HINTERGRUND MEINE LIEBLINGSBUCHHANDLUNG
Jenny Erpenbeck© Anna Weise Die Buchhandlung Herschel in Berlin© Christian Hahn

Einige 100 Meter Luftlinie

Meine Lieblingsbuchhandlung (20) Wo kaufen Autoren gern ihren Lesestoff? Zu welchem Buchhändler haben sie eine besondere Beziehung? Hier verraten sie es. Diesmal schreibt Jenny Erpenbeck über die Buchhandlung Herschel in Berlin.

Jetzt bin ich froh, dass mein Buch im Frühjahr herausgekommen ist, denn Solway Herschel hat mir neulich gesagt: Ein Buch, das im Frühjahr herauskommt, ist ein Jahr lang ein neues Buch. Ein Buch dagegen, das im Herbst herauskommt, ist nur ein Vierteljahr lang neu, und dann ist es das Buch vom vergangenen Jahr. Nun liegt mein Buch in ihrem Geschäft, einige hundert Meter Luftlinie davon entfernt habe ich es geschrieben. Alle 30, 40 Seiten habe ich in ihrem Geschäft vorbeigeschaut, wie geht’s denn, hat sie gesagt, und ich habe zum Beispiel gesagt: Seite 63.
Das Geschäft von Solway Herschel ist nicht groß, unten liegen die Bücher aus: Belletristik, Sachbücher, Kunstbände, Kinderbücher, in der oberen Etage finden die Lesungen statt. Gelernt hat sie als Volontärin von der legendären Buchhändlerin Voss im Klub der Kulturschaffenden, noch vor dem Studium. Hohe Stapel gibt es nicht, der Nachschub wartet im Verborgenen, hier soll man nicht kaufen, was alle kaufen, sondern der Auswahl vertrauen.
Nach dem Studium der Kulturwissenschaft war Solway Herschel zunächst als Organisatorin von Veranstaltungen und Projekten in den Klub zurückgekehrt, 1992 schloss der Klub, die Nuschke-Straße hieß nun wieder Jägerstraße, Solway Herschel arbeitete für den Künstlerklub Die Möwe, für das Literarische Colloquium Berlin, schmiedete Pläne für eine Galerie und entschloss sich schließlich, eine Buchhandlung zu gründen – eine Buchhandlung, in der es die Bücher zu kaufen geben würde, die sie selbst gern las.
Sogar am Samstag kam sie manchmal erst nach zehn Uhr abends nach Hause, ihre zwei Kinder, denen sie vorleben wollte, was es hieß, sich durchzubeißen, wunderten sich. Inzwischen hat sie noch immer eine 60-Stunden-Woche, inzwischen sind ihre Kinder erwachsen, ihre Tochter hilft hin und wieder im Laden aus.
Wenn ich morgens gegen halb zehn meinen Sohn in den Kindergarten gebracht habe und über den Platz zurück nach Hause radle, sehe ich an sonnigen Tagen Bernhard auf einer Bank sitzen; Bernhard ist der Mitarbeiter der Buchhandlung Herschel, mit seinem langen grauen Bart sitzt er da für ein paar Minuten im Sonnenschein, bevor er zu arbeiten anfängt, und blickt auf den noch leeren, riesigen Spielplatz, der auf so viel Sand gebaut ist, als wär gleich um die Ecke ein Meer, dann winken wir uns über die Dünen hinweg kurz zu.
Zwischen Apotheke und Bäcker ist die Buchhandlung Herschel mir ein alltäglicher, vertrauter Ort, wo ich kaufe oder bestelle, manchmal auch einfach herumstöbere. Darüber hinaus aber ist es ein Ort, wo ich zusehen kann, wie das, worüber ich lange Zeit nachgedacht habe, den Lesern mit auf den Weg gegeben wird – ein Ort also, der für mich zugleich außen ist und innen.

Weitere Artikel der Serie können Sie hier nachlesen!

1 Kommentare

1. F. Lange 03.04.2008 17:29h
Jenny Erpenbeck hat Recht- eine tolle Buchhandlung mit ausgezeichnetem Sortiment!

Kommentar schreiben

Kommentar schreiben

Bitte geben Sie diese Buchstabenfolge hier noch einmal ein:. Wenn Sie die Buchstabenkombination nicht entziffern können, erhalten Sie durch Klick auf die Buchstaben eine neue Kombination.