Annette Mingels über Orell Füssli in Zürich
Es gibt ein paar Dinge, die gar nicht gehen: Als Gourmet bei Pizza-Hut essen, zum Beispiel, oder als Grüner in Urlaub fliegen. Als Schriftstellerin auf die Frage nach der Lieblingsbuchhandlung die größte im ganzen Land anzugeben ist auch so eine Sache, die nicht geht: Der Idee nach müssten alle Schriftsteller nur in kuscheligen Bücherstuben verkehren, wo der Buchhändler ihnen einen Tee in die Leseecke bringt, in der sie die Bücher anschauen, die er in Kenntnis ihres Geschmacks schon einmal für sie bereitgelegt hat.
Nun muss man so eine Buchhandlung erst einmal finden. Das ist nicht ganz einfach, und für Schriftsteller – so meine Theorie – ist es doppelt schwer. Zum einen ist eine Buchhandlung für jeden Schriftsteller ein potenziell enttäuschender Ort. Es ist bedauerlich, wenn das eigene Buch nicht gut präsentiert wird, es ist schrecklich, wenn es gar nicht vorhanden ist, und schlimm, wirklich schlimm ist es, wenn der Freund, den man mit der entrüsteten Frage nach dem Buch an die Kasse schickt, den Autorennamen buchstabieren muss. Ja – M-I-N-G-E-L-S. Aber Donna Leon liegt natürlich in Massen aus und Hera Lind und Moppel-Ichs!
Zum anderen ist der Schriftsteller ein Fachmann auf seinem Gebiet und damit so etwas wie ein Schreiner im Möbelgeschäft: Er will keine Beratung. Er weiß es besser. Hat es schon immer besser gewusst. Und jeder Buchhändler, der versagt, wiegt natürlich zehn gute auf. So kommt es also, dass ich vor allem bei Orell Füssli meine Bücher kaufe. Orell Füssli ist ein Gigant auf vier Etagen, in dem man Unmengen an Belletristik, Lyrik, Bildbänden, Reiselektüre und Sachbüchern bekommen kann. Im ersten Stock gibt es ein Café, und wer will, kann sich zwischendurch auf rote kunstlederne Sofas fläzen, die zwar aussehen wie Relikte aus den 80ern, aber trotzdem bequem sind.
Die Buchhändlerinnen und Buchhändler im Orell Füssli sind freundlich, und wenn man etwas sucht, finden sie es rasch. Mehr Beratung kann man in Anspruch nehmen, muss man aber nicht. Das kommt mir entgegen. Insgeheim habe ich ja die Überzeugung, dass jemand, der mich berät, schon sehr auf meiner Wellenlänge liegen muss; wir müssten geradezu zwei verwandte Seelen sein. So einen Buchhändler habe ich noch nicht getroffen, und wenn ich es täte, wäre meine Ehe wohl ernsthaft gefährdet.
Ich bin also eigentlich ganz glücklich mit Orell Füssli, gleichwohl ahne ich, dass ich die Gefahr nicht scheuen und mich auf die Suche nach einer Zweitbuchhandlung machen sollte: eine kleine, gemütliche, in der die Buchhändlerin oder der Buchhändler meinen Geschmack teilt und mir Vorschläge macht, für die ich noch Jahre später dankbar bin. Eine, in der ich mich in eine Leseecke zurückziehen kann, um stundenlang Probe zu lesen. Eine, in der Coelho nicht als Philosoph gilt und Harry Potter ausschließlich in der Kinderabteilung eine Rolle spielt. Gibt es das? Wo? Auch hier in Zürich? Ich würde es auf einen Versuch ankommen lassen: Sagen Sie mir Bescheid.
[...] Tags: Lieblingsbuchhandlung


2 Kommentare
steigen Sie in die Tram 8 und begeben Sie sich zum Helvetiaplatz - der Weg lohnt sich!
Mein Tipp: Buchhandlung Beer an der St. Peterhofstatt, also ganz in der Nähe des Orell Füssli; eine Buchhandlung im alten Stil, und da können Sie gewiss sein, dass der Leiter der Buchhandlung jeden Ihrer Romane kennt. Ich gehe seit bald 10 Jahren dorthin und wurde noch nie enttäuscht(während man mich in anderen Buchhandlungen fragend anschaut, wenn ich mich nach einem Buch von Sarah Kirsch erkundige).