08.05.2008
MeinungTag für Tag ein Preis
Sind unsere Autoren übersättigt? »Es gibt in Deutschland mehr Preise als Schriftsteller und die meisten werden auch noch jährlich vergeben«, las man letzte Woche etwas verwundert in der »FAZ«. Schlimmer noch, die Autoren seien »auf Lorbeersammeltour durch die Republik«, ihre Texte würden deswegen immer schlechter. Die schreibende Zunft erscheint Oliver Jungen allzu satt und faul, deswegen fordert er: »Schadet den Schriftstellern! Hungert sie aus! Macht sie wütend!« Kunst gibt es nur im Kampf? Oliver Jungen steht mit dieser Meinung nicht allein, viele, sogar sehr viele halten inzwischen die Literatur für überalimentiert.
Doch wem dienen eigentlich die Literaturpreise? Jungen schreibt es in seiner Polemik selbst: All die nach großen Autoren benannten Literaturpreise dienen zunächst einmal vor allem der Beweihräucherung der Verleihenden. Einschlägigen Internet-Seiten wie uschtrin.de oder literaturport.de ist zu entnehmen, dass beinahe jeden Tag irgendwo ein Literaturpreis verliehen wird. Doch wirklich hoch dotiert ist davon kaum einer.
Die aber, die Renommee versprechen und ein Preisgeld, von dem es sich zumindest ein paar Monate angenehm leben lässt, sind nicht nur nicht Legion, sie werden beinahe ausnahmslos an jene Schriftsteller verliehen, die bereits nicht mehr als notleidend gelten können, da sich ihre Bücher auf den Bestsellerlisten halten, sie selbst von Goethe- und anderen Instituten um die Welt geschickt werden und die Buchhandlungen sich um Lesungen mit ihnen rangeln. Warum das so ist, ist schnell erklärt – die Entscheidung einer Lieschen-Müller-Preis-Jury wird umso mehr von der Öffentlichkeit wie vom Preisgeldstifter gewürdigt, wenn die Juroren auf Nummer sicher gegangen sind und einem eh schon Berühmten auch noch diesen Preis zugeschanzt haben. Nach einer solchen für alle Seiten angenehmen Entscheidung ist der Platz in der nächsten Jury jedenfalls sicherer.
Wir alle erinnern uns noch gut daran, wie spät dem eben nicht so populären, dafür umso verdienstvolleren Oskar Pastior der Büchner-Preis zuerkannt wurde. Dass er dann kurz vor der Verleihung starb, machte das Ganze noch bitterer. Und wie zu Hohne wurde später zudem bekannt, dass Oskar Pastior verfügt hatte, dass ein aus seinem nachgelassenen Vermögen finanzierter Literaturpreis zu stiften sei, den allerdings nur Autoren bekommen sollen, deren Werk in der Tradition der komplexen modernen Poesie steht. Als der Büchner-Preis dem hochbetagten, doch ebenso hochverdienten Albert Drach verliehen wurde, protestierten einige Feuilletonisten sogar.
Es geht bei vielen Literaturpreisen eben weniger um literarische Qualität, es geht um das öffentliche Spektakel. Und warum auch nicht? Die Branche macht vermittels der Literaturpreise erfolgreich Lobbyarbeit, erhöht ihre Absatzzahlen und sorgt für andauernde Anwesenheit des Literaturbetriebs im Feuilleton. Über Preisträger wird gestritten, ihre Bücher werden ausgiebig rezensiert, für »das Lesen« ist mithin genug getan. Das ist aktive Kulturarbeit in Zeiten der Marktwirtschaft. Jede andere Branche betreibt auf ihre Weise genauso Lobbyarbeit. Und die Feinde der Alimentierung müssen sich nicht sorgen, hungernde Literaten gibt es zur Genüge, es sind die schlechtesten nicht! Man muss sie nur suchen.
Gibt es Kunst nur im Kampf? Und schaden also zu viele Preise der literarischen Qualität?
[...] Tags: Meinung, Schriftsteller, Preise


5 Kommentare
Danke für die Aufmerksamkeit!
Es gibt wohl kaum noch jemanden, der bezweifelt, dass die gesamte Buchbranche ein offensiveres Marketing und planvolle Öffentlichkeitsarbeit (PR) dringend braucht. Noch ist es nicht zu spät, aber es ist allerhöchste Zeit, überlegt und zielorientiert aktiv zu werden.
Das Thema Branchenmarketing ist jetzt (wieder) hochgekommen. Das ist gut. Für alle: Verleger, Buchhändler, Zwischenbuchhandel und auch Autoren, Übersetzer und Illustratoren. Warum sollten Käufer ausgerechnet dann anders ticken, wenn es um Bücher statt um CDs oder Mode geht? Lutz Meyer von der renommierten Agentur Scholz & Friends hat sich dazu schon im Börsenblatt geäußert und Verleger mit der These gekitzelt „Warum man Bücher nicht viel anders als Yoghurt vermarkten sollte“.
Viele Branchen haben bewiesen, dass sich Produkt- und Branchenmarketing in barer Münze auszahlt. Und könnte man sich nicht da etwas abgucken, wo es bereits erfolgreich gelaufen ist?
Also los, meinen wir von [ DIX VERLAG & PR ], nicht debattieren ‚ob’, sondern ‚wie’ und endlich handeln! Und zum Trost für die letzten Skeptiker: Schlimmer wird es durch planvolles, sensibles Marketing und nachhaltige PR sicher nicht. Auf in den Ring! Versuchen wir doch, anderen Branchen nicht ganz so viel vom Kuchen zu überlassen. Jeder für sich kann etwas bewegen – in seinem räumlichen und thematischen Umfeld. Und die Branche als Ganzes – dem Buch, dem Leser, den Autoren, den Illustratoren, … der Kultur zuliebe.
Elke Fettweis
[ DIX VERLAG & PR ]