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Brockhaus startet im April breite Online-Offensive

Ein mutiger Schritt nach vorn und eine Kehrtwende, die die Branche wie ein Paukenschlag überraschen wird: B. I. & F. A. Brockhaus (Bifab) stellt seine komplette, multimedial aufgerüstete »Brockhaus Enzyklopädie« ab 15. April frei ins Internet – unter der bekannten Adresse www.brockhaus.de. Damit ändert das Traditionshaus seine Print-Online-Strategie radikal. Mehr zu den Gründen lesen Sie im Exklusiv-Interview mit Bifab-Vorstand Marion Winkenbach und Sigrun Albert, der neuen Leiterin der Online-Redaktion in Leipzig. VON ROE

Hat die Erwartungen nicht erfüllt: Die 21. Auflage der »Brockhaus Enzyklopädie«

Hat die Erwartungen nicht erfüllt: Die 21. Auflage der »Brockhaus Enzyklopädie« © Nicole Hoehne

Mit dem neuen Webauftritt zieht Brockhaus die Konsequenz aus dem 2007 massiv eingebrochenen Geschäft mit klassischen Nachschlagewerken (A-Z-Lexika). Der Markt hätte sich schneller gedreht als erwartet, so Bifab-Vorstand Marion Winkenbach. Hauptursache sei das veränderte Mediennutzungsverhalten der Käuferzielgruppen – vor allem der Generation unter 30, die (nur noch) im Netz lebt. Es sei fraglich, ob es unter diesen Umständen noch eine 22. Auflage der Brockhaus Enzyklopädie geben werde, so Winkenbach. Die negative Umsatzentwicklung bei den klassischen A–Z-Nachschlagewerken und auch bei den digitalen Nachschlagewerken wie „Brockhaus multimedial“ werde sich weiter verstärken, teilt Brockhaus mit. Bereits im abgelaufenen Jahr sorge diese Entwicklung für erhebliche Probleme beim Mannheimer Verlag. Zwar stehe die Bilanz für das Jahr 2007 noch nicht fest, doch zeichne sich ein Verlust in der Größenordnung von mehreren Millionen Euro ab. Die Verlagsleitung denke deshalb über umfassende Kostensenkungsmaßnahmen nach. Offiziell zu sehen gibt es derzeit noch nichts, doch so viel steht fest: Die von der neuen Leipziger Online-Redaktion unter der Leitung von Sigrun Albert (früher Redaktionsleiterin von Brigitte.de und YoungMiss.de) für www.brockhaus.de überarbeiteten und aktualisierten Einträge der »Brockhaus Enzyklopädie« umfassen rund 300.000 Stichwörter, die in größerem Umfang als bisher auch tagesaktuelle und medienrelevante Themen (zum Beispiel bei Pop- und Rockmusik) spiegeln. In die Online-Substanzen fließen zudem Inhalte der Brockhaus-Themenlexika ein. Ähnlich wie bei der digitalen Version der »Brockhaus Enzyklopädie« (auf USB-Stick und DVD) oder beim »Brockhaus multimedial Premium 2008« sind in den neuen Online-Auftritt www.brockhaus.de zahlreiche multimediale Funktionen und Inhalte integriert. So finden sich zu vielen Einträgen neben umfangreichen Bildergalerien Video- und Audiosequenzen, Diagramme und Karten. Für eine spätere Version ist zudem – wie beim aktuellen »Brockhaus multimedial« – eine mp3-Vorlese- und Download-Funktion für alle Artikel geplant. Auch die Suchfunktion soll in einem weiteren Schritt optimiert werden: Dann will Brockhaus, wie bei der »Brockhaus Enzyklopädie digital«, die so genannte natürlich-sprachliche Suche einführen, die die Begriffssuche ohne Eingabe des gesuchten Stichworts ermöglicht – durch Eingabe eines Fragesatzes (nach dem Muster: »Wie hieß das schwerste Landlebewesen aller Zeiten?«). Wikipedia – immer wieder als der große Konkurrent der »Brockhaus Enzyklopädie« gehandelt – liefert nicht die Vorlage für den neuen Web-Auftritt des Brockhaus. Die Community-Philosophie des offenen Informationsportals und die Brockhaus-Kultur des gesicherten Wissens passen nicht zueinander. Zwar sollen in einer späteren Produktversion auch Web 2.0-Elemente in die neue Plattform eingebunden werden, aber im Mittelpunkt stehe für das Brockhaus-Team die »genaue, relevante, geprüfte und nicht manipulierte Information«, so Pressesprecher Klaus Holoch. Man wolle sich deutlich von der Mitmach-Plattform Wikipedia abgrenzen – auch um den Markenkern von Brockhaus klar zu konturieren. Zielgruppe des neuen Online-Auftritts sind nicht nur Menschen unter 30, sondern die aus der aktuellen Sinus-Studie vertrauten Etablierten, die modernen Performer, die Postmateriellen sowie Studenten und Schüler. Der Verlag plant für Herbst 2008 ein werbefreies und kostenloses Online-Angebot für Schulen, damit auch die Schüler und Lehrer im Unterricht auf sichere Informationen zurückgreifen können. Refinanziert wird das komplette Internet-Angebot durch »Werbevermarktung im Zusammenspiel mit vielen Content-Partnern und einem exklusiven Medienpartner«, so Marion Winkenbach. Näheres soll auf einer Pressekonferenz im April bekannt gegeben werden. Der Paradigmenwechsel bei Brockhaus wird möglicherweise bei anderen Anbietern von Nachschlagewerken und Fachinformation Nachahmer finden. Dies wird um so wahrscheinlicher, je schneller sich das neue Angebot der Mannheimer Verlagsgruppe bei Kunden und Nutzern durchsetzt.

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8 Kommentar/e

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  • René Kohl

    René Kohl

    Schade!
    So sehr wir das Internet als Medium schätzen, für unseren Online-Handel und als Recherche-Quelle nutzen, so sehr bedauern wir die Entscheidung des Verlags.
    Es wird ein großer Verlust für den Buchhandel (bei uns auch in der Kasse, wo beide Produkte, die gebundene wie die digitale, es gut haben klingeln lassen, vor allem aber in unseren Buchhändlerseelen, die dem Flaggschiff des Buchmarktes nachtrauern werden.)

    Und spannend!
    Werden die Zielgruppen das "gesicherte Wissen" von Brockhaus auch im Internet in dem Maße suchen, wie sie es als gebundene Ausgabe schätzen?
    Will man im Internet überhaupt "gesichertes Wissen"? Oder nimmt man sich hier was und da was und fragt im Zweifel erst hinterher, wie zuverlässig die Quellen waren?
    Führt der Online-Gang zu einer Stärkung oder Verflüchtigung der Marke Brockhaus, für die der Buchhandel jetzt deutlich weniger wird tun können?

    Und mal sehen!
    Wir haben den Brockhaus gut verkauft, das Geo-Themenlexikon aber sehr gut (klar, andere Preisklasse, aber da war noch etwas anderes...).
    Vielleicht will das Publikum des Jahres 2008 auch etwas weniger Lederrücken und Goldschnitt, dafür etwas größere Bilder, farbige Grafiken, Abwechslung, natürlich auch digitale Bilder und Töne und ruhig, warum denn nicht, auch in gedruckter Ausgabe etwas "tagesaktueller und medienrelevanter".
    Wir wünschen uns ein weiteres Enzyklopädie-Projekt; weniger Bände, vielleicht mehr themen, weniger teuer, dafür herstellerisch/gestalterisch/optisch ebenso auf der Höhe der Zeit, wie es dank redaktioneller Hochleistung (und Online-Update-Garantie) inhaltlich schon war.
    Wir geben die gedruckte Brockhaus Enzyklopädie noch nicht verloren!

    Die Kohlibris aus Berlin

  • Mathias Schindler

    Mathias Schindler

    Rene, ich gebe die gedruckte BE auch nicht verloren. Ein gedrucktes Lexikon hat Statuswert, Unterhaltungswert und ist mitunter auch dekorativ für die Wohnung oder das Ego. Insofern wären auch Brockhaus-Telefonbücher mit Goldschnitt und Halbleder verkäuflich gewesen.

    Als Arbeitsinstrument ist es dann doch eher beschränkter und bleibt hinter anderen Medien zurück. Mal sehen, ob BIFAB aus seinen Fehlern lernt und hilft, die Inhalte bei sich beständiger zu machen, was natürlich ein Zitieren erleichtern würde (unabhängig von der Frage, ob man das überhaupt tun sollte).

    Bis 2010 erwarte ich von BIFAB den Schritt zu einer (anfangs noch restriktiven CC-Lizenz).

  • Ralf Schneider

    Ralf Schneider

    Ich kann nur hoffen, dass alle Liebhaber des enzyklopädischen Wissens (auch und vor allem die Wikipedianer) den angekündigten Schritt im April und die darauf folgenden Monate aufmerksam beobachten werden. Häme ist hier keinesfalls angebracht, sondern vielmehr erhöhte Wachsamkeit. Ein 'Brandungsfels' wie die Brockhaus Enzyklopädie wird nun von der Werbeindustrie und finanzstarken Medienkonzernen abhängig werden. Eine wenig verheißungsvolle Allianz für eine bisher als integer geltende Zunft. Auf dem 'Wissensmarkt' wird damit eine neue Runde eingeläutet werden.

  • Colombo

    Colombo

    Das Internet ist nicht einfach ein billiges Ersatzmedium für den Buchdruck, sondern ein Kommunikationsmittel, dass vom Mitmachen, der Interaktion lebt. Daher wird Brockhaus im Netz nie so erfolgreich sein, wie Web 2.0 Formate ala Wikipedia, die das Medium Internet konsequent bedienen.

  • Orlando

    Orlando

    Und das ausgerechnet mit einer ehemaligen Redaktionsleiterin von Brigitte.de und YoungMiss.de an der Spitze. Oh Brockhaus, wie tief bist Du gesunken.

  • Frithjof Klepp

    Frithjof Klepp

    Wenn die FTD heute von einer Kapitulation spricht, hat sie
    leider zum großen Teil recht. Wieso so radikal und absolut? Und gleichzeitig mit der Entlassung von 50 Mitarbeitern wirkt so eine Nachricht nicht sonderlich mit strategischem Augenmaß getroffen.

    Damit werden große Teile des Lexikonsortiments für den Buchhandel obsolet, die Frage ist, wann Wörterbücher und Duden folgen...

    Ein Zurück zu Paid-Content wird nach so einem Schritt auf jeden Fall kaum möglich sein.Was sehr bedauerlich ist, da der Eindruck erweckt wird, recherchiertes, hochwertiges Wissen kostet nichts. Ganz abgesehen von der Entwicklung, dass Werbekunden bestimmt interessierter an wohlmeinenden Artikeln als an unabhängigen oder sogar kritischen Inhalten sind...

    Und die Marke Brockhaus hätte nach 200 Jahren Markenbildung Besseres verdient...

  • Orlando

    Orlando

    Jedenfalls was die Wikipedia betrifft, dürfte es mit der Unabhängigkeit und den kritischen Inhalten bald vorbei sein.

    Habt ihr schon mitbekommen, dass Wikipedia seit gestern in das neue Spiegel-Online-Portal spiegel.wissen.de eingebunden ist?

    Spiegel Online will offenbar u.a. mit Lexika möglichst viel Traffic generieren, um an Werbekunden zu kommen. Aber abgesehen davon, dass ich nicht verstehe, wie sich ein Privatunternehmen dazu einfach ein Open-Source-Produkt wie die Wikipedia aneignen kann: Wenn der Content von Wikipedia schon für kommerzielle Zwecke genützt wird, müssten doch eigentlich auch die Autoren nach meinem Dafürhalten nachträglich eine Vegütung dafür erhalten. Oder sehe ich das falsch?

  • Mathias Schindler

    Mathias Schindler

    Hi Orlando,

    also. Inhalte unter wikipedia.org stehen unter einer Lizenz, die von Anfang an die (auch kommerzielle) Nutzung von Inhalten auch an anderen Orten erlaubt. Das ist ja gerade der Gedanke von Open Source / Free Software / Free Content. Es ist genauso gut möglich, im Rahmen der Lizenz und unter Berücksichtigung der Lizenzbestimmungen aus den Inhalten etwas völlig neues zu machen, beispielsweise ein News-Lexikon-Mashup.

    Firmen, die Wikipedia-Inhalte kommerziell nutzen, werden schnell erkennen, dass sie ein sehr direktes Interesse am Wohlergehen von Wikipedia haben und sich daher fragen sollten, wie sie Wikipedia unterstützen können. Das kann der Rückfluss an redaktioneller Arbeit sein, die Entwicklung und Spende von Software oder auch schnödes Geld.

    Brockhaus hat das ja auch teilweise gelernt, als sie "unsere" MediaWiki-Software angefangen haben zu nutzen. Auf Nachfrage ging auf der vorletzten Buchmesse ein Manager von BIFAB on record, dass sie Änderungen an MediaWiki publizieren werden, wie gehabt unter GPL (was ja bei Webanwendungen so nicht zwingend nötig ist, weil die Software ja nicht vertrieben wird, siehe Affero GPL).

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