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15.10.2008Meinung
Jetzt ist der Stick voll
Sie wollen wissen, wie es in zehn bis 20 Jahren in den heutigen Buchhandlungen aussieht? Großartig. Aber lesen Sie selbst – ich habe meinen Beitrag nicht vertont, ich hörte, Sie haben Ihren Schwerpunkt noch im Printbereich, also komme ich Ihnen gern entgegen: Begleiten Sie mich auf meinem Einkaufsbummel.Ich liebe es, in einem Medienladen, nach einer Latte macchiato und nach der Lektüre der hier erworbenen Tageszeitung zu überlegen, was ich einkaufen will. Diese Medienhandlungen, die es heute gibt, haben für alle Bedürfnisse etwas da. Ich hätte mir die Tageszeitung auch auf mein E-Book laden können, aber ich mag lieber Zeitungspapier in den Händen halten.
Mal sehen, womit wir anfangen. Im Erdgeschoss werde ich mir zwei Hörbücher auf meinen Player laden. Seit einiger Zeit haben sie hier die Downloadstationen mehrfunktional gemacht. Sehr bequem für mich, da ich sowohl Filme, Spiele, Hörbücher, Bücher und Musik herunterladen kann und hier das Portal sofort aufrufbar ist (zu Hause im Internet muss ich erst suchen …). Meist kaufe ich dann doch mehr, als ich will. Der Download dauert zwar nicht lange, aber die Zeit reicht aus, um mich auf dem Bildschirm über die Neuerscheinungen zu informieren. Zahlen vom Handykonto direkt am Terminal erspart lästiges Warten.
Für den bevorstehenden Urlaub reichen mir zwei Hörbücher und zwei Spiele. Filme gucken wir wieder zu Hause, ist ja auch bequemer und größer auf der Wiedergabetapete.
In der ersten Etage gehe ich zur Wellfitness, um meinen Gewinn abzuholen. Ich habe mich strikt an die individuell und online angepassten Ernährungsprogramme des Verlags gehalten. Das Ziel-Gewicht habe ich sogar noch unterschritten. Mal schauen, ob ich den Gewinn mitnehme oder mir die Punkte noch für die nächste Runde gutschreiben lasse. Die Rezepte der nächsten vier Wochen lade ich mir auf den Stick und kopiere sie nachher in meinen Rezept- und Verwaltungsspeicher am Kühlschrank. Jetzt doch schnell vorbei an den neuen, spannenden Taschenbüchern über die aktuelle Religionsdebatte. Ach ja richtig, die neuesten Gehirnjoggingspiele. Daran habe ich unten gar nicht gedacht. Na, dann lade ich sie eben hier runter – die sind prima für den Flug zum Zeitvertreib.
Jetzt ist der Stick zwar voll, aber macht nix, zu den Downloads bekommt man kostenlos einen dazu – gebrandet selbstverständlich. Nun muss ich jemanden auftreiben, der mir das einzig wahre Fachbuchkapitel zu den neuesten Erkenntnissen der Psoriasis aufruft für einen Download. Meine Tochter schreibt gerade eine Hausarbeit und will den neuesten Forschungsstand einarbeiten.
Die nächsten Kapitel Chinesisch für meinen Achtklässler lade ich da auch noch drauf. Zusammen mit dem Arbeitsbuch ist das richtig gut, da die Kapitel interaktiv sind und an die jeweilige Qualität der Aussprache angepasst werden können.
So, jetzt aber hoch ins oberste Stockwerk – zur Reisevorbereitung zwei Bildbände über den Baikalsee, dann noch den ausführlichen Trekkingführer, beides auf Umweltpapier gedruckt. Den Stadtführer von Moskau lade ich mir aufs Handy, dann können wir uns, GPS-geführt, besser orientieren. Zwei Tage – das ist nicht viel Zeit, also lasse ich mir lieber die priorisierten Kurzrouten aktuell aus dem Programm zusammenstellen.
Als krönenden Abschluss werde ich mir jetzt noch das neueste Taschenbuch von Zafon und von Duve holen. Echt praktisch, dass wir heute nicht mehr so viel schleppen müssen, wie Sie damals!
Welches ist Ihr Bild von der Buchhandlung der Zukunft?



1. Robert Lindhoff 15.10.2008 11:19h
Diese Vision halte ich für ziemlich verstiegen. In zehn Jahren gibt es doch kein Dussmann, Thalia und Hugendubel mehr. Wozu sollte man, um all das zu tun, was Frau Tittel beschreibt, in einen Laden oder gar ein Kaufhaus gehen? Das macht man doch heute schon fast alles von zu Hause aus. Wenn man dann noch wohin geht, dann vielleicht in ein gutes Antiquariat, das neben schönen alten Büchern vermutlich auch die Neuproduktionen der verbliebenen Printverlage anbieten wird. Falls man für den Strand noch ein Taschenbuch braucht, holt man sich das dann vermutlich eher bei Aldi und Co.
2. Horst Baraczewski 15.10.2008 11:58h www.buchgeist.de
Liebe Frau Tittel,
schade eigentlich, dass Sie bei Ihrem Bummel auf Gespräche mit Buchhändlerinnen oder Buchhändlern völlig verzichtet haben (oder gab es keine mehr)? Gerade die Interaktion und Kommunikation mit Kunden scheint mir ein ganz wesentlicher Mehrwert zu sein, den "klassische" Buchhandlungen für ihre Kunden erbringen und dafür auch sehr geschätzt werden. Warum ziehen Sie als nicht einfach Ihren Besuch in einer Buchhandlung vor und schauen mal genau hin, wie sich unsere Kunden HEUTE verhalten. Ich lade Sie gerne zu einem Heißgetränk Ihrer Wahl ein.
Herzlichst Ihr Horst Baraczewski
3. krämer 15.10.2008 17:50h
"Wozu sollte man, um all das zu tun, was Frau Tittel beschreibt, in einen Laden oder gar ein Kaufhaus gehen?"
Shopping! Genauso heutzutage die Internet-Cafes, wo viele sitzen, die auch zu Hause einen Internatanschluß haben.
"und schauen mal genau hin, wie sich unsere Kunden HEUTE verhalten."
Ja, aber sind Sie denn kurz vor der Rente. Es ist schon notwendig, 20 Jahre vorauszuspekulieren.
Was bezügl. Printmedien völlig ausgeblendet wird, das ist der Papierverbrauch. In den 90ern gab es mal die Phase, wo in Unternehmern, die ökologischen Anspruch hatten, der Papier-Ausdruck möglichst vermieden werden sollte, und statt dessen gründlichere Bildschirmarbeit gefordert wurde, und nicht ausdrucken, und dann in Ruhe lesen, kommentieren, korrigieren, antworten usw. Dieser Aspekt ist in den letzten Jahren völlig untergeganen, weil einmal das Papier sehr billig ist, und es heißt, es käme von Baumkulturen, die nachhaltig bewirtschaftet würden, und der Baumschlag nicht höhrer sei, als der Nachwuchs.
Das wird aber so vermutlich nicht bleiben, Papier wird teuer werden. Die Waldgebiete verringern sich weiter. Der Kahlschlag findet weiter ungebremst statt. Das wird dahin führen, daß auf den Gebieten, wo überhaupt noch Bäume stehen, dann zwangsweise eine ganz andere Sichtweise zur Geltung kommt als die der Papierproduktion.
4. Esther Giese 15.10.2008 18:40h www.buchladensuelzburgstrasse.de
Liebe Frau Titel,
Ihr zukünftiges Verhalten unterscheidet sich nicht von einem "Amazon-Kunden". Als Buchhändler oder vielleicht Medienhändler verstehe ich mich als Selektierer und werde immer persönliche Kunden haben, die sich bedanken für den wunderbaren Tipp jenseits von Bestsellern, aber auch Bestseller, die gerne erst gekauft werden, wenn ich meine Meinung dazu äußern kann. Vielleicht können wir in der Zukunft viel "runterladen" aber was nutzt das, wenn es nur Müll ist.
5. Dieter Dausien 15.10.2008 19:28h www.freiheitsplatz.de
Bei aller Begeisterung, auch meiner, über technische Neuerungen: Ich hoffe, Frau Tittel weiß dann in zehn Jahren auch noch, welche Datei sie in welchem Format auf welchem Stick hat und in welches Gerät sie die übertragen muss. Nicht, dass sie das eBook-Lesegerät zum Kochen verwendet oder die Psoriasis-Erkenntnisse ihrem Küchschrank einspeist. Und das für den Flug gedachte Gehirnjogging auf den PC der Tochter lädt. Das wird dann die ganz neue Unübersichtlichkeit. - Aber zum Glück hat sie ja noch die zwei nonvirtuellen Taschenbücher eingepackt...
6. krämer 15.10.2008 19:32h
"aber was nutzt das, wenn es nur Müll ist. "
Das seh ich auch so, die Flut der Produktionen erlaubt dem Kunden kaum mehr ein eigenes Urteil, hoffentlich werden die Buchhändler/Innen ihrem Anspruch gerecht. Ist ja auch nötig, dann selber Lektüre zu machen, Auswahl unter 1 Mio. jährlich, von den gelesen 300 werden dann 10 empfohlen, von den nicht gelesenen 999700 werden keine empfohlen, da ist dann der Tipp wohl wirklich "wunderbar", und der Kunde kommt wieder, für den nächsten wunderbaren Tipp.
7. Daniela Möhrke 15.10.2008 20:01h http://rezensionslust.chapso.de/
Für mich wäre das keine schöne Zukunftsvision, sondern wohl eher eine Horror-Vision. Sicherlich bieten uns digitale Medien und Neuerungen auch einiges an Komfort, jedoch möchte ich es um keinen Preis missen, ein gutes Gespräch mit meinem Buchhändler zu führen. Mich interessieren Bestsellerlisten eher bedingt und dementsprechend würde mich eine solche Liste auch kaum zu einem sofortigen Kauf anregen . Noch dazu auf einen Stick? Nein diese Vorstellung gefällt mir gar nicht. Ich finde, dass Buchhandlungen gemütlich sein müssen und einen Wohlfühleffekt haben sollten. Niemals könnte ein so technisiertes Gebäude etwas so Sinniges ausstrahlen. Außerdem schließe ich mich der Meinung an, dass sich Frau Tittels Vision nach ziemlicher Unübersichtlichkeit der einzelnen Medien anhört. Mir geht dabei einfach der Gedanke für das Schöne verloren.
8. Lorenz Borsche 15.10.2008 21:16h
Liebe Frau Titel,
vielleicht sollte man Visionen, zumal solche langfristigen, nicht auf dem technischen Stand der Jetztzeit aufbauen?
2019: Ihr STICK ist voll? Das ist doch schon heute Unfug.
Lassen Sie mich vorrechnen: ein Buch mit 250 Seiten und 2000 Buchstaben pro Seite (das ist viel!) braucht ca. 500 kB Platz. Die Micro-SD-Karte in meinem Handy - gerade mal so groß wie eine 10 Cent Münze - hat schon heute 4 Gigabyte. Da passen ca. 8000(!) Bücher drauf. Hörbücher - das ist was anderes: dort brauchen wir pro Minute ca. 1 Megabyte. Ich könnte also 4000 Minuten Hörbuchgenuß schon heute aufs Handy laden. Sticks gibt es jetzt schon mit 8 und 16 Gigabyte. Und die 64 GB Micro-SD-Karte dürfte spätestens 2011 auf dem Markt sein.
Abgesehen davon werden Sie die ganzen Inhalte in 10 Jahren bequem direkt auf Ihr Handy (mit ausrollbarem ePaper-Bildschrim in Taschenbuchgröße) laden können - oder, noch einfacher, während des Lesens / Hörens per Streaming nutzen können... zumindest, was die Technik angeht, ist Ihre Vision also eher antiquiert.
Ob das alles so kommt, werden wir sehen (ich glaube nicht so fest daran, wie Sie ;-) - und ganz sicher wird das gedruckte Buch weiterhin seinen Platz haben. Warum, das können Sie aktuell im SPIEGEL Online nachlesen:
http://urly.de/cc58
Beste Grüße, LB
9. bernd kochanowski 16.10.2008 15:16h http://krimileser.wordpress.com/
Leider wirkt der Artikel so, als wenn es der Autoren mehr auf die launige Darstellung als auf den Inhalt angekommen wäre. Längerfristig mit dem Thema auseinandergesetzt hat sie sich vermutlich nicht, denn sonst wäre ihr zum Thema Kaffee die Expressomaschine und nicht der Latte macchiato eingefallen.
Insgesamt klingt es nach einem Mediacentre nicht nach Buchgeschäft. Tatsächlich gibt es plausible Alternativen nach denen sich die Verlage um ihr Überleben sorgen müssen, nicht die Händler.
Der in den Kommentaren geäußerte Hinweis auf die Buchverkäufer ist angesichts der Beratungsqualität in den Häusern der großen Ketten jetzt schon nicht überzeugend.
10. Christoph Schäfer 16.10.2008 16:34h www.heineantiquariat.de
Wiederholung, sorry, muß offensichtlich sein:
"Oder wollen sie sich Ihre Bücher im Einheits- Ziegelstein-Format und -look zu Hause ausdrucken, oder ständig auf Strom und Batterien angewiesen sein, wenn Sie lesen wollen ?
Der neue Börsenvereins-Slogan müßte doch eigentlich lauten:
Ein Buch (ver)braucht keinen Strom ! (Kerze reicht notfalls)"
Grüße,
Christoph Schäfer
11. krämer 16.10.2008 17:26h
Punkto "Beratungsqualität".
In den 90ern gab es kurze Zeit mal den Beruf des "Information-Brokers". Da Information aufgrund der, Flut ist schon zu schwach ausdrückt, also Tsunami-Flut der Informationen: Da gab es die Idee des Information-Brokers.
Die Überlegung war noch aufgrund von der Situation, daß viele Informationen im Netz von CD-Roms abgerufen werden, für welchen Abruf dann für den Nutzer auch hätten Gebühren gezahlt werden müssen. Schnee von gestern. Die Diagnose Information-Tsunami trifft trotzdem zu, und die Buchhändler/nnen bekommen da in Zukunft ganz gewiß einen Auftrag, nicht nur von den Kunden, sondern als gesellschaftliche Notwendigkeit, eine passable Selektion für den absolut überforderten Informations-Konsument anzubieten. Dabei ist es eigentlich egal, ob Print-Medium, oder E-Book, oder verschiedenste Internet-Informationen: Es wird notwendig sein, in etwa, wie die fernöstlichen Gurus ihren Schülern Hinweise geben, so der moderne Buchhändler, als Guru, für bildungsinteressierte Menschen: Sag mir, was ich lesen soll. Ok, dann nimm dieses Buch. Damit es das richtige ist, dafür braucht es weniger die Kenntnis der Milliarden Veröffentlichungen, sondern die Kenntnis von typischem Kundenbedarf, was für die das richtige ist, es sind da möglicherweise 100000 Titel, die passen würden, aber EIN Titel: Hallo, das wäre was für Sie, genügt, Somit ein Buchhändler der Zukunft muß Guru-Qualität wenigstens der Form nach bieten, für diejenigen, die nicht oder noch nicht, oder nicht mehr, ihren Lese-Kurs eigenständig steuern.
12. O.G 21.10.2008 23:13h
Den Info Broker gibt es immer noch, und wird in Zukunft immer wichtiger, schauen Sie einfach mal bei der DGI vorbei.
http://www.dgd.de/Informationsvermittler.aspx