NEWS LITERARISCHES LEBEN

30.04.2008

Jochen Jung: Leiter des Jung und Jung Verlags© Isolde Ohlbaum
Meinung

Auch Laien sind vom Fach

Buchkritiken: Das wahre Urteil ist am Ende die Summe aller Urteile. Von Jochen Jung.

Wer liest, rezensiert, so ist das. Genau das macht nämlich das Wunder des Lesens aus, dass die Nervenbahnen unserer buchstabierenden Augen ein direkter Draht zu Hirn und Herz sind, dorthin melden, was sie außen wahrgenommen haben, um dann von innen eine Rückmeldung zu bekommen, wie über das Gesehene gedacht und geurteilt wird.
Wir machen das ständig, von morgens bis abends, von »Hab ich ausgeschlafen?« über »Wie ist das Wetter?« bis zu »Wie war das Essen? Wie ist der Wein?« und nicht zuletzt »Wie fandest du den Film?«. Ohne das parallel zu unserem Tun und Treiben laufende Bewertungsprogramm wüssten wir schon am nächsten Tag nicht mehr, wie wir uns anziehen sollen und ob wir nicht gleich beim Frühstück unserem Gegenüber sagen sollten, dass er stört.
Wir urteilen immer, und zwar ohne jede Rücksicht darauf, ob wir uns in dem betreffenden Gebiet tatsächlich auskennen oder nicht. Am schmerzlichsten ist das ohne Frage im Hinblick auf unsere Mitmenschen. Bekanntlich ist Menschenkenntnis etwas vom Seltensten, aber hält das irgendwen davon ab, von seiner Nachbarin oder seinem Nebenmenschen schon nach wenigen Minuten (Sekunden?) zu meinen: ›Volltrottel. Soll bloß nicht denken, ich merk’s nicht‹ usw. Oder umgekehrt: Liebe auf den ersten Blick – ist es ein Wunder, dass das fast immer schiefgeht?
Aber egal, wie gut wir urteilen, wir tun es leidenschaftlich. Und sollten es ausgerechnet bei den Dingen nicht tun, die uns mit großen Augen anschauen und mit einem Blick, der fragt: Wie findest du mich?
Ich rede natürlich von der Kunst. In der Kunst ist nämlich jeder Fachmann. Und das aus einem einfachen Grund: Sie wendet sich auch an alle. Fast alle jedenfalls. Bei Filmen liest man ja gelegentlich: erst ab 16. Aber haben Sie schon mal ein Buch aufgeschlagen, wo drinsteht: nur mit Abitur? Also. Dann sollten Sie, im Ernst, auch nicht haben, was Sie sowieso nicht haben: Hemmungen. Urteilen Sie einfach drauflos, wie die andern.
Das Entscheidende ist natürlich, dass es mit dem Urteilen allein nicht getan ist: Man muss es auch kundtun. Denn jeder, der urteilt, weiß, dass er nicht der Einzige ist, der es tut, dass er sich vielmehr in einer Competition befindet, ständig. Das wahre Urteil ist ja am Ende die Summe aller Urteile, da zählt also jedes einzelne mit, und also muss die Welt es erfahren, damit sie am Ende der Weltgeist wird.
Und der tummelt sich scheinbar seit einiger Zeit mit Vorliebe im Internet, man muss das hier nicht ausführen. Allüberall wird man herzlich gebeten, seine Meinung doch bitte schriftlich zu deponieren, von Amazon bis zur »FAZ«, und ich denke, man sollte das auch tun: Die eigene Meinung zu formulieren schärft das Denken, etwas über Bücher zu sagen übt das Lesen, stärkt das Selbstbewusstsein, intensiviert die Lust am Buch und hebt die Wichtigkeit der Literatur. Was will man mehr?
Ja, es ist gut, das alles zu schreiben. Etwas weniger gut ist es vielleicht, das alles auch zu lesen.
(Ich soll als Kind ganz manierlich Blockflöte gespielt haben. Einmal auch öffentlich: im Kindergarten. Meine Mitkinder haben mich wohl nicht so gut gefunden, die Mütter hingegen schon. Sie fanden meine abstehenden Ohren so lustig.)

Was halten Sie von Laienrezensionen? Können sie zur Orientierung dienen?

8 Kommentar/e

1. M.H. 30.04.2008 19:41h
Jung und Jung schrieb: „Das Entscheidende ist natürlich, dass es mit dem Urteilen allein nicht getan ist: Man muss es auch kundtun. Denn jeder, der urteilt, weiß, dass er nicht der Einzige ist, der es tut, dass er sich vielmehr in einer Competition befindet, ständig. Das wahre Urteil ist ja am Ende die Summe aller Urteile, da zählt also jedes einzelne mit, und also muss die Welt es erfahren, damit sie am Ende der Weltgeist wird.
... man sollte das auch tun: Die eigene Meinung zu formulieren schärft das Denken, etwas über Bücher zu sagen übt das Lesen, stärkt das Selbstbewusstsein, intensiviert die Lust am Buch und hebt die Wichtigkeit der Literatur. Was will man mehr?
Ja, es ist gut, das alles zu schreiben...“
Soviel so gut. Warum wird dann auf den verschiedensten Seiten, auch dieser, die private Meinung mehr und mehr zensiert und unliebsame Kommentare gelöscht? Bei Benno, einem meiner Lieblingsautoren (Ernestine geht. Jung u. Jung), steht einmal „belege Belege“, diese Form der Dokumentation wird hier (Antiquariatsblogg) einfach unterdrückt. Wie ernst meinen Sie denn diese gewährte oder vielmehr gewehrte Mitrede- und Mitschreibefreiheit?
fragt Marcus Haucke aus Berlin
2. bücherwurm 01.05.2008 20:01h
Ich sehe Laienrezensionen nicht ganz so optimistisch. Was, wenn jemand einen Text beurteilt, den er garnicht versteht?
Schlimm genug, dass professionelle Rezensenten Bücher über den grünen Klee loben oder auch verreißen, obwohl sie beides nicht verdient haben.
Ein typische Beispiel ist eine Spontanbeurteilung des Buches 'Bis ich dich wiederfinde' von Irving: Der Kerl gehört hinter Gitter, der ist ja abartig ...
Ich habe mich über das Buch köstlich amüsiert.
3. Michaela 02.05.2008 09:31h
Lieber Bücherwurm,

warum sollen sog. "Laien" nicht rezensieren? Wer ist Laie und wer vom Fach?
Es geht letztendlich um eine möglichst objektive Beurteilung von Büchern, und ich sehe bei den Lesern (Käufer von Bücher) ein recht gutes Gespür. Natürlich gibt es immer wieder "Ausreißer", aber ist das bei den "Fachleuten" in den Medien nicht auch so?

Freie Meinungsäußerung in Verbindung mit einer Beurteilung von Texten.
Oder glauben Sie, lieber Bücherwurm, dass nur einige wenige Leser die Texte verstehen? Was für eine arrogante Aussage!
4. Gregor Keuschnig 02.05.2008 10:55h http://begleitschreiben.twoday.net
Die Angst vor dem "Laienkritiker" geht um! Was, so wird hier in den Kommentaren gefragt, wenn ein Laienrezensent (das Wort "Laie" muss pejorativ davorgesetzt werden) das Buch nicht versteht? Die Frage ist symptomatisch für die ganze Diskussion: Warum sollte er es denn nicht verstehen? Ist vom "Nichtverstehen" nur der Laie betroffen? Wie oft hat man von "Profi"-Kritikern schon Besprechungen gelesen und/oder gehört, die bares Unverständnis zeigten? Und: War es nicht so, dass dr Leser dies (ion der Regel) herausfindet?

Warum gibt es in dieser Diskussion so wenig Vertrauen in den Leser? Wird er als dümmlicher Rezensionsleser betarchtet, der unfähig ist, eine Kritik zu interpretieren? Und wenn schon das Buch falsch verstanden oder ungerecht rezensiert wird - schadet es dem Buch wirklich? Trägt nicht auch die missverstande Kritik zum polyphonen Ton bei (wie Herr Jung dies herausstellt)?

Warum diese Angst vor dem "Laienkritiker"? Könnte es damit zu tun haben, dass Deutungshoheiten drohen zu bröckeln? Darf man - gerade von professionellen Kritikern - nicht auch irgendwann mehr als Pauschalurteile erwarten? Das Daumen hoch oder Daumen 'runter reicht nicht mehr. Es reicht weder beim Laien, noch beim Profi. Gut so. Aber warum verstört das die Branche so?
5. Emily 02.05.2008 12:44h
Kann man einen Text nicht verstehen? Hat der "Laie" (wer definiert eigentlich Laie und Experte? Sind Bücher nicht für alle geschrieben?) den Text nicht vielleicht einfach nur anders verstanden?

Eine gute Rezension, auch vom Laien geschrieben, enthält mehr als "gutes Buch" oder "schlechtes Buch". Anhand der Argumentation des Rezensenten entscheide ich für mich, ob das Buch für mich interessant sein könnte. Da vertraue ich einem Laien, der sicher kein Geld für die "richtige" Meinung bekommt, eher als einer professionellen Rezension. Ob das Buch für mich interessant wäre, entscheide ich gerne mit Hilfe mehrerer Rezensionen, die man zum Beispiel in Literaturforen findet, von Laien geschrieben wohlgemerkt. Um nach dem Lesen dann auch selbst meine Meinung dort zu hinterlassen, und vielleicht einem anderen Interessierten die Entscheidung zu erleichtern.
6. Marcus Haucke, Berlin 02.05.2008 16:02h
Das Additive in der Aussage „Das wahre Urteil ist ja am Ende die Summe aller Urteile“ ist vielleicht doch zu relativieren. Jede Stimme zählt, doch die eine etwas mehr und die andere weniger. Die Kritik der Kritik sollte hier das Millionenfliegenergebnis verhindern. Kritik der Kritik darf natürlich auch keine Redaktion (Überwachung) der Meinungsäußerungen sein. Deutungshoheit hat derjenige, der am höchsten steigt oder der, welcher sich allein bekümmert; die Fachkritik muß sich diese Hoheit genauso erarbeiten wie der Laie, die Redaktion sollte nur moderieren.

7. bücherwurm 02.05.2008 16:40h
Liebe Michaela,
nein, ich glaube nicht, dass nur wenige Leser verstehen was sie lesen. Das habe ich auch nicht gesagt. Dass `Beurteilungen' selten objektiv, sondern meistens subjektiv, weil emotional sind, zeigt Ihre Reaktion auf meine freie Meinung. Lesen Sie das erwähnte Buch, liebe Michaela. Ihre
Meinung darüber würde mich interssieren.
8. michael roloff 21.08.2008 02:18h http://www.roloff.freehosting.net/index.html
Als Handke Spezialist extraordinaire klopf e ich Kritiker darauf ab ob sie mir etwas an seinem Werk oder einzelnen Buch eröffnen.
Ob, z.b. das Reichs-Kanickel der schmierenden Hundescheiße Passage auf der Piste in Handke's St. Victoire aufwiegt oder nur ein bißchen Hasenkot, da muss ich in diesem Fall
Handke's Dorf Sadismus wohl recht geben Dadurch wie er Handke Werke Linkshändige Frau und Langsame Heimkehr verhunzt, hat er sich eigentlich in eine ewige Niete verdammt. Absolutes nicht Verstaendnis, Perversitaet in einer doch öffentlichen also verantwortung Stellung as de facto Literatur Pabst; na ja, nicht auf die Piste auf den Scheiterhaufen mit ihm!
Das Del Gredos Buch wollte er gar nicht lesen, vielleicht ist der Mensch jetzt vollkommen verkalkt. Handke's Wut auf seinen Verleger Unseld [in der Niemadnsbucht] dass er sich auf's Kanickel des Verkauf's wegen einlässt ist nur allzu verständlich und gerecht, aber er hat sich ja auch selbst auf diesen Großgauner für die Kultur eingelassen. Die meisten anderen Profis - besonders Hubert Spiegel, das Radieschen von der Zeit
[außer Hartwig und Steinfels die was taugen guck ich mir nur an ob sich vielleicht da mal was an der oberflächlichen oder großen Dumm- oder Gemeinheit zufälligerweise verändert hat. Deswegen lese ich auch ihr Zeug über andere nicht. Also, dabei kommt weder Durchschnitt oder Summa heraus, und was schon wenn jemand sich sein Urteil aus Geschmack, Ueberlegung, Betroffenheit, Konfusheit nur schlecht artikuliert wieder giebt? Man kann sich ja unterhalten, streiten, und dabei schärft sich das Gehirn noch mehr als es bei wirklichen Lesen tut. Es gibt schon grosse Unterschiede in den Geraden des Verstaendnisses.
Ansonsten spricht Keuschnig [oben] die Furcht der Faulen an, dass gescheite passionierte Leser Kritiker die Profis früher als sonst pensionieren werden, also, wie immer, eine Frage von Macht und Furcht. Immer nur dran, die miserablen professionel Angestellten schön zerreißen und auf die Finger klopfen! "Keep 'em honest!" Kritik leitet zu Verstaending, zu seiner Vertiefung, Erweiterung. auch wenn man eines Autor's Werkstadt und Aesthetik bei eigenem Wort nimmt, nicht dass man eine echte Kritik von der sogar der Autor was hätte nur auesserts selten zustande kommt. Die beinah einzige Rechtfertigung für das Bestehen der Kritikerzunft ist doch erstens ein sensibles Echo den Eindruck den ein Buch auf sie macht zu hinterlassen, es erstens mal zu bescheiben was da vor sich geht im Erlebnis des lesens, Kritiker sind doch erstens als Brücke da, als Einführung gedacht, erst dann kommt die Kritik mit ihren Kategorien; oder Streit; oder zugeben des "Nichtverstahn..."

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