Antiquariat
03.12.2008Meinung
Von der Freiheit des Antiquars
Ich erinnere mich, in einem Ratgeber für künftige Unternehmer (wenn auch vor langer Zeit) gelesen zu haben, dass nach einer Umfrage die bei weitem stärkste Motivation zur Ergreifung dieses unbequemen wie riskanten 'Berufs Unternehmer' die Chance war, sich persönliche Freiheit zu erringen; und keineswegs die, etwa Geld scheffeln zu wollen. (Wenn jemand gar meinte, im Buchhandel reich werden zu können, der wäre gleich so dumm, dass er selbst zu einem armen Buchhändler nicht taugte.)Nein, die Liebe zu dem, was man handelt, muss schon da sein, ohne gleich so groß zu wachsen, dass man seine Ware nicht mehr loswerden wollen kann. Aber diese Schattierung von Freiheit, als einer bewussten Mindest-Unabhängigkeit eben davon, woran man sich anderseits gebunden fühlt und gebunden hat, das ist vielleicht derselben Wurzel entsprungen, die uns zur beruflichen Freiheit streben lässt: kein 'abhängig Beschäftigter' zu sein; am Ende auch, zugegeben, nach einer wirtschaftlichen Freiheit zu streben, die uns als (vermeintlich) verdienter Lohn der Unternehmer-Mühe winken sollte (mindestens kann uns die Hoffnung darauf zum Weiterkrebsen ermutigen).
Wirtschaftliche Freiheit kann insofern nur Funktion und Folge unserer persönlichen Freiheit sein, nicht etwa umgekehrt, nach Geld zu streben, um frei zu sein, und dann nicht mehr zu wissen, wie das geht.
Die Freiheit ist ein kardinaler Wert und steht in besonderem Verhältnis zur Sicherheit. Diese wurde oft vernachlässigt, wenn zum Beispiel eine feste Stelle aufgegeben wurde, um freier Unternehmer zu werden. Dennoch wird die Sicherheit doch immer angestrebt, als erhoffte Folge unternehmerischen Erfolgs in Folge freier Entscheidungen.
Das Risiko, sich vielleicht an einen beruflichen Partner (Kompagnon) zu binden, um 'es' zu schaffen; sich um der Selbständigkeit willen zu verschulden, Räume zu mieten, vielleicht gar Mitarbeiter einzustellen, Fixkosten jeder Art in Kauf zu nehmen und manchen teuren, lagerplatzfüllenden oder arbeitsintensiven Ankauf. Warum gehen wir es ein? Weil dies ein Weg sein könnte, uns irgendwann freizuschwimmen, allein zu entscheiden, vielleicht im freien Eigentum zu leben und zu arbeiten und am Lebensabend hoffentlich Sicherheit zu haben vor Konkurrenzdruck, Preisverfall und Not.
Vor diesem Hintergrund müssen wir uns rühren, wenn was nicht klappt, wenn Internet-Plattformen (unfreiwillig) streiken und uns notfalls auch anderswo umsehen, diversifizieren wo nicht spezialisieren; da sucht jeder die eigene Strategie. Ganz gewiss aber wollen wir die Freiheit der Entscheidung nicht einbüßen, auch die, uns zu assoziieren, verbünden und zu kämpfen, wenn auch nur ansatzweise monopolistische Vertriebskanäle entstehen, die uns zu knebeln drohen. Die auch nur drohende Fesselung führt schnell zur Unfreiheit und ist wie im Schach oft der Anfang vom Ende. (Das ZVAB ist fürwahr noch der sympathischste der großen Dinosaurier.)
Aus diesem Grund sollten Antiquare sich auf ihre Motive besinnen, warum sie dem Ruf der Selbständigkeit einst gefolgt sind: größtmögliche Freiheit anzustreben. Das muss dann auch bedeuten, den Vertriebskanal im Internet einmal soweit möglich in die eigenen Hände zu bekommen, natürlich ohne unterwegs zu verhungern.
Diese Erkenntnis zeugte einst – ich war nicht dabei – die Internet-Plattform Prolibri, die im Eigentum 'der', will heißen vieler Antiquare ist. Sie muss noch wachsen, soll aber helfen, dass monopolistische Strukturen uns nicht so bald erdrücken. Deshalb sollten vorausschauende Kolleginnen und Kollegen eine Teilnahme an Prolibri anstreben und die dort Beteiligten der Prolibri-Kundschaft auch einen Vorteil einräumen – Bücher dort eher/früher anzeigen, besondere Qualität bieten und/oder einen günstigeren Preis als anderswo.
Aus der Warte wirtschaftlicher Freiheit, mag sie auch nur eine Handlungs-Freiheit in begrenztem Rahmen sein, sollten wir uns im übrigen darauf besinnen, dass es die äußere (politisch-wirtschaftlich-soziale) Freiheit war und ist, die uns ermöglicht, nach unserer persönlichen Freiheit zu streben. Wir sollten uns deshalb auch in anderen Fragen gegen alle politischen oder religiösen Tendenzen zur Wehr setzen, welche die Freiheit mehr als für eine freie Gesellschaft unumgänglich einschränken wollen. Toleriere ein klein wenig Intoleranz und Unfreiheit, und du bekommst am Ende Totalitarismus (dieser oder jener Provenienz).
U. Quell
* PS. Was ist das Wesentliche? Das rettende Ufer unserer Traum-Insel? Wahrscheinlich nicht, wohl aber die Anstrengung, dahin zu gelangen, ein Ziel im Sinn zu haben, das uns wach und lebendig hält, nicht aufzugeben.

1. Lampernist 03.12.2008 08:40h
Freiheit ist die Pflicht, sich fortzuentwickeln.
Sonst einverstanden.
2. kdb 04.12.2008 11:28h
... "der sich so-gut-er-kann über Wasser hält" – wozu sind diese drei Binmdestriche wohl gut?
3. Loewenberg2008 05.12.2008 20:17h www.bibliotheksmuseum.de
Lieber Kollege / liebe Kollegin Quell,
Dies war sicherlich nur das erste Kapital, quasi die Einführung für ihr Handbuch LEBESNHILFE FÜR ANTIQUARE. - Wie wäre es mit einer Fortsetzung: TANTRA FÜR ANTIQUARE ? - Sie könnten aber auch Ihre Freiheit ganz praktisch nutzen: setzten Sie Zeit Geist und Seele für die Schaffung einer eigenen Plattform ein. Das ist ganz leicht ! Meine BIBLIOMAN-Idee habe ich vor 5 Jahren angepackt und heute ist sie ein leuchtender Stern am Markt. Dies als Vorschlag für alle, die mit den großen Plattformen nicht zufrieden sind - selbst ist der Antiquar die Antiquarin.
Viele Gruesse und Viel Spass wünscht Ihnen Horst Herkner, Antiquar im Löwenberger Land
4. Roman Heuberger 06.12.2008 00:49h
Guten Abend Herr Herkner,
nun übertreiben Sie mal nicht so! Dem ausgezeichneten Beitrag von Uwe Quell stellen Sie Ihren "leuchtenden Stern am Markt" BIBLIOMAN (sogar in Versalien) gegenüber. Eine beliebige Internetplattform mit beliebigem Angebot, wie so viele, die es mit der Vermittlung antiquarischer und gebrauchter Bücher, aber hauptsächlich gebrauchter Bücher versuchen. So wie Sie selbst mit dem Angebot Ihres eigenen Geschäftes, Herr Herkner. Was Herr Quell geschrieben hat, haben Sie noch nicht mal im Ansatz verstanden. Weil Ihr Interesse offenbar darin besteht., das Buch als solches, egal ob antiquarisch oder gebraucht, als ausschließliches Objekt des Internets zu sehen. Und das noch mit dem hehren Begriff "Bibliotheksmuseum". Ein Museum ist etwas
begehbares, haptisches und sinnliches.
"Geist und Seele" für die Schaffung einer eigenen Plattform einsetzen? Dazu braucht es weder Geist noch Seele, sowas kann mittlerweile jeder Depp mit Bausteinen aus dem Internet zusammenbasteln.
Der Punkt ist einfach der, wie kriegt man den Spagat geregelt zwischen Antiquariat im klassischen Sinn einerseits und der Präsentation desselben (auch) via Internet zustande, ohne sich im Gewusel der Dilettanten und Laienspieler mit ihren schlechten Auftritten zu verlieren?
Eine endgültige Antwort darauf weiß ich auch nicht, aus meiner Sicht ist die von Herrn Quell genannte Möglichkeit "Prolibri" allerdings ein gewisser Hoffnungsschimmer, weil da aus meiner Kenntnis die Qualität des Angebots im Vordergrund steht und nicht das Profitstreben einer Internet-Plattform. Und wenn ich bei näherer Ansicht Ihrer Biblioman-Seite noch eine Anzeige der Deutschen Post sehe, kann ich mich des Gefühles nicht erwehren, daß Ihre eigentlichen Interessen eher dem Kommerz als dem Buch gelten. Das ist natürlich nicht schlimm, aber bitte tun Sie nicht so, als hätten Sie einen kulturellen Auftrag höchster Güte. Ihnen gehts um Kohle, sonst nichts. Die Durchsicht der bei Ihnen gelisteten Antiquariate verdienen diesen Anspruch zumeist noch nicht mal im Ansatz.
Es gibt Antiquare, denen geht es auch um Kohle, aber auch noch etwas anderes. Siehe oben. Aber wie schon erwähnt, das ist nicht Ihre Welt, Herr Herkner.
Roman Heuberger
PS: Nebenbei könnten Sie Ihre Beiträge, bevor Sie sie abschiicken, nochmal durchlesen, Ihre Vertipper machen die Sache auch nicht besser.