Urs Widmer über die Buchhandlung am Hottingerplatz in Zürich
Ich gehe gern aus dem Haus und habe in Griffnähe einen Gemüsehändler, eine Bäckerei, ein Schreibwarengeschäft, eine Apotheke (ach ja), einen Kiosk. Und eine Buchhandlung. So lebe ich tatsächlich. Nur wenn ich ein gutes Fleisch brauche, muss ich zehn Minuten stramm marschieren.
In meiner Buchhandlung (sie heißt Buchhandlung am Hottingerplatz und ist auch dort) bin ich im Nu, ich gehe zuweilen mit den Pantoffeln an den Füßen. Niemand schaut mich schräg an. Sogar wenn ich, wie oft, gern ein Buch hätte, dessen Titel mir leider entfallen ist, dessen Autor einen eher englisch oder vielleicht italienisch klingenden Namen hat und dessen Verlag ich auch nicht weiß, geraten Frau Schäfer oder Frau Niederberger nicht aus der Fassung. Herr Arter sowieso nicht. »Guter Mann«, sagen sie zu mir. »Wenn das Buch, nach dem Sie sich sehnen, wirklich zu Ihnen will, wird es das tun. Kaufen Sie in der Zwischenzeit ein anderes, den neuen Donna Leon zum Beispiel, oder Grimms Märchen. Wir kennen ja Ihren Geschmack.«
Die Buchhandlung gehört Cornelia Schweizer, die eine der führenden Persönlichkeiten im Buchhandel meines Lebens ist. Sie war ein Fels in der Brandung der fallenden Preisbindung und sieht heute, da die Preisbindung schon ein paar Wochen lang weg ist, immer noch so aus, als könne sie nichts umwerfen. Strahlend und kompetent.
Sie hat nicht jedes Buch am Lager, nein, wirklich nicht. Aber sie hat ein intelligentes und anregendes Angebot, und der Buchhandel in der Schweiz ist immer noch so befriedigend organisiert, dass ich fast jedes Buch am nächsten Tag schon habe. Ein Buch, auf das ich nicht einen Tag lang warten könnte, gibt es nicht. Ich?weiß es, ich schreibe selber welche.
Ich bin gern in diesem Laden. Keine Schwellenangst, obwohl ich, der Profi, diese durchaus kenne. Auch ich fühle mich unbehaglich in Buchhandlungen, in denen ich ein Buch von Jean Paul suche, und der Buchhändler belehrt mich, da müsse ich ja wohl in die Abteilung für fremdsprachige Literatur. Eine Treppe tiefer. Wenn ich die eitle Sehnsucht spüre, erkannt zu werden, gehe ich sowieso nicht in eine Buchhandlung. Da gehe ich zum Schlachter. Ungerecht ist, dass ich nicht Frau Lehmanns Buchhandlung gewählt habe, die Calligramme heißt und im Niederdorf ist. Sie enthält das allerherrlichste Bücherwirrwarr (Frau Lehmann findet jedes Buch auf Anhieb) und hätte gewiss das Zeug zu einer Lieblingsbuchhandlung. Nur, sie ist für mich zu weit weg.
Ich gehe ja zuweilen in Pantoffeln. Frau Lehmann und Frau Schweizer: Verschiedenere Frauen gibt es kaum, und beide sind großartige Buchhändlerinnen.
[...] Tags: Lieblingsbuchhandlung, Urs Widmer


1 Kommentare
ich selbst habe zwei in Wien, die ich seit Jahren verehre:
die eine ist Brigitte Salanda, die eigentlich unter Brigitte Hermann besser bekannt ist und an der Fischerstiege in der Wiener Innenstadt eine wunderbare Buchhandlung betreibt - Lyrik, Psychoanalyse, Bücher über fremde Welten
(Frau Salanda ist Marokko-Spezialistin). Und über all diese Themen gibt's fast vierteljährlich einen wunderbaren Newsletter mit Büchertipps. In dieser wunderbaren Bücherhöhle (ein großer Tisch lädt zum Schmökern und Teelrtinken ein) gibt es immer wieder Überraschungen - und wir Leser sind glücklich.
Seit 47 Jahren tut Frau Salanda Dienst am Buch und auch wenn Ihre Homepage (www.apunktbuch.at) äußerst informativ ist - am Schönsten ist es doch in diesem Laden.
Nebstbei: In der Person dieser Büchhändlerin manifestiert sich gleichzeitig die ganze literarische Geschichte des Wiens der 68er Bewegung: als ich 1967 nach Wien kam, gab's die Buchhandlung Hermann in der Grünangergasse bereits - und jetzt gehen wir zu Salanda.
(salanda@apunktbuch.at - Fischerstiege 1-7, A-1010 Wien,
Tel.: +43 1 532 85 14)
Meine zweite Lieblingsbuchhändlerin in Wien heisst Anna Jeller und hat auch eine "Bücherhöhle" - sie liegt in der Margaretenstraße 35 im vierten Bezirk und ist zeitaufwendig.
Man verplaudert sich leicht dort. Auf der Homepage (www.annajeller.at) stellt Eva Menasse die entscheidende Frage: "Ist 'Anna Jeller' eine Frau, eine Buchhandlung, ein Kaffeehaus oder ein Stammbeisl?" Einfach hingehen, ausprobieren und sich von Anna nicht abschrecken lassen.... Übrigens: Ihr Buch-Newsletter heisst "Vergnügungen" - mehr ist dazu nicht zu sagen!
(Anna Jeller, Margaretenstraße 35, 1040 Wien, Tel.: +43 1 586 13 53, office@annajeller.at) p.l.