Flanierender Zufall
Wenn ich in eine neue Stadt komme, laufe ich so lange dieselben neuen Wege, bis sie mir zu ausgetretenen Pfaden werden. Ich bin ein Gewohnheitstier sondergleichen, ich bin der geborene Stammkunde, trotz Umzügen und BahnCard100. Meine Pfade führen zu den immergleichen Bibliotheksecken in Hamburg, zum Waschsalon in Iowa City und zu einer Bar in Berlin. Stammkunde zu sein bedeutet, dass man sich die Welt zu einem angenehm verlässlichen Dorf zurechtstutzt, bevölkert mit bekannten Kellnerinnen, Fahrradmechanikern und vor allem Buchhändlern.
In jedem Buch, das ich je gekauft habe, vergesse ich absichtlich meine Lesezeichen, um sie Jahre später wiederentdecken zu können: ein Tessiner Lorbeerblatt in John Irvings »Water-Method-Man«, in Max Frischs »Montauk« ein Kinoticket von 1995 (»Und täglich grüßt das Murmeltier«), Kalenderblätter in Uwe Johnsons »Jahrestagen«, Taxiquittungen, Etiketten verschwindender Limonadenmarken. Immer aber die Kassenzettel der Buchhandlungen, aus denen die Bücher stammen. Sie sind Erinnerung daran, wann und wo ich dieses Buch gekauft, in welcher Währung ich bezahlt habe und wie alt ich beim Lesen war.
Und weil ich Stammkunde bin, sind die meisten Zettel in meinen Büchern von nur vier Buchhandlungen: Alle meine Schulbücher und Hermann Hesses habe ich beim großartigen Kersting in Hagen gekauft. Alle John Updikes und Jack Kerouacs bei Heine in der Hamburger Grindelallee, zwei Postsäcke amerikanischer Gedichtbände im St. Mark’s Bookstore in New York. Ich bin Buchhandlungsnostalgiker.
Als ich nach Leipzig kam, bin ich also durch flanierenden Zufall an meinen Lieblingsbuchladen geraten. Die Connewitzer Verlagsbuchhandlung kommt aus dem Leipziger Süden und wohnt seit ein paar Jahren in der Innenstadt. Flanierender Zufall ist ein guter Shopping-Berater: Die Connewitzer Verlagsbuchhandlung ist der beste Buchladen am Platz. Dafür gibt es 1?000 Gründe, ich nenne meine subjektiv wichtigsten: Die Connewitzer riecht nach Buch und Holzregal, nicht nach Einschweißfolie. Es gibt die sinnvollste englischsprachige Buchauswahl, die ich in dieser Gegend kenne. Es gibt die Gesamtprogramme kleiner Verlage und die guten Bücher der großen. Es gibt keine saisonalen Bücherstapel am Eingang, stattdessen ein superb sortiertes Sortiment samt Literaturzeitschriften und einer Leiter für die oberen Etagen.
Die Connewitzer Verlagsbuchhandlung hat ein eigenes, beachtliches Verlagsprogramm mit wirklich schönen und guten Titeln. Die Buchhändler um Peter Hinke sind außergewöhnlich kompetent und leuchtend ehrlich. Sie haben plausible und individuelle Meinungen parat, sie haben Enthusiasmus für ihre Bücher und meistens recht. Ich darf sie ungestraft mit Vornamen ansprechen und Irinas Fachwissen und Frisur loben. Und es gibt im Obergeschoss ein Sofa, aus Büchern gebaut, auf dem ich einmal versehentlich eingeschlafen bin. Und schlafen kann ich nur an den besten und verlässlichsten Orten.
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