libreka!-Blog

17.08.2007

Wie viel Kopierschutz brauchen eBooks?

Letzte Woche hat Universal Music angekündigt, bei verschiedenen Services kopierschutzfreie Internet-Downloads anzubieten. Damit folgt Universal dem Beispiel von EMI, die bereits vor einem halben Jahr den Verzicht auf Digital Rights Management (DRM) angekündigt haben. Der Trend der Musikbranche hin zu generell kopierschutzfreien Downloads setzt sich also fort.

Brauchen wir also überhaupt noch Kopierschutz für eBooks oder ist DRM schon Geschichte, bevor eBooks richtig populär werden? Eine einfache Antwort auf diese Frage gibt es leider nicht.

Kopierschutzgegner führen gewichtige Argumente zu Felde: Es lässt sich argumentieren, dass der Kopierschutz von Musik-Downloads Piraterie eher gefördert als verhindert hat. Die Einschränkung der Übertragung von Musikdateien auf andere Geräte und die Begrenzung der Kopiervorgänge stellen eine erhebliche Einschränkung der Nutzungsmöglichkeiten gegenüber der konventionellen Musik-CD dar. Dabei machen Kopien legal erworbener Musikdateien nur einen kleinen Teil des Missbrauchs aus; der überwiegende Teil illegaler Musikkopien stammt von digitalisierten CDs. Warum sollte dies für Bücher anders sein? Zumal Erhebungen zu belegen scheinen, dass es nur geringe Schnittmengen zwischen Nutzern von legalen und illegalen Downloadangeboten gibt, wie der Blog DRM-Watch zu berichten weiß: http://www.drmwatch.com/ocr/article.php/3693316. Letztlich gibt es sogar Befürworter der Theorie, dass die kosten- und DRM-freie Verteilung von Inhalten über die damit einhergehende hohe Verbreitung positive Effekte auf die Verkaufszahlen haben kann.

Die DRM-Befürworter argumentieren, dass Bücher nur sehr bedingt mit Musik vergleichbar sind. Zunächst sind Buchinhalte häufig langlebiger als Musik. Sie sind somit nicht nur länger kommerziell nutzbar, sondern auch eingeschränkter in ihrer Nutzbarkeit: Musik-Labels beispielsweise verlegen sich mehr und mehr darauf, den Musiker in verschiedensten Facetten zu vermarkten – von Merchandising bis hin zu Live-Konzerten. Übertragen auf das Buch: die Open-Air-Tournee von Daniel Kehlmann, die die Fußballarenen der größeren Städte füllt und die Kassen des Verlages mit ‚Vermessung-der-Welt-Fan-Shirts’? Netter Gedanke, aber realistisch? Kurzum: Bücher sind praktische die einzige Vermarktungsform und oft über Jahre hinweg im Handel – damit ist große Vorsicht angesagt bei der DRM-freien Verbreitung von Inhalten, denn das wirtschaftliche Risiko ist enorm.

Der Verkauf von digitalem Content ist Kernbestandteil des VTO-Konzepts. Wie reagiert nun VTO auf diese drängenden Fragen? Die Verwendung von DRM-Mechanismen ist eine der kritischsten unternehmerischen Herausforderungen beim Verkauf digitalen Contents. Darauf kann es keine einheitliche Antwort oder gar ein Diktat geben. Die Inhalte in VTO sind hierfür schon viel zu heterogen. Ein Verleger von Belletristik wird die Frage wahrscheinlich auch sehr viel anders beantworten als ein hochspezialisierter wissenschaftlicher Verleger. Daher bietet VTO vor allem eines: die Möglichkeit zu experimentieren und die die Nutzerakzeptanz zu testen. Niemand kann mit Sicherheit voraussagen, ob und in welchem Unfang Leser den Kopierschutz bei eBooks akzeptieren werden. Daher bietet VTO schon heute die Möglichkeit, den Zugriff auf Inhalte titelindividuell zu regeln – von der Sperrung aller Inhalte bis zur kompletten Freigaben. Diese Politik wird sich auch beim Verkauf von eBooks fortsetzen. Der Verlag wird entscheiden können, ob er das Drucken und Kopieren von Inhalten zulassen oder ausschließen will, ebenso wie die Einstellungen zum Kopieren und zur Weitergabe.

Damit haben die Verlage, die sich an VTO beteiligen, die Möglichkeit sehr schnell und ohne Risiko mit DRM zu experimentieren. Und wichtiger noch: sie können den sich entwickelnden Markt mitgestalten.

Ich freue mich auf eine rege Diskussion
Ihr Ronald Schild

Den Blog können Sie hier http://www.boersenblatt.net/rss_vto/ als RSS-Feed abonnieren!

7 Kommentar/e

1. Mathias Schindler 17.08.2007 19:45h <a href="http://isbn.mathias-schindler.de"& gt;www.mathias-schindler.de</a>

Hallo Herr Schild,

Sie schreiben: "Der Verlag wird entscheiden können, ob er das Drucken und Kopieren von Inhalten zulassen oder ausschließen will, ebenso wie die Einstellungen zum Kopieren und zur Weitergabe."

Nein, der Verlag wird dies nicht entscheiden können, genausowenige, wie er dies derzeit einstellen kann. Die entsprechenden Formulierungen in http://volltextsuche-online.de/index.php?article_i d=45 sind falsch, zumindest aber grob irreführend:

Ein Verlag muss davon ausgehen, daß spätestens ab der <b>Anzeige</b> der Seiten im Browser des Nutzers auch das Kopieren, Drucken, Weitergeben und Aufdenkopfstellen der Inhalte technisch machbar ist (und in den meisten Situationen auch rechtlich gedeckt ist).

Die Informationen auf der VTO-Seite werden durch ständige Wiederholung nicht richtiger.

2. Dr. Klaus Graf 17.08.2007 20:52h http://archiv.twoday.net

Aus Anlass von VTO habe ich unter
http://archiv.twoday.net/stories/3326893/
zusammengestellt, welche empirischen Untersuchungen/Befunde es für die Behauptung gibt, dass der kostenfreie vollständige Online-Zugang den Verkauf ankurbelt statt mindert. Es gibt eine Fülle von insbesondere us-amerikanischen Belegen, dass online kostenfrei zugängliche Monographien besser verkauft werden. Es gibt auch deutsche Verlage, die die ideologische Position, alles müsse DRM-gesichert oder nur in kleinen Teilen zugänglich sein, nicht teilen. Wenn es empirische Befunde über Minderabsätze gäbe - wäre nicht zu erwarten, dass der Börsenverein endlich einmal mit harten Fakten dazu herausrücken würde? Harte Fakten gibt es nur für das Gegenteil: dass der Werbeeffekt mögliche Absatzeinbußen überwiegt. Google hat ebenfalls Erfahrung mit Verlagsprodukten, die online ganz (wenngleich ohne PDF-Download) zugänglich sind, z.B. Diane Publishing. Würden diese Verlage ihre Produktion kostenfrei zugänglich machen, wenn die Börsenvereins-Ideologie, die- ich wiederhole mich - VÖLLIG UNBELEGT ist, zuträfe.

M. Schindler hat natürlich absolut recht: Googles und Amazons DRM ist nichts, was man als wirksame Schutzmaßnahme im Sinne des UrhG bezeichnen könnte. Was mit ein bißchen Gefummel im Browser umgehbar ist, ist keine wirksame Hürde.

3. Matthias Ulmer 20.08.2007 10:19h

Mein Kommentar zu Herrn Graf: Ich finde immer wieder erstaunlich, dass Außenstehende den Verlegern und Autoren vorschreiben wollen, was sie zu tun haben und dabei natürlich auch noch vollkommen zweifelsfrei wissen, dass es das beste für sie wäre.
Ernsthafte Daten dazu kann überhaupt nur der betroffene Verlag haben. Und der wird, wenn es sich auszahlt, die Inhalte freigeben. Wenn nicht, dann eben nicht.
Die Diskussion ist doch entlarvend. Wer keine Rechte an den Inhalten hat, der fordert die Freigabe. Und findet hundert Argumente, warum die Welt dadurch besser wird. Warten wir doch ab, wie die Autoren und ihre Verleger entscheiden. Die wissen schon, warum sie was tun.
Und bringen Sie bitte keine Dissertations-Verlage als Beispiel für erfolgreiches OA-Publizieren. Das hat doch mit Verlagswesen wenig zu tun. Ist doch klar, dass die Publikationspflicht billiger und schneller elektronisch erledigt werden kann. Aber das gilt maximal für 0,01% des Buchmarktes.
Sollte Ihre Behauptung stimmen, dann muss ja Open Access ein wahnsinns Erfolg werden. Und während wir verpennten Verleger uns um Papier und DRM sorgen, werden die neugegründeten OA-Verlage, voran der Klaus Graf-Verlag wie Raketen an uns vorbeiziehen, kraftvoll in die elektronische Zukunft!

4. Mathias Schindler 20.08.2007 12:15h <a href="http://isbn.mathias-schindler.de"& gt;www.mathias-schindler.de</a>

Matthias, ich finde es schade, daß Dein Beitrag hier so schnell in die Polemik abgerutscht ist. Ich weiss nicht, wer von uns vieren hier "mehr" Rechte besitzt oder Urheber größerer Textmengen ist. Alleine dieses "Wer keine Rechte an den Inhalten hat, der fordert die Freigabe" ist weder haltbar noch einer Diskussion in irgendeiner Weise förderlich. Ich komme mir da ein wenig vor wie in antiken Kommunistenbashing-Versuchen aus dem Sozialkundeunterricht und das war schon damals keine Freude.

5. Matthias Ulmer 20.08.2007 13:46h

Klar habe ich das als Polemik formuliert. Es war ja meine Antwort auf die Aussage, dass "die Börsenvereins-Ideologie, die- ich wiederhole mich - VÖLLIG UNBELEGT ist". Da bin ich doch auf einer Stilebene geblieben, mein ich.
Eigentlich ist das ganze Thema komplett konfliktfrei. Wer Open-Acess publizieren will, der darf das. Wer nicht, der soll auch nicht müssen. So müsste das in einer freien Gesellschaft sein.
Der Konflikt entsteht ja nur daraus, dass von den Verlegern und Autoren etwas gefordert wird, was sie nicht wollen. Es wird gefordert, dass unsere Entscheidungsfreiheit eingeschränkt wird.
Ich habe doch keine Ahnung, wie viele Rechte Herr Graf hat. Ist auch nicht mein Thema. Er sollte über seine Rechte verfügen, ich über meine. Mir würde doch nicht einfallen, ihn davon zu überzeugen, dass er seine Texte nicht OA publizieren soll. Tatsache ist, dass er aber die Verleger überzeugen will. Meine Aussage ist dann doch haltbar: Wer keine Rechte hat, fordert die Freigabe. Denn wer sie hat, der muss ja nicht fordern.
Natürlich ist es auch Unsinn, dass vom Börsenverein gefordert wird, endlich mal harte Fakten rauszurücken. Der Börsenverein hat doch gar keine Absatzzahlen. Er müsste erst mal eine Marktstudie machen, die es aber nicht gibt. Man sollte sich also lieber an die Verlage selbst wenden. Sehr schön war das bei SITB von Amazon erkennbar: teilnehmende Verlage hätten ein Umsatzwachstum von 8% wurde behauptet. Wenn man übliche Lebenszykluskurven von Büchern, das kaum berechenbare Erfolgspotential einzelner Titel und die Wachstumsraten von Amazon statistisch überlagert, dann ist es tollkühn aus solchen Zahlen den Einfluss von SITB klar herauslesen zu wollen. Ebenso unsinnig ist es, den Absatz einer Dissertation mit einer anderen zu vergleichen.
Ich kenne Beispiele von Lehrbüchern, die tot waren, nachdem sie online verfügbar gemacht wurden. Und logischerweise gibt es genau so Beispiele, bei denen das Gegenteil eintritt, die vorher tot sind und erst durch das Marketing über eine Verfügbarkeit als Download das Printproddukt bekannt gemacht wurde. Weder aus dem einen noch aus dem anderen kann man ein allgemeines Gesetz machen. Man muss im Einzelfall entscheiden. Und ich würde gerne selbst darüber entscheiden und das nicht vorgeschrieben bekommen.
Die Assoziation mit dem Kommunistenbashing liegt natürlich auch nahe. Wenn ich die Einträge im Blog von Prof Lessig lese, dann komme ich mir vor wie bei einem Sit in, bei dem aus der freien Information die freie Gesellschaft und das glückseelige Leben gepredigt wird. Die Abschaffung des Eigentums wird ja nicht zum ersten Mal gepredigt. Das Internet hat die Bewegung, die sich auf der materiellen Ebene abgearbeitet hat nur in der virtuellen reanimiert. Ein Bashing soll das trotzdem nicht sein. Argumente ziehe ich auch vor.

6. Mathias Schindler 20.08.2007 18:32h <a href="http://isbn.mathias-schindler.de"& gt;www.mathias-schindler.de</a>

Ich merke schon, wir greifen eigentlich einem Blogeintrag vor, den Ronald Schild Ende September schreiben wird, wenn er von der <a href="http://www.dini.de/veranstaltungen/work shops/september-2007/programm/">DINI</a > zurück ist und es irgendwie fertiggebracht haben wird, die Themen OA und VTO in einem Satz zu nennen.

Ob bis dahin immer noch offen sein wird, was denn nun DRM und VTO miteinander zu tun haben?

7. Jürgen Harth 24.08.2007 00:00h www.hanser.de

Liebe Kollegen,

ich denke, in dem Beitrag von Herrn Schild kommt m.E. recht gut heraus, dass es hier auch um (den Test bzgl.) Kundenbedürfnissen geht. Diese kommen nach meinem Empfinden in der ganzen Diskussion zu kurz.

Weder Verlage noch Autoren können ohne Leser/Käufer leben. Zusätzlich ist in ganz vielen Bereichen der Buchhandel unser wichtigster Partner auf dem Weg zum Kunden.

Egal, ob der Inhalt frei ist (ggf. in einer Plattform, die so attraktiv ist, damit sie Werbeerlöse oder zumindestens Marketingeffekte erzielt), vom Autor vorfinanziert ist (viele OA Modelle) oder gekauft werden kann:

Wir sollten die Chancen sehen, dass unsere Kunden neue Zugangswege zu unseren Produkten bekommen!

Ob unsere Kunden unsere Produkte
- im Internet finden und dann beim Buchhändler (egal ob online oder offline) als physisches Produkt bestellen/kaufen (und wer weiß, ob nicht mittlerweile öfters schon PoD dahinter steht),
- sich vielleicht in naher Zukunft ein E-Book-Ticket beim Händler mitnehmen,
- das Buch sofort 365/7/24 online bei diversen E-Books-Händlern beziehen
- oder auch nur ggf. einen Teil daraus
sollte uns alle freuen.

Die Herausforderung liegt in meinen Augen für uns alle darin, diese neuen Kanäle wirtschaftlich und unter Berücksichtigung der Kundenbedürfnisse zu bedienen.

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