21.02.2008
Führungsrolle für Konsumenten
Die deutsche Wirtschaft wächst noch, aber langsamer als erhofft. Das hat das Statistische Bundesamt letzte Woche amtlich verkündet, und zwar gleich auf drei Ebenen. Da ist zunächst die Entwicklung des Bruttoinlandsprodukts von Quartal zu Quartal. Die war im vierten Vierteljahr 2007 immer noch positiv, aber mit einem Zuwachs von 0,3 Prozent verhaltener als im dritten Quartal (0,7 Prozent).
Bremsspuren zeigt auch der Jahresvergleich der Quartale. Das vierte Quartal 2007 wies zwar im Vergleich zu 2006 ein Plus von 1,6 Prozent aus, konnte allerdings mit den Vorquartalen nicht mithalten – denn da gingen die Werte bis zu 3,7 Prozent nach oben.
Aus größerer Distanz lässt sich das Abflachen der Kurve ebenfalls erkennen. Die Wirtschaftsleistung der letzten Kalenderjahre lässt sich an der Grafik auf der nächsten Seite oben ablesen. Hier begannen die Kräfte schon im vergangenen Jahr wieder nachzulassen: Nach 2,8 Prozent im Jahr 2006 betrug das Wachstum 2007 »nur« noch 2,5 Prozent. Eine Zahl, über die man im laufenden Jahr froh wäre, die aber wohl nicht erreicht werden dürfte, weil sich praktisch alle Prognosen für 2008 auf ein Wirtschaftswachstum unter zwei Prozent einschießen.
Wäre das schlimm? Nein, denn auch ein Plus von knapp zwei Prozent ist ein gesundes Wachstum. Was Entwicklungen wie diese so beklemmend aussehen lässt, ist vielmehr die Vorstellung, dass nach dem idealtypischen Wellenverlauf ein beschleunigter Rückgang einsetzen und schließlich die gefürchtete Rezession folgen könnte.
Kein Rückwärtsgang
Ausschließen lässt sich das nicht ganz, aber es gibt Anzeichen dafür, dass es so schlimm wohl nicht kommen wird. Zum Beispiel die Konjunkturerwartungen, die das Institut ZEW in seinem monatlichen Index bei Finanzexperten erhebt. Diese Kurve mag grauslich aussehen, doch immerhin erwartet mehr als die Hälfte der Fachleute, dass sich die Konjunkturlage nicht unbedingt verschlechtern wird. Immer vor dem Hintergrund, dass die meisten Experten die momentane Ausgangslage als »gut« oder »normal« einschätzen.
Das ZEW selbst zeigt sich bei seiner Kommentierung jedenfalls bemerkenswert optimistisch. Die Erwartungshaltung der Analysten habe sich stabilisiert und deute darauf hin, dass ab Sommer »das Schlimmste überstanden« sei.
Der nächste Woche erscheinende Ifo-Geschäftsklimaindex könnte das bestätigen. Schon die letzte Ausgabe hatte eine bemerkenswerte Tendenz gezeigt: Die Einschätzung der aktuellen Lage fiel weiterhin positiv aus, aber etwas gedämpfter als bei den Abfragen davor – an die nächsten Monate knüpfen die Befragten immer noch geringe Erwartungen, doch der Wert hat sich klar verbessert und damit den Gesamtindex ansteigen lassen. Wenn sich dieser Trend fortsetzt, steht sogar in Aussicht, dass die Erwartungen die Lagebeurteilung wieder überflügeln könnten.
Konsum kommt noch
Selbst der Bankenverband, dessen Schützlinge derzeit mehr oder weniger in einem Verluststrudel stecken, zeigt sich optimistisch und betont, eine Rezession sei unwahrscheinlich. Der private Konsum könne durchaus noch Fahrt aufnehmen, weil sich nämlich, den momentanen Wachstums-Irritationen zum Trotz, die Besserung am Arbeitsmarkt noch eine Weile fortsetzen werde.
Fest steht: Die Lage am Arbeitsmarkt ändert sich zyklisch immer etwas verzögert. Das zeigt sich auch am direkten Vergleich mit dem Wirtschaftswachstum der vergangenen Jahre . Während das Wachstum in der letzten Aufschwungphase 2004 und 2005 schon spürbar anzog, stieg die Arbeitslosenquote bis 2005 weiter – und reagierte dann erst etwas verspätet auf die bessere Wirtschaftslage.
Sollte, was die Experten bisher überwiegend annehmen, sich auch die Entwicklung an der Preisfront im Laufe dieses Jahres beruhigen, dann wäre in Verbindung mit einer weiter wachsenden Beschäftigung der Grundstein dafür gelegt, dass der private Konsum endlich wieder zulegt und die längst erwartete Führungsrolle bei der konjunkturellen Entwicklung übernimmt.
Boris Langendorf
[...] Tags: Konjunktur, Langendorfs Dienst

