NEWS LITERARISCHES LEBEN

08.05.2008

Jörg Sundermeier: Chef des Verbrecher Verlags© Cordula Giese
Meinung

Tag für Tag ein Preis

Auszeichnungen: Ist Literatur überalimentiert? Und schadet ihr das? Von Jörg Sundermeier.

Sind unsere Autoren übersättigt? »Es gibt in Deutschland mehr Preise als Schriftsteller und die meisten werden auch noch jährlich vergeben«, las man letzte Woche etwas verwundert in der »FAZ«. Schlimmer noch, die Autoren seien »auf Lorbeersammeltour durch die Republik«, ihre Texte würden deswegen immer schlechter. Die schreibende Zunft erscheint Oliver Jungen allzu satt und faul, deswegen fordert er: »Schadet den Schriftstellern! Hungert sie aus! Macht sie wütend!« Kunst gibt es nur im Kampf? Oliver Jungen steht mit dieser Meinung nicht allein, viele, sogar sehr viele halten inzwischen die Literatur für überalimentiert.
Doch wem dienen eigentlich die Literaturpreise? Jungen schreibt es in seiner Polemik selbst: All die nach großen Autoren benannten Literaturpreise dienen zunächst einmal vor allem der Beweihräucherung der Verleihenden. Einschlägigen Internet-Seiten wie uschtrin.de oder literaturport.de ist zu entnehmen, dass beinahe jeden Tag irgendwo ein Literaturpreis verliehen wird. Doch wirklich hoch dotiert ist davon kaum einer.
Die aber, die Renommee versprechen und ein Preisgeld, von dem es sich zumindest ein paar Monate angenehm leben lässt, sind nicht nur nicht Legion, sie werden beinahe ausnahmslos an jene Schriftsteller verliehen, die bereits nicht mehr als notleidend gelten können, da sich ihre Bücher auf den Bestsellerlisten halten, sie selbst von Goethe- und anderen Instituten um die Welt geschickt werden und die Buchhandlungen sich um Lesungen mit ihnen rangeln. Warum das so ist, ist schnell erklärt – die Entscheidung einer Lieschen-Müller-Preis-Jury wird umso mehr von der Öffentlichkeit wie vom Preisgeldstifter gewürdigt, wenn die Juroren auf Nummer sicher gegangen sind und einem eh schon Berühmten auch noch diesen Preis zugeschanzt haben. Nach einer solchen für alle Seiten angenehmen Entscheidung ist der Platz in der nächsten Jury jedenfalls sicherer.
Wir alle erinnern uns noch gut daran, wie spät dem eben nicht so populären, dafür umso verdienstvolleren Oskar Pastior der Büchner-Preis zuerkannt wurde. Dass er dann kurz vor der Verleihung starb, machte das Ganze noch bitterer. Und wie zu Hohne wurde später zudem bekannt, dass Oskar Pastior verfügt hatte, dass ein aus seinem nachgelassenen Vermögen finanzierter Literaturpreis zu stiften sei, den allerdings nur Autoren bekommen sollen, deren Werk in der Tradition der komplexen modernen Poesie steht. Als der Büchner-Preis dem hochbetagten, doch ebenso hochverdienten Albert Drach verliehen wurde, protestierten einige Feuilletonisten sogar.
Es geht bei vielen Literaturpreisen eben weniger um literarische Qualität, es geht um das öffentliche Spektakel. Und warum auch nicht? Die Branche macht vermittels der Literaturpreise erfolgreich Lobbyarbeit, erhöht ihre Absatzzahlen und sorgt für andauernde Anwesenheit des Literaturbetriebs im Feuilleton. Über Preisträger wird gestritten, ihre Bücher werden ausgiebig rezensiert, für »das Lesen« ist mithin genug getan. Das ist aktive Kulturarbeit in Zeiten der Marktwirtschaft. Jede andere Branche betreibt auf ihre Weise genauso Lobbyarbeit. Und die Feinde der Alimentierung müssen sich nicht sorgen, hungernde Literaten gibt es zur Genüge, es sind die schlechtesten nicht! Man muss sie nur suchen.

Gibt es Kunst nur im Kampf? Und schaden also zu viele Preise der literarischen Qualität?

5 Kommentare

1. Klaus Berndl 08.05.2008 15:52h
... ist alles noch viel zu sehr von außen betrachtet. Sehen Sie sich die Sache mal aus der Sicht der Autoren an: Ein Buch zu schreiben braucht enorm viel Konzentration, ist schlichtweg eine Riesenarbeit (zunächst unbezahlte Arbeit - in der Hoffnung, daß sie eines Tages bezahlt wird) und nochmal Arbeit, wenn es an den Agenten kommt, und wieder Arbeit, wenn es in den Verlag / an den Lektor kommt ... Als AutorIn kann heute doch kaum jemand mehr von Tantiemen leben (10 % des Ladenpreises ...) - ohne Lesungen und andere Literaturfördermaßnahmen: Ja, soll denn die gesamte deutsche Literatur von SGB II finanziert werden?? Wünschen die sich das, die angestellten / "festen freien" Mitarbeiter der FAZ?
2. Klaus Berndl 08.05.2008 15:54h
Nachtrag: Das ist doch einfach nur menschenverachtend.
3. Kein FAZ-Leser 08.05.2008 21:34h
Sind es vielleicht die FAZ-Feuilletonisten die überalimentiert sind - und überlamentierende Artikel verfassen?
4. E. B. 09.05.2008 11:55h
Ich möchte gern einen konstruktiven Vorschlag an die fördernde Literaturbranche machen, von der ich auch profitiert habe und hoffe, das auch weiterhin zu können: Wenn hier die Qualität der Bücher bemängelt wird, liegt es nicht selten am schlecht oder gar nicht recherchierten Material. Aber fast keine Förderanstalt (ausgenommen der Robert Bosch Stiftung und vielleicht noch ein, zwei anderen) vergibt für Autoren fiktionaler Literatur Recherchestipendien, als wäre das nicht ein Drittel (jedenfalls bei mir) der Arbeit am Buch. Werkstipendien sind sehr wichtig, Preisgelder ein Segen, aber bevor ich ein ausgefeiltes Exposé und eine vernünftige Leseprobe einreichen kann, brauche ich Zeit den Stoff zu recherchieren und das nicht nur in Google, sondern durch Reisen, Interviews, Locationsuche, etc. Also, um es kurz zu machen: Liebe Stiftungen und Förderer, Mäzene und Literaturliebhaber, bitte richtet neben euren Werk- und Arbeitsstipendien doch bitte endlich auch einige themen- und regionsunabhängige oder überregional greifende Literatur-Recherchestipendien ein.
Danke für die Aufmerksamkeit!
5. Elke Fettweis, DIX Verlag & PR 09.05.2008 12:12h
Wir - [ DIX VERLAG & PR ] – können nur voll und ganz zustimmen. Und ein Ausverkauf von Literaturpreisen ist derzeit nicht zu befürchten. Literaturpreise sind ein Tool im Repertoire. Ein sehr wirkungsvolles, denn auch nicht Buch affine Menschen stolpern so quasi über Bücher.
Es gibt wohl kaum noch jemanden, der bezweifelt, dass die gesamte Buchbranche ein offensiveres Marketing und planvolle Öffentlichkeitsarbeit (PR) dringend braucht. Noch ist es nicht zu spät, aber es ist allerhöchste Zeit, überlegt und zielorientiert aktiv zu werden.

Das Thema Branchenmarketing ist jetzt (wieder) hochgekommen. Das ist gut. Für alle: Verleger, Buchhändler, Zwischenbuchhandel und auch Autoren, Übersetzer und Illustratoren. Warum sollten Käufer ausgerechnet dann anders ticken, wenn es um Bücher statt um CDs oder Mode geht? Lutz Meyer von der renommierten Agentur Scholz & Friends hat sich dazu schon im Börsenblatt geäußert und Verleger mit der These gekitzelt „Warum man Bücher nicht viel anders als Yoghurt vermarkten sollte“.

Viele Branchen haben bewiesen, dass sich Produkt- und Branchenmarketing in barer Münze auszahlt. Und könnte man sich nicht da etwas abgucken, wo es bereits erfolgreich gelaufen ist?

Also los, meinen wir von [ DIX VERLAG & PR ], nicht debattieren ‚ob’, sondern ‚wie’ und endlich handeln! Und zum Trost für die letzten Skeptiker: Schlimmer wird es durch planvolles, sensibles Marketing und nachhaltige PR sicher nicht. Auf in den Ring! Versuchen wir doch, anderen Branchen nicht ganz so viel vom Kuchen zu überlassen. Jeder für sich kann etwas bewegen – in seinem räumlichen und thematischen Umfeld. Und die Branche als Ganzes – dem Buch, dem Leser, den Autoren, den Illustratoren, … der Kultur zuliebe.

Elke Fettweis
[ DIX VERLAG & PR ]

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