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Aus der Frühzeit des ZVAB

"Vom Funktechniker zum ZVAB Gründer" – wie 1996 in Berlin das Zentrale Verzeichnis Antiquarischer Bücher entstand. Ein Beitrag von Oliver C. Pfannenstiel und ein Interview mit Bernd Heinisch von Felix Kubach.

Pfannenstiels Text enthält einige durchaus interessante Informationen. Hier:

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34 Kommentar/e

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  • Roman Heuberger

    Roman Heuberger

    Eine schöne unt romantisierende Geschichte des ZVAB unter besonderer Berücksichtigung des dunkelblonden Mitbegründers Bernd Heinisch. Selbstverständlich gebührt ihm Hochachtung für seine Pionierleistung, ohne die die heutige Antiquariatswelt im deutschsprachigen Raum allerdings auch nicht viel anders aussehen würde. Aber immerhin ist er ein Pionier.

    Zu Beginn des Berichtes steht sein Credo:
    "Weniger Zeit beim Suchen bedeutet mehr Zeit zum Lesen”

    Dies ist ein grandioser Irrtum von Anbeginn gewesen. Und impliziert bereits in dieser Denkart den Anfang vom Ende. Weil Herr Heinisch nämlich völlig außer Acht gelassen hat, daß das Suchen für den Sammler antiquarischer Bücher an sich bereits den besonderen Reiz seiner Sammlertätigkeit ausmacht. Für den wirklichen Sammler antiquarischer Bücher steht nicht das Lesen des Objekts seiner Begierde im Vordergrund, sondern das Aufspüren desselben. Dazu gehörte insbesondere das Betreten eines Antiquariats, in dessen oft vielen hunderten von Regalmetern manche gedruckte Begehrlichkeit schlummert, die geradezu auf ihn wartet.

    Dies hat der Bildschirm seit Bernd Heinisch gründlich verändert. Der ehedem mit dem Zeigefinger über Bücherrücken wandernde Sammler hat diesen sehr schnell an das Scroll-Rädchen seiner Computer-Maus gewöhnt. So hat der Sammler zunächst bequem und ohne seinen Hintern bewegen zu müssen recht schnell die fehlenden Bände seiner "Sammlung Göschen" ergänzen können. Karl May-Sammler waren beglückt und haben sich eingedeckt, bis sie sich dann übrigens im Verlauf der Entwicklung des Internets bald selber austauschten und das ZVAB (und den Antiquar) fürderhin nicht mehr brauchten. Und dies gilt für viele andere Sammelgebiete auch.

    Das ZVAB war mit der Auslöser dafür, daß das Sammeln von antiquarischen Büchern langweilig wurde. Weil beliebig geworden.

    Zur nächsten Bemerkung von Bernd Heinisch:
    “Wer mit der Masse schwimmt, kann kein Unternehmen gründen, das Pioniergeist erfordert.”
    Das war vor weit über 10 Jahren. Herr Heinisch übt sich in Nostalgie. Und verliert keinen einzigen Satz darüber, daß er heute im Jahr 2008 die Masse an sich darstellt. Nämlich die Masse der von ihm und seinen Mitstreitern im Laufe der Jahre zugelassenen beliebigen, unprofessionellen, dilettentischen Irgendwas-Anbietern. Hauptsache bedruckt, das macht das ZVAB von heute aus.

    Weiter im Bericht: es wird zitiert: "SPIEGEL Online urteilte im Februar 1999 über das Zentrale Verzeichnis Antiquarischer Bücher: „Seit es das ZVAB gibt, erschließen sich deutschen Bibliophilen neue Welten.“
    DAS WAR 1999! Lieber Herr Heinisch, immer noch der Nostalgie verfallen, würden Sie auch heute noch diesen Satz unterschreiben?

    Weiter: „Das Geldverdienen stand nicht im Vordergrund“
    Glaube ich gerne. Aber auch das liegt lange zurück. Wo bitte, Herr Heinisch sind Ihre aktuellen Prioritäten? Ich kann mich nicht ganz des Gefühles erwehren, daß mittlerweile beim ZVAB ein gewisses Interesse am Geldverdienen erwacht sein könnte. Anders kann ich mir die unglaubliche Menge von sogenannten "professionellen" Antiquariaten im ZVAB nicht erkären, die mit Hunderttausenden, möglicherweise Millionen nachweislich unbrauchbaren Büchermülls, oft unter der Vorgabe, kirchliche oder sonstige wohltätige Zwecke zu verfolgen, dennoch brav ihre Einstellgebühren bezahlen.

    Ich meine, heute, im Jahre 2008 (woüber Sie übrigens nichts in Ihrem Bericht verlieren) steht nur noch das Geldverdienen im Vordergrund. Nämlich durch die Einstellgebühren. Egal von wem.

    Und zum Schluß:

    "Individualismus bedeutet für Bernd Heinisch, „seinen eigenen Weg zu gehen und seine Talente zu entfalten“.
    Wenn Bernd Heinisch diese Metapher auf das ZVAB gerichtet hat, dann wurde von ihm der Individualismus sehr weit gefaßt. Tatsächlich haben sich bis heute im ZVAB Talente entfaltet, die mit dem von Herrn Heinisch zu Beginn seines Ansinnes im Jahre 1996 zwar nicht das geringste zu tun hatten aber heute, im Jahr 2008 wohl sehr nützlich geworden sind, vermutlich das Ganze überhaupt noch am Leben erhalten.

    Roman Heuberger, Antiquar

  • Biester

    Biester

    Lieber Herr Heuberger,

    danke für den spätabendlichen Kommentar; wir könnten, wenn Sie mögen, die Diskussion hier

    http://www.boersenverein.de/de/portal/Mitgliederbe reich_Mein_Boersenverein_/259312

    weiterführen. Ein passendes Nutzerforum gibt es dort schon.

  • Urban Zerfaß

    Urban Zerfaß

    Sehr geehrter Herr Biester,

    diese Themen gehören in die Öffentlichkeit. Ebenso fehlen mir die beiden Kommentare zur Werbeagentur, die das zvab wie immer pressewirksam in der Eröffnungswoche der jeweiligen Buchmesse lanciert hat. Darin wird eine verstärkte Bewerbung von Bibliotheken angekündigt, lange Jahre die quasi natürlichen Partner eines unabhängigen Antiquariats und mit dem bei Direktbestellungen üblichen Sonderrabatt auch gewürdigt. Alles perdu, die Provisionspflicht der Plattformen erzeugt so eine Etatkürzung der Bibliotheken von real 10%.
    Freundliche Grüße Urban Zerfaß

  • Günther Hildebrandt

    Günther Hildebrandt

    Wenn es nicht Herr Heinisch und seine Freunde gewesen wären, wäre es ein anderer gewesen ...

    Die in all diesen Diskussionen immer wieder anklingende Verärgerung über sog. unprofessionelle Antiquariate verstehe ich insofern nicht, als jedem, aber wirklich jedem Eingeweihten klar sein dürfte, daß man selbst bei der absoluten Elite des Handels nicht davor gefeit ist, mangelhaft kollationierte Exemplare, fehlerhaft beschriebene Einbände/Schutzumschläge und falsch transkribierte Handschriften etc. zu erwerben. Dies ist natürlich bei weitem nicht die Regel, geschieht aber durchaus öfter als der Laie annimmt.

    Völlig zuzustimmen ist Herrn Heuberger aus meiner Sicht, daß es dem zvab nur noch ums Geld geht. Mir sind allerdings auch sehr wenige Antiquare bekannt, bei denen das anders wäre.

    Unerfreulich ist die Lektüre der Geschäftsberichte der Mediantis AG, da dabei sehr schnell klar wird, wer sich den Löwenanteil geschnappt hat.

    Insofern sehe ich die Aufholjagd, auf die sich, wenngleich aus schlechter Position, einige Plattformen begeben haben, mit Sympathie.

  • Paco

    Paco

    Das Interview und der Artikel mit B. Heinisch beweisen eindrucksvoll, was man sich schon immer gedacht hat: Dass das ZVAB von seinem Denken und Handeln her immer noch im Jahre 1996 stehengeblieben ist.

    Ich bin alles andere als ein Freund der Kraken Amazon oder ebay, aber was die Funktionalität der beiden Verkaufsplattformen angeht, sollte sich das ZVAB davon daumendicke Scheiben abschneiden - anstatt stolz darauf zu sein, dass man ja mal Pionier war während des Kartoffelkriegs.

    Ein Beispiel (beileibe nicht das einzige, das mir zur Verbesserung der ZVAB-Funktionalität einfallen würde): Gibt man bei ZVAB Suchbegriffe wie "Fanz Kafka" oder "Wiemarer Republik" ein, so werden allenfalls vereinzelt (bei vielen anderen fehlerhaften Begriffen auch gar keine) Bücher angezeigt.
    Nachdem der Kunde dort nun keinen Eintrag oder nur ein, zwei nichtsagende Einträge vom ZVAB bekommen hat, wechselt er halt zur nächsten Plattform oder gleich zu Amazon.

    Bei Amazon und ganz besonders bei ebay werden Rechtschreibfehler in der Suche berücksichtigt: Man gibt einen falschen Begriff wie die oben genannten ein und bekommt einen Hinweis: "Meinten Sie Franz Kafka?" oder bei ebay werden direkt schon die Suchergebnisse für "Weimarer Republik" angezeigt.

    Man könnte ja die Ansicht vertreten, dass es allein Sache des ZVAB sei, welche Funktionen es implementieren möchte und welche nicht, aber das Problem ist, dass nicht allein dem ZVAB in dem geschilderten Fall die Provision durch die Lappen und ein Kunde von der Stange geht, sondern dass alle Antiquare, die das gesuchte Buch des Kunden gehabt hätten, in die Röhre schauen, nur weil die Plattform zu transusig ist, diese Funktion anzubieten.
    Aber im Jahre 1996 gab es diese Funktion halt noch nicht...

  • krämer

    krämer

    "Wenn es nicht Herr Heinisch und seine Freunde gewesen wären, wäre es ein anderer gewesen ..."

    Sicher, aber das ist ja gerade die Moneten-Sichtweise. Klar. Was angedeutet wurde, die Widersprechung, da sei jemand unternehmerisch im eigentlich Sinne tätig geworden: NEIN.
    Schumpepeter unterschied zwischen Unternehmern, die schöpferisch sind, und Arbitrage-Unternehmern, diese nutzen nur schlau aus, um das Konto zu füllen, können nichts wirklich eigenständiges in die Welt setzen, das für sich einen Wert hätte der über das rein ökonomische hinausginge, und natürlich auf dem Gebiet des Buchhandels, "kulturellen" Wert hätte. Auf so eine Internet-Hype aufsatteln, ist Arbitrage-Cash, und nicht Leistung im Sinne einer eigentlichen Unternehmung im Wirtschaftsbereich, die sich am Bedarf orientiert haben würde Und wie ein Vorredner sagte, dem Sammler wurde man mit dieser Cash-Unternehmung nicht gerecht, sondern hat den Sammler düpiert. Völlig richtig, der Kunde ist nur Melkkuh, der (noch) Sammler wird geschröpft, aber jetzt außerhalb der gewachsenen Beziehungen, wie es sie traditionell gab. Die Aussage von Herrn Heuberger ist in solcher Hinsicht, scheint mir, zutreffend, das Internet-Angebot zerstört das traditionelle Antiquariat, und auch überhaupt die Bibliophilie.

  • Günther Hildebrandt

    Günther Hildebrandt

    Wenn es dabei tatsächlich nur ums Finden statt ums Lesen oder wenigstens Angucken ging, ist das keinen allzu üppigen Leichenschmaus wert.

    Aber tatsächlich: ein großes Problem ist, daß die neuen Distributionswege die Leute schnell satt gemacht haben. Ganz anders als im Kunstmarkt, wo immer mehr Spieler geradezu gigantische Bestände horten. Vielleicht sollte man mal nachdenken, was dort anders läuft.

  • Karl-Heinz Eisenbach

    Karl-Heinz Eisenbach

    Es ist vollkommen richtig, dass das Internet den klassischen Sammlermarkt, das Stöbern und Suchen in Antiquariat, auf Flohmärkten etc. radikal (negativ) verändert hat. Herr Hildebrand spricht den Kunstmarkt an, der total anders laufen würde, das ist einfach zu erklären, die Titelaufnahme eines Buches bekommt fast der Dümmste auf Anhieb hin. Das ZVAB auch nur für einen Teil dafür verantwortlich zu machen ist der falsche Weg, wenn nicht das ZVAB den Vorreiter gespielt hätte, wären andere gekommen und die sind ja auch da (siehe Eurobuch.com)
    Ich bin mir sicher, dass der Markt in der Zukunft automatisch reagieren wird. Die Masse Müll, die heute in allen Plattformen inkl. ZVAB, Ebay, Amazon u.a. angeboten wird, ist doch definitiv unverkäuflich. Die Anbieter dieser Ware, die außer Gebühren zu zahlen und Zeit verschwenden nichts davon haben, werden sich über kurz oder lang von diesem Geschäft verabschieden müssen. Man kann sich doch bei Ebay die Anbieter betrachten, die Ihre gesamte Bücherdatenbank verkaufen wollen. Oder "Antiquare" die den Restmüll versuchen als Postenware lozuwerden. Man muss sich schämen! Aber auch dafür sind die Preise im Keller.
    Ich denke, auf Dauer wird sich guter Service und Qualität durchsetzen, ich erlebe in meinem Ladengeschäft viele Kunden, die sich komplett vom Internet zurückgezogen haben, gerade weil ihnen die Atmosphäre im Internet fehlt.
    Das Internet ist eine hervorragende Ergänzung für Titel, die in einem regionalen Ladenantquariat sehr schwer zu verkaufen sind. Das, was man früher über Katalog angeboten habt, bietet man eben über Bücherdatenbanken an.
    Der Einzelne kann die Entwicklung nicht verhindern, jedoch mit seinem Verhalten dazu beitragen, dass es nicht noch schlimmer kommt.

  • Redaktion Antiquariat

    Redaktion Antiquariat

    Wir freuen uns über die guten Kommentare, möchten aber die "Kaffeeschlürfer" noch einmal herzlich darum bitten, auf den Antiquariatsseiten von boersenblatt.net nicht anonym zu kommentieren. Natürlich kann nach außen weiterhin ein Pseudonym verwendet werden, jedoch muss dann wenigstens eine richtige und nachvollziehbare E-Mail-Adresse im System angegeben werden.

    Danke!

  • krämer

    krämer

    "Danke!"

    Für die e-mail-Adressen, oder für das Gelaber.

  • Peter Mulzer, Buchantiquar

    Peter Mulzer, Buchantiquar

    "Die Masse Müll, die heute in allen Plattformen inkl. ZVAB, Ebay, Amazon u.a. angeboten wird, ist doch definitiv unverkäuflich."

    Werter Herr Eisenberg, Sie äußern da Unfug.

    Nur weil wir nicht in der Lage sind, uns gescheite Datenbankstrukturen auszudenken und sie dann durchzusetzen, ist unsere Büchermasse noch lang kein "Müll".

    Wir haben unsere Hausaufgaben nicht gemacht, was Verkaufstaktik und -technik angeht. Aber unsere Ware schlechtzumachen besteht kein Anlaß.

  • Raimund Schneckenburger

    Raimund Schneckenburger

    Entschuldigen Sie mal, Herr Buchantiquar Mulzer, SIE verbreiten doch eher Unfug. Schauen sie eigentlich nicht in die entsprechenden Seiten hinein? Für mich als Sammler und Leser mit einem gewissen Anspruch an Qualität wird es immer erschreckender, was ich da an (Herr Hildebrandt hat vollkommen recht) Müll vorfinde: halb zerissene Taschenbücher, Bücher ohne Rücken, gebrochene Buchblocks, fehlende Seiten, vollgekritzelte Texte, oft mit Leuchtmarker, Wasserschäden, usw. Und damit meine ich nicht irgendwelche seltenen Bücher aus vergangenen Jahhunderten, sondern gewöhnlichen Lesestoff aus den letzten 40 Jahren.

    Mir ist es absolut unverständlich, daß dieses unbrauchbare Zeug massenhaft angeboten wird.

    Noch unverständlicher ist mir allerdings, warum Sie solches auch noch als " Ware" bezeichnen. Die braucht man nicht schlechtmachen, die ist bereits schlecht. Für dieses Zeug braucht man keine Datenbankstrukturen sondern einen Altpapier-Container!

  • Peter Mulzer, Buchantiquar

    Peter Mulzer, Buchantiquar

    Sie werden feststellen, daß es sich bei den Anbietern solcher Titel in aller Regel n i c h t um Buchantiquare handelt.

    Allerdings haben wir zur Zeit ein schwerwiegendes Ausbildungsproblem, das durch die extrem unterschiedlichen Niveaustufen im Antiquariat bedingt ist. Die oberste Gruppe kümmert sich nicht einen Deut um ihre armen Kollegen, übergießt sie üblicherweise noch mit Hohn und Spott und ist von einer Herz- und Gemütlosigkeit, die ich aus anderen Berufsgruppen nicht kenne.

    Anständig wäre es, die kleinen Kollegen, die Anfänger und Strebenden, in der Regel bitterarme Außenseiter, aufzufangen, ihnen mit Rat und Tat beizustehen.

    Der durchschnittliche Kunde schätzt übrigens fehlerhafte Angebote meistens richtig ein. Der Schaden, der dadurch entstehen könnte, ist deshalb ganz gering.

  • Karl-Heinz Eisenbach

    Karl-Heinz Eisenbach

    Vielen Dank Herr Schneckenburger, Sie sind mir mit Ihrer Antwort auf Herrn Mulzer zuvorgekommen.
    Ich wollte Herrn Mulzer eigentlich fragen, welche Bücher er in seine neue Datenbankstruktur einstellen will. Eventuell Hera Lind, Konsalik, Simmel, oder all die sonstigen unzähligen Buchclubprodukte oder Readers-Digest Auswahlbücher. Nicht auszudenken, wenn jeder alles gedruckte und ist es noch so unsinnig, aufheben würde. Binnen kürzester Zeit keine Wälder mehr auf dieser Erde. Entsetzlich. Ich für meine Person fülle die Papiercontainer gerne mit diesen Produkten, ich würde mich schämen soetwas anzubieten, geschweige denn Geld dafür zu nehmen.

  • Redaktion Antiquariat

    Redaktion Antiquariat

    Nr. 13: "Allerdings haben wir zur Zeit ein schwerwiegendes Ausbildungsproblem, das durch die extrem unterschiedlichen Niveaustufen im Antiquariat bedingt ist. Die oberste Gruppe kümmert sich nicht einen Deut um ihre armen Kollegen, übergießt sie üblicherweise noch mit Hohn und Spott und ist von einer Herz- und Gemütlosigkeit, die ich aus anderen Berufsgruppen nicht kenne. Anständig wäre es, die kleinen Kollegen, die Anfänger und Strebenden, in der Regel bitterarme Außenseiter, aufzufangen, ihnen mit Rat und Tat beizustehen."

    Dazu hier mehr in der nächsten Woche.

  • Redaktion Antiquariat

    Redaktion Antiquariat

    PS: Die Redaktion versteht übrigens nicht, warum der weiter oben gemeldete Schimmang-Artikel in der FAZ hier nicht bewertet wird. Dem verantwortlichen Redakteur hat der Artikel jedenfalls ziemlich den Abend verdorben.

  • Roman Heuberger

    Roman Heuberger

    ad 16: Lieber Herr Biester,
    den FAZ-Artikel habe ich wohl gelesen, er erschien mir allerdings in seiner Belanglosigkeit, Beliebigkeit, Oberflächlichkeit, FAZ-Unwürdigkeit und weitestgehenden Ahnunglosigkeit über unser Gewerbe, dies vor allem unter dem Begriff "Analyse" keinen Kommentar wert. Das Ding ist völlig daneben.

  • Peter Mulzer, Buchantiquar

    Peter Mulzer, Buchantiquar

    Die Simmel, Konsalik und Co. sortiert der Antiquarius keineswegs ganz und gar aus. Er legt sie in eine Sonderecke, denn dafür gibt es im Flohmarkt- und Grabbelkistenniveau dankbare Abnehmer.

    Was viele Kollegen lernen sollten: Man kann mit mehreren Absatzwegen recht geschickt operieren. Es ist ja doch ein Grundirrtum anzunehmen, daß hohe Auflagen oder überholte Inhalte ein Buch "unverkäuflich" machen. Nur bringt es dann nur noch 50 cents oder 1 Euro.

    Jeder Antiquar sollte "seinen" Abnehmer für solche Billigware haben. Bei der heutigen Arbeitslosigkeit gibt es viele Menschen, die gern wieder Stände mit Billigstkram bedienen würden - wenn sie die Bücher gratis abholen dürfen.

    Ich kann die heillose Arroganz unserer zwanghaften "Grünetonnen-Befüller" nicht ausstehen - es gibt eine unterste Ebene des Buchverkaufs, die man fördern sollte. Es bringt u n s keinen Pfennig Geld und erst noch einige Mühe beim Abtransport aus der Wohnung des Verkäufers - aber die Hartz-4-Leute freuen sich. Man muß das erstmal beobachten, was 10 Euro, durch Billigstware an einem Nachmittag verdient, für den Türkenjungen von nebenan bedeuten, der mit 18 dauerarbeitslos vor der Glotze hängt.

    Deshalb: Es steht uns gut an, eine Billigstschiene einzurichten und regelmäßig für Nachschub dort zu sorgen.

    Nachtrag zum FAZ-Beitrag: Ich kann natürlich nur für mich sprechen - ich mag sowas nicht mehr kommentieren, seit ich Ihre Radikalzensurmaßnahmen neuerdings wiederholt kennenlernen durfte.

  • Arnulf Krieger, auch Buchantiquar

    Arnulf Krieger, auch Buchantiquar

    "Deshalb: Es steht uns gut an, eine Billigstschiene einzurichten und regelmäßig für Nachschub dort zu sorgen."

    HERR MULZER!!! Diese Billigstschiene gibt es seit Jahren im Internet, auf Flohmärkten, Kirchenbasaren, Oxfams, überall. Der Nachschub findet mittlerweile durch das gegenseitige Hin- und Herschieben der Bestände untereinander statt. Ich biete selbst dauernd die von Ihnen genannte Ware für umsonst an, keiner will die haben. Weder der Türkenjunge noch der Hartz IV-Empfänger oder sonst wer. Oft sind nämlich auch die Kartons zu schwer.
    Theoretisieren Sie weiter, der Alltag und die Realität sprechen eine andere Sprache.

    Arnulf Krieger, Antiquar aus Niedersachsen

  • Peter Mulzer, Buchantiquar

    Peter Mulzer, Buchantiquar

    Werter Herr Krieger,

    Sie sprechen hier einen wichtigen Punkt an: Der Absatz auf dieser Billigst-Schiene will sorgfältig studiert, in der Praxis ausprobiert, summa, er will g e l e r n t werden.

    Ich rege mich hier ja seit Jahren auf über die - für fast alle Kollegen - vollkommen unnötigen Protzen-, Selbstbespiegelungs- und Angeberseminare zu so aktuellen Fragen wie dem Bucheinband des 16. Jahrhunderts in München oder den Illustrationsvarianten der früheren Endter-Bibeln, unter Ausschluß der Kurfürstenbibeln - wovon der durchschnittliche Antiquar alle 5 Jahre ein Exemplar in die Hand bekommt.

    Soll und kann man meinethalben machen, wems gefällt, schadt nix.

    Aber erst, wenn die internen, näherliegenden Hausaufgaben erledigt sind. Dazu gehört auch die Frage, wie ich

    *Billigstabsatzwege

    organisiere und unterhalte.

    Dabei gibt es eine Reihe von Kardinalfehlern, die der Anfänger ohnfehlbar begeht, wenn ers nicht (besser) gesagt bekommt.

    1.
    Es geht hier nicht um die Belange irgendwelcher Büchersammler. Auf jedem Flohmarkt dauert es fünf Minuten, bis der erste Antiquariatsfuchs heranschnürt und den armen Kistenschieber ausfragen möchte, ob er ihm denn "nicht doch" einen frühen Karl May oder eine "ganz kleine" Erstausgabe besorgen könne - das hier sei doch alles Schrott.

    2.
    Es geht nicht darum, was das Buch "neu" gekostet hat oder noch kostet. Es muß geradezu "verboten" werden, daß das Mädgelein oder der junge Mann, der hinter den Kisten steht, die Neupreise ermittelt. - Es geht allein um das, was der Passant zu zahlen bereit ist, was ihm das Buch wert sein kann.

    3.
    Die technische Ablauf-Organisation ist ein dickes Brett, das es zu bohren gilt. Viele Kollegen wundern sich, wenn man für Billigstware genaue Ablauf-Schemata zeichnet, mit L o g i s t i k , mit Varianten für Regenwetter, für Krankheit des Fahrers, für Ausfall des (uralten) Autos usw., mit Anrufen beim Amt für öffentliche Ordnung usw.

    4.
    Gelernt werden muß die Anbietetechnik. Ob Sie einen Edelladen auf der Kö betreiben oder vier Meter Flohmarkt, in beiden Fällen will und muß genau studiert werden, wie man die Ware präsentiert.

    5.
    Ich bin geradezu entsetzt, wie einfallslos die Leute sind, wenn es darum geht, Arbeitslosen zu einem Job zu verhelfen. Es ist in der Regel k e i n e gute Idee, sich in bestehende Flohmärkte einzuschleusen.

    Vielmehr hat der - nachgewiesenermaßen - Arbeitslose in fast allen Kommunen die Chance, zu erleichterten Bedingungen öffentlichen Straßenraum zu nutzen. Wir in Freiburg haben das am Münsterplatz gemacht - die Stadt hat seinerzeit sofort die Intitative unterstützt, und nach manchem Jahr besteht das einstige Versuchskaninchen am gleichen Ort munter weiter.

    Man darfs nicht so versuchen wie in Hamburg (hier vor einigen Monaten vorgestellt), das ist steril und überhaupt grauenvoll durchgezogen worden. Den Hamburger Kollegen war das Projekt offenbar wurscht.

    Grundmodell des Billigstabsatzes ist der

    * B ü c h e r k a r r e n,

    in irgendeiner Nische des öffentlichen Raums mit Gutheißung der Hartz4-Behörde und unter genau ausgehandelten Bedingungen eingerichtet - - und von Ihnen und mir alimentiert mit grüne-Tonnen-Büchern. Ab und zu darfs ja auch mal ein Rosinchen sein.

    Ich führe das bewußt nicht näher aus, weil ich darauf bestehe: Das muß und will alles g e l e h r t und g e l e r n t sein.

    Die Schule des Antiquars bezieht sich nicht auf hüpfende Gazellenleder-Einbände für damit still vor sich hin... alte Herren, sondern auf unsere Lebenspraxis, zum Beispiel auf die Organisierung eines Billigabsatzweges.

  • Guenther Hildebrandt

    Guenther Hildebrandt

    Der Sinn von Posting 20 erschließt sich für mich weder im Hinblick auf die Diskussion noch im Hinblick auf die unternehmerische Praxis.
    Es ließe sich genausogut sagen, Grundmodell des Billigstabsatzes ist seit je der Kilopreis (1 Kilo 1 Euro) oder: "Nimm 5!" (und bezahle nur 3) etc.

    Eine schnelle Recherche unter Konsalik im zvab beförderte in der Tat Erschreckendes zu Tage. Dieses Feld sollte man besser Romantauschläden überlassen.

    Was an dem Schimmang-Artikel so schlimm sein soll, daß Redakteure sich den Abend verderben bzw. ein gestandener Buchantiquar ins Schimpfen kommt, ist mir auch nicht klar.

  • Peter Mulzer

    Peter Mulzer

    1.
    Zu den Hausarbeiten, die das Antiquariat seit Jahren nicht gemacht hat, gehören Planung und Pflege eines Absatzwegs der billigen Bücher. Insoweit richtete sich mein Beitrag natürlich nur an die werten Kollegen.

    Ihre monierten Konsalik-Titel sind durch etwas geistlose Serienarbeit, wie sie sich im Antiquariat aber leicht ergibt, ins ZVAB geraten. Tatsächlich ist es, je nach Art der angestellten Hilfskraft, manchmal einfacher, alles ab- und durcharbeiten zu lassen, ohne im einzelnen genau auszusondern. Tut es Ihnen weh? Nein.

    2.
    FAZ, und spätestens seit der Karl-May-Affaire auch ihre angegliederte Netzzeitung, gelten als ausgezeichnete, im Antiquariat wohlbewanderte Quellen. Ihre Antiquariatsseiten waren schon vor 50 Jahren, ehe Welt und Zeit daran dachten, bereits gern gelesen und beachtet. Zur Mühlen etwa und andere sachkundige Schreiber waren dort eine Fundgrube für den gebüldeten Antiquar.

    Vor diesem Hintergrund ist der sehr beliebige, oberflächliche und jeder tieferen Analyse bare Beitrag von faz.net tatsächlich sehr enttäuschend. Sowas würde man von irgendwelchen mittleren Abonnementszeitungen erwarten. Der Verfasser plaudert - aber er tut das, ohne hin und wieder Hintergrundwissen durchscheinen zu lassen.

    Im Antiquariat stehen zur Zeit zahlreiche Fragen zur Klärung an. Daß in den oberen Rängen alles unter den Teppich gekehrt werden soll, hat ja Tradition, aber auch das niedere Antiquariatsvolk bekommt allerlei mit über die ILAB-Misere, beharrliche Vorbehalte gegen den Vorsitzenden des Verbands - undsoweiter. Im Mittelfeld schwelt die ZVAB-Kritik weiterhin, und nicht nur mich hat die jüngste Umgestaltung der Bücherdatenbank bitter enttäuscht: Mons crescit, apparet ridiculus mus.

    Eher unten angesiedelt ist die unmittelbar bevorstehende Inkraftsetzung des Jugendpornographie-Paragraphen, der eine Vielzahl von Staatsanwälten in Trab setzen wird - der jüngste Abmahnungsskandal ist ein lächerliches Kleinkinderspiel gegen die Welle von Beschlagnahmungen, die das Antiquariat dann treffen kann, von den Datenbanken und Ebay zu schweigen.

    Die Diskussion: Laden und/oder Internet wird zum Teil auf hohem Niveau geführt und hat viele, weit ins Herz des Antiquariats hineingreifende Gesichtspunkte zum Gegenstand.

    Alles dies handelt der Schreiber von faz.net mit einer Unbekümmertzheit und Uniformiertheit ab, als wäre die FAZ nicht seit ihrer Gründung mit dem Antiquariat eng verbunden gewesen.

  • Peter Mulzer

    Peter Mulzer

    Letzte Zeile lies "U n i n f o r m i e r t h e i t".

    Solang er informiert ist, darf er ruhig uniform schreiben.

    Bitte um Nachsicht.

  • Guenther Hildebrandt

    Guenther Hildebrandt

    Ich habe schon Schlimmeres als Schimmangs Artikel gelesen. Mein Gott, das ist kein Unternehmensberater, bei dem zvab oder Börsenverein eine Studie zum Stand der Dinge für teures Geld in Auftrag gegeben haben, sondern ein Bücherfreund. Behandelt ihn lieber gut, so viele seiner Art wird es nicht mehr geben!

  • krämer

    krämer

    "Behandelt ihn lieber gut, so viele seiner Art wird es nicht mehr geben!"
    Deswegen läßt man manches dann besser auf sich beruhen. Und hier wird da etwas gesagt nicht direkt, sondern auf Aufforderung. Es liegt da bei dem Herrn Schimmangs z.B. eine Sichtweise zugrunde, der es um das Lesen von Büchern geht, und nicht um das Sammeln. Wenn es darum geht, ein vergriffenes Buch zu finden, wegen seines Inhaltes, z.B. für eine Forschungsarbeit, da ist es ganz richtig, daß die Internet-Recherche für diesen Bedarf ein Fortschritt ist. Und wenn gesagt wird, daß eine Zahl von Antiquariaten sich durch die Möglichkeit des Internet-Vertriebes "gerettet" sehen, so ist das sicher ein erwähnenswerter Aspekt, wobei eine heute nicht mehr mögliche Ladendichte aber ja gerade durch das Internet (mit-)verursacht ist.

  • Peter Mulzer, Buchantiquar

    Peter Mulzer, Buchantiquar

    A.
    Gott behüte uns vor Unternehmensberatern! Sie wissen vom "Stand der Dinge" meistens genau das, was den Antiquaren nicht weiterhilft. - Dagegen wirken in Psychologie und kulturellem Hintergrund des Antiquariats sachkundige Menschen sehr hilfreich.

    Nichts gegen Herrn Schimmang, aber sein Beitrag hat einfach nicht FAZ-Niveau.

    B.
    Ihrem pessimistischer Schlußsatz kann gottseidank widersprochen werden. Ich setze als Gegenthese: Der Neubuchhandel steht vor einer großen Krise, das Internet wird weite Teile des Neubuchmarkts übernehmen (und zwar nicht mit den lächerlichen Ebooks, sondern durch freies Publizieren im Netz).

    Im Zuge dieser Entwicklung, die ich nach in wenigen Jahren bemesse, erhält das gebrauchte Buch einen verstärkten

    *Sammlercharakter.

    Büchersammeln wird dann wieder "in". Und S a m m l e r eben nicht nur von Rarissima, sondern von kleinen und mittleren Titeln sind - siehe (einst...) das Briefmarkensammeln - die treueste Kundschaft.

    Wir Antiquare werden vom Niedergang des Neubuchmarktes profitieren. Auf eine geschlossene Neubuchhandlung wird ein neueröffnetes Antiquariat kommen.

    Die Neubuchhandlung ist tot - es lebe das Antiquariat!

  • krämer

    krämer

    Wobei bezügl. Nachfrage zu STUDIEN-Zwecken noch eine Einschränkung gemacht werden muß, die letztlich auch einem Kulturverlust gleichkommt. Marx z.B. saß täglich 8 Stunden oder mehr in der Londoner Bibliothek und fertigte dort Exzerpte an. Das heutige Forscher-Genie (Literatur-Bereich) sitzt vorm Bildschirm, das ist jedenfalls unter dem Aspekt Lebensqualität eine ganz schlimme Verarmung. Auch bei den heutigen Studenten, ist prima alles, die super Verfügbarkeit der elektronischen Literatur, aber Beschaffung aus elektronischem Weg, aber Abenteuer wie die, die großen Bibliotheken ferner Städte und anderer Länder unter Mühen und Kosten aufzusuchen, und dort die Forschung zu weiter zu betreiben, gibt es so nicht mehr. Eine weitere Schattenseite ist der enorme Anspruch an eine heutige wiss. Arbeit, die gesamte Weltliteratur zum Thema zur Kenntnis genommen zu haben müssen, was darauf hinausläuft, nur zu referieren, was als Wissen veröffentlicht ist, und das eigene Denken, das ehemals durch die Lektüre von Schätzen, die in Antiquariaten aufgefunden wurden, stark stimuliert wurde, heutzutage, durch paste+copy aus pdf-Dokumenten, sich dem Nullpunkt nähert.

  • Peter Mulzer

    Peter Mulzer

    Lieber Herr Krämer,
    das ist nun zwar etwas off topic, aber ich möchte Ihnen doch gleich zu bedenken geben:

    Auch das Internet kann ein spannender Abenteuerspielplatz sein, ein Ort dramatischer und überraschender, glücklicher (und fürchterlicher) menschlicher Begegnungen.

    Ich bin, um beim Antiquariat zu bleiben, im Netz Kollegen von solcher Freundlichkeit und Lebensart begegnet, die mir im wirklichen Leben kaum je entgegengetreten wären, daß ich es nie für möglich gehalten hätte - aber auch düsteren Gestalten, deren hartnäckiger Infamie ich in persönlicher Begegnung hätte besser kontern können. So gesehen ist das Netz keine reine Idylle. Aber:

    Im Studienbereich, Sie sprechen ihn an, sieht es nur noch positiv aus - ohne die weltweiten, ganz überwiegend wunderschönen weltweiten Kontakte hätte ich auf meine alten Tage den Mut nicht gefaßt, wieder akademischer Bürger zu werden. Hier übrigens, im Studienbereich, waren fast ausnahmslos alle Kontakte und Erlebnisse schön, wann immer der Gegenpart seinerseits um Forschung und Lehre bemüht war.

    Dagegen muß ich Ihnen aus meinen (zahlreichen, internationalen) Bibliotheks- und Institutsbesuchen berichten: Es war überwiegend ö d e , zu intensiven Kontakten kam man nur mühsam, der Zeitaufwand ist viel zu hoch (gewesen), der Automatenkaffee war - außer in der Schweiz - überall hundsmiserabel, die Räume stets überheizt, schöne Studentinnen Mangelware.

    Mein Rat an Sie: Machen Sie sich auf, gehen Sie in die internationale Welt des Wissenschaftsbetriebs im Netz: Sie werden es nicht bereuen. Ich bin in zuvielen schäbigen Hotelzimmern in Berlin, Wien, Bern und Paris trübsinnig herumgesessen, um es jetzt nicht zu genießen, daß ich im heimischen Staub- und Spinnenchaos die Welt bereisen kann, gemütlich in Pantoffeln und mit ungebügeltem Hemd.

    In diesem Sinne noch schönen Abend.

  • krämer

    krämer

    Lieber Herr Mulzer, was den wissenschaftlichen Austausch im Netz, und das Angebot an Literatur zum Zwecke wiss. Studien betrifft, mögen Sie recht haben, hinsichtlich der Anregung, die Sie persönlich und andere erhalten, wie sie es im "richtigen" Leben für viele nur spärlich gibt, im Internet reichhaltig. Aber das hat auch eine Kehrseite. Es ist damit eine Virtualisierung verbunden, eine Vergeistigung, die nicht nur schöne Seiten hat. Genau hingesehen, ist ja die reale Welt des Internetnutzers Tastatur-Tipperei, und Pixelanalyse auf dem Bildschirm. Die sinnliche Komponente löst sich in Luft auf und wird ersetzt durch Phantasievorstellungen. Damit geraten Sie in eine Vereinsamung, und die von Ihnen gepriesene Internet-Kommunkation ist nichts weiter als aufdonnertes Selbstgespräch, durch Pixel-Botschaften am Bildschirm stimuliert.
    Wie das Papier-Buch, so eben auch das Laden-Geschäft, ein REAL existierendes Objekt in Raum und Zeit, auch die Bibliotheken: Konkret existierende Orte, die Kultur SINNLICH repräsentieren. Kultur, Wissenschaft und Lebensqualität zum Anfassen, während das angebliche Leben im Netz sich genauer besehen auf Tastaturgeklappere und Stieren auf den Bildschirm reduziert, und erst dann Wert erhält, wenn die dadurch angeregten Vorstellugen, Ideen, Einsichten und Phantasien ins konkrete Leben eintreten, d.h. SINNLICHE Gestalt annehmen. Letztlich soll ja auch die Wissenschaft praktischen Zielen dienen, konkret eine Gestaltung unserer Welt, wie sie in Raum und Zeit existiert, und nicht im virtuellen Raum des sog. "Netzes". Der größte Teil der Informationen, des Ausstausches, der Begegnungen im Netz ist nichts als heiße Luft. Aber es heißt ja, die Epoche des Wassermannzeitalters ist angebrochen. Auf die Jagd nach Wissen zu gehen, oder nach Büchern, die Wissen oder Kunst sinnlich repräsentieren, unter Mühen durch Bewegung der Beine, mit dem Hinterm hochkommen aus dem Ohrensessel, das ist Mega-Out. Überhaupt die Jagd, beknackteres gibt es doch nicht, 10 Schritte gehen, 10 Minuten stehen, ein überkommenes Relikt unserer behaarten Vorfahren, voll bescheuert, solchen Leidenschaften Raum zu geben, wo doch jetzt im Wassermann-Zeitalter die gebratenen Tauben aus dem Bildschirm geflogen kommen.

  • Peter Mulzer, Buchantiquar

    Peter Mulzer, Buchantiquar

    Lieber Herr Krämer,

    wir Menschen sind aus dem Stoff, aus dem die Träume sind, und nichts ist real, nur unsere Sehnsüchte - von Shakespeare bis zur Feuerzangenbowle läßt sich das nachlesen. Als die eine Seite der Medaille, auf der steht: Nur das Geistige ist wirklich, das Reale ist nicht wirklich. Oder so ähnlich...

    Dem enspricht in etwa das, was beim Gedankenaustausch im Netz stattfindet. Ich meine weniger die unsäglichen "Kommentarforen" (auch dies hier ist eine), sondern die ernsthaften vorwissenschaftlichen und die akademischen Foren, Mailinglists usw. Dort findet ein ungeheuer anregender Schlagabtausch statt - Argument und Gegenargument, im Glücksfall dann die Systhese.

    Das ist sehr lebendig, kann nahezu "sinnlich" erlebt werden, ist ungeheuer anregend, ich mags nicht missen.

    "Heiße Luft" werfen wir, oft zurecht, den Kommentar- und Befindlichkeitsforen vor. Naheliegendes Beispiel - ich habe im Lauf der Zeit dreimal vorgeschlagen, zur ernsthaften Diskussion möge der Börsenverein ein Diskussionsforum zur Verfügung stellen, irgendeinen Parsimony-Klon, eine Google-Group oder sonstwas Pfiffiges. Das ist nicht geschehen.

    Jetzt wirds ausgerechnet als internes Forum der arroganten Großverdiener unter uns eingerichtet - was für ein absurder Gedanke, möchte mal wissen, wer dieses verkrüppelte Kind zur Welt gebracht hat.

    Zurück zum Thema: Es gibt wirklich sehr lebendige und "im Geistigen konkrete" Begegnungsformen im Netz. Aber das setzt ein ernsthaftes Fachinteresse voraus und eine gewisse Disziplin, welche letztere im angelsächsischen Raum stets, im frankophonen meistens, im treudeutschen - eher selten zu finden ist.

    Bleiben wir - abschließend - beide bei unseren Standpunkten, ja? Das ist ganz konstruktiv und regt zum Nachdenken an. Schöne Woche!

  • Peter Mulzer, Buchantiquar

    Peter Mulzer, Buchantiquar

    Berichtigung:
    Zeile 6 lies: ist e i n e s (d a s Forum, immer noch)
    Zeile 9 lies: S y n t h e s e.

    Da können Sie sehen, in welchem beklagenswerten geistigen Zustand man nach 9 Stunden Ankaufsfahrt im Ausland zurückkehrt...

  • krämer

    krämer

    "Meist wartete sie als erste Benutzerin ungeduldig vor der noch verschlossenen Bibliothek, und wenn sich deren gewichtige Pforten endlich öffneten und sie die Treppen zum Lesesaal hinaufeilte, spürte sie jedesmal ein herzklopfendes Hochgefühl."

  • Peter Mulzer, Buchantiquar

    Peter Mulzer, Buchantiquar

    "...denn sie wußte nicht, ob das Buch nicht schon ausgeliehen und zudem zweimal vorgemerkt war, ob sich darin häßliche Anstreichungen oder Schlimmeres fände; auch konnte sie sich bei der Titelermittlung geirrt haben, ein weit wichtigeres Buch mochte übersehen sein - zuhause schrie sich das unglückliche zurückgelassene Kleinkind die Kehle wund und würde später jahrzehntelang zum Analytiker gehen müssen, um das Trauma des Verlassenseins zu überwinden - der freche Student neben ihr würde wieder unzüchtige Redensarten zischeln, die Nachbarin rechter Hand Grippebazillen ohne Scheu in den Saal niesen, der alte Herr hinter ihr roch bestimmt wieder nach ungewaschenen Socken, die Bibliothekarin war mürrisch und stank aus dem Mund, unerträglich das Rascheln der nervösen Dame hinter ihr, die heute entschlossen schien, ganze Spiegeljahrgänge knallend-reißend umzublättern. Der Laptop des Doktoranden würde wieder schamlos klappern, sein drahtloses Netzwerk ihre empfindlichen Sinne durchzucken und Tinnitus hervorrufen, der Café in der Bibliothekskantine würde so scheußlich schmecken wie immer, die Toilette würde unsauber sein, das WC-Papier ausgegangen oder gestohlen, die entscheidende Buchseite (vielleicht für ähnliche Zwecke?) ausgerissen sein, sie würde sich und die Bibliothek und die Bücher verfluchen und - zuhause entdecken, daß ihr Buch in einer fast identischen Fassung auf dem Server der Uni Trier liegn würde, tief aufseufzend würde sie den Text über Laser ausdrucken - - zum Teufel mit den Büchern, es lebe das Internet!

  • krämer

    krämer

    "Meist wartete sie als erste Benutzerin ungeduldig vor der noch verschlossenen Bibliothek, und wenn sich deren gewichtige Pforten endlich öffneten und sie die Treppen zum Lesesaal hinaufeilte, spürte sie jedesmal ein herzklopfendes Hochgefühl. Dabei verwandelte sich die Dichtergefährtin in eine Forscherin, die IHREN Zaubergarten betrat, die Welt der Archäologie und der Mythen."

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