28.08.2008
Die im Schatten sieht man nicht
Wie viele wirklich bemerkenswerte Romane gibt es im Jahr: 100? 1000? Oder doch nur 20? So viele hat nunmehr zum vierten Mal eine Jury für die Longlist zum Deutschen Buchpreis ausgewählt. Begleitet wurde diese Vorrunde bislang noch immer von Klagen, dieses und jenes Buch hätte doch unbedingt auch auf die Liste gehört. In diesem Jahr sind Gegenvorschläge kaum zu hören, kein Aufruf, sich noch zu korrigieren, kein Vorwurf der Inkompetenz an die Jury.
Laut wurde aber wieder einmal die Befürchtung, dass die Fokussierung auf 20 Titel – so willkommen und hilfreich sie für jeden einzelnen davon ist – ein schlechter Dienst sei für die übrige Literatur. Die übrige Literatur? Die Zahl von 14.056 literarischen Novitäten wurde jetzt genannt. Und das hört sich natürlich dramatisch an. Soll es auch: 14.056. Und daneben 20. Fragen schwirren umher: Was maßt sich die Jury bloß an? Welch eine Idee überhaupt, dieser vom Börsenverein ausgedachte Buchpreis?
Wenn schon gerechnet werden soll, dann bitte genau: Von den im vergangenen Jahr gezählten 14.056 literarischen Novitäten kommt nur ein Teil für den Vergleich infrage, deutschsprachige Romane nämlich. Der Buchpreis lenkt den Blick auf 20 von diesen, er verstellt ihn nicht auf übersetzte Werke, nicht auf Lyrik, Erzählungen, Dramatik oder erzählte Autobiografie.
Zahlenakrobatik hilft hier ohnehin nicht weiter. Vielleicht aber die ehrliche Erinnerung: Wie viele herausragende deutschsprachige Romane haben Sie im neuen Jahrtausend gelesen? Ja, da heißt es eine Weile nachdenken. Und feststellen: So viele Bücher sind das nicht, vielleicht nur eine Handvoll. Meisterwerke sind immer selten und selbst das, was ihnen nur nahe kommt.
Die Jury hat mehr als 160 Romane begutachtet, die Anzahl ergibt sich aus den Vorschlägen der einzelnen Verlage und den von der Jury zusätzlich angeforderten Titeln. Und wir dürfen getrost diese 160 als Obergrenze annehmen für das, was wirklich literarischen Rang beanspruchen kann – eher weniger als mehr. Denn unter den Einsendungen dürfte auch mancher Titel aus dem Selbstverlag sein, der für den Autor ergreifend und wichtig ist, aber aus gutem Grund nicht den Weg in ein Verlagsprogramm findet – dafür aber den zur Jury.
Selbst wenn die sieben Juroren, warum auch immer, einen Roman tatsächlich zu Unrecht als ungenügend bewerten, hat dieser noch lange nicht verloren. Ein nicht nominiertes, aber durchweg positiv oder sogar überschwenglich rezensiertes Buch – gern verbunden mit deutlicher Kritik an der Jury – wird dann eben an der Longlist vorbei zur besonderen Empfehlung für den Leser.
Es ist wohlfeil, zu suggerieren, es gäbe Jahr für Jahr eine ungeheure Zahl herausragender Werke. Und es ist umgekehrt riskant, zu behaupten, dass das meiste im besten Fall mäßig ist, weil man damit jene Mehrheit brüskiert, die dem strengen Maßstab nicht genügt. Aber bestätigen nicht eben dies unsere Leseerfahrungen: 20 gute deutschsprachige Romane pro Jahr – auch darunter natürlich bessere und schwächere – wollen erst einmal entdeckt werden. Es ist die Spitze, die auf und aus der Breite wächst. Auch insofern ist die Breite gut und notwendig. Adeln muss man sie deshalb nicht.
[...] Tags: Deutscher Buchpreis


5 Kommentare
Dennoch seien wir froh wenn sich möglichst viele Jurien mit der Berwertung von Büchern beschäftigen! Schon allein die Tatsache, dass ja nicht nur prämiert sondern auch alle Einsendungen gelesen, überdacht und besprochen werden ist wichtig!
ABER: Wie ganz besonders wichtig ist es - zusätzlich - an möglichst vielen Plätzen DIREKTE Zugänge für Autor, Werk und Verlag an das Publikum zu schaffen. Plätze an denen Menschen nach Büchern greifen können, an denen Menschen mit Autoren sprechen können, an denen Menschen sich SELBST ein umfassendes Bild des Angebotes der Verlage machen können. Ein Bild auch frei von kommerziellen Überlegungen (was wird sich gut verkaufen, wonach wird ohnedies niemand greifen usw). Plätze an denen die Begegnung schlechthin stattfindet!
Einen solchen Platz hat man auch in LINZ (Österreich) mit der LITERA 2008 geschaffen. Mehr als 230 Verlage, mehr als 150 Autoren mehr als 10.000 Besucher kamen und haben sich begegnet.
Weil das aber einigen wenigen nicht gepaßt hat wurde dieser schöne, weitere - unkommerzielle - Platz der literarischen Begegnung durch Verweigerung jeder Förderung und jeder Akzeptanz seitens des eigenen Bundeslandes, und durch eine Vernichtungsbericht-erstattung mit Unwahrheiten und Unrichtigkeiten in einigen Medien, vorsätzlich ERMORDET!
Welch ein Verrat am freien Wort, welch ein Verrat an den Autoren, an ihren Werken und an den tapferen Verlagen die jedes Jahr erenut alle Risken auf sich nehmen um Bücher dem Lesepublikum anzubieten!
Berthold Greif
Litera-Linz
Es gibt ein Bücherdorf in Müllenbach bei Marienheide. Dort finden jeden dritten Samstag im Monat Buchmärkte statt. Zum Geburtstag des J. Gutenberg wird jährlich ein großes Bücherfest veranstaltet. Sehenswert ist das "Haus der Geschichten" in Müllenbach.
Dort findet man überall Bücher, auf den WC's, im Pensionszimmer, wo man geht und steht.
Wir sind ein bis zweimal jährlich dort und es macht jedesmal viel Spaß, mit anderen Bücherwürmern zu reden zu fachsimpeln und zu lesen. Natürlich wird das Haus der Geschichten von einem Förderkreis unterhalten, hoffentlich noch lange.
Immer wieder höre ich aus dem Sortiment die Aussage: Wir machen ca. 2/3 unseres Umsatzes mit deutlich weniger als 100 Titeln. Das sind genau die Bücher, dies es schaffen, in den Focus zu geraten, auf diese konzentriert sich das Interesse. Da frage ich provokativ: Wozu noch mit einem breiten Programm anrücken?
Um es auf den Punkt zu bringen: Ich bin gegen diese allmächtigen Focussierungen!
Darum benötigen Autoren, Verlage ja die ganze Literatur, direkte Zugänge zum Publikum OHNE dem Auswahlkriterium - was wird sich gut verkaufen -!
Autroren, Verleger und sonstige Litearturschaffende müssen gemeinsam Plattformen bilden auf denen sie mit den Lesern in großer Zahl kommunizieren können!
Frei von allen Zwänden nur der Literatur selbst verpflichtet!
Und zwar unabhängig davon ob irgend eine staatliche Stelle fördert oder nicht! Denn das ist dann neuerlich bloß Gängelei!
Ich rufe alle am literarischen Geschehen Interessierte auf mit mir und uns gemeinsam eine solche Plattform aufzubauen!
Wir haben mit der ersten LITERA in Linz (Österreich) gezeigt was möglich ist und was dem Publikum gefällt! Obwohl uns unser eigenes Bundesland nicht unterstützt hat.
Ich lade alle ein sich mit mir unter b.greif@linzkongress.at in Verbindung zu setzen und im April 2009 eine große Veranstaltung zu schaffen die ALLE Autoren die teilnehmen möchten und ALLE Verlage die mitmachen möchten versammelt und mit dem Publikum in Verbindung bringt.
OHNE jede Abhängigkeit von politischen Förderungen und OHNE jede Abhängigkeit von Verkauf und Ketten!
Damit die Freiheit des Wortes nicht bloß Floskel bleibt!
Ihr
Berthold Greif
LITERA Linz
Beides stimmt wohl, aber was hat das mit einer reichlich willkürlich selektiven Auswahl für einen Buchpreis zu tun?
Und die Überschrift: die im Schatten sieht man nicht, die wird im weiteren Text nicht mehr thematisiert, merkwürdig, und wenn, dann was heißt denn "man", kommt es auf die "man" an bei einem Meisterwerk? Nein, und ist eine Jury, ein Buchpreis ein geeigneter Ersatz: Nein, ist es nicht. Für die Würdigung eines Autors muß dieser manchmal länger hoffen, als er lebt. Z.B. Kierkegaard, als Existentialist, wurde bei uns erst durch das Jaspers-Referart gewürdigt, und hatte dann erst die verdiente Anerkennung. Man möchte es jedem Autor, schon zu Lebzeiten, und auch bei den Erstlingswerken, gewürdigt zu werden, wünschen, genau in dem Stadium auf seinem Weg hin zum Meisterwerk, dafür braucht es auch Ermutigung, durch solche Buchpreise, und auch solche Veranstaltungen wie die von Herrn Greif initierte Litera.