08.05.2008
Konditionen"Ein klarer Verstoß gegen die Preisbindung“
Mit den Regeln der inneren Preisbindung, das zeigt das Gespräch, das in der heutigen Ausgabe des BÖRSENBLATT und auf Boersenblatt.net nachzulesen ist, nehmen es einige Branchenteilnehmer offenbar nicht so genau. Klar ist: Der Druck der großen Handelsunternehmen auf die Verlage wächst.
Hier in komprimierter Form einige Aussagen aus dem Gespräch mit drei Interviewpartnern, die anonym bleiben sollen:
• Thalia erhält vom befragten Verlag einen Höchstrabatt von 50 Prozent – fünf Prozentpunkte mehr als die Osiandersche Buchhandlung. Damit gewährt der Verlag dem Hagener Filialisten einen höheren Rabatt als manchem Barsortiment – ein klarer Verstoß gegen die Buchpreisbindung seitens des Rabattgebers.
• Verlage gehen mit ihren gewährten Rabatten „häufig an die absolute Schmerzgrenze, um ihre Marktpräsenz zu sichern“. Bei 50 Prozent Rabatt ist aber noch lange nicht Schluss: Weltbild oder Amazon liegen zum Teil noch deutlich darüber. Beim größten Onlinehändler „liegt die Messlatte eher bei 55 plus“– bei versandkostenfreier Lieferung.
• Die Abhängigkeit der Verlage von den Großkunden wächst: Mit den 15 besten Kunden plus die Barsortimente machen Verlage 65 Prozent des Umsatzes. Präsenz müssen sich Verlage durch hohe Rabatte erkaufen.
• Der Rabatt darf nicht allein am Umsatz gemessen werden, sagt das Preisbindungsgesetz. Die Realität für das unabhängige Sortiment sieht aber anders aus: „Die Standardsituation ist doch die, dass der Vertreter in sein Laptop schaut, wie viel Umsatz gemacht wurde und ob man sich noch in der richtigen Rabattkategorie befindet.“
• Die Remissionsquoten kleinerer Sortimente erreichen allerdings bisweilen erschreckende Höhen von 60 bis 70 Prozent – Amazon remittiert dagegen nur 0,5 Prozent.
• Viele Missstände sind in der Branche bekannt – es wird aber nie offen darüber geredet. „Manchmal entsteht der Eindruck, dass es in der Buchbranche ähnlich zugeht wie beim Doping im Radsport: Wer mit Missständen an die Öffentlichkeit geht, wird zwar Ruhm ernten“, sagt der Vertriebsleiter. „Im eigenen Umfeld seiner Großkunden und Verlagskollegen wird er aber zum schwarzen Schaf und auf ewig kein Bein mehr auf den Boden bekommen."
Hier lesen Sie das BÖRSENBLATT-Roundtable in kompletter Länge!
- Die Dinge beim Namen nennen [08.05.2008]
- Die Wahrheit über Rabatte [07.05.2008]
[...] Tags: Konditionen, Rabatte, Preisbindung


10 Kommentare
Interessante Vorgehensweise. 3 anonym bleibende Gesprächspartner plaudern aus dem Nähkästchen. Aus den anonym getroffenen Aussagen wird ein Rückschluß auf das Verhalten der kompletten Branche und der Untergang der Preisbindung hergeleitet. Mal unabhängig davon, daß eine derartige Sensations-Heischerei journalistisch äußerst fragwürdig erscheint, ist die statistische Relevanz je eines Befragten pro Gruppierung (Buchhandel/Verlage/Barsortiment) lachhaft. Den Statements z.B. des Vertriebsleiters (Remi-Quote von 60 - 70 % seiner Erzeugnisse) kann man außerdem entnehmen, daß es sich offensichtlich um einen großen Publikumsverlag handeln muß. Wer was zu sagen hat, soll das offen und ehrlich tun - die anonyme Sudelei ist m.E. unerträglich und zeugt von wenig Rückgrat.
Ganz sicher ist das nicht "automatisch" auf die gesamte Branche zu übertragen, dennoch nehme ich an, dass diese Praxis üblich ist. Hinter vorgehaltener Hand ist es eh vielen Kolleginnen und Kollegen schon (von befreundeten Vertretern) erzählt worden.
Es ist immer wieder verwunderlich, wie gerne Menschen (in diesem Falle Buchhändler) die Augen vor der Realität verschließen. Die Ölreserven werden noch maximal 30 - 50 Jahre reichen, dennoch hat irgendwie niemand so recht daran geglaubt, trotzdem ist es so..... Weihnachten ist am 24.12. und jeder weiß es, trotzdem kommt es immer ganz plötzlich. Wenn ich ein Filialist wäre, würde ich meine Marktmacht auch dazu benutzen bessere Konditionen auszuhandeln, das ist völlig legitim. Aber zu einem Abschluss gehören immer zwei Partner, der eine der "es" fordert und der andere der es annimmt.
Wenn die Verlage über die Schmerzgrenze hinweg Konditionen gewähren handelt es sich um eine kurzsichtige Betrachtungsweise. Erinnern möchte ich an den Diogenes Verlag, der bei massiven Konditionsforderungen seitens Amazon NICHT eingeknickt sind und daraufhin teilweise oder kurzfristig "ausgelistet" wurden. Hat irgendjemand im Buchhandel deshalb mehr Diogenes Bücher eingekauft, sozusagen als "dankeschön" an einen standhaften Verlag?
Mir persönlich wäre es sowieso am liebsten, wenn ich alle Lieferungen sofort bekommen und niemals bezahlen müsste, dann würde es mir endlich so gut gehen, dass ich Filialen eröffnen und Konditionen aushandeln könnte....
Alles, was jetzt im Buchhandel passiert, kommt nicht überraschend und ist in anderen Branchen schon passiert, nur eben teilweise deutlich früher. Wir müssen uns schon fragen, ob es eine funktionierende Lobbyarbeit gibt und was diese bewirken soll. Und zu guter letzt: ich habe mich entschlossen die Filialisten zur Kenntnis zu nehmen, aber nicht als Opfer. Ich versuche meine Vorstellung von Buchhandel zu leben, so lange dies möglich ist. Sollte es in ein paar Jahren keine Preisbindung und kaum noch inhabergeführte Geschäfte geben, dann werde ich den Buchhandel sowieso verlassen...
Was soll man dazu schon sagen? Friede den Hütten! Krieg den Palästen!
Krieg den Hütten! Paläste für alle!
Hey, hier gibt's ja Leben auffe Website!
Sascha und Matthias
YMMD!
Der Materielle Sinn instrumentalisiert alle anderen Sinne – in seinem Sinne. Alle, außer einem, dem 7. Sinn.
Nur der 7. Sinn, unser »übersinnlicher« Sinn, entzieht sich dem materiellen Zwang. Vielleicht sollte man ihn den »Seelensinn« nennen, denn er ist unser Kommunikationssystem zum Gespräch mit der Seele; das Wahrnehmungsorgan und die Antenne für unsere Verbindung zum Ganzen, zum Kosmos und zur universalen Seele.
Aus: WAS WIR SIND von Hans-Peter Neudenberger
Jedem Sortimenter war diese Praxis bekannt. Es wurde nur nie darüber in "unserem Börsenblatt" geschrieben. Ich denke, wir "Kleinen" fordern manchmal auch nicht.
Lieber Kollege Gollenia!
Ich muss sagen, dass ich Ihren Beitrag, vornehm ausgedrückt, ziemlich unqualifiziert finde. Sie als Insider des Verlagsgeschäfts dürften wohl wissen, wie es dort zugeht, und dass die Aussagen des Vertriebsleiters keine „anonyme Sudeleien“ sind, sondern endlich mal einen Einblick in die tägliche Praxis geben. Dass man den nicht bekommt, wenn man gleich noch Namen dazu haben will, liegt doch auf der Hand. Ich finde, der Vertriebsleiter hat in dem Gespräch nicht, wie Sie es bezeichnen, „wenig Rückgrat“ bewiesen, sondern den Mut, endlich mal öffentlich auszusprechen, was sonst nur hinter vorgehaltener Hand oder gar nicht gesagt wird. Wenn ich das BBL richtig verstanden habe, ging es auch gar nicht darum, einzelne „schwarze Schafe“ öffentlich an den Pranger zu stellen, sondern darum, zu zeigen, wie verbreitet die Doppelmoral an dieser Stelle schon ist.
Dem BBL „Sensations-Heischerei“ vorzuwerfen, ist eine billige Floskel: Tabubrüche sind nun mal spektakulär und das stellt sie noch lange nicht in den Verdacht, um ihrer selbst willen betrieben zu werden. Gerade das BBL hat es als Verbandsorgan nicht nötig, sich mit dicken Schlagzeilen zu verkaufen, und es ist bisher auch nicht durch investigativen Sensationsjournalismus aufgefallen.
Anonyme Insiderinformationen zu nutzen, mag Ihnen „journalistisch äußerst fragwürdig erscheinen“, ist es aber nicht. Zumindest nicht dann, wenn, pars pro toto, der geschilderte Fall als exemplarisch gelten darf. Ohne Aussagen anonym bleibender Einzelner hätte ein Magazin wie der Spiegel längst sein Erscheinen einstellen können.
Summa summarum kann man zu Ihrem Beitrag nur sagen: „Außer Phrasen nichts zu sagen.“ (Sorry für den schlechten Reim!)
Liebe Kolleginnen und Kollegen,
liebe Buchhändler und Verleger,
die Gefährdung der Preisbindung kommt einerseits durch die beschriebene Konditionenpolitik. Ich habe selbst in einem Verlag gearbeitet und kenne die exorbitanten
Forderungen einzelner großer Filialisten und Versender.
Andererseits kommt die Gefährung der Preisbindung aber auch durch die Aktionen, die Sortimenter und insbesondere Versender werbend anbieten.
S.a. meinen Artikel "Buchpreisbindung und Wettbewerbsrecht: Risiken und Chancen für Buchhändler und Verleger" auf www.buchmarkt.de (28.04.08).
M.E. muß die Branche sich endlich mal artikulieren: Wollen wir die Preisbindung - oder wollen wir sie nicht?
So jedenfalls ist das keine lückenlose Preisbindung - und der Untergang der Preisbindung ist vorprogrammiert.
Jeder ist gefragt, (vermeintliche) Preisbindungsverstöße dem Börsenverein als Standesorganisation kundzutun.
Es geht hierbei nicht um Bespitzelung, sondern um die Wahrung dessen, was unsere Branche am Leben erhält.
Grüße aus dem schönen Allgäu,
Carsten Vogt
- angestellter Buchhändler beim Schweitzer Sortiment, München -
Lieber Kollege Dausien,
ich mag Ihnen Ihre Meinung nicht nehmen (können), aber die Begründung Ihrer Meinung halte ich dann doch eher für skurril. Der ganze Artikel ist eindeutig tendenziös und vor allem relativ leicht durchschaubar. Und dies (nämlich durchschaubar resp. vorhersehbar) gilt ebenfalls für die Kommentare und Reaktionen darauf. Ich hätte eine Wette abgegeben, wer zuerst darauf anspringt... Endlich wird mal ausgesprochen, was Alle schon längst wissen? Ja warum geht denn niemand dagegen vor? Und gegen wen? Wer kommt denn zu Wort und spricht etwas aus? Betroffene? Ganz im Gegenteil melden sich hier "anonym bleiben wollende" Einzelschicksale, die selbst, wenn sie nicht anonym wären, sicherlich nicht für einen Gesamtmarkt sprechen könnten und sollten. So, wie weder Sie noch ich dies könnten.
Diese Form der "Berichterstattung" bringt m.E. nur Eines: den üblichen Klassenkampf zwischen den "Großen" und den "Kleinen" immer schön am Köcheln zu halten. Sie schreiben so schön, es ginge dem BBL nicht darum, "einzelne „schwarze Schafe“ öffentlich an den Pranger zu stellen, sondern darum, zu zeigen, wie verbreitet die Doppelmoral an dieser Stelle schon ist." Aha. Und als wie verbreitet interpretieren Sie nun anhand der 3 anonymen Aussagen die Doppelmoral? Und- vorausgesetzt, die Aussagen wären tatsächlich repräsentativ- was tun wir nun? Sollte es also diese Doppelmoral weit verbreitet in unserer Branche geben, ist die Preisbindung zum Einen offensichtlich nicht für die Mehrheit des Marktes geschaffen worden und zum Anderen sicher nicht mehr lange haltbar. Aber alle diese Schlüsse aus diesem Interview ziehen zu wollen, halte ich schlichtweg für absurd.
Ich bleibe dabei - dieser Artikel sagt einfach nur nix aus. Abgesehen davon, daß hier 3 Leute (wenn es die wirklich gegeben haben sollte) nicht zu Ihrer Meinung stehen. Eine anonyme Aussage als mutig zu bezeichnen, mag bei anderen Themen/Gegebenheiten durchaus passen, in diesem Falle aber beileibe nicht.
Den tatsächlich schlechten Reim verzeihe ich generös... ;-)
summa summarum: Wenn jedes Gesetz in diesem Lande in Zweifel gezogen würde, gegen das verstoßen wird, hätten wir Anarchie.