Literarisches Leben

Markus ZusakMarkus Zusak© Nicola Bardola

15.05.2008Interview mit Markus Zusak

"Schreib so, als würde es nie gelesen werden"

Im aktuellen BÖRSENBLATT berichtet Nicola Bardola über das Leben des australischen Schriftstellers Markus Zusak, der mit dem Roman "Die Bücherdiebin" einen Bestseller landete. Im Interview mit boersenblatt.net berichtet Zusak über die Entstehung des Buches, die Behebung von Schreibblockaden und wie fiktiv die Geschichten sind.

Es ist eine ungewöhnliche Erzählperspektive, den Tod schreiben zu lassen ...

Zusak: Ich habe einmal meine Schüler einen Aufsatz zum Thema “Farbe der Zeit” schreiben lassen – und ihnen dann versprochen, es auch zu versuchen. Dann habe ich spielerisch aus Sicht des Todes über Sterbende geschrieben. Erst später, als ich die "Bücherdiebin” immer wieder umgeschrieben habe, habe ich mich daran erinnert und es für den Roman eingesetzt.

Wie komplex war die Genese des Bestsellers?

Zusak: Einerseits beschäftigten mich die Erinnerungen meiner unter der Naziherrschaft in Olching lebenden Mutter, andererseits hatte ich schon die ersten Seiten eines Romanprojekts über ein Mädchen geschrieben, das im heutigen Australien Bücher stiehlt. Und weil Krieg und Tod die besten Freunde sind, fügten sich ganz langsam die Elemente zusammen. Und vielleicht würde sich der Fügungsprozess immer noch hinziehen, wenn meine Lektorin nicht schwanger geworden wäre und ich unbedingt fertig werden wollte, bevor sie in Mutterschaftsurlaub ging.

Wie real ist die Geschichte?

Zusak: Aus dem Heimatdorf Olching, wo sich die Schlüsselszene des Romans “Die Bücherdiebin” ereignet, habe ich kurzerhand Molching gemacht. Ich wollte keinen realen Schauplatz, sondern wollte den Ort der Handlung selbst erfinden. Ich habe mich also an der Realität orientiert, sie aber fiktionalisiert. Der Name Molching stand sehr schnell fest, bei anderen Namen dauerte es länger. Manche habe ich aus bestehenden Namen zusammengesetzt, zum Beispiel von Freunden meiner Eltern oder aus dem Abspann deutscher Filme.

Wie erfunden ist die Binnengeschichte über die Handschrtift des Großvaters?

Zusak: Sie ist wahr. Mein Großvater väterlicherseits kämpfte im ersten Weltkrieg. Einige Geschichten, die ihm widerfahren sind, gehören zu den erstaunlichsten im Roman, u.a. auch die Szenen, in denen an der Front ein Soldat gesucht wird, der eine schöne Handschrift hat, worauf dieser Briefe schreiben darf, derweil seine Kameraden nur wenige Meter entfernt sterben. Die schöne Handschrift rettete sein Leben.

Woher kommt eigentlich der Name Zusak? Ist es ein deutscher Name?

Zusak: In ganz Österreich gibt es zurzeit nur einen Zusak und in Deutschland gar keinen. Vermutlich gibt es mehr Zusaks in Australien als in Europa. Aber auch in Australien sind es nur wenige. Mein Vater vermutet, dass der Name aus Tschechien stammt. Ich werde bestimmt bald meiner Familiengeschichte nachgehen.

“Die Bücherdiebin” wurde hochgelobt – wie wichtig ist Ihnen der Roman?

Zusak: Dieses Buch bedeutet mir alles. Es ist mir besser gelungen als die anderen davor. Und es wird schwierig sein, das nächste zu schreiben. Ich fürchte, dass es sich nicht so gut anfühlen wird wie ‘Die Bücherdiebin’ und dass es mir nicht so gut gelingen wird. Denn nach allen anderen Büchern davor hatte ich immer kurz nach Erscheinen den Eindruck, dass ich es beim nächsten Roman noch besser machen könnte, dass ich mich steigern kann. Dieses Mal ist es anders. Ich habe sehr lange nach der richtigen Form für ‘Die Bücherdiebin’ gesucht und den Text oft umgeschrieben. Aber nach Abgabe des Manuskripts wurde kaum etwas daran geändert. ‘Die Bücherdiebin’ ist mein erster Roman für Erwachsene und das Buch, das ich schon früher unbedingt schreiben wollte.

Das klingt, als würden Sie erst einmal neue Energie für das nächste Buch sammeln müssen?

Zusak: Ja, im Moment kämpfe ich mit einem ‘writer’s block’. Auf den internationalen Lesereisen nehme ich den Laptop meistens nicht mit, sondern notiere Ideen in ein kleines rotes Buch, das ich immer griffbereit habe. Mein Mittel, um den writer’s block zu beseitigen, besteht darin, nicht daran zu denken, dass jemals irgend jemand den Text lesen wird, an dem man gerade arbeitet. Schreib mit der Vorstellung des Scheiterns. Schreib so, als würde es nie gelesen werden.

Interview: Nicola Bardola

Schlagworte:
Zusak

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1 Kommentar/e

1. Maitha Beckmann 17.05.2008 14:44h

Ich habe gehört, dass Herr Zusak an einer Rückmeldung zu seinem Buch interessiert ist und hoffe, Sie haben die Möglichkeit, meinen Kommentar weiter zu leiten.

Sehr geehrter Herr Zusak,
ich möchte mich zutiefst für Ihr Buch "Die Bücherdiebin" bedanken. Abgesehen davon, dass ich Ihre Art zu schreiben genossen habe, hat es mich tief berührt. 1955 geboren habe ich den Krieg nicht miterlebt und doch immer den Eindruck gehabt, ich sei im Krieg aufgewachsen. Das zeigt, wie tief und weit diese Zeit wirkt und dass sie längst nicht in den Menschen geheilt ist. Ihr Buch trägt zur Heilung bei weil es mit Liebe geschrieben ist und ernst nimmt. Weil es zeigt, dass in einer solchen Zeit niemand ohne Schuld bleiben kann, wie gut auch immer die Absicht war, so wie vielleicht kein Menschenleben zu keiner Zeit ohne Schuld bleibt. Es zeigt auch, wie schwer die Verletzungen, Wunden sind, die jedem Menschen der dies miterlebt hat zugefügt wurden oder die er sich selbst durch sein Handeln zugrfügt hat. Es lässt die eigenen Eltern noch mehr verstehen und auch die vielen älteren Menschen mit denen ich zu tun habe und hatte. Wie oft habe ich erlebt, dass kurz vor dem Tod noch schlimme Geschichten erzählt und ausgesprochen werden mußten, wieviel in den Menschen nach Heilung verlangt und nach angenommen sein in dem was sie erlebt und getan haben. Ich glaube, dass Verarbeitung nur aus Verständnis entstehen kann. Ich danke Ihnen für Ihren Beitrag auch zu meiner Heilung.
Mit freundlichen Grüßen
Maitha Beckmann

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