Verlorenes Paradies
In Österreich, so sagt man, herrscht ein Todeskult. Der Tod, heißt es bei Georg Kreisler, muss ein Wiener sein. Von einer Todessehnsucht spricht man, vom Land der meisten Selbstmörder. Und es stimmt, wo sonst gibt es ein Museum für Bestattungswesen, ein Beinhaus oder eine Kapuzinergruft? Wo sonst wird ein Friedhof besungen?
Also passt es gut, dass meine Lieblingsbuchhandlung schon lange nicht mehr existiert, vor acht, neun Jahren in Konkurs gegangen ist und seither als leer stehendes Gebäude vegetiert. Und dabei war Werners Buchhandlung auf der Jörgerstraße im 17. Wiener Gemeindebezirk, den genauen Namen habe ich mir nie gemerkt, ein Hort für Bücherwürmer, ein Treffpunkt für Menschen, großes Sortiment, immer gab es Kaffee, manchmal auch Kuchen, für die Stammkunden Preisnachlass.
Was kann man sonst über eine Buchhandlung viel sagen? Man hielt sich gerne darin auf, man konnte ständig was entdecken. Ein zweites Wohnzimmer. Werner, der Buchhändler, der in dieses Geschäft eine Erbschaft investierte, war einer der lustigsten und sympathischsten Menschen, die ich jemals kennenlernen durfte. Umso trauriger, dass es diese Buchhandlung nicht mehr gibt, sie im Konkurrenzkampf mit den großen Ketten und Internetbuchhandlungen auf der Strecke geblieben ist.
Der Tod kehrt alle Werte um
In Österreich ist alles Streben aussichtslos. Bringen kann man es zu nichts, einerseits nämlich gilt der Satz, dass einer von uns auch nichts Besonderes sein kann, andererseits lebt man die Maxime: Nichts gesagt ist gelobt genug. Was dazu führt, dass der Österreicher, der etwas werden will, entweder sterben oder ins Ausland muss, wo er es fast immer auch zu etwas bringt. Werner, der Buchhändler, wollte es nie zu etwas bringen, hatte keine großen Ambitionen – und eben das machte seine Buchhandlung so sympathisch, eben das hat sie vielleicht auch ruiniert.
Kaum ist einer tot in Österreich, wird er ausgestopft, gefressen, kaum ist einer tot, stürzen sich die Offiziellen schon auf ihn, saugen ihn aus, bemächtigen sich seines Namens, tun sich groß mit ihm. Von Respekt fehlt jede Spur. Das ist die größte Schweinerei, der Tod, die alte Sau, kehrt alle Werte um. Ernst genommen aber wird er nicht.
Nicht so bei einer kleinen Buchhandlung, die bekommt kein Denkmal, der erinnert man sich nicht. Nur ich, der ich in dieser Buchhandlung meine liebsten Bücher gefunden und auch empfohlen bekommen habe, nur ich, der ich in Werners Buchhandlung viele hundert Stunden verbracht habe, vermisse dieses kleine Paradies enorm.
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[...] Tags: Lieblingsbuchhandlung, Franzobel


6 Kommentare
Gleich noch eine Beschwerde an das Börsenblatt: man muß sich drei Mal durch dieses Ullstein- Bild klicken, das ständig aufflackert, wenn man einen Kommentar schreiben will.
Wenn Sie einfach nur auf "Kommentar schreiben" klicken, dann klappt das mit dem Kommentar schreiben problemlos. Auf die Anzeige müssen Sie gar nicht klicken.
Nicht nur in Wien!
König in Köln. Und die gibts noch !
Es gab mal vor über 10 Jahren einen Fernsehbericht über die Buchhandlung Streibel in Frankfurt.. Hier war der Verkaufsraum derart mit Büchern zugepackt, daß der Händler und der Kunde sich nur noch höchst vorsichtig
durch die engen Gänge schlängeln konnte, wenn er nicht die Büchertürme tangierte und zu Fall brachte. Fragte der Kunde nach einem Titel, so gelang es dem Händler durch
frettchenhaftes Umschichten der Büchertürme das gewünschte Buch herauszufischen.