18.09.2007
AntiquariatAusbildung im Antiquariatsbuchhandel?
Folgende Fragen hatten wir gestellt: Welche Zukunft hat die klassische (duale) Berufsausbildung im Antiquariatsbuchhandel? Warum wird im Antiquariatsbuchhandel gegenwärtig so wenig ausgebildet? Wären Sie unter Umständen bereit, in Ihrem Betrieb auszubilden? Welche Voraussetzungen müssten dafür aus Ihrer Sicht erfüllt sein?
Hier die Antworten:
Ernst Joachim Bauer (Aegis Buch- und Kunstantiquariat, Ulm)
Meiner Ansicht nach hat die Ausbildung im Antiquariat keine Zukunft. Allenfalls in wenigen, ganz herausragenden Betrieben. Die meisten Firmen sind Einzelkämpfer und können es sich deshalb nicht leisten. Und für die wenigen größeren Betriebe lohnt es sich nicht. Und die Zukunft? Ich habe im Laufe der Jahrzehnte rund 50 Buchhandelslehrlinge ausgebildet; bilde seit 15 Jahren nicht mehr aus, da unrentabel.
Dr. Markus Brandis (Galerie Gerda Bassenge, Kunst- und Buchauktionen, Berlin)
Die „duale“ Ausbildung im Antiquariat hat kaum Zukunft. Buchhandel und Antiquariat sind zwei völlig unterschiedliche Fächer in ihren Anforderungen an das Profil des Lernenden. Für das Erlernen des Berufs Antiquar sollte der Weg des Volontariats in möglichst vielen, auch internationalen Häusern Königsweg bleiben. Das bedingt natürlich die Bereitschaft dieser Häuser zur Ausbildung.
Hauptverantwortlich für die geringe Bereitschaft zur Ausbildung ist die momentane wirtschaftliche Lage der meisten Antiquariate. Die Branche ist selbst in Gefahr, oder – vorsichtiger formuliert – in Orientierungsschwierigkeiten. Viele der Tugenden eines „klassischen“ Antiquars sind heute schwer als „rentabel“ zu bezeichnen, vor allem, wenn es sich um das untere oder mittlere Preissegment handelt. Aus der Sicht des Anwärters auf eine Ausbildung ist die Lage nicht viel einfacher, wer will heute eine Ausbildung machen, die eine recht unklare Perspektive zur Ausübung des Berufes bietet?
Der „Antiquar“ wird nur wirtschaftlich überleben können durch den Handel mit außergewöhnlich seltenen, meist also alten Büchern oder Unikaten wie Handschriften, Autographen etc. Zur Aufarbeitung solcher Objekte mit möglichst wissenschaftlich fundierter Beschreibung, Bibliographierung, Kollation, Papier- und Einbandbestimmung braucht es allerdings ein hohes Fachwissen und damit eine Ausbildung. Diese kann nur in größeren Antiquariaten bzw. in Auktionshäusern geleistet werden. Voraussetzungen: abgeschlossenes Studium (möglichst der Geisteswissenschaften; Bachelor, Master o. ä.); Kenntnis von europäischen Fremdsprachen; Interesse an Büchern, am Bibliographieren und an Teamwork.
Angelika Brendlein (QUODLIBET Antiquariat und Buchhandlung, Heidelberg)
Ich glaube, eine reine Ausbildung zum Antiquar ist heute nicht mehr sinnvoll, da das Antiquariatsgeschäft immer mehr zum Versandhandel wird. Die Mieten sind zu hoch, um die Kosten über den Ladenverkauf zu decken, also arbeitet häufig der Inhaber selbst mit Teilzeitkräften. Ich finde auch, ein Lehrling kommt ganz schön teuer, wenn man die Nebenkosten betrachtet. Außerdem sind die Prüfungsfragen für den angehenden Antiquar ziemlich schwierig, sodass ich z. B. meinem letzten Azubi geraten habe, die Prüfung für den Sortimentsbuchhändler zu machen. Das geht natürlich nur, wenn man auch noch einen Sortimentsbuchhandel zum Antiquariat betreibt. Außerdem denke ich, dass die wenigsten Antiquare die Ausbildereignungsprüfung abgelegt haben. Mein letzter Azubi hat diesen Sommer die Prüfung gemacht, und ich werde auch keinen mehr ausbilden, nur noch mit einer Aushilfe arbeiten und langsam zum Versandhandel übergehen.
Marc-Edouard Enay (Orient-Antiquariat, Schönried/Gstaad)
Berufsausbildung im Antiquariatsbuchhandel hat keine Zukunft, solange es die Bildungspolitik darauf anlegt, die Gesellschaft zu verblöden. Wir haben schon ausgebildet – es ist lange her. Wir würden es wieder tun, unter der Voraussetzung, dass der Betreffende lesen, sprechen und denken könnte und auch wüsste, was ein Buch überhaupt ist.
Dr. Lothar Hennighaus (Antiquariat am Moritzberg, Hildesheim)
Welche Zukunft die Berufsausbildung im Antiquariatsbuchhandel hat, weiß ich nicht. Ich bin Quereinsteiger. Antiquarische Kenntnisse beim Buchhandel oder den Berufsschullehrern habe ich kaum entdecken können: Bei meinen VHS-Kursen „Neue Liebe zu alten Büchern“ sind es gerade diese Berufsgruppen, die teilnehmen. Auf meine Frage, warum gerade sie und Archivare, erhielt ich die Standardantwort: Die antiquarische Ausbildung beschränkt sich auf wenige Stunden und dann auch noch auf die kaufmännischen und rechtlichen Aspekte. Selbst Basiswissen über Drucktechniken, Bibliographien etc. war kaum vorhanden.
Ich zahle mir gegenwärtig einen Stundenlohn von 3,50 Euro aus und würde mich schämen, dieses einem Azubi anzubieten. Schon in Aachen (2 Häuser, 25.000 Titel, 3,5 Angestellte, an der Peripherie von Hochschule und Altstadt) ging die Kundenfrequenz kontinuierlich nach unten. Beschäftigung gab es nur im Versand, in der Buchhaltung und -pflege.
Nach meiner Schätzung haben ca. 80 Prozent aller, die im Netz Bücher anbieten, keine antiquarische Erfahrung/Ausbildung. Warum mühsam etwas lernen, wenn das Geschäft auch so fluppt? Hier, seit anderthalb Jahren in Hildesheim, sind Kunden, die mein Ladengeschäft in personam besuchen, pro Monat an einer Hand abzuzählen. Azubis hätten nichts zu tun (außer zu lernen) und könnten auch nicht bezahlt werden.
Übernähme eine dritte Stelle (Arbeitsamt, Börsenverein o. ä.) den größeren Teil der Entlohnung und wäre eine unbürokratische Abwicklung möglich (ich hasse Verwaltung), könnte ich mir vorstellen auszubilden.
Karl-Heinz Knupfer (Venator & Hanstein, Buch- und Graphikauktionen, Köln)
Unter der klassischen dualen Ausbildung im Antiquariat verstehe ich die Ausbildung zum Sortimentsbuchhändler und Antiquar in einem Ausbildungsgang. Ich muss feststellen, dass diese Ausbildung nur geringste Chancen hat, da es kaum noch diese klassischen Firmen (Buchhandel und
Antiquariat) gibt. Die Antiquariatslandschaft hat sich in den letzten 10 bis 15 Jahren völlig verändert. Es gibt nur noch wenig Ladengeschäfte; üblich ist heutzutage der allein tätige Internetanbieter.
Venator & Hanstein hat vor etwa zwei Jahren bei der IHK Köln einen Ausbildungsplatz gemeldet. Aus der Sicht der IHK können wir eine(n) Einzelhandelskauffrau/-mann ausbilden. Es hat sich bis heute noch niemand gemeldet.
Eberhard Köstler (Eberhard Köstler, Autographen & Bücher, Tutzing)
Die duale Berufsausbildung scheint mir nur sinnvoll, wenn man in einem Betrieb tätig ist, der gleichermaßen Antiquariats- wie auch Sortimentsaufgaben zu erfüllen hat. In reinen Antiquariats- oder Buchauktionsfirmen scheint eher die Ausbildung im Rahmen eines Volontariats sinnvoll, da sich der Unterricht in der Berufsschule naturgemäß in allererster Linie der Sortiments- und der Verlagsarbeit zuwendet.
Wird wirklich so wenig ausgebildet? Von einem Überhang an offenen Stellen, die aus Personalmangel nicht besetzt werden können, ist mir nichts bekannt. Die weitaus meisten Antiquare arbeiten derzeit alleine und holen sich allenfalls Hilfe im administrativen Bereich. Insofern scheinen mir die derzeitigen Ausbildungsmöglichkeiten in Antiquariaten und Auktionshäusern ausreichend, um den Stellenmarkt zu befriedigen. Die Autodidaxe hat im Antiquariat seit jeher einen hohen Stellenwert.
Die Spezialisierung auf Autographen, die ich mir als Geschäftsgebiet gewählt habe, verbietet es wohl, eine Ausbildung anzubieten, da diese viel zu eingeschränkt wäre, um für die vielfältigen Anforderungen des späteren Antiquarsberufes zu rüsten. Man kann breitgefächert beginnen und sich dann spezialisieren; umgekehrt wird aber kein Schuh daraus.
Marc Daniel Kretzer (Antiquariat Kretzer, Kirchhain)
Ausbildung von Lehrlingen kommt für uns mittelfristig schon allein aus räumlichen Gründen nicht in Frage. Dennoch würde mich interessieren, welche Voraussetzungen ein Ausbildungsbetrieb erfüllen muss und wie sich die duale Ausbildung gestaltet. Längerfristig könnte das interessant werden.
Neben der Lehrlingsausbildung fände ich auch weitere Möglichkeiten zur eigenen Fort- und Weiterbildung interessant. Mögliche Themen könnten Buchkunde, Druckgeschichte, Einband- und Illustrationskunde, Bibliographienkunde sowie technische Themen wie z. B. Präsentation der Waren mittels Photos sein. Ebenfalls hielte ich Betriebswirtschaft im Antiquariat für ein wichtiges Thema.
Karel Marel (Antiquariat Karel Marel, Friedberg/Hessen)
Die Frage nach der Zukunft der Berufsausbildung im Antiquariatsbuchhandel müssten die Realschulen und Gymnasien beantworten. Ich hatte in meiner 30jährigen Praxis keine einzige Bewerbung, daraus schließe ich, dass dieser Beruf nie angesprochen wurde. Es kann auch sein, dass eben „das Buchgeschäft“ keinen mehr interessiert. Buch, Kultur sind „überflüssig“!?
Buchhandel ist nicht Antiquariat! Die Ausbildung ist vollkommen anders. Ein Antiquar kann nicht „nachbestellen“, er sucht, recherchiert: er
kauft ein. Er kalkuliert, er hat seine Ein- und Verkaufstrategien, die er oft vom Vater oder Opa vererbt bekommen hat. Es sind „lebensnotwendige“ Geheimnisse. Die bleiben in der Familie. Antiquariat ist ein Beruf, kein Job. So etwas kann man nicht so einfach erlernen. Dazu muss man auch geboren werden.
Auf der anderen Seite gibt es sehr viele junge Menschen, die sich um ein Praktikum bewerben, Studenten, die gerne, mit Spaß, Freude und mit hohem Einsatz sich und ihre Ideen einbringen – nur: wenn es soweit ist, dann „gehen sie ihren Weg weiter“.
Jörg Mewes (Antiquariat Bergische Bücherstube, Overath)
In meiner Firma haben bisher sechs Auszubildende die Prüfung zum Sortimentsbuchhändler mit Schwerpunkt Antiquariat absolviert – wenn es dieses Wortungetüm noch gibt.
Das duale Ausbildungssystem ist gerade für Antiquariate hervorragend geeignet, da der überwiegende Teil des Prüfungsstoffes mit der eigentlichen Tätigkeit nichts zu tun hat (und auch in den meisten Antiquariaten nicht vermittelt werden kann). Aus meiner Tätigkeit in der IHK-Prüfungskommission weiß ich, dass an antiquariatspezifischen Themen keinerlei Interesse besteht. Wie auch, bei der kaum wahrnehmbaren Zahl von Azubis aus diesem Bereich. Die Zahl der Verträge könnte wesentlich größer sein, wenn mehr Antiquare ausbilden dürften (Seiteneinsteiger, Ausbildereignungsprüfung!) – falls dieser Hemmschuh wegfiele (z. B. einige Jahre Geschäftsführung oder Selbstständigkeit als Voraussetzung genügten), sähe es sicher besser aus.
Jörg Müller-Daehn (Auktionshaus Jeschke, Hauff & Auvermann, Berlin)
Ausbildung im Antiquariatsbuchhandel hat keine Zukunft. Im katalogfreien Zeitalter des Internet kann jeder „Antiquar“ sein, ohne jede Ahnung. Und Umsätze kann man trotzdem machen.
Die meisten Kollegen im Antiquariat sind keine ausgebildeten Buchhändler und haben gar keine Ausbildungsberechtigung bzw. haben sich nie um eine solche gekümmert. Die meisten Kollegen machen zu wenig Umsatz, um sich einen Azubi leisten zu können.
Wir sind ein Auktionshaus mit zwei Buchauktionen im Jahr und evtl. Sonderauktionen, haben daher ein stark saisonal schwankendes Geschäft, was eine kontinuierliche Ausbildung in unserem Hause kaum sinnvoll erscheinen lässt.
Günter Paff (Antiquariat Paff, Bad Bevensen)
Zur Zeit sieht es gar nicht gut aus im Antiquariatsbuchhandel. Das Internet hat einen großen Aufschwung bewirkt, der nun vorbei ist, weil zu viele, insbesondere private Anbieter, die Preise verdorben haben. Es gibt eine Menge guter alter Bücher für 1 Euro. Das sind Preise, da können wir nicht einmal auf die Kosten kommen. Wir müssen uns zur Zeit selber einen Zusatzverdienst suchen und können deshalb natürlich nicht auch noch ausbilden. Mal sehen, wie lange dieser irrsinnige Trend anhält.
Clemens Reiss (Reiss & Sohn, Buch- und Kunstantiquariat – Auktionen, Königstein im Taunus)
Die duale Berufsausbildung wird wie bisher als solide Alternative zu den klassischen Volontariaten weiter bestehen.
Das Antiquariat wird dominiert von vielen kleinen Betrieben, die in der Regel nicht die personellen und zeitlichen Spielräume für Ausbildungsplätze bieten.
Wir haben stets ausgebildet, allerdings im Rahmen von Volontariaten, die eine Einbindung in den Alltagsbetrieb eines Buchauktionshauses bedeuten.
Dr. Ulrich Rose (Antiquariat & Buchhandlung Dr. Ulrich Rose, Greifswald)
Unsere Auszubildende (Buchhandel mit Schwerpunkt Antiquariat) hat im Juni ihre Prüfung erfolgreich abgelegt. Im Moment bilden wir nicht aus.
Ich hoffe, dass die klassische Ausbildung im Antiquariatsbuchhandel eine Zukunft hat! Gerade weil wir im Moment die Konkurrenz der internethandelnden „Garagenantiquare“ haben (ich bin selbst Quereinsteiger, ich darf das sagen ...), sollten wir Wert auf Qualität legen, und dazu gehört: Ausbildung!
Ausbildung kostet Geld. Und da es dem klassischen Antiquariat im Moment nicht so gut geht, wird wenig ausgebildet. Außerdem fühlen sich viele Antiquariate zu klein, um ausbilden zu können. Schließlich (und das ist zeit- und geldunabhängig) sind viele Antiquarinnen und Antiquare Individualisten, die es kaum vertragen, dass außer ihnen noch jemand im Laden ist. Kunden werden so gerade eben noch geduldet!
Hans Joachim Schulz (Fabula – H. J. Schulz – Verlag, Haren/Ems)
Die klassische Berufsausbildung im Antiquariatsbuchhandel hat eine sehr geringe Zukunft. Es fehlt das Geld, um Ausbildungsplätze bereit zu halten. Sobald die Auszubildenden für die Ausbildung bezahlen, wird auch wieder ausgebildet. Aber: Was soll die Ausbildung in einen sterbenden Berufszweig? Reicht es nicht, wenn die Arbeitsämter derartig handeln? Die Auszubildenden müssten Lehrgeld bezahlen (ähnlich den Studiengebühren). Ferner müsste die Ausbildungseignungsprüfung abgeschafft werden. Wer hat die schon im Antiquariat?
Detlef Gerd Stechern (Antiquariat Halkyone, Hamburg)
Wahrscheinlich hat die Ausbildung im Antiquariat keine Zukunft. Autodidakten und angelernte Kräfte aus dem Auktions- bzw. Antiquariatshandel bestimmen das Bild.
Ausbildung ist zu teuer, zu zeitaufwändig, es gibt zu wenig Interesse am Nachwuchs. Der Antiquariatsbuchhandel wird meist von kleinen bis kleinsten Inhaberfirmen geführt. Da besteht zudem oft eine kleinkarierte Angst, Wissen weiterzugeben. Viele glauben, ihre Kompetenz sei Erbgut.
Wir haben 2005/06 eine Abiturientin hier ausgebildet. Die finanziellen Belastungen waren neben vielen anderen Einschränkungen groß. Das Gehalt der Azubi konnte auch nicht frei bestimmt werden. Wir waren an Tarifverträge gebunden, die auch bei beiderseitigem Einvernehmen nicht geändert werden konnten (bis 10 Prozent Abzug war möglich). Für ein Kleinunternehmen wie uns mit einem Jahresumsatz von etwa 200.000 bis 250.000 Euro ist dies schlicht zu viel, die Gesamtkosten für den Ausbildungsplatz betrugen in zwei Jahren einschließlich der Nebenkosten geschätzte 18.000 Euro (müsste nachgerechnet werden).
Wir würden bei niedrigeren Ausbildungskosten gerne ausbilden, hätten auch einen Arbeitsplatz frei. Die Ausbildungszeit würden wir nach unseren Erfahrungen auf drei Jahre abschließen, da sich erst im dritten Jahr das vermittelte Wissen bezahlt macht, d. h. der Azubi selbständig arbeiten kann. Zahlreiche Anfragen nach einem Ausbildungsplatz müssen wir ablehnen. Zur Zeit vergeben wir Praktikumsplätze von 14 Tagen bis 3 Monaten.
Inge Utzt (Antiquariat Inge Utzt, Stuttgart)
Nach meiner Überzeugung wird die Ausbildung im Antiquariat in Zukunft eine größere Bedeutung bekommen. Auf der einen Seite die Fach- und Sachkenntnisse, die in der Ausbildungsfirma vermittelt werden, auf der anderen Seite die rechtlichen und finanzpolitischen Kenntnisse (incl. Buchführung) und in vielen Fällen der Umgang mit den modernen Kommunikationsmitteln, die in der Regel extern vermittelt werden, sind die Grundlage für eine solide Berufsausbildung.
Viele Antiquariate verfügen nicht über die personelle Kapazität, die notwendig ist, um auszubilden. Es muss jederzeit mindestens eine Fachkraft da sein, die die Auszubildenden anleitet und unterstützt.
Da ich ein Einfraubetrieb bin, habe ich nicht die oben genannte Kapazität für eine Ausbildung. Ich bedauere das, zumal ich selbst diesen klassischen Ausbildungsweg gegangen bin und sehr davon profitiert habe.
Frieder Weitbrecht (Antiquariat J. F. Steinkopf, Stuttgart)
Unser Antiquariat ist so klein geworden, dass wir keinen Ausbildungsplatz mehr haben. Die kombinierte Ausbildung in Buchhandlung/Antiquariat, die wir viele Jahre praktiziert haben, halte ich nach wie vor für die beste Lösung.
Wir danken allen Beteiligten herzlich für ihre Unterstützung!
[...] Tags: Ausbildung, AG Antiquariat, Verband Deutscher Antiquare, GIAQ

11 Kommentare
Meines Erachtens ist die klassische Ausbildung eines Sortimentbuchhändlers mit Schwerpunkt Antiquariat nicht mehr sonderlich erstrebenswert; zu sehr hat sich das Geschäftsbild verändert. Ich persönlich würde an einen kooperativen Ausbildungsgang zwischen Hochschule, Antiquariaten und Auktionshäusern denken; an eine gestufte Ausbildung, einen Bachelor, der die Grundkenntnisse der Administration, Betriebswirtschaft und Medienkompetenz mit der grundlegenden Buchkunde vermittelt, und einem darauf aufgesetzten Master, der die Spezialisierung in geisteswissenschaftlichen-, bzw. naturwissenschaftlichen Fachgruppen erlaubt; also eine fünfjährige Ausbildung, die durch gründliche und intensive Praktika in verschieden Betriebstypen flankiert wird.
Voraussetzung wäre natürlich eine Kooperation zwischen Berufsverband, Handel/Auktion und Hochschule, und dieses Modell würde auch den vielen kleinen Betrieben die Möglichkeit bieten, am Fortbestand unseres schönen Berufsstandes aktiv mitzuwirken.
Das neue Buch hat kaum etwas mit dem alten, antiquarischen zu tun.
Beschreibung der Bücher als fundamentales Element fällt bei neuen Bücher überhaupt nicht ins Gewicht, ist dagegen bei den antiquarischen fundamental.
Die Vertriebswege sind völlig unterschiedlich, Kataloge, Messen nicht miteinander zu vergleichen. Internetangebote unterscheiden sich auch diametral, v. a. auch vor dem Hintergrund der für das antiquarische Buch nicht gültigen Ladenpreisbindung
Kundenbindung ist eine andere, Kundenstamm und (Messen-)Publikum ebenfalls.
Für das Erlernen des Berufes "Sortimenter" im Buchhandel ist somit die mit Berufsschule untermauerte Ausbildung weiterhin sinnvoll, für das Erlernen des Berufes "Antiquar" sollte der (eigentlich gerade hier "klassische"
Hauptverantwortlich für die geringe Bereitschaft zur Ausbildung ist die momentane wirtschaftliche Lage der meisten Antiquariate - seit dem Zusammenbruch der New Economy und - besonders relevant - dem Zuwachs der Internetdatenbanken für antiquarische Bücher. Durch die Transparenz des Angebots, die auch dem Laien Mittel zur Recherche gibt, ist ein Marktsegment zusammengebrochen: Bücher im Bereich bis ca. 200 Euro - vor allem neueren Datums (Druckdatum seit etwa 1900) - erfuhren eine beispiellose Wertminderung, wie es nie zuvor im Antiquariat beobachtet werden konnte. Wo auf der einen Seite Hunderte bis wenn nicht Tausende sich selbst so nennende "Antiquariate" über die Internet Suchmaschinen ZVAB, Abebooks, Booklooker etc. wie Pilze aus dem Boden schossen - und schießen, mussten auf der anderen Seite zahlreiche alteingesessene und renommierte Laden- und Katalogantiquariate ihre Tätigkeit einstellen, da durch das Internet-Angebot die eine "klassische" Käuferschaft den Läden fernbleibt und die andere nicht mehr im selben Maße bereit ist, aufwändige Katalogartikel durchzulesen. Die zunehmende Schnelllebigkeit unserer Zeit tut ihr Übriges, denn wozu eine umständliche Lektüre, wenn über das Eingeben weniger Begriffe gleiche Resultate in der Suche nach einem Buch erzielt werden können? Viele ältere Händler können sich auch die technischen Voraussetzungen nicht leisten und haben Probleme, mit der rasanten Entwicklung der digitalen Datenaufarbeitung und –präsentation Schritt zu halten.
Eine Ausbildung von Antiquaren bietet sich also meist weder aus wirtschaftlichen noch idealistischen Gründen an, ist die Branche selbst doch in Gefahr, oder – vorsichtiger formuliert – in Orientierungsschwierigkeiten. Viele der Tugenden eines „klassischen“ Antiquars sind heute schwer als „rentabel“ zu bezeichnen, vor allem, wenn es sich um das untere oder mittlere Preissegment handelt. Aus der Sicht des Anwärters auf eine Ausbildung ist die Lage nicht viel einfacher, denn wer will heute eine Ausbildung machen, die eine recht unklare Perspektive zur Ausübung des Berufes bietet?
Dennoch wird das Antiquariat weiter bestehen – jedoch sich m. E. weiter in zwei Lager trennen, die immer mehr voneinander abweichen, bis sie kaum noch Ähnlichkeiten aufweisen.
Der „Second-Buch-Händler“ (nennen wir ihn einmal so) wird ein dem Neubuch-Sortimenter ähnlich komplettes Angebot über die Internet-Suchmaschinen präsentieren. Je umfangreicher dieses Angebot ist, desto erfolgreicher wird der Händler sein. Antiquarisches Fachwissen benötigt er beim Umwälzen von möglichst viel Masse jedoch nicht – reicht es doch heute schon, ein Programm zu besitzen, das bei Eingabe der ISBN-Nummer den vollständigen Titel samt Kurzbeschreibung aufblinken lässt. Eine Prädikat wie „Zustand I“, „Zustand II“ oder „Zustand III“ ist millionenfach im Internet zu lesen.
Der „Antiquar“ (bleiben wir hier bei der Bezeichnung!) hingegen wird nur noch wirtschaftlich überleben können durch den Handel mit außergewöhnlich seltenen, meist also alten Bücher oder Unikaten wie Handschriften, Autographen etc. Zur Aufarbeitung solcher Objekte mit möglichst wissenschaftlich fundierter Beschreibung, Bibliographierung, Kollation, Papier- und Einbandbestimmung etc. braucht es allerdings ein hohes Fachwissen und damit eine Ausbildung. Diese kann nur in größeren Antiquariaten bzw. in Auktionshäusern geleistet werden. Nicht nur, weil dort die finanziellen Möglichkeiten, sondern auch die materiellen gegeben sind.
Voraussetzungen dafür sind a) die oben genannten wirtschaftlichen und materiellen (genug Bücher) Bedingungen; b) Platz zum Einrichten einer Arbeitsstelle; c) Zeit der Mitarbeiter, einen Volontär zu schulen; d) Fundierte Kenntnisse der Firmeninhaber bzw. Angestellten, Wissen zu vermitteln etc.; e) eventuell die Möglichkeit, einem Volontär eine Perspektive im eigenen Hause (als zukünftigen Mitarbeiter) zu geben
Als Gegenleistung darf der ausbildende Betrieb dann die Bereitschaft zur vollen Mitarbeit des Volontärs erwarten (was wiederum den o. g. „dualen“ Weg nahezu unmöglich macht, das Haus ist auf hundertprozentige Mitarbeit angewiesen und kann meist nur schwerlich auf Arbeitsstunden für Berufsschule etc. verzichten). Insofern bietet sich auch ein Volontär mit Studienabgang besser an.
Bildungsvoraussetzungen wären somit: a) abgeschlossenes Studium (möglichst der Geisteswissenschaften; Bachelor, Master o.ä.); b) Kenntnis von europäischen Fremdsprachen; c) Interesse an Büchern, am Bibliographieren, an Teamwork etc.
Bereits als ich mit diesem Beruf begann, war der Anteil in klassischer Weise ausgebildeter Antiquare in Berlin verschwindend gering. (Und manche der Quereinsteiger gehörten und gehören nicht zu den schlechtesten.) Dieses Verhältnis hat sich im Lauf der Zeit nicht geändert, nur die Gesetzeslage hat sich gewandelt, so daß man nun auch quasi per Anciennität ausbildungswürdig werden kann.
Die durch das Internet verursachten Verwerfungen wurden hier ausreichend geschildert.
Eine herkömmliche Ausbildung ist weniger denn je zuvor Mittel, diesen Anforderungen zu begegnen.
Die Antiquare – und solche, die es werden wollen – sind vielmehr gefordert, sich über das bisher erforderliche Wissen auch auf ihnen bislang fremden Bereichen fortzubilden. Hier sollte angesetzt werden, falls die – bislang etwas antiquierten – „Standesorganisationen“ dazu überhaupt fähig sein sollten, denn bis jetzt haben diese die Entwicklung verschlafen bzw. Projekte in den Sand gesetzt.
Gruß, RF Meyer
Wenn wir das Geld hätten, wir würden sofort wieder ausbilden. MfG Christine Weihermüller-Curylo, Zentral Antiquariat Leverkusen
"Ich persönlich würde an einen kooperativen Ausbildungsgang zwischen Hochschule, Antiquariaten und Auktionshäusern denken; an eine gestufte Ausbildung, einen Bachelor, der die Grundkenntnisse der Administration, Betriebswirtschaft und Medienkompetenz mit der grundlegenden Buchkunde vermittelt, und einem darauf aufgesetzten Master, der die Spezialisierung in geisteswissenschaftlichen-, bzw. naturwissenschaftlichen Fachgruppen erlaubt; also eine fünfjährige Ausbildung, die durch gründliche und intensive Praktika in verschieden Betriebstypen flankiert wird."
Vor zehn Jahren habe ich auch einmal! einen Auszubildenden ausgebildet, dieser prächtige Held der Arbeit, hat seinem Lehrherrn mehr beigebracht, als dieser jenem. Er hat die Lehre wohl bestanden, die Prüfung in der Berufsschule ging allerdings in die Hose, auch bei der Wiederholung! Bravo, eins rauf mit Mappe und Frühstück! So hat er das Motto des Lehrens richtig verstanden, daß „Wissen“ auch Vernachlässigung des Unwichtigen ist. („Die Robustheit der manipulierbaren Prägungen ist verabscheuungswürdig“ G. Simmel). Zwei Beispiele für den Stoff, der in der Berufsschule vermittelt werden sollte: in der Literatur war es Henning Manckell, in der Buchkunde sollte er sich in NLP* auskennen, beides Themen, die in Abschlußarbeiten erfragt wurden (und von denen sein Lehrherr damals nie gehört hatte). Buchführung wurde nach Nummernkonten und Kontosätzen „praktiziert“, wie sie nicht einmal mehr der Steuerberater kannte.
Auch hat mein Held Davidl damals schon die Kleinmütigkeit der „Neuen Sammler“ erkannt und verachtet, die ihre Philisterei auch hier wieder verteidigen, ohne eigentlich angegriffen worden zu sein.
*Übrigens der Theoretiker der praktischen Theorie heißt Karl Marx, NLP heißt Neurolinguistisches Programmieren, eine esoterische Lehre (heute wird man sich mit Eva Herrmanns, Harry Potter, Dieter Bohlen und Daniel Kehlmann auskennen müssen) Die Mitschüler in der Berufsschule hatten zumeist eine abgeschlossene Universitätsausbildung hinter sich. Diese würde ich, ließen es die wirtschaftlichen Verhältnisse zu, wohl kaum ernstnehmen. Mein Davidl? Ja! „erneute Huldigung / vergessenes Lächeln ins gestirnte Blau!“.
wieder einmal zeigt sich die allgemeine Misere, daß Anfragen "an das Antiquariat" sowohl hochedle Fachantiquariate und Versteigerungshäuser in München oder Berlin angehen - wie auch den kleinen Einmann-Antiquar in der mecklenburgischen Provinz. Solche Vielfalt mag auf den ersten Blick ganz interessant erscheinen, aber vernünftige Antworten sind doch erst dann möglich, wenn wir die wenigen großen Häuser und ein Dutzend der wichtigsten Spitzenantiquariate ebenso außen vor lassen wie den kleinen Gelegenheits- und Verlegenheitsantiquar.
Dann bleibt ein mittlerer Block von etwa 500 Antiquariaten. Befragen wir dieses Mittelfeld, sollte etwas Vernünftiges dabei herauskommen.
1.
Zum einen definieren wir sinnvollerweise das sehr weite und äußerst wichtige Feld der *Alltagstechniken* im Beruf. Diese Techniken enthalten zwar immer eine Menge an Erfahrungswerten, Tricks und Geschäftsgeheimnissen, aber objektiv *lehrbar* sind sie sehr wohl. Darunter fallen die unbedingt notwendigen Fachbegriffe, die etwa der alte "Wendt" umfaßte, von dem man heute aber ohne Schaden die Hälfte abspecken kann. Dann kommt die gesamte Ankaufstechnik, vom Inserieren, investigativen Ermitteln, der Institutionenkunde der Bibliotheken, Archive und anderer möglicher Buchverkaufsquellen bis zum Besichtigen, Bewerten, Verhandeln und Abtransportieren der Bücher. Ähnlich umfassend enthält die Lehre dann die Verkaufstechnik und Verkaufstaktik. Die sieht heute ganz anders aus als früher; Internetkenntnisse dürfen aber nicht überbewertet werden, da heute so ziemlich alles EDV-Technische billig und gut entsorgt oder besser hinausgesorgt werden kann. Es wäre Unfug, etwa Webseitenbau oder Serverkonfiguration zu fordern.
Gäbe es einen Berufsverband für die mittleren Antiquare - und nicht nur in den Sand gesetzte, marode oder untätige Teilprojekte -, dann wäre es eine seiner ersten Aufgaben, hierfür als (für diese selbst höchst lehrreiche) Gemeinschaftsarbeit der Antiquare ein verbindliches Rahmenlehrbuch zu schaffen. Wir sind ja die Fachleute dafür!
2.
Was wir aber leider nicht lehren können, das ist die immer notwendiger werdende Erschießung, die innere und wissenschaftliche Bewertung, die Kontext-Einordnung unserer h ö h e r p r e i s i g e n Objekte. In kommender Zeit werden wir fast nur noch von unseren - wenigen - teuren Objekten leben können. Ihre Einordnung aber, das Hineinstellen in den Zusammenhang des Fachs oder des Sammelgebiets, das ist quasi Universitätsarbeit. Mit Wiki-Hilfsmitteln, die wir natürlich alle benutzen, ist das aber nicht zu leisten. Wir werden mehr denn je eine echte akademische Ausbildung brauchen in dem Sinn, daß die *Arbeitstechniken* des Akademikers beherrscht werden müssen. Das wäre mir noch wichtiger als das vielzitierte lexikalische Wissen, das wir heute tatsächlich durch das Web fast ersetzen können.
Dummerweise läßt sich das wissenschaftliche Arbeiten als Arbeit-Technik aber kaum lehren. Es gilt in Zukunft, eben wegen der Konzentration auf das t e u r e Buch, mehr denn je, daß der abgebrochene Akademiker, der viel an der Uni herumstudiert hat, der ideale Antiquar ist.
Fassen wir zusammen: S e h r g u t lehrbar ist die An- und Verkaufstechnik im weitesten Sinn. N i c h t lehrbar ist die akademische Arbeitstechnik.
Was man aber tun kann, das soll man doch wenigstens auch leisten. In diesem Sinn fordere ich die Antiquare auf, endlich einen allgemeinen Verband zu gründen, dessen vornehmste Aufgabe die *gemeinsam diskutierte* Erarbeitung eines gemeinsamen "technischen" Rahmenlehrbuchs wäre.
Ich verzichte in diesem Zusammenhang errötend auf eine Erwähnung der AG im Börsenverein oder gar unserer unaussprechlichen Rumpf- und Restgenossenschaft, sonst schmeckt mir das Abendessen nicht mehr.
Peter Mulzer in Freiburg
Der Büchersammler kauft heutzutage vor allem deshalb keine älteren Werke, weil er sie *nicht kennt*. Die Bücherkenntnis der Sammler ist in aller Regel fürchterlich schlecht. Wer die Schamschwelle bei seinen Kunden - selbst Fachprofessoren - zu überwinden vermag, der entdeckt eine geradezu fürchterliche retrobibliographische Unkenntnis.
Mit den Scanprojekten wird der Reichtum (freilich mitunter auch der Blödsinn) älterer Literaturen erschlossen und für den schnellen Zugriff zugänglich gemacht. Nun erst kann der Sammler das Buch sozusagen virtuell in die Hand nehmen und durchblättern.
Scannen + OCR bringt uns neue Kundenschichten, warten Sies nur ab. Der Sammeltrieb steckt in uns allen - nur die abgrundtiere Unkenntnis der älteren Bücherinhalte hält die Leute davon ab, sich wieder ans Abtragen der älteren geologischen Schichten unseres ZVAB-Berges zu machen.
Kollegen Haucke aber bitte ich herzlich, seine strukturellen Überlegungen weiterzuführen.