HINTERGRUND LANGENDORFS DIENST

24.05.2007

Lieber als Letzter jubeln

Unternehmen und Konsumenten erreichen ein unerwartetes Stimmungsniveau. Der Buchhandel hält sich derzeit noch zurück.

Die Trauerklöße vom vorigen Jahr sind nicht wiederzuerkennen. Ausgerechnet jetzt, im Zeichen der höheren Mehrwertsteuer, schicken die Verbraucher ihre Konsumklima-Indizes in unerwartete Höhen. Am hellsten leuchtet derzeit der Konsumenten-Stern beim Icon-Institut. Dessen Konsumbarometer stieg von 104 auf 107 Punkte. Das hört sich harmlos an, ist aber der höchste von Icon je gemessene Wert. Und die­se Erhebung gibt es schon seit 20 Jahren.

Auch die Details jener Momentaufnahme haben es in sich. Die Konsumenten vertrauen immer stärker darauf, dass es mit der Wirtschaft weiter aufwärtsgeht (110 Punkte). Allen Belas-tungen zum Trotz steigt sogar die Erwartung an die Entwicklung der eigenen Einkommen: Hier halten sich die positiven und negativen Einschätzungen jetzt die Waage, nachdem die Pessimisten lange Zeit überwogen hatten.
Auch die Angst um den Arbeitsplatz ist verflogen: Das Barometer zeigt, dass sich eine große Mehrheit der Verbraucher keine entsprechenden Sorgen mehr macht – ein Schlüsselwert für die Konsumbereitschaft.

Ähnlich sieht es beim GfK-Konsumklima aus, das sich zuletzt in jeder Hinsicht verbessert hat. Die Konjunkturerwartung stieg auf den höchsten Wert seit Beginn der Erhebung (1980), die Einkommenserwartung wärmt sich am Arbeitsmarkt. Die Bereitschaft, Neues anzuschaffen, ist noch schwach ausgeprägt, aber auf Erholungskurs. Insgesamt vermitteln die Konsumklima-Indizes das Bild von Verbrauchern, die größere Inves-titionen noch zurückstellen und vorsichtshalber Rücklagen bilden – die sich dazu aber in der Lage fühlen, ohne Konsumfreuden allzu sehr entsagen zu müssen.

Optimistische Manager

Auch die Wirtschaft frohlockt – und anders als die Konsumenten können die Unternehmen ihre Befindlichkeit schon länger auf gute fundamentale Entwicklungen stützen. So hat der Ifo-Geschäftsklima-Index im April auf hohem Niveau nochmals zugelegt. Sowohl Lageeinschätzung als auch Erwartungen haben sich gebessert. Letztere hinken zwar noch etwas hinterher, liegen aber schon deutlich über 100 – dem Durchschnittswert des Boomjahres 2000. Der damals große Optimismus wird also jetzt noch übertroffen.

Erholt zeigen sich die Konjunkturerwartungen, die das Institut ZEW monatlich bei Finanzexperten ermittelt. Diese hatten vor einem Jahr den Index tief in den Pessimismus-Keller geschickt, aus dem sie ihn seit dem vergangenen September Schritt für Schritt wieder heraufholen.

Schließlich der Einzelhandel: Profitiert er vom Aufschwung des Konsumklimas? Ja und nein. Ja, weil sich der von der BBE-Unternehmensberatung ermittelte Index Einzelhandelsklima nach langem Zögern doch aufgeschwungen hat und mit 116,7 Punkten plötzlich weit im optimistischen Bereich liegt.

Nein, weil ausgerechnet die Branchengruppe »Freizeit, Bildung, Unterhaltung«, der der Buchhandel zuzurechnen ist, seit Langem den Ausreißer nach unten markiert und jetzt die letzte Kategorie bildet, mit einem Stimmungsindex noch unter 100.

Angenehm stabil

Ganz so schlimm steht es um die Stimmung im Sortimentsbuchhandel gottlob nicht. Dessen Geschäftsklima-Index, das LD-Barometer, hatte im April schon die neutrale 100 erreicht, ist aber im Mai leicht auf 98 zurückgefallen (Grafik rechts unten). Dies vermutlich nicht ohne den Einfluss der verhaltenen Umsatzentwicklung sowie der Preisbindungssorgen in der Schweiz. Immerhin ist die Stimmung besser als vor einem Jahr. Damals hatten sich gerade die hohen Erwartungen der ersten Monate 2006 als Illusion entpuppt und waren einem Katzenjammer gewichen, der sich im Barometerstand 92 ausdrückte. Daran gemessen ist die Stimmung im Buchhandel derzeit angenehm stabil; die fehlenden Ausschläge nach oben müssen kein Nachteil sein. Und wenn sich auch nur ein Teil der Erwartungen von Wirtschaft und Konsumenten erfüllt, dürfte der Buchhandel schon bald einen Umsatztrend erkennen, der das Geschäftsklima deutlich aufhellen könnte.

Boris Langendorf