Literarisches Leben

Georg Klein: Schriftsteller, zuletzt erschien  sein Roman »Sünde Güte Blitz« (Rowohlt)Georg Klein: Schriftsteller, zuletzt erschien sein Roman »Sünde Güte Blitz« (Rowohlt)© Anna Weise

03.01.2008Meinung

Das Jahr des heimlichen Buches

Zu wenig Platz im Regal? Georg Klein sortiert radikal und ohne Nachsicht aus.

Wer schreibt und darauf vertraut, dass hundertundein hilfreicher Geist sein Manuskript als Buch hin zu den Lesern bringen werden, muss zu allen fremden Büchern hart sein können. Denn jeder der Wälzer, jedes der Bändchen, die seinem gerade keimenden Roman vorausgegangen sind, flüstert dem Schreibenden zu: »Wozu Neues? Lies stattdessen! Die Fülle des aufs Schönste Verfassten ist ungeheuer groß!«
Wo die Tradition derart recht hat, hilft nur Gewalt. Es gilt auf künstliche Weise den nötigen Mangel zu erzeugen. Bei uns ist dies zwischen Weihnachten und Neujahr erneut geschehen: Unsere Bücherwand zog aus einem nicht allzu großen Zimmer in ein kleineres um. Dort füllt unser gesammelter Lesestoff weiterhin die gleichen drei eisernen Regale. Ein alter Dorfschmied hat sie vor zehn Jahren angefertigt. Und obwohl er immer noch den Hammer schwingt, Gartentore und Rosenbögen schmiedet, sind unsere Regale bis heute sein einziger Auftrag in Sachen Buchkultur geblieben. Als sie damals, nach unserem Umzug aufs Land, zum ersten Mal gefüllt wurden, beschlossen wir, dass wir ab sofort nur so vielen Büchern in unserem Haushalt dauerhaft Obdach gewähren, wie wir in diesen drei Gestellen unterbringen. Gewiss kann nur ein schreibendes Paar so grausam konsequent zu den Werken anderer Schreiber sein.
Seitdem hat manch ein Besucher vergebens nach jenem Band geforscht, den er uns doch erst kürzlich geschenkt hatte. Ausgelesen heißt bei uns in der Regel ausgemustert. Nur was uns wirklich weiterempfehlenswert erscheint, kommt als Spende in die öffentliche Bücherei der nächsten Kleinstadt, alles andere wandert – ich tippe es errötend – in den Altpapiersack. Gnadenlos alles andere? Bis jetzt war es nur fast alles andere. Denn während unserer ersten zehn Landjahre gab es rechts und links von den Regalen noch Platz. In diese beiden Lücken konnten wir – zur Not und nur vorübergehend! – Band über Band an die Wand schichten. Aber nun sind auch diese staubigen Pyramiden, diese Grabmäler der Verlegenheit, abgetragen. Neue Stapel werden nicht mehr entstehen. An ihrem jetzigen Standort sitzen unsere Regale wie eingegossen zwischen den Wänden. Erneut mussten die Bücher eine rücksichtslose, durch und durch ungerechte Musterung überstehen. Dennoch ergaben sich nur wenige Lücken. Und leider sind unter denen, die wir zu Weihnachten bekommen haben, wieder zwei voluminöse Schwarten. Noch ein Weilchen liegen die beiden Elefanten, nichts Schlimmes ahnend, bei uns am Bett.
Aber vielleicht ist sogar für diese Dicken unser Haus nicht ganz ohne Hoffnung. Eines unserer jüngsten Bücher ist nämlich seit dem Jahreswechsel verschwunden. Ich weiß noch, wie ich es aus der Versandtasche nahm, in der es mir mein Verlag zugeschickt hatte. Unaufgeblättert ist es sogleich irgendwo untergeschlüpft. Meine Unordnung, meine Neigung, loses Papier aller Art zu stapeln, hat es ihm erleichtert, sich unsichtbar zu machen. Ob es wohl »Hier!« riefe, wenn ich ihm einen Stellplatz in unseren Regalen verspräche? Nein, eher rutscht es noch ein wenig tiefer unter die alten Zeitungen, hält mucksmäuschenstill und verrät mir durch sein Schweigen, dass das Jahr des heimlichen Buches angebrochen ist.

Was tun Sie gegen Platznot? Und wo bringen Sie all die neuen Bücher unter?

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7 Kommentar/e

1. Edelgard Becker-Haase 03.01.2008 19:18h

Das ist ja eine schöne Beschreibung. Meine Bücher stehen im Regal zweireihig, rechts und links stapeln sich die Bücher, und zeitweise stehen vor den Regalen Kisten mit Büchern. Noch will ich sie alle beherbergen. - Einige sind unterwegs: bei www.bookcrossing.com bin ich seit einem Jahr angemeldet. Wir leihen uns untereinander Bücher aus, schicken sie uns per Post/Versand zu und verfolgen im Internet den Weg. Das macht unheimlich viel Spaß!
Zum Altpapier kommen sie erst zu aller-aller letzt.
Mit buchnarrischen Grüßen
Edelgard

2. Regine Meilen 03.01.2008 21:05h

Puh wie hartherzig, mir läufts eiskalt runter!
Ich bewahre nach wie vor ALLES auf, was ich mir im Leben an Büchern jemals gekauft habe! Zu schade nur, dass ich die vielen anderen, zwar gelesenen, nicht auch körperlich besitze! Einzige Ausnahme: Ratgeber zu vergangenen Lebensphasen zB "Babymassage nach Leboyer" oder: "wie verschmerze ich meinen Ex. und werde wieder fröhlich?" habe ich mangels aktuellem Bedarf sowie Zukunftsträchtigkeit entsorgt. Aber weggeschmissen? Beileibe nicht! Entweder passend verschenkt oder über irgendwelche Kanäle zum Spottpreis verhökert. Das einzige Buch, das ich im Leben jemals (verbotenerweise) in die Altpapiertonne gekloppt habe, war ein ausgefranstes Exemplar mit dem Titel: "Der schön gedeckte Tisch" oder so ähnlich, weil es KEIN MENSCH haben wollte!
Sehr geehrter Herr Klein, wenn Sie wirklich Schriftsteller sind, können Sie kein Echter sein! Oder war das GAnze bloß eine Satire????

3. sascha kaukars 04.01.2008 17:19h

so etwas habe ich bei max goldt schonmal gehört. ich gebe zu, dass es bücher gibt (und wenn ich mir die bestsellerlisten ansehe gewinne noch sicherer den eindruck), die mit dem schicksal "altpapiersack" noch viel zu glimpflich davonkommen. nicht, dass ich nicht auch schon einmal den gang zum altpapierkontainer gegangen bin, um omas gaben - "du magst doch bücher so gern" - in form von uta danella und johannes mario simmel los zu werden. letztlich habe ich die last dann aber doch nur oben drauf gelegt - es kann ja sein, dass sich doch noch jemand dankbares findet. auch ist es nicht so, dass ich bücher in einem altpapiersack zum autodafé erklären möchte, aber, und während ich schreibe gleitet mein blick über meter meiner geliebten bücherchen, ich könnte es nicht übers herz bringen hier bestände zu dezimieren. schon gar keine geschenke, wie es ja wohl eindeutig aus dem text hervorgeht!!!! naja, jeder wie er mag - vielleicht könnte man mir ja bescheid geben, dann entsorge ich das altpapier

4. büchewurm 04.01.2008 18:58h

Also, ich wundere mich nicht, dass das arme Buch sich versteckt, und möge es noch lange unentdeckt bleiben! Schließlich ist es doch kein allzu großes Opfer, des Abends das Bett von vorne zu besteigen, weil sich an den Seiten die Bücherstapel breitmachen. Wohlgemerkt, Bücher, die ich noch lesen möchte, schon angelesen habe, oder auch solche, die mir wohlmeinende Autoren geschenkt haben.
Aber Bücher zum Altpapier geben? Dazu komme es nie!
Stellen Sie sich nur vor, Herr Klein, jemand würde so mit Ihren Werken verfahren!!?

5. Kara 06.01.2008 16:37h

Ich finde Bücher wegwerfen grausam. Weder das Papier noch der Einband tragen Schuld an der Differenz zwischen meinem Geschmack und der Kunstfertigkeit des Autors oder seinen Interessen.
Ich sehe ein, dass nicht alle Bücher in jeder Wohnung Platz finden, verfolge darum allerdings folgende Regeln:
1. Ich wünsche mir Bücher, die ich großartig finde, anstatt meine armen Mitmenschen raten zu lassen was mich begeistern könnte.
2. Sollte sich doch ein Buch in meinen Haushalt verirren, dass ich unbedingt loswerden will, dann verschenke ich es an jemanden, der daran Freude hat. Da hat sich bis jetzt immer jemand gefunden. Manche Bücher dürfen auch in meinen Regalen auf ein passendes Herrchen warten.
3. Bücher, die aus Platz- oder aktuellen Interessensgründen nicht in meine Regale dürfen, warten in Kisten auf den Tag, an dem ich in eine größere Wohnung ziehe oder die Regale platzschaffend umsortiere.
Die Welt ist schlimm genug - meine Bücher dürfen bleiben.

6. G.H. Holländer 04.02.2008 22:14h

völlig richtig, maximal drei meter bis zur decke reichen, nach möglichkeit ohne versteckte nester in der zweiten reihe. der arbeitsapparat steht woanders und fluktuiert sowieso.

ein buch hat den letzten sommer noch als fliegenklatsche gedient und war schließlich blutverkrustet und w9indelweich geprügelt. das war gesunde rache.

für städter gibts ansonsten antiquare; der altpapiersack kommt nicht in frage. rache ist nur im ausnahmefall nötig.

nebenbei: nur wer selber schreibt, rechnet mit allem.

7. Ulf Henniges 05.02.2008 18:21h

Herr Klein ist ein Meister der Provokation. Er hat eine öffentlich-geheime und diebische Freude an Übertreibungen und spielerischen Formulierungen.. Und wie den Kommentaren zu entnehmen, springen wir wunderbar darauf an. Nach einer Lesung hatte ich das Vergnügen, einige Stunden mit ihm und den Buchhändlern zu verbringen. Die Arroganz seiner Worte möge man verzeihen, in Wirklichkeit ist er ein netter Kerl. Wer seine Literatur nicht kennt, sollte auch dieses ganz-halb-viertel-achtel... ernst gemeinte Statement im Börsenblatt weder überschätzen noch persönlich nehmen. Und so viele schlechte Bücher können bei ihm nicht stehen, sonst wäre es schon bedauerlich. Auch die Freunde, die sich bei der Hausbegehung nach ihrem Geschenk umsichtig machen, dürften die literarischen Präferenzen des Hausherrn nicht richtig einschätzen und somit beim nächsten Mal vielleicht lieber einen Wein schenken.

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