Medien
14.06.2007Buchhändlertage
"Die neue E-Book-Generation ist reif für den Markt"
BOERSENBLATT.NET: Die Jahrestagung des Arbeitskreises Elektronisches Publizieren steht in diesem Jahr unter dem Motto "AKEP 3.0". Bevor wir zu Web 3.0 übergehen - ist denn Web 2.0 bereits in den Verlagen angekommen, gehört es schon zum Standard?De Kemp: Nein, ganz im Gegenteil. Web 2.0 ist zwar in aller Munde, aber wird noch viel zu wenig genutzt. Dabei ist es eine große Chance für Endnutzer, Blogs einzurichten, mit anderen zu kommunizieren und sich selbst darzustellen. Die wirklich professionelle Anwendung wird erst das Web 3.0 sein - mit sicheren Inhalten und ohne Spam.
BOERSENBLATT.NET: Ist Web 2.0 vielleicht auch eine Modeerscheinung?
De Kemp: Nein, das ist ganz klar eine Weiterentwicklung des Internets, weil es interaktive Möglichkeiten und neue Kommunikationsformen eröffnet, Second Life zum Beispiel.
BOERSENBLATT.NET: Inzwischen sind sogar Buchhandels-Azubis in Second Life für den Börsenverein präsent ...
De Kemp: Ja, das habe ich gehört. Teilweise sind Mitarbeiter des Börsenvereins sogar schon als Avatar in Second Life unterwegs.
BOERSENBLATT.NET: Ein anderes großes Thema ist wieder das E-Book, dieses Mal unter dem Vorzeichen E-Paper. Ist damit zu rechnen, das in den kommenden Monaten und Jahren eine große Welle an Hardware, an neuartigen Lesegeräten mit Foliendisplays in den Handel kommt?
De Kemp: Ich kann nur wiederholen, was ich vor zehn oder vor fünf Jahren gesagt habe: Ja, damit ist zu rechnen. Denn inzwischen sind die neuen technologischen Möglichkeiten zur Marktreife gelangt. Die Geräte der neuen Generation sind besser, schneller und sparsamer im Energieverbrauch als ihre Vorgänger. Alles, was wir jetzt erwarten können (beispielsweise von Sony oder Philips), ist spektakulär und wesentlich benutzerfreundlicher. Die Vorstellung, dass man künftig elektronisches Papier mit beliebigen Inhalten füllen und wie eine Zeitung aufrollen kann, ist schon faszinierend.
BOERSENBLATT.NET: Werden die neuen Lesegeräte auch die Konvergenz der Medien beschleunigen? Werden sie Plattformen für multimedialen Content - Text, Bild, Ton und Film?
De Kemp: Wir bekommen den aufrollbaren Bildschirm mit Computer-Power - für alle Medien.
BOERSENBLATT.NET: Ein wichtiges Thema sind auch Spielekonsolen, die bei weitem nicht nur für Ego-Shooter genutzt werden, sondern inzwischen auch im Edutainment eine wachsende Rolle spielen. Nur ein Prozent der Konsolen-Software wird im Sortiment verkauft. Hat der Buchhandel hier eine Entwicklung verschlafen und möglicherweise eine große Zielgruppe verfehlt?
De Kemp: Mit großer Sicherheit. Ich bin darüber erschrocken, wie weit die Marktentwicklung bei Games schon vorangeschritten ist, weil ich glaube, dass dies kaum noch aufzuholen ist. Vielleicht können einige große Filialisten an diesem Geschäft partizipieren - etwa, indem sie Mediamärkte übernehmen und in ihr Buchhandelsangebot integrieren. Für das traditionelle Buchhandelsgeschäft bedeutete dies aber auch den Einstieg in eine andere Welt, in der die Konditionen von den großen Konsolen-Herstellern diktiert würden.
BOERSENBLATT.NET: Ein weiterer Aspekt der Jahrestagung sind Suchmaschinen. Wenn man weiß, welches Potenzial in intelligenten Suchmaschinentechnologien steckt, fragt man sich: Warum ist davon bisher so wenig umgesetzt worden?
De Kemp: Wikipedia und Google verbessern ständig ihre Suchalgorithmen, und die Nutzer werden intelligenter und erfahrener. Es ist damit zu rechnen, dass neue und bessere Suchmaschinen kommen, auch für die Fachinformation. Von modernen Suchtechnologien - etwa der fehlerresistenten approximativen Recherche - könnten auch Branchenplattformen wie VTO und VLB profitieren.
Interview: Michael Roesler-Graichen


