Antiquariat
27.11.2008Online-Buchhandel
"Aktien waren gestern – Wertvolle Bücher als langfristiges Investment"
"Buchliebhaber, die früh Erstausgaben oder signierte Werke der Klassiker gekauft haben, sind heute im Besitz von Büchern im Wert von mehreren tausend Euro." So steht es in einer aktuellen Pressemitteilung von Abebooks aus Düsseldorf (dem Geist nach aber aus Nordamerika?). Und um "bibliophilen Investoren einen schnellen Einstieg zu ermöglichen", listet Abebooks gleich ein paar wichtige Regeln und Einflussfaktoren auf, die wir hier ungekürzt wiedergeben:Grundlagen für Büchersammler
• Erstausgaben – sie sind das Fundament des Büchersammelns.
• Signierte Exemplare – die Signatur des Autors steigert den Wert des Buchs enorm.
• Gebundene Ausgaben – broschierte Werke steigen nur selten stark im Wert.
• Ein guter Zustand – steigert den Wert eines Buches immer.
• Kenntnis und Leidenschaft – der Anleger sollte nur das sammeln, was er kennt und mag.
Schlüsselfaktoren, die den Wert beeinflussen
• Kleine Auflagen – außer wenn ein Verleger sich sicher ist, den nächsten Harry Potter zu drucken, sind Erstauflagen von unbekannten Autoren klein. Probleme während des Drucks können eine Auflage ebenso klein halten.
• Pressestimmen – eine Empfehlung durch einflussreiche Medien kann ein Buch bekannt machen.
• Mund-zu-Mund – breiter Anklang beim Publikum kann ein Buch beflügeln („Der Drachenläufer“ wurde so zum Erfolg).
• Preise – Literaturpreise lassen die Nachfrage über Nacht explodieren. Sehen Sie sich die Shortlists an und kaufen sie das Sieger-Buch.
• Filme – eine Filmadaption verstärkt das Interesse für das Buch, meistens haben diese Bücher aber bereits Sammlerwert.
• Öffentliche Debatten – zensierte Bücher, Gerichtsverfahren oder Harald Schmidts ironische Erwähnung wecken öffentliches Interesse und erhöhen den Wert.
• Dahinscheiden eines Autors – der Tod eines Autors bringt seine Werke (zurück) in die Öffentlichkeit und schließt sein Werk ab.




1. Wolfgang Höfs 27.11.2008 15:59h
Wohl neue Mitarbeiter bei Abebooks. Nun gut, als Investmentberater bei Lehmanns oder Citybank hat man heutzutage schlechte Karten, da kommt das Buchgeschäft gerade recht. Da sind Innovationen gefragt. Während man zur Zeit noch mit Preisabschlägen von bis zu 40 % auf der ABEBOOKS-Seite wirbt, können wir dort bald fette Rendite-Versprechen lesen.
"40 % Wertzuwachs in 3 Jahren. Ganz ohne Abgeltungssteuer. Zeigen Sie dem Steinbrück die Rote Karte, investieren Sie in MAO-Bibeln von 1971",
oder " Er kannte die Krise zuerst - Ein Garant für sicheres Investment! Karl Marx, Das Kapital! Wertsteigerung von mehreren tausend Prozent in nur 5 Jahren! ... aber nur in der Erstausgabe von 1867! Ein Buch, so sicher wie die Rente!. Investieren Sie jetzt."
2. Arthur Huber 27.11.2008 16:28h www.LuuBooks.de
Kleinstauflagen und kleine Auflagen bis ca. 10.000 Stück von Kleinverlagen und auch noch jede Menge handsigniert, dies und weit viel mehr haben wir alles schon seit Jahren im Angebot. Und natürlich jede Menge bibliophile Ausgaben oder Unikatbücher, bis zu einem Wert von 80.000 EUR. Somit ideal für jeden Sammler, nur leider viel zuwenig in den Buchläden vertreten.
Dennoch sind Kleinverlage (und auch BoD-Bücher) nach wie vor kaum in den Buchhandlungen vertreten. Die Schweizer Buchhandlungen sind seit der Freigabe der Buchpreisbindung einiges weiter, was die Vielfalt Ihres Sortiments im Buchladen betrifft. In Deutschland sind die Buchhändler nur auf Anraten unserer Verlagsvertreter bereit einiges in Ihr Programm mit auf zu nehmen und auch dies nur zögerlich, sonst würden auch diese Verlage und deren Publikationen völlig untergehen.
Es kann durchaus sein, dass ich mich hier an dieser Stelle wieder einmal wiederholen muss, aber wenn ich mir die Buchhandlugen seit 1-2 Jahren ansehe, praktisch überall das gleiche Sortiment, das hier auf die Kunden losgelassen wird und ca. 20.000 Verlage haben wir in Deutschland. Doch wer ist vertreten, Großverlage die völlig unbemerkt für den Endkunden aufgrund ihrer vielen Aufkäufe von anderen Verlagen ganze Buchläden ohne Probleme bestücken könnten. Aber dies übernehmen nun Thalia und Hugendubel, denn 5.000 m² schafft auch Randomhouse und Co. noch nicht ganz …
Wer also zur Zeit wirklich stöbern und sammeln will tut sich derzeit noch etwas schwer oder muss wieder vermehrt in kleine Buchläden gehen!
3. Roman Heuberger 28.11.2008 00:04h www.antiquariat-heuberger.de
Die "Regeln" von Abebooks für Bücher als "langfristiges Investment" sind derart versimplifiziert, daß sie für ernsthafte Anleger nicht nur völlig untauglich, sondern sogar in höchstem Maße irreführund und täuschend sind. Wer diesen "Regeln" folgt, wird aller Voraussicht nach gewaltig auf die Nase fallen.
Beispiele:
"Erstausgaben – sie sind das Fundament des Büchersammelns" - gilt nur für ca. 1% der bei Abebooks angebotenen Bücher. Und da muß man wissen, um welche und wessen Erstausgaben es sich handelt. EA's von Siegfried Lenz sind für die Tonne, die von Jakob Michael Reinhold Lenz dagegen wertvoll - aber finden Sie die mal bei Abebooks zu moderaten Preisen!
• "Signierte Exemplare – die Signatur des Autors steigert den Wert des Buchs enorm." - Das ist Unsinn. Die allermeisten signierten Exemplare im Internet sind derart bedeutungslos, daß sie keinerlei Einfluß auf den Preis haben. Die will keiner haben, egal ob signiert oder nicht. Prominente Autoren dagegen, sagen wir Kafka, frühe Benns, Bernhards, Serners etc., die waren immer schon teuer, auch vor Abebooks und haben heute schwindelerregende Preise erreicht, das ist nichts für den gewöhnlichen Abebooks-User.
" Gebundene Ausgaben – broschierte Werke steigen nur selten stark im Wert." - Stimmt im Preissegment modernerer Literatur, so zwischen 2 Euro und 8 Euro. Lohnt nicht.
"Ein guter Zustand – steigert den Wert eines Buches immer" - Das steigert den Wert eines Buches nicht, denn ein guter Zustand sollte selbstverständlich sein. Schlecht erhaltene Bücher haben gar keinen Wert (sofern es sich nicht um Inkunabeln oder andere Raritäten handelt).
Die von Abebooks angeführten "Schlüsselfaktoren, die den Wert beeinflussen", sind an den Haaren herbeigezogen und haben nichts mit der Realität in unserem Gewerbe zu tun. Allein die Aussage "Literaturpreise lassen die Nachfrage über Nacht explodieren" ist maßlos übertrieben und hat keinerlei Auswirkung auf eine nach oben gerichtetre Preisentwicklung. Auch die weiteren "Schlüsselfaktoren" sind nichts anderes als von inkompetenter Seite zusammengeschusterte Momentaufnahmen aus dem Alltagsleben auf die Gebrauchtbuchbranche projeziert.
Das hat mit der Überschrift des Beitrages "Wertvolle Bücher als langfristiges Investment" nicht das Geringste zu tun.
Von wertvollen Büchern hat Abebooks keinerlei Ahnung. Dieses Thema sollten diese Leute eher den Antiquaren überlassen. Aber von denen hat Abebooks ebenso wenig Ahnung.
Guten Abend.
4. Ulrich Kohnle 28.11.2008 09:48h http://www.edition-phantasia.de
Hallo Herr Huber,
Meine Rede! Auch wir machen seit 25 Jahren signierte, limitierte, illustrierte und nummerierte Bücher. (Die müßten nach der Abebook Empfehlung ja wahre Burner sein) Und auch wir verkaufen seit dieser Zeit weitgehend am Buchhandel vorbei. Ohne einen sehr treuen Stamm von Direktkunden würde das nicht gehen.
Diese "Investment"-Empfehlungen gibt es alle paar Jahre mal wieder neu. Wahlweise werden 7"-Singles, Comics, oder Heftromane (aber nur Vorkrieg, vor dem Ersten natürlich! harhar!!) empfohlen. Die Dummen sind natürlich die Kunden, die darauf hereinfallen und später auf Ihren "Schätzen" sitzenbleiben, weil schlicht kein Markt existiert.
grüße
5. Redaktion Antiquariat 28.11.2008 19:14h
Ein Literaturhinweis als Nachtrag:
Bernt Ture von zur Mühlen: Wertvolle Bücher als Geldanlage – eine Fehlspekulation. In: Aus dem Antiquariat 1991, A 314 f.
6. Anonymous Coward 29.11.2008 00:07h http://foo.bar.com
Noch eine Literaturempfehlung. Diesmal nicht zum anlegen, sondern zum schmökern:
Rick Gekoski. Eine Nacht mit Lolita: Begegnungen mit Büchern und Menschen. Claassen Verlag 2006.
7. Christoph Schäfer 02.12.2008 08:30h www.heineantiquariat.de
Eine aktuelle - zugegebenermaßen pro domo - Gegenrechnung findet sich beim Kollegen Sourget aus Chartres:
http://librairie-sourget.com/Etude_Livre_Ancien.pd f
Er vergleicht die Preisentwicklung der begehrtesten französischen Spitzenexemplare u.a. mit der Entwicklung des Dow Jones und den Statistiken der französischen Bodenpreise.
Das Motto der Studie, die nicht völlig falsch sein kannn, der Mann ist immerhin gelernter Banker: "Schöne Bücher sind die beste aller Investitionen, sowohl finanziell als auch kulturell."
So wird in Frankreich und auch bei den Engländern und Amerikanern gesammelt, also international - wir hinken da noch ein wenig hinterher, aber ich bin zuversichtlich, daß auch im deutschsprachigen Raum die Preise für sehr gute Ware weiter steigen, da ihnen national bisher noch nicht die international übliche Wertschätzung entgegengebracht wird.
8. Christoph Schäfer 02.12.2008 10:58h http://librairie-sourget.com/Etude_Livre_Ancien.pd f
So sollte es besser gehen ...