HINTERGRUND MEINE LIEBLINGSBUCHHANDLUNG
Heinrich Steinfest: »Vielleicht wird ein bestimmtes Buch einfach besser, wenn es neben einem bestimmten anderen zu liegen kommt.« Von dem Stuttgarter Autor erscheint demnächst der Krimi »Mariaschwarz« (Piper)© dpa Die Buchhandlung Galleria in der Bauernmarkthalle in Stuttgart© Ferdinando Iannone

Das gute Ende der Welt

Meine Lieblingsbuchhandlung (21) Wo kaufen Autoren gern
ihren Lesestoff? Zu welchem Buchhändler haben sie eine
besondere Beziehung? Hier verraten sie es. Diesmal schreibt Heinrich Steinfest über die Buchhandlung Galleria in der Bauernmarkthalle in Stuttgart.

Bücher sind Lebensmittel, das ist gar keine Frage. Nicht, dass man alleine von Büchern satt wird, so wenig wie von der Liebe. Aber man möchte ja nicht nur satt sein, sondern auch gut genährt, gesund, man möchte blühen und reifen. Darum Bücher. Und es ist somit alles andere als unpassend, wenn man selbige Bücher im Umfeld anderer Nahrungs- und Lebensmittel vorfindet.
So geschieht es seit nun vier Jahren in der Stuttgarter Bauernmarkthalle, gelegen am Vogelsang (allein der Name ein Versprechen), in einem hohen, luftigen Gebäude, in dem vor allem ökologisch wertvolle Erzeugnisse des ländlichen Bereichs angeboten werden. Und am Ende dieser Halle liegt der Holderbusch. Und weil es nach einem Ende immer noch etwas gibt, befindet sich hinter dem Holderbusch die Galleria.
Zur Erklärung: Im Holderbusch werden Spielzeug und ausgewählte Kinder- und Jugendliteratur angeboten, im Bereich der Galleria nicht minder ausgewählte Erwachsenenliteratur, auf breiten Tischen ausgelegt, handverlesen, weil Platz und Konzept keine Bücherberge zulassen und schon gar nicht eine nach Verlagshäusern geordnete Stapelware. Stattdessen hat hier jedes Buch seinen Platz, keines muss in dunklen Winkeln darben oder fristet in der dünnen Luft hoher Regale eine staubige Existenz.
Nein, ein jedes darf sein schönes Kleid, seinen Buchdeckel, zum Besten geben und mit Namen und Titel für sich und seinen Inhalt werben. Dieses »Ende der Welt« ist übersichtlich (dass sich dort zudem ein Kaffeehaus befindet, darf man von einem guten Ende der Welt auch wirklich erwarten), was aber natürlich zu einer höchst subjektiven Auswahl der beiden Buchhändler führt, Ernst Wolfgang Huber und Marie-Luise Zeuch.
Aber genau das macht den Besuch an diesem Ort so spannend. Hier sieht man Titel nebeneinanderliegen, wie man das anderswo nicht erlebt. Keine Unterteilung in Taschenbuch und Hardcover, in E und U findet hier statt, sondern es besteht eine friedliche Koexistenz der Gattungen. Na, wenigstens muss hier jedes Buch sich mit seinem Nachbarn anfreunden. Da liegt Annette Pehnt neben Daniel Silva, ein Simenon neben einem Buch über »Verbotene Rhetorik«, Andrea Maria Schenkels »Tannöd« neben Martin Hechts »Deutsche Unsitten«, ein Taschenbuch über Alfred Herrhausen neben einem gebundenen »Falling Man« von Don DeLillo, Carlo Fruttero führt am linken Arm Gaby Hauptmann und am rechten Tobias Wolff spazieren.
Manche Nachbarschaft mag ein richtiges Glück darstellen. So meint der stets gewitzte und mit charmanter Vornehmheit sein Geschäft führende Dr. Huber, präzise das Dilemma von Ökonomie und Ökologie auf den Punkt bringend: »Martin Walser verkauft sich bei uns nicht so gut, aber sehr viel besser, seitdem er neben Charlotte Roche liegt.« Und das hat doch was für sich. Vielleicht wird ein bestimmtes Buch einfach besser, wenn es neben einem bestimmten anderen zu liegen kommt. Vielleicht beide. So ist das am Ende der Welt.

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