13.02.2008
Autor: Ingo Daudert
Rubrik: Fragebogenaktion
 

Fortschrittsbewusst wie die absolute Majorität der Azubis

Ingo Daudert© Sigrid Stange

Ich bin Buchhändler geworden, weil ich Bücher liebe. Ich Interessiere mich weder für neu Medien, noch kann ich mich für kaufmännische Vorgänge besonders erwärmen.

Doch das ist nur meine private Meinung und - man ist doch professionell - hat wenig bis gar nichts mit meinem Beruf zu tun.
Ich erinnere mich an viele verklärte Blicke mit denen ich immer dann bedrängt wurde wenn ich sagte: Ja, ich werde Buchhändler. Oft reagiert mein Gegenüber dann (mit einem romantischen Funkeln in den Augen) indem er/sie sagt: Hach, das wollte ich auch immer werden!
Dieser Verzückung des Leihen liegt ein Grundsätzliches Missverständnis zugrunde. Es ist dies das Bild vom verschrobenen Büchernarren dessen Hauptaufgabe darin besteht sich angenehme Lektüre zu Gemüte zu führen (und obendrein dafür bezahlt wird).
Die Tatsächlichen Zustände im Buchhandel sehen natürlich ein wenig anders aus!
Das Wissen des Buchhändlers ist weit wie das Meer, jedoch nur Zentimeter tief! Er kann mit allen Arten von Menschen aus allen Gesellschaftlichen Schichten kommunizieren, verfügt über Multimediale Fähigkeiten, er recherchiert mit allen nur erdenklichen Mitteln (Telefon, Internet, Fax u.s.w.) und die Mehrzahl von uns ist in der Lage gewaltige Mengen an Informationen dem gemeinen Kunden in verständliche Häppchen zu verpacken.
Ich darf also behaupten privat bin ich ein Anachronismus, beruflich jedoch so Fortschrittsbewusst wie die absolute Majorität der Azubis!

10 Kommentare

1. Georg14.02.2008 11:42h

so siehts aus! schön ist es ja auch sich überhaupt zu engagieren und nen blogg zuschreiben, das beinhaltet ja auch den umgang mit neuen medien :D

2. René14.02.2008 17:19h

Ich bin heute auf die Seiten im Börsenblatt gestoßen, auf denen die Beiträge der Autoren dieses Blogs veröffentlicht wurden.
Ganz ehrlich gesagt, kann ich der ganzen Diskussion keine abschließende Aussage entnehmen.
Sind Buchhändler nun wirklich konservativ?
Verachten wir neue Medien?
Ich bin selbst Azubi und mein Eindruck:
In meiner Klasse sind Leute mit Realschulabschluss, Hochschulreife und Studienabgänger im Alter von 20 bis 30, wir benutzen moderne Handys, jeder 2. im Internat hat seinen Laptop bei und wir gehen auch gern feiern.
Fragt sich wie wir wohl nicht den Durchschnitt der deutschen Jugendlichen mit diesen Gewohnheiten darstellen?
Wir sind alle zum größten Teil Buchhändler geworden, weil uns der Umgang mit Mensch, auch wenn sie als Kunden manchmal sehr speziell sind, Spaß macht, und wir auch dem kaufmännischen Bereich zusprechen.
Und natürlich macht uns die Arbeit mit Büchern Spaß.
Diese 3 Sachen sind der Grundstein, worauf die Berufswahl basieren sollte und der Aspekt der Liebe zu den Büchern macht demnach nur ein Drittel aus.
Der mausgraue Buchhändler, der gern mit seinen Büchern ein Zwiegespräch führt und sich am besten die Kunden aussucht, denen er jenes oder solches Buch verkauft, je nach Eindruck wird nicht mehr lange überleben und sich in die Bibliotheken oder verstaubte Antiquariate verziehen, denn der Buchhandel muss, um erfolgreich bestehen zu können genau wie jede andere Branche stärker Kundenorientiert werden.
Neue Medien und fortschrittliches Denken und Handeln sind unabdingbar, so schade es sein mag, aber mit der Liebe zu den Büchern wird man in Zukunft nicht mehr glücklich werden.
Dies ist aber nicht meine persönliche Meinung, sondern nur eine Einschätzung der momentanen Lage.
Konservativ sind Buchhändler meiner Ansicht nach in ihrem moralischen und politischen Verständnis, zumindest in den kleinen Buchhandlungen, in Kleinstädten usw.
Der Buchhändler ist ein traditionell kleinbürgerlicher Beruf und das schlägt sich zu einem großen Teil auch in der Meinung nieder, auch wenn BH dazu neigen, unpolitisch zu sein, wie ich feststellte.
In Großbuchhandlungen und bevölkerungsreicheren Städten hingegen ist das Verhältnis, wie in allen anderen Bereichen auch, sehr gemischt, was das angeht.
Und bibliophil=konservativ halte ich für gewagt.
Fazit: Der Buchhandel ist auf dem Weg in die Moderne, WWS, Bestellprogramme, Fax, Telefon, Handy, E-Mail, Internetpräsenz, verstärkte Kundenorientierung nach modernen Maßstäben.
Wer da noch konservativ ist, oder das Buch und seinen Handel als gesondert von den sonstigen Medien ansieht, wird am Profitverlust unweigerlich kaputt gehen oder unglücklich werden.

Mit freundlichen Grüßen

René

3. Katharina Herbst15.02.2008 14:28hhttp://twitter.com/ktfall

Ich habe auch eine Buchhändler-Ausbildung vor dem Studium (Verlagswirtschaft in Leipzig) gemacht und kann durchaus verstehen, dass die Azubis sich hier zu Wort melden und gegen das Bild eines medien- und betriebswirtschaftlich uninteressierten Bücherwurms wehren. Allerdings haben "normale" Menschen (ja, Buchhändler sind etwas Besonderes!) von diesem Beruf - wie Ingo oben schon schrieb - ein verklärtes Bild. Dazu kurz ein Zitat aus Herrn Gollhardts (!) Artikel (http://www.boersenblatt.net/180062/), wie der Buchhandel nach außen wirkt - er weiß also um diesen Fakt: "Hier lockt das Image eines kulturellen Naturschutzparks, in dem man geschützt ist vor Neuerungen und so profanen Dingen wie kaufmännischen Anforderungen."
Ich kann vielen meiner ehemaligen Mit-Azubis in der Buchhändlerschule bescheinigen, dass sie die wirtschaftliche Seite der Bücher durchaus mitgerissen hat. Aber ist das denn das Einzige, was zählt? Wir brauchen auch diejenigen unter den Buchhändlern, die mit Leidenschaft Bücher lesen, denn sie verkaufen sie auch besser. Darum muss ich Rene widersprechen: "mit der Liebe zu den Büchern wird man in Zukunft nicht mehr glücklich werden" - Ohne diese Liebe wird der Buchhandel nicht überleben. Egal was die Zahlen sagen.

4. René15.02.2008 17:21h

Das war dann wohl etwas unklar ausgedrückt, ich dachte, das wird aus dem zuvor Gesagten deutlich, aber ich meinte mit der alleinigen Liebe zu Büchern wird man nicht glücklich im Handel.
Ich selbst finde ein Leben ohne Bücher für mich nicht lebenswert.

Gruß

René

5. Thommen23.02.2008 20:27h

Ich bin jetzt 58 Jahre alt und habe seit 31 Jahren einen schwulen Buchladen in Basel. Während meiner Ausbildung zum Verlagsbuchhändler (1968-71) habe ich leider nur am Rande von kaufmännischen Regeln im Buchhandel etwas mitbekommen... Ich denke, dass es heute zuvorderst stehen sollte. Aber wer glaubt noch wirklich daran, dass Buchhändler einen eigenen Laden aufmachen sollten????
Ganz zu schweigen von den immensen Lagerkosten, die ein internetshop so nicht hat, aber es ist schick, sich ein Buch zusenden zu lassen, sogar aus dem Ausland und mit Zollbehandlungskosten...
Nach meiner Erfahrung nutzen vor allem die Frauen den Büchermarkt. Männer glauben nicht, dass sie sich noch weiter bilden könnten...

6. Christian Spließ07.03.2008 00:41hhttp://log.netbib.de

Ich protestiere an dieser Stelle ausdrücklich gegen das Bild der verstaubten Archive, lieber Rene. Und Bibliotheken sind auch alles anderes als das heutzutage. Die Anforderungen an den Beruf der Bibliothekare und der Buchhändler sind gar nicht so weit voneinander entfernt. Wie man heutzutage noch das Klischee des "mausgrauen" Bibliothekars pflegen kann ist mir schleierhaft. Es mag solche Kollegen und Kolleginnen noch durchaus geben, aber dennoch würde ich raten mal ab und an einen Blick über den Tellerrand zu werfen. Vielleicht mal ins Netbib-Blog?
Ad Astra

7. René11.03.2008 12:37h

Das mag falsch rüber gekommen sein, ich weiß, dass Bibliotheken moderne, kundenorientierte Einrichtungen sind, wir arbeiten als Buchhandlung ja selbst mit ihnen zusammen, aber es gibt definitiv noch archivarische Bereiche, an die andere Anforderungen gestellt werden und in denen man sich wirklich zurückziehen kann, wenn einem danach sein sollte...mir ging es aber im Wesentlichen nicht darum, irgendwelche Vorurteile über Bibliothekare/Innen zu stärken, sondern eher um die Kleinkrämerseele in seinem erdfarbenen Buchladen...

8. Markus Lehr26.03.2008 11:42h

Eines wird durch den Beitrag auf jeden Fall klar: Buchhändler können nicht mehr schreiben.

1. "neue Medien"
2. Es heißt "der Laie"
3. grundsätzlich ist ein Adjektiv und wird klein geschrieben
4. Vermischung von Präsens und Präteritum
5. tatsächlich wird klein geschrieben
6. gesellschaftlichen wird klein geschrieben
7. multimediale wird klein geschrieben
8. fortschrittsbewusst wird klein geschrieben

Interpunktion ist auch eine Katastrophe. Oje!
Ein wenig Lektorat würde dem Börsenblatt ganz gut tun!
Einen schönen Tag noch

9. Markus Lehr26.03.2008 11:46h

Tut mir leid, aber ich habe etwas vergessen. Ein Buchhändler, der sich nicht für neue Medien interessiert, hat in dieser Branche nichts mehr verloren!

10. Chris07.05.2008 11:21h

@ Markus Lehr:
Ah, da ist jemand, der mir aus der Seele spricht!

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