Antiquariat

24.08.2008Antiquariat

Renaissance des Antiquariatskatalogs?

Beobachter der Antiquariatsszene notieren seit etwa zwei Jahren Anzeichen für eine Renaissance des gedruckten Antiquariatskatalogs. Ein Trend oder trotzige Reaktion auf die Übermacht der Online-Plattformen?

Wir haben im boersenblatt.net-Branchenwiki unter den Stichworten "Antiquariatskatalog" und "Gemeinschaftskatalog" eine Übersicht erstellt und einige Indizien für eine (Wieder-)Belebung der unterschiedlichen Katalogformen gesammelt, die im Herbst 2008 mit mehreren größeren Projekten ihren wohl vorläufigen Höhepunkt erreichen wird. Die Einträge können sicher noch wesentlich erweitert werden.

Die beiden Artikel finden sich hier:

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11 Kommentar/e

1. Peter Mulzer 24.08.2008 12:33h

Es ist sehr schwer, ernsthaft auf die beiden Wiki-Artikel im Börsenblatt-Netz einzugehen, weil dort die Probleme nur teilweise benannt und Überlegungen kaum angestellt werden. Solche Stummeltexte führen die ehrwürdige Wiki-Idee ad absudum und sollten besser unterbleiben.

Hier nur soviel: Die "Kataloge" der Messen und Vereinigungen sind natürlich keine im eigentlichen Wortsinn, sondern auf jeweils wenigen Seiten ausgewählte Appetithäppchen - als solche recht nützlich. Jedoch handelt es sich da eher um eine Sammlung von Prospekten der teilnehmenden Antiquariate. Ich gestehe errötend, diese Hochglanzprodukte nach flüchtiger Lektüre - wegzuwerfen.

Liebevoll zu horten pflege ich dagegen seit Jahrzehnten gute Fachkataloge von Kollegen. Diese Publikationsform wird ihre Bedeutung immer behalten. Bei näherem Hinsehen aber ergeben sich auch hier neuerdings Fragen und Wandlungen:

- Wer, bitteschön, hat heute noch das notwendige große, ausgewählte Bücherlager, um gute Fachkataloge herauszugeben?

- Inwieweit kann der Antiquar mit seinem Adressenmaterial die "echte" Klientel der Internetzeit berliefern? Er hat dafür nur die bisherigen Kunden; neue Adressen erfordern entweder investigatives Arbeiten, das höchst zeitraubend ist (z.B. W e r hat über mein Katalogthema in den letzten Jahren was veröffentlicht?) oder aber sie laufen angesichts der fürchterlichen Portokosten schnell ins Leere.

- Die Antiquare müßten, um nützliche Kataloge herauszubringen, ihre b i b l i o g r a p h i s c h e n Pflichten weit besser als bisher erfüllen. Denn erst wenn mein Katalog bei dem Sammlern (und Kennern) des Gebiets als bibliographische Referenz, als Handbüchlein sozusagen, genutzt werden kann, bleibt ihm der Papierkorb erspart. Solches leisten bisher nur ausgewählte Kollegen, etwa im Bereich der Naturwissenschaften oder der Landeskunde.

- Die R e n t a b i l i t ä t der Kataloge scheint mir sehr oft gegenüber dem Internet-Vertrieb nicht recht durchdacht zu sein. Allenthalben ist da Prestige- und Imagedenken am Werk - was durchaus sinnvoll sein kann, besonders wenn die Kollegen auch Neubücher ihres Faches liefern - aber dann soll man dass auch so sagen.

Sammelkataloge mehrerer Fiormen, wie sie hier öfter vorgestellt und diskutiert worden sind, leben von einer Zusammenführung ganz exzellenter Kundenkarteien. Die dort gut verkäuflichen Titel wären auch übers Netz sehr schnell zu verkaufen gewesen. Ich bin da höchst skeptisch, was den realen Ertrag des Katalogemachens angeht.

Womit wir bei einem der Kernpunkte des Themas wären - es kommt natürlich auf die Q u a l i t ä t des I n h a l t s eines Katalogs an. Wenn wir (und das wird bei "gut abverkauften" Katalogen die Regel sein) dieselben sehr gesuchten Titel auch subito hätten übers Netz verkaufen können, dann ist das in der Diskussion natürlich Augenwischerei. Der Katalog ist in solchen Fällen doppelt unnötig.

Wir neigen als Antiquare zur Nostalgie. Und für die alten Herren wie die schnuckeligen jungen Damen hat der Gedanke an "meinen Katalog" immer noch oder wieder etwas Verlockendes. Vom Niederrhein her würde man jenes (halb verquer angewendete) Modewort vom "Haptischen" dahersäuseln.

Aber diese ästhetischen jungen Antiquarinnen und dumm-nostalgischen, unbelehrbaren alten Hohlköpfe (zu den Letzteren rechne ich mich), haben die modernen Gesetze des Marktes einfach nicht verstanden.

Die Klosterschwester im verträumtesten Abteigebäude, der vertrottelste Privatgelehrte an der Uni Freiburg im Üchtland, der flatterhafteste Knabe in Berlin-Marzahn - - sie alle w o l l e n eigentlich und vorzugeweise ihre Titel übers Netz bestellen.

Wir sollten daher nicht nostalgisch "gute Kataloge" machen, von Spitzenhäusern und großen Fachantiquariaten abgesehen, sondern g u t e Webseiten, gute Sachgliederungen, hübsche Netzfotos.

Alles andere ist Kinderkram für ästhetische ältere Damen.

Merke: Wer über Nostalgie-Kataloge nachdenkt, der kommt nicht auf dumme Gedanken. Lasset uns alle Amazon, Abebooks, ZVAB und Monopolisierung vergessen - "macht mal schöne Kataloge und treibt keinen Unsinn!" - "Jawohl, Herr Lehrer Biester, kriegen wir dann auch ein Fleißzettele?"

2. Redaktion Antiquariat 24.08.2008 17:00h

Ein Nachtrag zu dieser Meldung:

http://www.boersenblatt.net/210506/

3. Peter Mulzer 24.08.2008 17:33h

"Bloße Quantität verdränge Qualität; für potenzielle Käufer sei es deshalb fast unmöglich geworden, sich im Internet einen richtigen Eindruck zu verschaffen"

Dazu wäre vieles zu sagen. Vor allem meine ich, die Experten eines Sammelgebiets - an die sich ein Fachkatalog ja wendet - orientieren sich mit Vergnügen im Netz und beurteilen die Qualität des Angebotenen mit links, jedenfalls innerhalb ihres Themas.

Ich mache bei Ebay immer wieder die Erfahrung (heute am hellichten Sonntag Nachmittag z.B. mit einem Kunden aus Mailand (!), der auf der Durchreise 2 Meter deutsche Illustrierte aus den 50ern abholte), daß sich die Kunden punktuell sehr oft besser auskennen als wir Antiquare.

Mit dem Vertrauen des Kunden in seinen Antiquar ist es auch nicht mehr so weit her. Die Sammler g e n i e ß e n es, heute per Netz uns Antiquare zu

*kontrollieren und überprüfen

zu können. Lehret mich die Deutschen kennen - wo was nachzuprüfen ist, tun sies mit Lust.

Meine Idee wäre: Den Fachkatalog n i c h t zu drucken, ihn aber ganz separat, wenns geht sogar unter eigener Web-Unteradresse, und gesondert gestaltet mit v i e l e n Bildern, ins Netz zu stellen und nun genau dafür W e r b e b r i e f e zu schicken an die Kunden.

Man kann sehr billig bei Mengensendungen in A4 versenden, auch Karton für Laserdruck und A4-Umschläge sind im G r o ß handel, aber nur dort, staunend billig. Mein Rat: Eine besonders schöne, themenbezogene Abbildung (optimal Holzstich) auf A4-Leichtkarton zu drucken und nur ganz dezent am Fuß den Hinweis:

"Bitte sehen Sie sich unseren n e u e n Fachkatalog "Pornographie in Berlin 1900-1933" an im Netz unter www.sitte.müllerfranken.de. Bestellen Sie bei Interesse recht bald! Freundlich Ihr
Leichtfuß Müllerfranken"

Das große Bild in A4, in unserem Fall eine der köstlichen, gut reproduzierbaren SW-Bordellzeichungen von Zille, auf Leichtkarton, wird bestimmt nicht weggeworfen.

Druckkosten bei Eigenherstellung 0,08 einschl. Karton, stabiler (heißt: kartonverstärkter) A4-Umschlag 0,12, Porto je nach Menge etwa 0,40 - Summa 0,60 je Kunde.

Nur eine von vielen Ideen. - Fange ich von gemeinsamen Fachgebiets-Adressenpools der deutschen Antiquare an, krieg ich gleich wieder was auf den Deckel. Obgleich es für alle Beteiligten gut sein könnte... aber lassen wir das.

4. Peter Mulzer 25.08.2008 11:58h

Die uns hier soeben vorgestellten neuen Kataloge

http://www.boersenblatt.net/227017/template/b4_tpl_antiquariat/

sind für die Frage des Katalogemachens insoweit recht unergiebig, als sie Themen betreffen, die schon immer mit gutem Erfolg in Katalogform gebracht worden sind, ob es sich um die - höchst diffizile - Materie der alten Reisebeschreibungen, um Sondersammlungen wie alte Dissertationen oder aber die (freilich sehr:) gehobene Heimatsammlung über München handelt.

Das steht ganz außer Frage, hier wird sich der Katalog immer behaupten.

Was wir aber nicht wissen - sollen wir für eher alltägliche Themen bzw. Wertstufen (wieder oder noch immer) den Kollegen zum Katalogemachen raten? Wann ja, wann nein, und wenn ja, dann wie?

Die auffällige Unlust der Antiquare, hierüber zu diskutieren, dürfte darin begründet sein, daß hier echte

*Betriebsgeheimnisse

vorliegen. Was man selbst mit Mühe und Lehrgeld erprobt hat, will man doch nicht zuhanden der aufmerksamen Konkurrenz öffentlich machen.

Auch ich beginne da in meinen kleinen Verhältnissen zu zögern. Denn wenn es - nur im deutschen Sprachraum so extrem denkbar - zum Endkampf der Altbuch-Verkaufsportale kommt in diesem Winter, dann wird möglicherweise das Katalogemachen, die Ermittlung von Fachgebietskunden usw. eine der letzten Rückzugs- und Überlebenschancen des f r e i e n Antiquars.

Und wer gibt schon gern Herrschaftswissen preis?

Man könnte das Wissen der vielen Einzelnen freilich b ü n d e l n und es allen nutzbar machen. Aber das ist nicht der Antiquare Brauch. Leider.

5. Henriette van Briesen 25.08.2008 13:28h

Zum Beitrag 4: "Die auffällige Unlust der Antiquare, hierüber zu diskutieren, dürfte darin begründet sein, daß hier echte

*Betriebsgeheimnisse

vorliegen."

Diese Unlust zum Diskutieren liegt wohl eher an der Wortführerschaft von Herrn Mulzer in diesem Forum, als das Verbergen von "Betriebsgeheimnissen" oder "Herrschaftswissen". Das Thema "Antiquariatskataloge" (wie auch andere Themen) ist durchaus diskussionswürdig, aber in diesem Forum völlig sinnlos, gleich gar, wenn Antiquarinnen etwas beizusteuern hätten. Herr Mulzer hat seine eigenen festgeschriebenen verqueren Denkstrukturen, da wird sowieso jede andersdenkende Meinung umgehend und wortreich in Grund und Boden getippt. Also, was soll's.

6. krämer 25.08.2008 17:43h

Aber Herr Mulzer spricht doch schon kürzlich öfter von "Demokratie". Ich erinnere mich an die Formulierung: Lerndemokratisches Vorankommen in gemeinsamer Anstrengung zu ALLER Nutzen." Die Verteilung ist dann wieder demokratisch, aber was heißt das, es gibt auch die sog. gelenkte Demokratie. Mehr Beiträge von Antiquarinnen sind auch schon an sich wünschenswert zwecks Behebung der Langeweile. Den Sachgehalt mal beiseite gelassen, die eigentlich interessanten Beiträge kommen doch vom weiblichen Geschlecht, gerade das überraschend neue, erwartet das jemand von so einer ollen Kartoffel wie Mulzer, da kommt von woanders her.

7. Peter Mulzer 25.08.2008 21:14h

Zur Erinnerung:

Diskutieren ist der Austausch von Argumentationen über

*gegensätzliche

Standpunkte.

Jene Nestwärme des dumpfen Einverständnisses, die Koll. van Briesen offenbar sucht, kann ich allerdings nicht liefern.

8. krämer 26.08.2008 17:31h

Schon Schopenhauer beklagte, daß die Discussionscultur im Niedergang begriffen sei. Voraussetzung ist ja für ein Gespräch auf Augenhöhe, den gegnerischen Standpunkt zu verstehen und selbst eine Neigung zu ihm zu haben. D.h. man/frau präsentiert dem Gegner in der Diskussion, was er/sie selbst gerade gedacht hat, aber mit einer subtilen Variante, eine Prise Salz, was dann Gelegenheit gibt, über das Thema auf Neues zu kommen, eine Variation zu machen. Im Konkrast dazu heutzutage die Meinungssucht, das Bedürfnis, recht zu haben, die Person hervorzuheben, als läge in ihr die Gewähr, während die Alten die Wahrheit noch in dem suchten, was vor Augen lag, und die Diskussion, das untersuchende Gespräch, beleuchtete verschiedene Aspekte der Sache, und nicht Eigenschaften der Diskutanten.

9. Peter Mulzer 26.08.2008 18:40h

Soweit Kollegen über ihr eigenes Gewerbe diskutieren, sollte es eigentlich immer klappen mit dem Dialog. Erstens wissen wir aus der Tagespraxis, worüber wir da reden, zweitens geht es um unsere nackte Existenz, drittens räkeln sich die die Feindbilder nicht theoretisch, sondern sehr real zähnewetzend am Horizont. Sie warten...

Es ist eine Freude, in Amazonien zu leben. Kracks - stand da nicht eben noch ein Kollege? Auf dem Wasser schwimmt noch der rechte Schuh einer Antiquarin...

Angersichts der drohenden Gefahren nicht zu diskutieren wäre Selbstmord.

10. Gernot Salzmann 26.08.2008 23:49h

"Angersichts der drohenden Gefahren nicht zu diskutieren wäre Selbstmord." (Mulzer in Beitrag 9)

Nun, dann werden demnächst Massenselbstmorde von Antiquaren zu verzeichnen sein.

Vor meinem geistigen Okular sehe ich Herrn Mulzer um das Freiburger Münster herumrennen mit einem großen handgemalten Schild um den Hals "Rettet Euch! Das Ende ist nah!"

Leider wurde diese Botschaft nicht weitergetragen und fand noch nicht mal Erwähnung im Lokalteil der "Badischen Zeitung".

So lebt wohl, Kolleginnen und Kollegen, "I slick my rope".

11. Peter Mulzer 27.08.2008 10:49h

Na ja, wollen wir nicht vergessen, daß ich den werten Antiquaren ansonsten weniger mit Weltuntergangsschmerz auf die Nerven falle - als vielmehr mit sehr konkreten Abhilfevorschlägen.

Die freilich alle ein Mindestmaß an Kooperation voraussetzen.

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