19.02.2008
Autor: Ronald Schild: MVB-Geschäftsführer
Rubrik: Wer ist der nächste Brockhaus?
 

Wer ist der nächste Brockhaus?

Das Ende der gedruckten Ausgabe der Brockhaus Enzyklopädie wurde in den letzten Tagen ausgiebig kommentiert. Über dem vielfältigen Meinungsaustausch zu redaktioneller Qualität, Geschäftsmodellen und Nutzerwünschen ging eine Frage praktisch völlig unter: Ist der Brockhaus bzw. die Gesamtheit der Enzyklopädien ein Einzelfall oder werden weitere Verlagsbereiche folgen?

Kaufen wir zukünftig überhaupt noch Wörterbücher, Schulbücher oder Fachliteratur in gedruckter Form? Oder vielmehr als eBook? Oder rufen wir nur noch einzelne Textpassagen und Kapitel direkt über das Internet ab? Bei diesen Fragen geht es nicht nur um die Darreichungsform; ganze Geschäftsmodelle stehen auf dem Prüfstand. Die Entscheidung von Brockhaus als Reaktion auf den Siegeszug von Wikipedia gibt einen Vorgeschmack auf das veränderte Marktumfeld, das uns möglicherweise erwartet.

Um es vorwegzunehmen: der Fall Brockhaus ist mit Sicherheit ein Sonderfall. Eine Internet-basierte Enzyklopädie ist einer gedruckten in vielerlei Hinsicht überlegen. Als Internet-Plattform kann sie minütlich aktualisiert werden, sie ist von überall her einsehbar und die Suche ist viel einfacher handhabbar. Dass sich die Internet-Enzyklopädie also durchsetzen würde, war seit langem offensichtlich. Fragt sich, was wohl passiert wäre, hätte Brockhaus schon vor zwei oder drei Jahren ein nutzerfreundliches, kostengünstiges Internetformat gestartet.

Lässt sich diese Erfahrung auf andere Verlagsbereiche übertragen? Eine detaillierte Betrachtung würde den Rahmen dieses Blogs sicherlich sprengen, daher hier nur einige Schlaglichter:

1. Belletristik: hat mit Enzyklopädien wenig gemein. Hier stellt sich eher die Frage, ob die Belletristikverlage es schaffen werden, rechtzeitig mit der wachsenden Popularität von elektronischen Lesegeräten wie dem Amazon Kindle oder dem Sony eReader nutzerfreundliche E-Commerce-Angebote zu realisieren. Oder ob die Leser es in Ermangelung derselben vorziehen, kopierschutzfreie eBooks illegal von Tauschbörsen zu laden.

2. Sachbücher: ein weites Feld, aber den Enzyklopädien nicht unähnlich. Auch hier kann der Effekt der branchenfremden Konkurrenz im Internet sehr anschaulich illustriert werden. Exemplarisch erwähnt seien das Weinportal weinplus.de (nach eigenen Angaben 100.000 registrierte Nutzer) oder das Kochportal chefkoch.de (400.000 Nutzer). Ob und in welchem Umfang solche Angebote den Verlagen Konkurrenz machen können, ist nach wie vor offen. Dass sie für Verlage eine Herausforderung sind, liegt allerdings auf der Hand.

3. Fachbücher: Fachcontent wird dem Vernehmen nach schon heute zu mehr als 50 Prozent online gelesen. Auch hier bietet die Online-Publikation viele Vorteile gegenüber dem gedruckten Werk: Geschwindigkeit, Kommentierbarkeit und Kopierfähigkeit sind nur einige davon.

Diese Liste ließe sich beliebig fortsetzen, die Erkenntnisse wären ähnlich. Das Beispiel Brockhaus zeigt erneut sehr eindrucksvoll, wie dringend und umfassend sich Verlage mit den Themen Digitalisierung und Internet auseinander setzen müssen. Dabei spielt die Frage, ob und wie schnell Bücher digitalisiert werden, nur eine untergeordnete Rolle. Viel wichtiger ist für Verlage die Entwicklung einer strategischen Vision sowie nachhaltiger Geschäftsmodelle für den digitalen Vertrieb.

Was meinen Sie? Ich freue mich auf Ihre Kommentare.

Mit besten Grüßen

Ronald Schild

2 Kommentare

1. Lorenz Borsche21.02.2008 18:03h

Lieber Herr Schild,

Ihrer Aufzählung kann ich fast ganz zustimmen - ich möchte sie aber noch weitergehend präzisieren:

- Belletristik, also Unterhaltung, wird noch sehr, sehr lange mit dem gedruckten Buch verbunden bleiben. Das unproblematische Handling (Strand, Bett, Strassenbahn) ist jedem eBook haushoch überlegen.

- bei wahlfreiem Zugriff, also bei allen lexikalischen Werken, wird die Nutzung entscheiden: Das Taschenwörterbuch im Urlaub bleibt gedruckt, am Arbeitslplatz nutze ich LEO oder ähnliches.

- vielbändige umfgangreiche Werke, wie die Enzyklopädien, werden in gedruckter Form nur noch Sammlerstücke sein - denn schon jetzt greife ich über mein ganz normales Handy untergwes, oder auch am Esstisch auf die Wikipedia zu, wenn meine Töchter etwas ganz genau wissen wollen - statt aufzustehen und den Brockhaus im Wohnzimmer aus dem Regal zu wuchten...

Zumal die Wiki - zwei zufällige Tests haben mir das deutlich vor Augen geführt, selbst dem 24-bändigen Brockhaus himmelweit überlegen ist in Sachen Genauigkeit und Ausführlichkeit - und das sogar bei klassischen Bildungsinhalten.

Beispiel: "Tempora mutantur nos et...": im gedruckten großen 24-bändigen Brockhaus steht der richtige Satz, die richtige Übersetzung, sonst nichts.

Im Online-Meyer (gleiche Redaktion wie Brockhaus) wird immerhin noch auf Lothar I. verwiesen, dessen Wahlspruch es angeblich war. Aber: trotzdem es ein 'geprüfter Artikel' ist, wird Lothars Lebenszeit völlig falsch mit 840-855 angeben.

In der Wiki hingegen: Lothar richtig mit 795-855, darüberhinaus der Hinweis, ihm werde die Abwandlung 'Omnia mutantur' zugeschrieben, aber am wichtigsten: es wird erklärt, warum es 'nos et mutamur in illis' heissen muss, und nicht 'et nos...' wie ich eigentlich dachte. Hintergrund sind die Jamben des Hexameter resp. deren Positionslängen. Ist das eine wichtige Information?

Ja, denn wenn man die beiden Formen googled, bekommt man für die falsche Form mit 31.000 ca. 10% mehr Treffer als für die richtige 'nos et' - es wird also häufig falsch zitiert und die Wiki beleuchtet das damit zu recht!

Da wird man in Mannheim sehr viel schwitzen müssen, ehe man solche Qualität erreicht. Wie soll das auch gehen? Bei Wiki schreiben 5000 oder 10.000 Amateurspezialisten, die in ihrem Interessensgebiet wohl meistens den 50 oder 100 Redakteuren in Mannheim überlegen sind, die gleichzeitig sehr viele Gebiet abdecken müssen.

Und noch ein aktueller Vergleich: als heute morgen der Abschuss des amerikanischen Satelliten wg des an Bord befindlichen giftigen Hydrazin gemeldet wurde, da fand man in dem ausführlichen Hydrazin-Artikel in der Wiki schon um 10 Uhr als letzten Absatz den Hinweis auf den mit der Giftigkeit des Hydrazin begründeten Abschuss - der inzwischen sogar korrigiert wurde, weil in Wirklichkeit Tank und Flüssigkeit beim Wiedereintritt des Satelliten vernichtet würden....

Vergleicht man dazu die wenigen Zeilen im Online-Meyer über Hydrazin, dann kann man ermessen, daß die Mannheimer noch einen sehr weiten Weg vor sich haben.

Beste Grüße, Lorenz Borsche

2. thomas22.03.2008 16:33h

das ebook wird in zusammenarbeit mit guten lesegeräten wie dem oben erwähnten sonyreader oder dem iliad der gedruckten form den garaus machen. zuerst in der fachliteratur, dann zunehmend auch im belletristischen bereich.
derzeit wird die entwicklung noch verzögert, weil die lesegerätehersteller zu hohe preise verlangen, anstatt - wie im mobilfunk-bereich - zuerst einen markt schaffen und weil die softwarelösungen noch nicht gut genug sind.

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