Literarisches Leben

Börsenvereinsvorsteher Gottfried HonnefelderBörsenvereinsvorsteher Gottfried Honnefelder© Werner Gabriel

23.09.2008Börsenvereins-Vorsteher Gottfried Honnefelder antwortet auf Daniel Kehlmanns Kritik am Deutschen Buchpreis

"Wir werden den Deutschen Buchpreis nicht abschaffen"

Börsenvereins-Vorsteher Gottfried Honnefelder hat in einem Brief die Forderung des Schriftstellers Daniel Kehlmann, den Deutschen Buchpreis abzuschaffen, zurückgewiesen: "Wir sind froh über seinen Erfolg und darüber, dass er es seit drei Jahren vermag, eine solche, vor allem internationale, Resonanz für den Roman zu erzeugen."

Lieber Herr Kehlmann,

den Deutschen Buchpreis werden wir nicht abschaffen, wir sind froh über seinen Erfolg und darüber, dass er es seit drei Jahren vermag, eine solche, vor allem internationale, Resonanz für den Roman zu erzeugen.

Verstehen kann ich, dass die Form der Auswahl für manche oder viele Autoren belastend ist. Den bei der Preisverleihung anwesenden Autorinnen und Autoren habe ich deshalb mit den jeweils gleichen Worten gedankt: "Sie nehmen die für Sie schwierige Situation dieses "Sängerwettstreits" auf sich, auch wenn Sie wissen, dass heute Abend etwas verglichen wird, was sich eigentlich nicht vergleichen lässt. Denn was zählt, ist das einzelne Buch – und nichts sonst."

Die Anwesenheit bei der ersten Verleihung muss für Sie, ich erinnere mich noch, eine Belastung gewesen sein. Aber Sie können an Ihrem Erfolg sehen, dass es nicht nur einen Königsweg über den Deutschen Buchpreis gibt.

Was für Schriftsteller eine Belastung ist, kann für Leser eine Bereicherung und Hilfe sein: Alle Formen der Kanonisierung, ob Reich-Ranickis Literarisches Quartett, ob Elke Heidenreichs Lesen-Sendung, ob der Deutsche Buchpreis, ob alle anderen Literaturpreise, alle Bestsellerlisten, Fernsehsendungen und Talkrunden, alle bringen Bewertungen in das literarische Leben, ohne deren Transparenz und Maßstab wir heute wohl nicht mehr auskommen. Der Inhalt muss den Weg zum Leser erst einmal finden.

Davon abgesehen bin ich sicher, dass es literarischen Erfolg und Öffentlichkeit für Schriftsteller auch neben dem Deutschen Buchpreis gibt. Um Thomas Hettches Rang mache ich mir keine Sorgen.

Mit herzlichen Grüßen
Ihr

Gottfried Honnefelder

P.S.: Die Modalitäten des Deutschen Buchpreises sind allemal bei Goncourt und Booker abgeguckt. Von einer Anwesenheitspflicht höre ich durch Sie das erste Mal.

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4 Kommentar/e

1. Anita Calvi 23.09.2008 13:15h FDgk

Mit leichtem Schmunzeln und manchmal mit etwas Schadenfreude habe ich Herrn Kehlmanns Artikel gelesen.
Vor allem die Passage...nicht wieder an Michael Krüger gleich Hanser Verlag und ...kein Österreicher über 50.usw.. Na ja ich bin auch Österreicherin und die sind halt momentan in der "deutschen Literatur" sehr präsent.
Herr Kehlmann hat sicher recht mit seiner Aussage was das Ignorieren von guter , nicht auf irgendwelchen Listen und dgl. vorhandener Literatur seitens der Rezensenten und Medien betrifft.
Das ärgert mich immer wieder.
Aber für das Vermitteln solcher Literatur an den Leser war und ist eigentlich der Buchhändler zuständig. Jedenfalls so habe ich diesen Beruf verstanden und verstehe ihn immer noch so.
Es grüßt ein "buchhändlerisches Urgestein"

2. Andreas Reichardt 23.09.2008 14:31h http://www.ubooksshop.de

Buchpreise, Literaturbeilagen, literarische Quartette oder Soli sollen einem - da bin ich ganz auf der Seite des geschätzten Herrn Honnefelder - den Weg durch den dichten Dschungel der zigtausend Neuerscheinungen weisen. Und jeder Leuchtturm, jeder Wegweiser, der seine Funktion auch mit Eifer und Hingabe erfüllt, ist hoch zu schätzen.
Doch leider habe ich das Gefühl, dass heutzutage gerne auf andere geschielt wird, auf andere Redakteure, auf die Jury diverser Preise, bis endlich einer den ersten Schritt wagt, und wirklich ein neues Buch empfiehlt.
Dieses Buch wird dann in Windeseile von den übrigen Mitläufern aufgegriffen und so bilden sich Hypes, die jenseits der Qualität eines Buches liegen, siehe das jüngste Beispiel Feuchtgebiete, aber auch Kerkelings gesammelte Werke.

Es scheint mir, keiner will mehr eine Meinung haben, jeder schwätzt dem anderen nach, damit die Auflage stimmt und man bloß nicht riskiert, eine eigene Meinung zu haben, die man vielleicht noch vertreten muss.
Solange Buch- und Förderpreise, Feuilletons, Redaktionen und Fernsehshows die literarische Vielfalt predigen, solange sie zeigen, dass es in den 100.000 Neuveröffentlichungen für jeden etwas spannendes zu entdecken gibt, will ich sie nicht missen. Überflüssig und egal sind sie mir dann, wenn stumpf wiedergekäut wird, was eh schon überall empfohlen wird!
Es lebe die Vielfalt! Schönen Tag noch.

3. Andreas Wilhelm 23.09.2008 14:36h www.andreaswilhelm.info

Liebe Kolleginnen und Kollegen, entschuldigen Sie, wenn ich den Artikel von Daniel Kehlmann ohnehin für eine Luxusdebatte halte.

Bücher, die kaum noch vom Feuilleton rezensiert werden, weil sie nicht auf einer Longlist stehen?

Mit Verlaub – wer nicht „literarisch“ schreibt (also all jene Genre-Publikationen die in Massen gelesen und mithin das literarische Programm überhaupt erst finanzierbar machen) – wird vom Feuilleton ja *überhaupt nicht* rezensiert. Nicht einmal ignoriert, so zu sagen. Da macht allein Denis Scheck mal eine Ausnahme, aber in erster Linie deswegen, weil er sich nun mal die Spiegel-Top10 vornimmt und so nicht dran vorbei kommt.

Wir Genre-Autoren mögen uns grämen, ignoriert zu werden, können das aber ab und zu durch immerhin vernünftig hohe Umsätze großherzig hinnehmen. Man denkt sich dann: Nun, sollen doch die Bücher besprochen werden, die Aufmerksamkeit dringender nötig haben. So können wir versuchen, nonchalant das Feuilleton zu ignorieren, so wie es uns ignoriert. Natürlich gelingt es uns keineswegs, das zu verwinden.

Nun also der Deutsche Buchpreis, der aus der „Premium Selection“ des Feuilletons in unfairer Weise auch noch einige Bücher bevorzugt. Ach, wären das bloß meine Probleme!

Ich denke mir: Wer nicht mit dem Ziel das möglichst beste Buch des Bücherherbstes (oder -frühjahrs) geschrieben zu haben antritt, den sollte der Deutschen Buchpreis doch ohnehin herzlich wenig interessieren. Und wer andererseits sehr wohl möglichst viel Aufmerksamkeit wünscht, nun, der sollte sich nicht zu fein sein, auch ein bisschen dafür zu tanzen.

4. Bücherwurm 24.09.2008 15:27h

Herr Kehlmann vergisst in seinem Ansinnen, dass die wenigsten AutorInnen von ihren Erlösen aus Buchverkäufen leben können. Da helfen eben nur Stipendien, Lesungen und gut dotierte Buchpreise.
Dass nicht alle wirklich gute Literatur auf der Liste landet ist bedauerlich, aber wohl nicht zu ändern. Die Vielfalt auf dem Buchmarkt ist das, was zählt. Ich persönlich habe mir noch nie ein Buch gekauft, weil es ein Bestseller war oder einen Buchpreis gewonnen hatte. Ich kaufe Bücher, die mich neugierig machen. "Feuchtgebiete" gehört sicher nicht dazu.

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