HINTERGRUND MEINE LIEBLINGSBUCHHANDLUNG
Michael Kleeberg: »Man findet sich in einer engen Höhle, wo die Regale bis an die Decke reichen und jeder Zentimeter mit Büchern vollgestopft ist.« Von dem Berliner Autor ist vor Kurzem der Roman »Karlmann« (DVA) erschienen.Michael Kleeberg: »Man findet sich in einer engen Höhle, wo die Regale bis an die Decke reichen und jeder Zentimeter mit Büchern vollgestopft ist.« Von dem Berliner Autor ist vor Kurzem der Roman »Karlmann« (DVA) erschienen.© Werner Gabriel © Christian Hahn

Michael Kleeberg über die Autorenbuchhandlung in Berlin

Sie ist eine Institution, muss man noch über sie reden? Muss man noch einmal erzählen, dass dort immer ein Kaffee bereitsteht, dass man sich mit einem Buch in einen der Korbsessel niederlassen, ein wenig schmökern und plaudern kann und misstrauische Blicke mit anderen Schriftstellern tauschen, die regelmäßig hereingeschneit kommen?

Muss man die Geschichte von dem ausländischen Kollegen wiederholen, der, zu Besuch in Berlin, natürlich auch die Autorenbuchhandlung gezeigt bekommt, und der von seiner einzigen je auf deutsch erschienenen Publikation erzählt und scherzhaft hinzufügt, es sei ein Lyrikband gewesen, vor Jahren in einem kleinen Verlag erschienen, und wie eine der Hüterinnen des Tempels dann hergeht und das dünne Bändlein umstandslos aus dem Regal zieht; ein wenig verstaubt ist es zwar, aber ganz präsent und wartet vertrauensvoll auf einen Liebhaber, der früher oder später immer kommt?
Nein, man muss eine andere Geschichte erzählen, eine Science-Fiction-Story, eine Geschichte aus der (nahen) Zukunft.
Ein gehetzt und verzweifelt wirkender Mann, offenbar schon lange erfolglos auf der Suche, strandet in einer ruhigen Ecke Charlottenburgs, weitab vom Trubel des neuen Berlin. Bestimmt zehnmal hat er heute in einem dieser riesigen, verglasten, seltsam leeren Verkaufs­tempel gestanden, wo zwischen Kaffeeautomaten und Loungesesseln verstreut und bunt wie Bonbonnieren Bücherstapel liegen und hat – jedesmal zaghafter – nach »Kurzeck« und »Stroemfeld« gefragt (oder nach »Proust« und »Liebeskind«, oder nach »Bartsch« und »Stekovics«) und immer nur große fragende Augen und ein verneinendes Achselzucken geerntet. Ob man ihm denn etwas empfehlen könne? Da wurde er dankbar ans Regal mit den wöchentlichen Bestsellern verwiesen.
Und einfach mal anlesen ging auch nicht, weil es zu peinlich gewesen wäre, sich fünf Bücher aus der Verschweißung öffnen zu lassen von der gestrengen Verkäuferin, die ihm doch ansah, dass er sie gewiss nicht alle kaufen würde.
Und jetzt in diesem verlassenen Charlottenburg sieht er plötzlich ein Schildchen »Geist ist geil«, folgt ihm und findet sich in einer engen Höhle, wo die Regale bis an die Decke reichen und jeder Zentimeter mit Büchern vollgestopft ist, drängt sich an den Lesenden vorbei und fragt noch einmal …
Und 50 Finger deuten auf den Tisch vor ihm, wo das aufgeschlagene Buch ihn ansieht, als wolle es sagen: »War dir nicht klar, dass du mich und meine Freunde nur hier finden konntest?«
Zurück in der Gegenwart stehe ich tatsächlich in der Autorenbuchhandlung und wundere mich, dass sie im Heute nicht so voll ist, wie sie es eben noch in der Zukunft war.
Ein großer Mann hat den Satz geprägt: »Geselle dich zur kleinsten Schar.« Aber zu klein darf sie auch wieder nicht werden. Wir waren einmal eine große Kirche, nun sind wir zu einer Art Katakombensekte geworden. Aber wenn es dir hier gefallen hat, sag es weiter.


Verraten auch Sie uns, zu welchem Buchhändler Sie eine besondere Beziehung haben - direkt an dieser Stelle in Form eines Kommentars. Alle Empfehlungen können Sie hier nachlesen!

Kommentar schreiben

Kommentar schreiben

Bitte geben Sie diese Buchstabenfolge hier noch einmal ein:. Wenn Sie die Buchstabenkombination nicht entziffern können, erhalten Sie durch Klick auf die Buchstaben eine neue Kombination.