessen Ausmaß sollte er sich aber keine Illusionen machen.
Boris Langendorf
[...] Tags: Konjunktur, Langendorfs Dienst

