Literarisches Leben
20.11.2008Interview mit Marcel Reich-Ranicki
"'Lesen!' war halt eine Sendung für Frauen"
Es gab einen Brandbrief der deutschen Verleger, die das ZDF anflehten, Elke Heidenreich zurückzuholen – mit dem heiklen Argument, dass ihr Weihnachtsgeschäft bedroht sei, wenn die nächsten Sendungen ausfallen. Man brauche Frau Heidenreich als Lokomotive für den Verkauf. Ist es ein Armutszeugnis für die Verleger, dass sie gewissermaßen ein Marketinginstrument einklagen?Ja, natürlich, das gefällt mir nicht, aber so machen sie es. Man sollte Bücher auch jenseits der Verkäuflichkeit wahrnehmen. Deshalb hat mir die Wahl des diesjährigen Literatur-Nobelpreisträgers gefallen. Sehen Sie, in der Regel bin ich mit dem Literatur-Nobelpreis überhaupt nicht einverstanden. Es ist lächerlich, dass die beiden
großen Amerikaner Philip Roth und John Updike diesen Preis bisher nicht bekommen haben. Aber den Preis einem französischen Schriftsteller zu geben, der am Rande steht und gar nicht populär ist, war eine mutige und keineswegs törichte Entscheidung.
Elke Heidenreich hat soeben verkündet, dass sie ihr abgesetztes Format bei einem anderen Sender weiterführe. Glauben Sie, dass man Literatur im Fernsehen verhandeln sollte wie sie: Buch hoch halten, „tolles Buch, das müssen Sie lesen…“
... nein, nein, nein!...
... oder sollte man sich lieber diskursiv damit auseinandersetzen?
Diskursiv! Die Methode der Elke Heidenreich gefällt zwar vielen Zuschauern, aber ich kann es nicht ertragen, wenn jemand sagt: „Kauft dieses Buch! Nicht morgen, besser heute noch!“ Na, na, na, diese Reklame für Bücher erscheint mir etwas billig. Dennoch ist es eine Tatsache, dass die Sendungen der Elke ein großes Publikum erreichten, vor allem Frauen, so sagte man mir. Es war halt eine
Sendung für Frauen. Und es ist ja tatsächlich so, dass mehr Frauen als Männer Bücher lesen.
Welche Schriftsteller der letzten dreißig Jahre waren für Sie die wichtigsten? Was wird bleiben?
Zu den wichtigsten gehört Nabokov. Was ich am meisten schätze, sind „Lolita“ und „Pnin“ – „Pnin“ ist ein sehr guter Roman. Erstaunlich ist, was Nabokov über andere große Schriftsteller geschrieben hat. Über Thomas Mann etwa hat er sich sehr abfällig geäußert. Aber man soll sich nicht so darum kümmern, was Schriftsteller über andere Schriftsteller sagen. Sie selber sollen gute Bücher schreiben, wenn sie das tun, reicht das vollkommen.



1. Milena25 20.11.2008 15:34h
So langsam geht mir MRR wirklich auf die Nerven, bei allen Verdiensten, die er hinsichtlich der deutschen Literatur hat. Man kann von der Sendung "Lesen" bzw. von Elke Heidenreich selbst halten, was man will, aber es ist nun einmal positiv zu bewerten, dass sie ein großes, vielfältiges Publikum erreicht hat. Ich bezweifle, dass das mit Sendungen wie "Literatur im Foyer", die ich sehr gerne sehe, die aber leider viel zu spät im Fernsehen gezeigt wird, gelingt. Und was soll das heißen: nur eine Sendung für Frauen? Was gibt es daran auszusetzen? Bedeutet alleine diese Tatsache einen Qualitätsverlust? Es ist schon interessant zu sehen, wie sehr MRR das Rampenlicht, in das er durch seine sog. "Fernsehkritik" geraten ist, wieder genießt. Jetzt ist es aber auch gut.
2. Tina S. 20.11.2008 16:15h
Ich kann mich Milena25 nur anschließen, ich finde die Argumentation von Reich-Ranicki unmöglich, zu behaupten, es sei eine wenig anspruchsvolle Sendung und dann hinterher zu schieben, es sei halt eine Sendung für Frauen gewesen. Solche Aussagen zeigen, dass MRR einfach nicht mehr auf der Höhe der zeit ist und sich so langsam mal mit seinen Kommentaren zurück halten sollte. Er ist halt ein alter Mann...
3. Klaus66 20.11.2008 17:13h
Völlig richtig, und er macht Literaturkritik für alte Männer. Nix weiter. Siehe die Parallelmeldung http://www.boersenblatt.net/292297/, er arbeite jetzt an einer eigenen Klassikerreihe, „Mein Schiller“, „Mein Heine“, „Mein Lessing“, „Mein Kleist“, „Mein Büchner“ und „Mein Kafka“. Alles tote Männer ...
Habe das Gefühl, der arbeitet nur noch an seinem eigenen Denkmal ... unerklärlich bloß: Warum fehlt "Mein Goethe"? MEINe Güte ...
4. stefanu 20.11.2008 18:22h
mrr wird wohl langsam dement.... *g
5. Wolf-Dieter Sonnenburg 21.11.2008 00:47h www.liaison-mit-literatur.info
Der Ansatz von Frau Heidenreich ist gut, über Bücher zu reden die sie mag. Über die anderen muss man öffentlich nicht reden, jeder Leser hat seine eigenen Maßstäbe. Nur etwas mehr Zeit für den einzelnen Titel müsste sie sich nehmen.
MRR's Vorgehensweise sich gelegentlich Autoren in die Sendung einzuladen und sie dann niederzumachen, fand ich perfide und unwürdig.
Ich finde es allemal besser sich selbst ein Urteil zu bilden. Brauchen wir wirklich Vorkauer die uns sagen was uns nicht schmeckt?
Mir macht es am meisten Freude über Bücher zu reden die mir Freude gemacht haben, da geht mir der Mund über, damit kann ich andere Menschen auch begeistern.
6. Mann oh man 21.11.2008 15:26h
Natürlich fehlt Frauen das Triebhafte, das „ich will nicht, ich muß!“ Soll ja auch sein, auch das Triebhafte hat ja einen Januskopf. Doch wenn das Mediale (Buchhandlungen eingeschlossen) nach diesem Antriebslahmen gestaltet wird, keine Polemik mehr will, Kritik ausschließt und Leidenschaftlichkeit kaum mehr spürbar wird, muß man sich nicht wundern, wenn das alles nach Ayurveda und Blumenladen duftet.
7. Rosemarie Leonhardt 21.11.2008 16:55h www.weidling-verlag.de
Diese Kommentare beruhigen mich doch sehr. Der "olle Chauvi" - der Mann das Referenzwesen für die Frau? Na ja, beide MRR und Heidenreich können einem auf die Nerven gehen - aber auch Frau Heidenreich soll loben dürfen, was immer sie will. Nur die Hand, die Brot gibt, sollte man nicht so heftig schlagen - gehört sich einfach nicht.
8. Oskar 28.11.2008 12:25h
Ach du meine Güte! Nun regt Euch doch mal nicht so auf! Das in der Frage angeführte Heidereichsche Prinzip des Hochhaltens eines Buches mit dem atemlos gehechelten Kaufbefehl ist ja nun wirklich lächerlich. Und im übrigen war (und wird wohl leider auch wieder sein) das Verhältnis Sendezeit zur Anzahl der in der genannten fragwürdigen Form "vorgestellten" Bücher ohnehin höchst zweifelhaft und dem Gegenstand Literatur in keiner Weise angemessen.
9. Tine 19.01.2009 21:31h
MRR hat völlig recht. Heidenreich hat schlichtweg nur Werbung für Bücher gemacht, aber es fehlte ihr an wirklicher Besprechung der Bücher. Das hat es wenigstens im Literarischen Quartett gegeben. Dort nervte nur irgendwann dieser Egotripp einiger älterer Herrschaften und die Tatsache, dass ständig nur Bestseller besprochen wurden. Ich wünsche mir eine innovative Sendung auf diesem besonderen Sendeplatz.