»Der Whisky ist ziemlich gut«
Die Buchhandlung Phil in Wien hat einen Vorteil: Sie ist eine Kneipe. Umgekehrt kann man es natürlich auch ausdrücken: Das Phil hat gegenüber den windigen Kaschemmen, in denen ich sonst einkehre, den Vorteil, dass man darin Bücher kaufen kann. Überhaupt ein progressiver Laden: Die Einrichtung ist secondhand und ebenfalls zu kaufen. Wenn man an dem wackeligen Stühlchen, auf dem man sitzt, Gefallen findet, kann man es bezahlen und gleich mitnehmen, und das gilt auch für die Tische und die Sofas und die Lampen.
Ich bin jemand, der nach Möglichkeit niemals Geschäfte besucht, ich versuche sogar den Gang zum Supermarkt so lang wie möglich hinauszuzögern, weil mir das meiste, was ich in der Zeit zwischen dem Verlassen und dem Wiederbetreten der Wohnung zu sehen bekomme, auf eine langweilige Weise unerfreulich erscheint. Am grässlichsten sind wohl die Minuten in der Schlange an der Kasse, denn wohin man sieht: Unsinn. Dinge, die man nicht braucht und nicht will. Kaugummis, Bonbons, fragwürdige Zeitungen, Einkaufstüten, also: Langeweile. In einem Elektrogeschäft oder einem Schuhladen ist das auch nicht anders, für niemanden, behaupte ich mal, wahrscheinlich nicht einmal für einen Hypochonder in der Apotheke. Sich an der Kasse anzustellen bedeutet, sich entweder der Meditation hinzugeben oder mit wachsendem Unmut Dinge anzustarren, die man nicht besitzen will (und dann trotzdem kauft).
In einer Buchhandlung ist das anders. Hier kann ich lange warten. Das meiste, was es zu sehen gibt, will ich haben oder zumindest mal betrachten, oder vielleicht macht mich der Anblick schwermütig, egal, langweilig finde ich es jedenfalls nicht. Das scheint mir der Unterschied zwischen Buchhandlungen und allen anderen Läden zu sein: Nicht einmal beim Schlangestehen fühlt man sich unwohl.
Im Phil steht man allerdings selten Schlange, zumindest was den Bücherkauf betrifft, der geht ruck, zuck, die Person, die neben dem Eingang Musik auflegt, ist gleichzeitig der Kassier. Auf den Kellner kann man schon mal eine Minute warten, wenn es voll ist, aber das stört niemanden, in den Regalen stehen Bolano, Capote, Denis Johnson, Werner Herzog, es gibt Kubrick-Biografien, CDs von Arcade Fire und Yo La Tengo, Zeitschriften, Raritäten, da findet man immer einen Zeitvertreib.
Überdies ist das Lokal rauchfrei. Wegen der Bücher. Für jemanden wie mich, der früher 80 Zigaretten täglich geraucht hat und heute daher aufgrund gewisser Beeinträchtigungen der Atmungsorgane zu Tabak ein ungefähr so entspanntes Verhältnis hat wie der Papst zu Kondomen, ein wichtiges Argument. Anders als in weiten Teilen der Welt darf man in Österreich in der Kneipe noch rauchen, was dazu führt, dass Leute wie ich, die schon aus dem Husten nicht rauskommen, wenn fünf oder sechs Tische weiter gequalmt wird, nicht wissen, wohin sie am Abend mit Freunden gehen sollen. Seit es das Phil gibt, kann man in die Buchhandlung gehen. Bis ein Uhr früh. Der Whisky ist ziemlich gut.
(aus: Heft 7/2008)
Hier gehts zu den übrigen Lieblingsbuchhandlungen:
[...] Tags: Thomas Glavinic


1 Kommentare
Herr Glavinic stellt eine Lieblingsbuchhandlung vor, die alles ist. Nicht nur Buchhandlung, sondern auch Treffpunkt. Nicht nur Mainstream, sondern durch ein individuelles Gefüge geprägt.
Nach dem Artikel von Herrn Glavinic habe ich mich auf die lange "Internetreise" in das "Reich des Phil" begeben. Nach 90-minütiger Analyse habe ich festgestellt, dass eine Buchhandlung, nein eher ein Treffpunkt wie dieser der deutschen Buchhandelslandschaft fehlt.
Jaaaa, werden die eingefleischten und gradlinigen Buchhändler sagen: "Das ist so `nen halbalternatives Ding, da wird Whiskey getrunken, das können wir auch."
Aber genau das ist es was unserer Buchhandelsgesellschaft fehlt. Die innovative, unkomplizierte, wohnliche, menschliche, verrückte Welt.
Eine Buchhandlung, die zugleich Kneipe ist. Wo ein Flipper steht, die verschiedene Sorten von Tapeten an der Wand hat, die NICHT an jeder Stelle gleich aussieht, die alte Möbel hat die man kaufen kann wenn man will, wo ein Autor einfach kommt und für alle liest, wo man Raritäten in jeder Hinsicht findet.
Gewiss, das ist nur was für die Großstadt, wo die Menschen noch multkulti sind, wo die Menschen der dörflichen und kleinstädtischen Kleinkariertheit trotzen.
Wenn die Großen schon langweilig und unpersönlich wirken und es auch sind, dann liegt in der Machart des phil in Wien die Zukunft der kleineren Buchhandlung im dörflichen und kleinstädtischen Bereich.
Nur ein bisschen davon reicht. Ein bisschen Verrücktheit und ein bisschen Individualität!
Das ist wahre Unabhängigkeit. Unabhängigkeit ist nicht die Mitgliedschaft in einem unabhängigen Verbund oder Vergand. Unabhängigkeit ist Individualität und die Freiheit anders zu sein.
Das gefällt mir sehr. Schade das ich aus diesem Grund nicht in Wien wohne. Im übrigen ist die Website auch besuchenswert!
Sehr schöne Beschreibung Herr Givinic. Hat mir sehr gut gefallen
Jörg Jahn-Meyer
Inhaber The Book Buchhandlung Stolzenau
Inhaber The Book Buchhandlung Liebenau