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»Der Appetit nach fundiertem Wissen bleibt«© Nicole Hoehne

Michael Roesler-GraichenMichael Roesler-Graichen© Nicole Hoehne

15.02.2008Kommentar

»Der Appetit nach fundiertem Wissen bleibt«

Hat das Print-Lexikon keine Zukunft mehr? Nach der Ankündigung von Brockhaus online und dem Start von Spiegel Wissen scheinen gedruckte Universallexika ausgespielt zu haben. Gleichzeitig ist die Diskussion über die Folgen des Exodus aus der Gutenberg-Galaxis voll entbrannt. Was die aktuelle Entwicklung für die Wissenskultur und das Buch bedeutet, kommentiert Börsenblatt-Redakteur Michael Roesler-Graichen.

Sarkasmus, heißt es in der 21. Auflage der Brockhaus Enzyklopädie, sei »beißender, verletzender Spott, Hohn«. Eben damit wurde die ehrwürdige Marke von einigen Kommentatoren und bissigen Bloggern überzogen, als die Nachricht von der Online-Offensive des Mannheimer Unternehmens bekannt wurde. Von »letzten Zuckungen« einer Traditionsmarke war die Rede, davon, dass »Brockhaus am Ende ist. Punkt.«

Doch ist der Strategiewechsel, ob nun längst überfällig, verspätet oder zum »richtigen Zeitpunkt«, wie Brockhaus kommuniziert, nur eine präsuizidale Verzweiflungstat? Oder ist es nicht doch möglich, dass Brockhaus online zu einer ernstzunehmenden Konkurrenz für Wikipedia, Spiegel Wissen und weitere Wissensplattformen heranwächst? Wer Einblick in das neue Projekt nehmen konnte, wird feststellen: Hier wird nicht mit offenen Plattformen oder Betaversionen experimentiert, sondern ein Wissensfundus aufbereitet, der hohe Maßstäbe an Qualität und Relevanz anlegt.

Der publizistische Spießrutenlauf, dem Brockhaus nun von Teilen der Presse ausgesetzt ist, war vorhersehbar – klingen doch in den Ohren der meisten Kommentatoren noch die Lobeshymnen nach, die Brockhaus beim Start des Enzyklopädie-Projekts gesungen hatte – am sinnfälligsten während der Sprechgesang-Performance auf der Frankfurter Buchmesse 2005. Nun sind die Vorschusslorbeeren längst welk.

Viel wichtiger als die Frage, ob Brockhaus die Entwicklung in der Medienwelt verschlafen hat, ist jedoch die Frage: Welche Folgen hat der Tod des klassischen Lexikons für die Wissenskultur – und für das Buch?

1.) Es werden künftig Referenzwerke fehlen, die Auskunft geben über den Wissensstand einer Kultur und einer Gesellschaft zu einem bestimmten Zeitpunkt. Gedruckte Enzyklopädien dokumentieren den jeweiligen Stand der Wissensbildung und den Wissenskanon einer bestimmten Zeit. Sie waren Zäsuren in der Wahrnehmung des gesammelten Wissens einer Ära, einer Epoche – später, im 20. Jahrhundert, nur noch einer Legislaturperiode. Im Zeitalter der Online-Lexikonplattformen gibt es jedoch nur noch Artikelversionen. Ab und zu wurde etwa der aktuelle Stand von Wikipedia auf einer CD-ROM dokumentiert. Doch die Artikel waren jeweils auf einem höchst unterschiedlichen redaktionellen Stand. Und kaum jemand machte von dieser Art der Wissensdokumentation Gebrauch.

2.) Die durch die beschleunigte Netzkommunikation erzeugte Gleichzeitigkeit des verfügbaren Wissens – oder zumindest deren Illusion – lässt den gedruckten Wissensspeicher als obsolet erscheinen – zumal mit schrumpfenden Zeitbudgets die Frage nach der Dauer des Wissenszugriffs immer stärker in den Vordergrund gerückt ist. War vor zehn Jahren der Griff ins Regal schneller und im Ergebnis effizienter, ist es im Flatrate-Zeitalter ein Klick. Zudem befindet sich das gesammelte Wissen in einer »permanenten Revision« (in Abwandlung des bekannten Mao-Theorems). Die Umtriebigkeit in der Wissenswelt erzeugt den Eindruck, in der virtuellen Bibliothek bliebe – im Extremfall über Nacht – kein Wissensbaustein auf dem anderen. Der Umwälzungs-Koeffizient nähme bei der Wissensproduktion und –revision stündlich höhere Werte an. Ob das stimmt, und ob nicht der größere Teil unseres Wissens ziemlich stabil bleibt, müsste man prüfen. Richtig ist aber wohl die Beobachtung, dass der Wissenszuwachs nicht mehr stufenartig erfolgt, sondern stetig – auf einer nach oben offenen Parabel.

3.) Ob mit diesem Befund das Buch erledigt ist, ob man »Lexitus« attestieren muss (wie Hendrik Werner in der »Welt« vom 13. Februar), gilt noch nicht als ausgemacht. Denn mit einigem Abstand – wenn man sich einmal in den klassischen Lesesessel zurücklehnt, in dem man früher auch in gebundenen Lexikon-Schwarten geschmökert hat – wird man einen Appetit nach fundiertem, selbst erarbeitetem Wissen verspüren, der die vielen Online-Fastfood-Lieferanten alt aussehen lässt. Vielleicht mischt sich unter dieses Gefühl eines intellektuellen Vakuums sogar ein wenig Verdruss oder Abscheu gegen die sekundenschnelle Abfütterung mit Wissenshäppchen aus der Online-Mikrowelle. Und man kann nur hoffen, das Brockhaus mit seinem Online-Auftritt nicht der Versuchung unterliegt, dies nachzuahmen. Lifestyle hat nämlich nichts oder nur wenig mit dem Stil eines Zeitalters zu tun.

4.) Genau an dieser Stelle liegt die Stärke des Buchs: Es ist nicht nur – wie viele Internetplattformen – eine flache Wissenssammlung ohne jede Erkenntnishierarchie, sondern es eröffnet einen imaginären, mehrdimensionalen Raum, in dem sich der Leser im Idealfall selbst Orientierung verschafft, Strukturen aufdeckt und Netze spannt. Lesen in diesem Sinne – ob im Roman oder beim Blättern eines Lexikons – ist ein kognitiver Akt, ist Wissenserwerb, nicht nur flüchtige Wissenskonsumtion. Wissen durch lustvolle Anstrengung zu erwerben, wird aber auch für kommende Generationen ein Thema bleiben – besonders eindrucksvoll zu beobachten bei Kindern, die zwar schon das Internet nutzen und dennoch für die Faszination des Buchs, auch des gedruckten Kinderlexikons, empfänglich sind.

Für Brockhaus ist das gedruckte A-Z-Lexikon keine Option mehr, weil es sich nicht mehr verkauft. Aus dem Ende eines Geschäftsmodells zu schließen, Wissensbücher hätten sich überlebt, ist allerdings zu kurz gedacht. Eine Enzyklopädie, die den Wissensstand einer Zeit dokumentiert, bleibt notwendig, nicht nur aus historischen Gründen.

Brockhaus, und deshalb darf man auf den Start des Online-Auftritts gespannt sein, befindet sich allerdings in dem Dilemma, seinen traditionsgeprägten Markenkern in einem Umfeld zu bewahren, in dem die klassische Form des Wissenserwerbs nur noch wenig zählt. Das ist Chance wie Bürde zugleich. Bleibt zu hoffen, dass der Anspruch des großen Namens in der Zentrifuge des Internets nicht allzu schnell zerbröselt und für immer verfliegt.

roe

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6 Kommentar/e

1. Klaus Wrede 15.02.2008 11:14h

Kein Koffer im Brockhaus

Ich glaube nicht, dass man das Internet mit einem Buch (und sei es auch ein 24-bändiges Lexikon) vergleichen kann. Wenn schon, dann müsste man doch eher den Korpus elektronischer Information mit dem Korpus gedruckter Information vergleichen. Und da würde man vermutlich feststellen, dass nicht nur der Brockhaus gedruckt wird, sondern auch Pornohefte, die Bild-Zeitung und alle möglichen Traktate, die uns die Welt in mehr oder weniger zweifelhafter Weise erklären möchten.

Lassen Sie mich, um einige Unterschiede zwischen elektronischer und gedruckter Information deutlicher zu machen, ein kurze Geschichte erzählen.

Meine Tochter bekam vor einer Woche die Hausaufgabe, die ursprüngliche Bedeutung für verschiedene arabisch-stämmige Worte der deutschen Sprache (z.B. „Admiral“, „Tarif“ und „Koffer“) zu recherchieren. Daraufhin entspann sich folgender Dialog:

„Das ist doch ganz einfach! Das schlagen wir im Brockhaus nach.“
„Aber Papa, kann ich das nicht bei Wikipedia nachgucken?“
„Nein, wofür haben wir denn den Brockhaus! Schau mal, da stehen 24 Bände. Zwar ziemlich oben im Regal, aber du bist ja zum Glück groß gewachsen und kommst da auch ohne Leiter dran.“
„Bei Wikipedia könnte ich die Info ausdrucken oder rauskopieren ...“
„Schatz, ich weiß gar nicht, ob das überhaupt erlaubt ist. Und außerdem geht es doch nur um die ursprüngliche Bedeutung der Begriffe. Die kannst du doch auch eben rausschreiben.“
„Aber da muss ich ja tausendmal laufen. ‚Admiral’ steht in einem anderen Band als ‚Tarif’ und „Tarif“ in einem anderen Band als ‚Koffer’.“
„Das bisschen Bewegung wird dir schon nicht schaden!“

Also legten wir los und alles ging gut, bis wir zum „Koffer“ kamen. Im Brockhaus (20. Auflage) gibt es keinen „Koffer“. Es gibt „Kofferdamm“ und „Kofferfische“, aber eben keinen „Koffer“.

Also haben wir in der Wikipedia nachgesehen. Da gibt es „Koffer“ (kommt demnach vom arabischen „quffa“ gleich „Flechtkorb“).

Man glaubt ja gar nicht, wie triumphierend Elfjährige gucken können.

Aber stimmt der Wikipedia-Eintrag denn? Vielleicht gibt es das „quffa“ im Arabischen gar nicht? Wie kann ich da sicher sein?

Ich kann gar nicht sicher sein, aber darauf kommt es hier nicht an. Wenn mein Leben (oder eine Prüfungsnote) davon abhängt, werde ich alle wichtigen Fakten mehrfach prüfen, aber in diesem Fall war es nicht so wichtig.

Vielleicht weist die Brockhaus Redaktion ja morgen nach, dass Wikipedia falsch liegt und es „quffa“ im Arabischen gar nicht gibt. OK, aber übermorgen ist dann der Eintrag in Wikipedia vermutlich korrigiert, während es einen Brockhaus mit „Koffer“ vermutlich nie mehr geben wird.

Natürlich spricht das alles nicht gegen gedruckte Bücher. Es wird (hoffentlich) immer Bücher geben, schon deshalb weil das wunderschöne Sammelobjekte sind. Aber auch, weil ich die im Ohrensessel, im Bett, in der Badewanne und am Strand lesen kann. Der Klecks Sonnenmilch hinterlässt im Buch einen hässlichen Fettfleck – meinen Laptop könnte er ruinieren.

Aber für die Arbeit mit und den Erwerb von Wissen ist die elektronische Form in vielerlei Hinsicht besser.

Stellen Sie sich eine Zukunft vor, in der Sie ein Referat über die Geschichte arabischstämmiger Begriffe in der deutschen Sprache schreiben müssen. Dazu laden Sie sich relevante Dokumente aus verschiedenen Quellen (Universitäten, Verlage, Gesellschaften) über das Internet auf einen USB-Stick herunter. Auf diesem Stick ist ein Programm, das alle Dateien indexiert, damit Sie diese genauso leicht nach Stichworten durchsuchen können, wie Ihren eigenen Text, der auch auf dem Stick liegt und an dem Sie gerade arbeiten. Für große Wissensgebiete gibt es Fachthesauri, die Sie in die Suchmaschine auf Ihrem Stick integrieren können. Damit ist das Programm dann in der Lage, all die neuen Inhalte aus dem Netz automatisch zu ordnen und strukturiert anzuzeigen. Das Programm erlaubt es Ihnen natürlich auch, die Inhalte nach eigenen Kriterien zu gruppieren, einzelne Inhalte mit Anmerkungen zu versehen, oder Dokumente mit Links zu verbinden.
Ihren Stick können Sie leicht überall mit hinnehmen, auch wenn er viele tausend Seiten enthält. Ihr so gewonnenes Wissen können Sie mit Kollegen oder Auftraggebern teilen. Denn das wird in dieser Zukunft des Wissens natürlich erlaubt sein.

Wieviel einfacher und bereichernder wird die Arbeit mit Wissen in dieser Zukunft sein. Bei allem Respekt - das können Bücher einfach nicht bieten.

2. Bärbel V. 15.02.2008 12:09h

Das können sie doch nicht ernst meinen?!
Kein Brockhaus in Papier mehr, ein Dolchstoß für jeden Bibliophilen!!!

3. Brockhaus 15.02.2008 14:42h http://www.brockhaus.de

Welch ein genialer Marketing-Schachzug von Brockhaus.
Bessere Werbung für Lexika kann man nicht machen.

4. RF Meyer 15.02.2008 15:40h www.meyerbuch.com

Als wir, die paar Schüler, die noch am Religionsunterricht teilnahmen, einmal zu unserem Katecheten eingeladen waren, erblickte ich oben auf einem seiner Bücherregale die „Britannica“. Ich war beeindruckt, sowohl von der Menge der Bände wie von den Autoren: Freud, Swinburne, aus jedem natur- und geisteswissenschaftlichen Bereich flatterten mir Bekannte entgegen. Fortan war es eines meiner Ziele, eine „Britannica“ zu besitzen.
Einige Jahre später, während des Studiums, konnte ich für damalige Verhältnisse recht günstig eine gebrauchte erwerben, noch die mit den fast weißen Rücken, die nur durch Goldfileten und braune Streifen mit den Titeleien gegliedert sind; sie begleitete mich lange Zeit, bis bei einem Umzug der Platz zu eng wurde, denn die Handbibliothek des Antiquars nahm und nimmt immer mehr Raum ein.
Also wurde das große Nachschlagewerk durch die zahlreichen kleineren abgelöst.
Und so sehe ich auch die Aufgabe meiner Bibliothek: aus dem großen Meer des Wissens den kleinen Teich schöpfen, in dem ich und meine Interessen zu ihrer aller Nutzen schwimmen können.
Das Internetz überspült einen mit Informationen, die nur durch viel Vorkenntnis zu gewichten sind. Bei mir zuhause werden weniger brauchbare Werke nach Lesen und Weiterlesen durch bessere ersetzt; bisweilen verkaufe ich auch ein Buch, von dem ich Jahre später merke, daß es mich dermaßen beeinflußt hat, daß ich es wiederhaben muß.
Wir leben miteinander, ich weiß um die Verdienste der Bücher, bisweilen auch um die ihrer Autoren – andererseits hoffe ich, daß sie von mir nicht zuviel wissen, vielleicht wüßten sie dann mehr über meine Unzulänglichkeiten, als mir lieb ist.
Was ich damit sagen will: es ist ein Gespräch unter Bekannten und Freunden, dies Lesen und Wiederlesen der eigenen Bücher, und ein langsames Sich-voran-Arbeiten auf spiralförmigen Wegen.

5. AndreasPraefcke 15.02.2008 21:19h

"Wissenshäppchen" bietet doch zumindest zu spezielleren Themen wie Personen, kleineren Orten, Kunstwerken, Tierarten u. v. a. viel eher der Brockhaus als etwa die Wikipedia. Da steht oft genug nur drin, was man eh schon weiß, wenn man das nachschlägt. Hand aufs Herz: wer von denen, die den Untergang der 24bändigen BE betraueren, benutzt sie denn wirklich täglich? Oder vielleicht doch lieber die Wikipedia? Das Konzept gedruckter Enzyklopädien halte ich für keineswegs passé, aber das des gedruckten alphabetischen Konversationslexikons à la Brockhaus (mit eingearbeitete Ortsstatistik, Personenlexikon mit Porträtgalerie sowie Fremdwörterbuch): das ist nun wirklich toter als tot.

6. hansjoerg h 18.02.2008 11:27h

Allen Respekt dem Autor und auch dem Ersten und Vierten Kommentator. Ein kleiner Hinweis an den Autor: Bei Absatznumerierungen setzt man nur den Punkt hinter die Zahl, die Klammer stünde hinter Buchstaben als Zähler.

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