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Im Gespräch mit dem BÖRSENBLATT: Carel Halff und Maximilian HugendubelIm Gespräch mit dem BÖRSENBLATT: Carel Halff und Maximilian Hugendubel© Christine Strub

20.09.2007Sortiment

Zwei Arten von Spaß

Im Interview mit dem BÖRSENBLATT haben sich Carel Halff und Maximilian Hugendubel über Expansionspläne der DBH, die Mayersche, den Konkurrenten Thalia und liebenswerte Apokalyptiker geäußert. Einen Teil des Interviews lesen Sie in der heutigen Ausgabe des BÖRSENBLATTS, das ganze Interview hier auf www.boersenblatt.net.

Ein gutes Jahr jetzt unter dem großen DBH-Dach: Wie fühlt sich das neue Leben für den Familienunternehmer Hugendubel an? Wie geht’s der Familie?
Hugendubel: Ausgezeichnet fühlt sich das an. Im letzten Jahr sind sowohl meine Schwester Mutter als auch ich Vater geworden. Dem Familienunternehmen geht es also offensichtlich richtig gut. Aber im Ernst: Wir fühlen uns sehr wohl in der Partnerschaft mit der DBH und sind guter Dinge, was den Fortbestand unseres Unternehmens in der neuen Konstellation angeht. Wir sind zu 100 Prozent davon überzeugt, dass wir in der Konsolidierungsphase der Buchbranche, die nicht aufzuhalten ist und auch nicht aufgehalten werden sollte, den richtigen Weg beschritten haben.

Die Unternehmen der DBH sollen vor allem von Synergieeffekten in IT und Warenwirtschaft profitieren. Gelingt das?
Hugendubel: Synergien – dieses Wort wird zumeist assoziiert mit Kosteneinsparungen, was in der Regel auch mit Personalabbau verbunden ist. Bei uns steht der Kosteneinsparungseffekt nicht im Vordergrund. Für den Ausbau der IT haben wir einen zweistelligen Millionenbetrag in die Hand genommen; die IT-Abteilung hat mittlerweile 35 Mitarbeiter. Wir haben ein Datawarehouse aufgebaut, das die Warenwirtschaft beinhaltet sowie die Kassen- und Abverkaufsdaten zur Verfügung stellt. Noch ist nicht alles in allen Buchhandlungen integriert. Aber in absehbarer Zeit wird das sehr leistungsfähige System für alle zugänglich sein.

Viel Geld sparen ließe sich mit der Bündelung des Einkaufs. Von dieser Option machen Sie keinen Gebrauch. Warum?
Halff: Wir trennen innerhalb der DBH sehr genau zwischen den Vollsortimenten und den katalog-getriebenen Shops. Das sind zwei verschiedene Geschäftsmodelle – auch wenn wir uns rege über Abverkauf und Verlags-Partnerschaften austauschen. Innerhalb der Vollsortimente erlauben wir uns natürlich, gemeinsam zu den Verlagen zu gehen und zu besprechen, was sie für uns und wir für sie tun können, etwa in Form einer „preferred partnership“. Die Sortimentssteuerung, welche Titel es in welchen Filialen gibt, liegt bei den einzelnen Geschäften. Das DBH-Modell ist ein sehr dezentrales.

Wie hat sich die Rentabilität der DBH-Buchhandlungen in den vergangenen Monaten entwickelt?
Halff: Aus betriebswirtschaftlicher Sicht haben wir den Spielraum für größere Investitionen geschaffen. Für Investitionen, die ein einzelnes Unternehmen nicht stemmen kann. Es geht uns nicht darum, kurzfristig große Ertragssteigerungen auszuweisen, sondern wir wollen in Qualität investieren, die auch der Künde spürt. Wir wollen nicht der Größte sein, sondern der Beste.

Dann ärgern Sie sich bestimmt auch nicht darüber, dass Thalia eine Eröffnung nach der anderen, eine Übernahme nach der nächsten meldet, während bei Ihnen kaum neue Partner hinzukommen …
Halff: Zum einen: Es führen viele Wege nach Rom. Und zum anderen: Es ist nicht an uns, Strategien von Mitbewerbern zu bewerten. Wir gehen unseren Weg, und wir sind davon überzeugt, dass er richtig ist. Die gemeinsamen Erfahrungen nach einem Jahr belegen, dass sich unsere Erwartungen erfüllen, sogar übererfüllen. Im Mittelpunkt unseres Denkens steht nicht eine Börsenstory, sondern der individuelle Kunde und das sehr individuelle Produkt Buch. Was wir eben nicht wollen, ist ein stringent durchgeplanter Konzern, der von irgendeinem Standort in Deutschland aus ausrollt. Wir meinen, dass zu unserem Buchgewerbe Individualität und Vielfalt zwingend gehören.

Wie sieht es mit Ihren Wachstumsplänen aus?
Halff: Wir haben eine ausreichende Betriebsgröße. Da wir keiner Wachstumsstory folgen, fahren wir auch nicht mit dem Scheckbuch durchs Land, eröffnen ständig neue Häuser und versuchen zwanghaft, jedes Gespräch zum Abschluss zu bringen. Wir führen mit vielen Buchhändlern Gespräche und suchen Augenhöhe. Wir wollen nach Möglichkeit Partner gewinnen, die in ihrer Region für Qualität, für eine Marke stehen. Denn nur die werden den Freiraum, den die DBH bietet, schätzen und würdigen. Wir wollen kein Wachstum um jeden Preis. Alles, was wir machen, versuchen wir mit heiterer Gelassenheit anzugehen und nicht mit verbissenem Kampf. Das ist unsere Unternehmensphilosophie. Das Statement, dass nur organisches Wachstum ein gutes Wachstum sei, gilt, denke ich, auch im Jahr 2007. Wir müssen nichts erzwingen.

Zahlreiche einzelne Buchhändler haben sich Thalia angeschlossen. Ist die DBH eher eine Lösung für Filialisten?
Hugendubel: Die Unterscheidung, ob jemand Filialist ist oder nicht, treffen wir so nicht. Es gibt Märkte, die für uns interessant sind, auf denen jemand eine ausgezeichnete Marktstellung hat. Danach suchen wir unsere Partner aus. Wir nehmen uns die Freiheit, nein sagen zu können. Auch wenn derzeit ein wenig Endzeitstimmung im Buchhandel herrscht, wird es noch in 30, 40 und 50 Jahren neue Gegebenheiten und Konstellationen geben.

In vielen Städten herrscht bereits Verdrängungswettbewerb. Scheuen Sie die Besetzung solcher Standorte?
Halff: Nein, überhaupt nicht. Aber jede Investition muss kalkulierbar sein. Bei einigen Investitionen der letzten Zeit bezweifeln wir dieses.

Bei Ihren eigenen?
Halff: Nein, sicher nicht bei unseren. In Kenntnis der Standorte kann man hier und dort ein Fragezeichen setzen. Allen Unternehmen wird eines Tages die Rechnung präsentiert, und sei es von der Börse, die da sicher noch etwas fordernder ist als andere Inhaber. Ich denke, man muss nicht alles mitmachen. Für Aktionismus gibt es überhaupt keine Veranlassung. Unsere Währung ist Ertrag und Qualität, nicht Umsatz oder ein abstrakter Begriff wie Marktanteil. Ich denke, es sind schon mehr Unternehmen an diesem Marktanteilswahn zu Grunde gegangen, als Unternehmen, die sich gelassen verhalten haben.

Hugendubel: Außerdem ist Handel nicht statisch. Man kann nicht sagen, ich habe diesen Standort besetzt und jetzt kommt keiner mehr. Auf einmal eröffnet ein Einkaufszentrum und man hat plötzlich die falsche Lage. Wenn eine Chance nicht zu 100 Prozent passt, muss man auf die nächste warten. Wir haben in Stuttgart 25 Jahre gewartet und werden nächstes Jahr an einem Standort öffnen, wie man ihn sich nicht besser wünschen könnte. .

Nordrhein-Westfalen ist das Hoheitsgebiet der Mayerschen und von Thalia. Die DBH ist dort kaum vertreten. Macht es Spaß, im bevölkerungsreichsten Land so marginalisiert zu sein?
Hugendubel: Wir zählen nicht die Fähnchen auf der Landkarte, sondern betrachten den einzelnen Standort. Wir schauen uns an, was in NRW passiert und haben uns bislang dafür entschieden abzuwarten.

Halff: Wenn sich die richtigen Standorte nicht bieten, weil sie schon heute überbesetzt sind – was würde es für einen Sinn machen, da noch eins draufzusetzen?

Hugendubel: Es gibt eben zwei Arten von Spaß: Einmal den Spaß, die Filiale zu eröffnen, und dann den jährlichen Spaß, zu sehen, was die Filiale überhaupt erwirtschaftet hat. Beides sollte man haben.

Die Mayersche expandiert in Riesenschritten. Woher kommen die finanziellen Mittel?
Halff: Mit dieser Frage beschäftigen wir uns nicht.

Darf man über eine strategische Partnerschaft zwischen der Mayerschen und der DBH spekulieren? Immerhin würde das Ihr NRW-Problem lösen…
Halff: Das sind journalistische Gedankenspiele, nicht unsere. Aber wir sehen es mit großer Anerkennung und haben großen Respekt davor, was die Mayersche macht. Auch davor, wie sie Buchhandel betreibt. Das kommt unserer Philosophie sehr nahe. Man erkennt darin eindeutig auch ein Bekenntnis zum Qualitätsbuchhandel.

In Frankfurt ist Hugendubel derzeit noch Platzhirsch. Mit der Eröffnung des neuen Innenstadt-Centers wird eine Buchhandelsgroßfläche hinzukommen. Haben Sie sich um den Standort beworben?
Hugendubel: Sie können davon ausgehen, dass wir jeden Standort, den die Konkurrenz prüft, auch prüfen. Wenn wir einen Standort besetzen wollen, haben wir in der Regel gute Karten, ihn auch zu bekommen. Allerdings auch nicht immer. Es gilt auch da der freie Wettbewerb, dem man sich stellen muss. Natürlich macht es in Frankfurt mehr Spaß, alleine zu sein. Aber wir werden auch unseren Spaß haben, wenn jemand kommt. Für einen zweiten Standort in Frankfurt müssen viele Voraussetzungen vorliegen. Da sind wir sehr wählerisch.

Die Verlage beklagen die zunehmende Marktmacht der großen Ketten. Verstehen Sie das?
Halff: Der Buchhandel leistet viel, und die Partnerschaft zwischen Verlagen und Buchhandel nimmt zu. Wir gehen aktiv auf die Verlage zu, bieten einen noch intensiveren Informations- und Erfahrungsaustausch an. Wo liegen heute die Bücher? Wenn ich die Buchkaufhäuser sehe, die in jüngerer Zeit entstanden sind, denke ich, dass der Handel in den letzten Jahren deutlich mehr getan hat als die Verlage. Er war wesentlich innovativer, er hat mehr Geld in die Hand genommen. Und das nicht nur im stationären Einzelhandel, sondern auch im Internet. Die führenden Verlage sehen das, erkennen es an und sind dabei, ihre Marketing- und Vertriebsaktivitäten diesen Gegebenheiten anzupassen.

Die kleineren Verlage ächzen. Stichwort Werbekostenzuschüsse, Stichwort Konditionen.
Halff: Es ist noch nie ein Buch an Werbekostenzuschüssen oder an einem Prozentpunkt beim Rabatt gescheitert. Es geht der DBH wirklich um Partnerschaft mit den Verlagen, daran arbeiten wir. Der Handel braucht berechenbare Verlage mit einem guten Programm, mit entsprechender Pressearbeit. Wir müssen uns darauf verlassen können, dass der Verlag wirklich professionell etwas für seine Bücher tut. Dann haben diese Bücher auch eine Chance, das Publikum zu erreichen. Und nur dann. Wir arbeiten wirklich mit allen Verlagen gern zusammen. Bei kleineren Verlagen beschränkt sich die Zusammenarbeit manchmal nur auf ein Buch pro Jahr. Aber wenn es für beide Seiten sinnvoll ist, dann ist das doch in Ordnung.

Verlagsvertreter beschreiben die Konstellation zwischen herstellendem und verbreitendem Buchhandel als weniger friedvoll. Und sie beklagen buchhändlerische Behäbigkeit.
Halff: Auf Seiten der Verlage gibt es wesentlich mehr Vorurteile als umgekehrt. Der Handel ist viel offener, beweglicher. Er muss auch wesentlich schneller den Kundenwünschen folgen. Der Sortimenter kann nur das Buch vorlegen. Aber wenn dann der Buchkäufer sagt, nein, Inhalt, Gestaltung oder Preis gefallen mir nicht, kann der Sortimenter nichts dafür. Dennoch bekommt er die Prügel. Wir haben einige sehr liebenswerte Originale in unserer Branche auf Verlagsseite, die fest verankert sind mit den apokalyptischen Gedanken, was die deutsche Kultur anbelangt.

Wie will die DBH-Gruppe weiter wachsen?
Halff: Unsere Geschäfte sind sehr gut finanziert. Wir haben genügend Spielraum für Investitionen. Dieser Spielraum kommt durch die Einlagen der beiden Gesellschafter.

Wenn Sie an den stationären Handel der Zukunft denken: Wird es zunehmend zu Mischformen kommen, in denen das Buch nur mehr eine Ware neben anderen ist?
Hugendubel: Unsere Kernkompetenz ist und bleibt sicher das Buch. Dafür stehen alle beteiligten Unternehmen. Eine sinnvolle Arrondierung um das Buch herum hat ja ohnehin schon stattgefunden und wird auch weiterhin stattfinden.

Wie steht es um mögliche Kooperationspartner im Einzelhandel?
Halff: Es gibt noch viele Möglichkeiten für das Buch, wahrgenommen zu werden. Das ist eine gemeinsame Aufgabe von Buchhandlungen und Verlagen, sich auf neue Formen einzulassen. Buchaffine Nebensortimente werden einen leicht wachsenden Anteil haben. Letztendlich wird es der Kunde entscheiden, in welchem Ambiente, in welchem Umfeld er das Buch angeboten bekommen will.

Muss der Buchhandel zielgruppengenauer werden?
Hugendubel: Wir haben vor einigen Jahren angefangen, den Buchhandel aus B- und C-Lagen herauszuholen in die Hochfrequenzlagen. Dort findet man einen Durchschnitt der Bevölkerung. Unser Ziel muss es also sein, Konsumsituationen zu schaffen, in denen sich möglichst alle wohlfühlen. Aufwendige Angebote wie Cafés oder großzügige Leseinseln sind für uns zunächst ein Zuschussgeschäft. Aber im Endeffekt rechnen sich solche Investitionen in Qualität.

Glauben Sie, dass der Buchkäufer auch in Zukunft überwiegend solche sinnlich ansprechenden Geschäfte suchen wird?
Hugendubel: Der Lustaspekt am Konsum wird zunehmen und der soziale Aspekt auch. Früher sind Sie zu Hugendubel gegangen, wenn Sie alles vorfinden wollten. Heute schauen Sie deswegen ins Internet. Die stationären Käufer suchen heute den Kontakt. Sie sehen andere Menschen, sie erhalten Empfehlungen.

Wie setzen Sie diese Erkenntnis konzeptionell um?
Hugendubel: Ein gutes Beispiel ist unsere Filiale in Ulm. Wir haben dort Kinderwagenparkplätze eingerichtet. Die Folge ist, dass Mütter und Väter kleiner Kinder ihre Shoppingtour bei uns starten – und am Ende ganz gern das eine oder andere Kinderbuch mitnehmen. Da hat stationärer Buchhandel seinem Kunden gleich doppelten Nutzen gestiftet.

Hintergrundinformationen zur DBH finden Sie hier!

Interview: Torsten Casimir und Christina Schulte

Schlagworte:
DBH, Hugendubel, Weltbild

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