Antiquariat
11.12.2008Antiquariat
Telemann, filetiert. Wie steht die Branche zu Fragen der Berufsethik?
Dietrich Hakelbergs Beitrag in den "Geisteswissenschaften" der gestrigen Ausgabe der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung" (10. Dezember 2008, Nr. 289, Seite N 3) steht unter der Überschrift "Telemann, filetiert. Der Antiquariatshandel zerstört das Stammbuch des Johann Friedrich Behrendt". Der Sachverhalt, um den es geht, ist eigentlich nicht kompliziert, er soll deshalb nur skizziert werden: der aus Ostpreußen stammende Student Johann Friedrich Behrendt (gest. 1757) führte ein Stammbuch, in dem sich etwa 70 Einträge finden, darunter zahlreiche von Hamburger und Lübecker Persönlichkeiten. Am 25. Mai 1736 trug sich auch der berühmte Hamburger Komponist Georg Philipp Telemann (1681 bis 1767) mit einem vierzeiligen lateinischen Zitat in das Album ein.Im Mai 2008 bietet ein Hamburger Auktionshaus das komplette Stammbuch in seiner Frühjahrsversteigerung an. Schätzpreis: 5.000 Euro. Auf den Eintrag Telemanns weist der Katalog ausdrücklich hin, ebenso eine Pressemitteilung, die vor der Auktion am 21./22. Mai verschickt wird. Zugeschlagen wird das noch unversehrte Stammbuch für 4.500 Euro. Was geschieht daraufhin mit dem schmalen Lederbändchen?
In Hakelbergs Worten: "Kurze Zeit später muss die Harmonie der Einträge in Behrendts Stammbuch empfindlich gestört worden sein. Im Angebot des Wiener Antiquariats Inlibris vom Oktober dieses Jahres [u. a. im Anhang des Katalogs zur 4. Frankfurter Antiquariatsmesse in der Buchmesse, hier auf Seite A 57, Anm. der Redaktion] findet sich ein Telemann-Autograph 'von größter Seltenheit'. Es ist das Blatt aus dem Stammbuch des Johann Friedrich Behrendt. Für das aus seinem historischen Zusammenhang gerissene, zum autographen Fetisch degradierte Schriftzeugnis verlangt der Händler 28 000 Euro. Ein Blick auf die Internetseite des Antiquariats fördert im Handumdrehen etwa dreißig weitere, deutlich niedriger bewertete Blätter aus Behrendts Stammbuch zutage. […] Wie wird wohl der zerflederte Einbandtorso verwertet?"
Hakelberg schließt mit einem bitteren Fazit: "Ein Stammbuch, das einer weniger prominenten historischen Persönlichkeit gehörte, mag […] wie eine unbedeutende Marginalie erscheinen. Nach wie vor ist es gängige Antiquarspraxis, Manuskripte und illuminierte mittelalterliche Handschriften, illustrierte Werke und historische Sammelbände aufzuschneiden und die Blätter und Drucke einzeln zu verkaufen. […] Das Stammbuch Behrendt ist damit nicht nur ein weiterer schockierender Einzelfall, wie der Handel gedrucktes und geschriebenes Kulturgut aus Privatbesitz unwiederbringlich zerstören kann. Es ist ein Fall für die Berufsethik der ganzen Antiquariatsbranche."
Die Redaktion Antiquariat hat gestern den Wiener Antiquar und Inlibris-Geschäftsführer Hugo Wetscherek kontaktiert und ihn um eine Äußerung zu Hakelbergs Vorwürfen gebeten. Wetschereks Antwort ist aus unserer Sicht eine sehr genaue Stellungnahme zu den aufgeworfenen grundsätzlichen Fragen, wir dokumentieren sie deshalb im Wortlaut:
"In Fortsetzung unseres gestrigen Telefonats und unter Bezugnahme auf den Beitrag Hakelbergs in der FAZ darf ich Ihnen mitteilen, dass ich nicht der Käufer des Stammbuchs im Mai gewesen bin und dieses daher auch nicht 'filetiert' habe. Der Käufer, dem es um einen einzigen, im Hamburger Auktionskatalog im übrigen gar nicht identifizierten Eintrag in diesem Stammbuch ging, hat mir einige Wochen nach der Versteigerung einen einbandlosen Torso angeboten, den ich selbstverständlich auch zur Verwertung übernommen habe.
Die Provenienz der Blätter war mir aber natürlich bekannt, auch war mir klar, dass dieser Corpus erst in jüngster Vergangenheit auseinandergebrochen wurde. Dies finde ich zwar ebenso bedauerlich wie Herr Hakelberg, aber leider kann man sich als Händler nur selten den Luxus leisten, ausschließlich mit jenen Objekten umzugehen, mit deren Bedeutung, Herkunft und Vergangenheit man in jeder Hinsicht einverstanden ist. Ein Einzelblatt aus einem vorkarolingischen Manuskript hat bei Zisska & Schauer kürzlich 130.000 Euro erzielt. Seine Überlieferung, die Tatsache, dass sich ebendieses Fragment überhaupt erhalten hat, verdankt es einem nach heutigen Kriterien 'barbarischen' Buchbinder, der es vor einigen hundert Jahren zu einem Einband verarbeitet hat.
Dass das besagte Stammbuch nicht als ganzes weiterbestehen durfte, ist natürlich dennoch eine Schande. Die Gründe hierfür waren aber nicht, wie fälschlich vermutet, merkantiler Natur, sondern ein Zusammentreffen unglücklicher Umstände. Der erste war übrigens der niedrige Preis, den das Stammbuch in der Auktion erzielt hat. Der Telemann-Gesellschaft war das Angebot offenbar ebenso entgangen wie zahlreichen anderen Interessenten, die dieses sicher gerne als ganzes bewahrt hätten. Ersterer haben wir übrigens noch im Oktober eine detaillierte Beschreibung aller auf uns gekommenen Einträge des Stammbuchs zur Verfügung gestellt, um zumindest den Überlieferungszusammenhang des Telemann-Autographs für die Nachwelt zu dokumentieren. Auch darf ich in diesem Zusammenhang darauf hinweisen, dass wir unzählige vollständige Stammbücher verkauft haben oder nach wie vor unverkauft auf unseren Regalen stehen sehen, bei denen ein Aufbrechen aus geschäftlicher Sicht tatsächlich sinnvoll wäre (darunter solche mit Einträgen Goethes, Wielands, Lichtenbergs etc.), was von uns aber selbstverständlich nie auch nur angedacht wurde. Eine Diskussion über antiquarische Ethik ist immer begrüßenswert, allerdings sollte man sich hierzu vor Augen führen, dass der Antiquar in einem Markt agiert, der auch ohne sein Zutun bestehen würde; wie auch im konkreten Fall bestimmen wir als Händler nicht die (oftmals unerfreulichen) Regeln desselben, sondern versuchen uns innerhalb der vorhandenen Gegebenheiten, die von Auktionen, Privatanbietern, -sammlern und institutionellen Interessenten mitbestimmt werden, zurechtzufinden und ein in jeder Hinsicht schönes Geschäft zu machen.
Dass dieses – zumindest nach meinem Wollen – nicht in erster Linie aus Geld und Gewinn besteht, sondern interessante Erwerbungen und deren Verwertung in ansprechenden oder gar verdienstvollen Katalogen bzw. Publikationen ebenso einschließt wie das ganze Spektrum des Bewahrens, Pflegens und Würdigens bedeutender Bücher und Autographen, wird oftmals von Außenstehenden übersehen."




1. Wolf-Dieter Sonnenburg 12.12.2008 16:04h www.liaison-mit-literatur.info
Fazit: Es bleibt bei der großen Gier und damit voll im zeitlichen Kontext.
2. Dr. Klaus Graf 12.12.2008 17:50h http://archiv.twoday.net
Die Stellungnahme an Inlibris ist an Heuchelei nicht zu übertreffen. Wer sich an solchen "kriminellen" kulturgutschädlichen Aktivitäten durch Weiterverkauf der Einzelstücke beteiligt, handelt aus moralischer Sicht ebenso wie ein Hehler, der Diebesware ankauft. Solange durch Verbandsethik das Zerlegen von Manuskripten nicht geächtet wird, werden die Vandalen triumphieren und sich der klammheimlichen Kumpanei der Antiquare erfreuen.
Siehe auch:
http://palimpsest.stanford.edu/byform/mailing-list s/exlibris/2004/08/msg00028.html
http://archiv.twoday.net/stories/3048883/
3. Redaktion Antiquariat 12.12.2008 18:05h
Nr. 2: wer sich so äußert, hat an einer ernsthaften Diskussion ethischer Fragen anscheinend gar kein Interesse mehr. Da ist der Antiquar, der sich deutlich und differenziert zur Sache äußert, schon mehrere Schritte weiter. Schade, eine verpasste Chance, das Thema hier so zu behandeln, wie es angemessen wäre.
4. Peter Mulzer 13.12.2008 19:02h
1)
Klaus Graf ist gestandener Historiker mit einer beachtlichen Liste von Veröffentlichungen. Wer Herr Krimm ist, wollen wir dahingestellt sein lassen und, angesichts seines Tones, auch gar nicht näher wissen.
Das Gebiet des Archivwesens, im privaten wie im staatlichen Sektor, gehört zu den konservativsten, präziser: reaktionärsten und demütigsten Beamtendomänen. Hier wurde bis vor wenigen Jahren in unsäglicher Weise gekuscht, gefolgt und abgenickt. Die Abhängigkeit von staatlichen, städtischen oder privaten Auftraggebern wurde erbarmungslos durchexerziert.
Dr. Graf ist das offenbar vor längerer Zeit aufgefallen. Sein Entschluß, gegen diese Mauer endlich einmal anzugehen, ist aller Ehren wert. Er hat diesen Kampf, früher als andere, mit den Möglichkeiten des Internet durchgeführt. Seine Netzpräsenz ist allein schon von der Materialfülle her beeindruckend, sein Arbeitsstil unbedingt wissenschaftlich, sein Urteil - zurecht - erbarmungslos.
Seine Liste der Kulturbarbaren, der Kulturfeiglinge und Kulturschmarotzer ist beeindruckend lang. Ich bin erstmals auf Grafs Spuren gestoßen, als ich d e n Sündenfall der deutschen und internationalen Antiquariatsszene, ihre Anstiftung und Mitwirkung bei der Zerstörung der Donaueschinger Hofbibliothek, aus nächster, eigener Anschauung mit Schauder und Ekel kennenlernen mußte.
Solchen Akteuren klopft er auf die Finger, immer unter sehr präziser Quellenangabe.
Dabei ist sein Stil noch nobel und anständig. Meine Skandalchronik wäre weitaus deutlicher.
2)
Wetscherek berichtet uns, und wir haben keinen Grund, ihm das nicht zu glauben, ein immerhin etwas eigenwilliger norddeutscher Kunde habe das Stammbuch wegen eines ganz anderen, eher nebensächlichen Blattes / Eintrags erworben und dieses Blatt entnommen. Solches erscheint durchaus wahrscheinlich, besonders im weiten Feld der Familienforschung gibt es mitunter rabiate Interessenten. Nun denn also, dieses eine Blatt ist entnommen.
Wetscherek versichert uns hurtig, daß das Stammbuch ohne Einband zu ihm gelangt sei. Womöglich dient ihm das dazu, um den Leser flugs über die Kernfrage hinwegzutragen:
***Waren noch weitere Blätter entnommen worden, kam das Stammbuch wirklich als Torso zu ihm? Oder war (ich vermute dies) zwar das eine Blatt vom Käufer entnommn worden, das Stammbuch im Übrigen aber noch vollständig und, ein Blatt kann man immer verschmerzen, quasi i n t a k t, als es in seine Hände kam?
W e n n es, mit Ausnahme dieses einen Blattes und, unserethalben, des Einbands quasi vollständig war, dann ist auch die ganze Verteidigungslinie des Koll. Wetscherek hinfällig. Dann hat er ohne wenn und aber g e s c h l a c h t e t. So einfach ist das - wenn es sich so verhält.
Er ist eingeladen, uns das zu sagen. Frühere Erfahrungen belehren uns freilich, daß er dem gewöhnlichen Fußvolk nicht zu antworten pflegt.
3)
Verhält es sich so, wie ich vermute, dann geht die Welt ja nicht unter. Auf der ganzen Welt schlachten Versteigerer jeder Größenordnung Werke dieser Art. Die e t h i s c h e Diskussion anzuregen über diesen Punkt fällt einem dann etwas schwer, wenn man die nicht abreißenwollene Skandalchronik der Bücherversteigerer im deutschen Sprachraum im Geiste an sich vorüberziehen läßt. Wo will man denn da anfangen? Es gibt kritische Zeitgenossen, die dem ehrbaren Gewerbe der Auktionatoren immer auch etwas Kulturbarbarei und eine gehörige Portion Heuchelei zuordnen.
Dem muß man nicht beipflichten; überdies gilt: Der vorliegende Fall bedarf der ergänzenden Auskunft aus Wien. Trotzdem ist es Dr. Graf hoch anzurechnen, wenn er ab und an eine Ecke des Teppichs hochhebt, unter den - von wem auch immer - Dreck gekehrt wird.
5. Wolfgang Höfs 13.12.2008 21:12h http://testberichte.ebay.de/Vom-froehlichen-Schlac hten-der-Buecher_W0QQugidZ10000000000047300
Auf die Finger geklopft - oder wer im Glashaus sitzt ...
"Vom fröhlichen Schlachten der Bücher"
unter diesem Titel rät der "Metzgermeister" Mulzer bei Ebay unbedarften Händlern zum Schlachten von historischen Zeitschriften und Lexikas um des schnöden Profits willen.
"Das Interessante ist: Auch wenn wir uns einen hübschen Stundenlohn von, sagen wir, 15 Eur zubilligen,
lohnt sich das Schlachten der Publikumszeitschriften der Holzstichzeit i m m e r. Ich denke nicht daran, abgesehen von Karl-May-iana auch nur noch einen Zeitschriftenband mit Holzstichen als Ganzes, ungeschlachtet, anzubieten. Ebay spielt hier seine Stärke aus - der Kunde kann s e h e n, was auf dem Bild ist, ob es ihm an der Stelle, wo ers hinhängen möchte, gefällt und paßt. Im ZVAB bleibt er da in der Regel blind." ...
"Sehr deutlich ist auch der Vorteil des Schlachtens - für Verkäufer und Käufer - bei den alten Lexika, hier wegen der Chromos sogar bis 1914 möglich. Habe ich ein prächtig erhaltenes Lexikon oder eines mit "Sondereinband", von Bial & Freund etwa, dann, aber nur dann werde ich es noch als Ganzes anbieten. Ansonsten sind Lexika Schlachtgut. Lexika müssen sterben, damit der Ingenieur oder Kaufmann ein hübsches Bild in den Kontor bekommt."
Wahrhaftig ein Heuchler!
Man beachte, der Artikel wurde zuletzt am 4.12.2008 aktualisiert.
6. Peter Mulzer 14.12.2008 00:42h
Der Artikel wurde vor zwei Jahren geschrieben. Seither habe ich ihn nicht mehr angesehen, geschweige denn "aktualisiert".
Ich würde den Rat aber heute wieder geben. Er bezieht sich nämlich, wie Sie bei einiger Sorgfalt bemerkt haben könnten, auf das Ausschlachten alltäglicher Literatur. Bei Ebay sprechen wir Leute an, die ihre Gartenlaube, ihr Meyers Lexikon oder ihren armen Brehm schlachten wollen - sollen sie, ans Werk immer!
Etwas ganz anderes ist das Zerstören von Kulturgut. Die xyte Gartenlaube, der ewige Stieler oder sonst ein verbreitetes Holzstich- und Stahlstichwerk hat nichts, aber auch gasr nichts zu tun mit dem Kulturgut-Thema, um das es in Wien geht.
Ehe Sie hemmungslos drauflosschimpfen, sollten Sie denken. Halten zu Gnaden.
7. Christoph Schäfer 14.12.2008 01:49h www.heineantiquariat.de
Der Schlachter
Von Thomas Gsella
Er liebt die Axt und liebt das Schwein
in mundgerechten Stücken.
Es schreit zum Himmel. Doch sein Schrei’n,
ihm kommt es vor wie Quieken.
Der Schlachter lacht. Er schlägt mit Lust
und lacht noch bei der Häutung.
So arm der Mann, so reich der Frust –
wir kommen zur Bedeutung:
Ein Schlachter bist auch Du. Gesteh:
Auch Du quälst Deine Lieben.
Auch Du lässt Deinen Frust – wie? Nö?
Dann hab ich nichts geschrieben.
8. Lampernist 14.12.2008 08:58h
Ad 2.
Diese Reaktion war vorhersehbar.
Ad 6.
Wer das Schlachten eines schlecht erhaltenen Lexikons oder einer „Gartenlaube“ mit dem Auseinanderreißen einzigartiger Zeitdokumente vergleicht, hat nicht nur die Verhältnismäßigkeit des Argumentes aus den Augen verloren, meiner bescheidenen Meinung nach sollte er sich auch überlegen, ob der Umgang mit Kulturgut für ihn der richtige ist, da ihm Unterschiede in der Wertigkeit fremd zu sein scheinen.
Ad 8.
Wollen Sie sich auf diese Weise ernsthaft mit einem ernsten Thema auseinandersetzen? Vielleicht begeben Sie sich eher auf bzw. unter das Niveau ihres Lieblingsgegners, leider nicht so beredt wie jener.
9. Wolfgang Höfs 14.12.2008 09:45h http://www.hdg.de/index.php?id=5804&no_cache=1 &tx_ttnews[tt_news]=782&tx_ttnews[backPid] =1
@ 9
Natürlich haben Sie in Ihrer ach so bescheidenen Meinung Recht.
Ich maße mir im Umgang mit Kulturgut keine selektiven Wertigkeiten an. Ich kann und will nicht irgendetwas für Unwürdig erklären, nur weil es einen Mainstream des guten Geschmacks oder des wisenschaftlichen Interesses gibt. Es gibt für alles, besonders im Kontext zur jeweiligen Zeit, Interesse, wenn nicht jetzt, dann doch vielleicht später.
So manches Gut findet nach geraumer Zeit sogar den Weg in den Elfenbeinturm der elitären Bildungsbürger. Sie können es selbst beobachten. Besuchen Sie einfach in Leipzig die Austellung:
'Der Stoff aus dem die Träume sind. Das Hawaiihemd'
(siehe Link oben)
Für die, die nur den jeweilgen monetären Aspekt der Kultur sehen, sei mittgeteilt, dass Hemden aus den 30er und 40er Jahren inzwischen im vierstelligen Bereich gehandelt werden.
10. Lampernist 14.12.2008 11:03h
Ad 10.
Sie wollen es nicht verstehen.
Es geht vordringlich um das Bewahren dessen, was einzigartig und unwiederbringlich ist, sei es durch seine Herkunft, wegen seines Inhaltes, seines Einbandes, wessen auch immer.
Diese – wie es oben etwas hochgehängt heißt – ‚ethische’ Pflicht haben Antiquare, Sammler und Bibliothekare gleichermaßen.
Das alles hat nichts mit „selektiven Wertigkeiten“, „Mainstream“ irgendeinen Geschmackes, wissenschaftlichen Interesse, selbst nichts mit geldlichem Wert zu tun.
11. Wolfgang Höfs 14.12.2008 12:05h
@ 11
Da sind wir doch einer Meinung und ich habe sicher das selbe, oder ein ähnliches, Selbstverständnis im Umgang mit Büchern wie Sie. Ich bin sicher kein Sammler, mit all seinen Schrulligkeiten, eher ein Bewahrer und Dienstleister. Ich versuche, soweit es mir möglich ist, Bücher für Menschen vorrätig zu halten, die heute noch nicht wissen, ob sie morgen oder irgendwann, diese Bücher einmal benötigen. Hierbei ist für mich eigentlich der Inhalt wichtiger, als die Ausstattung des Einbands, oder die Typographie des Textes.
Soviel zu meiner Ethik und Moral und der Umgehensweise mit Kulturgütern mit oder ohne Wertigkeit.
Einen friedlichen 3. Advent wünscht Ihnen
Wolfgang Höfs
12. Peter Mulzer 14.12.2008 12:20h
...bei dieser Gelegenheit: Die Antwort aus Wien, die allein den konkreten Fall klären kann, steht noch aus.
13. Peter Mulzer 17.12.2008 01:02h
Gruß nach Wien.
Qui tacet, consentire videtur.
Ich hätte gute Lust, einen Leserbrief an die FAZ zu schreiben. So jedenfalls geht es nicht.
Durch diese Angelegenheit leidet der Ruf aller Antiquare. Die Betreffenden müssen das ausdiskutieren.
14. E.Köstler 17.12.2008 13:00h
Betrifft: Artikel "Telemann, filetiert" von Dietrich Hakelberg in: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 10.12.2008, Nr. 289, S. N3.
Dieser Artikel enthält die Passagen:
"Der Antiquariatshandel zerstört das Stammbuch [...]"
Sowie:
"Nach wie vor ist es gängige Antiquarspraxis, Manuskripte und illuminierte mittelalterliche Handschriften, illustrierte Werke und historische Sammelbände aufzuschneiden und die Blätter und Drucke einzeln zu verkaufen [...]"
Beide Aussagen sind falsch. Richtig ist vielmehr: Der Antiquariatshandel zerstört nicht, er bewahrt. Der Autor des Artikels hat in einem einzigen Fall, noch dazu eher oberflächlich, recherchiert und fällt anschließend ein Pauschalvorurteil, das ebenso sinnleer ist, wie "Alle Rumänen sind kriminell" oder "Alle Muslime sind Terroristen".
Seine beiden oben angeführten Sätze entbehren in ihrer Verallgemeinerung jeder Grundlage, ebenso seine Conclusio: "Das Stammbuch Behrendt ist damit nicht nur ein weiterer schockierender Einzelfall, wie der Handel gedrucktes und geschriebenes Kulturgut aus Privatbesitz unwiederbringlich zerstören kann [...]"
Dabei handelt es sich um verallgemeinernde Pauschalvorurteile, die einen ganzen Berufsstand unreflektiert in Gesamthaftung nehmen.
Wie solche Textpassagen mit den Arbeitsgrundsätzen eines Wissenschaftlers wie des Verfassers einerseits, mit der Gewissenhaftigkeit der FAZ andererseits zusammengehen sollen, ist vollkommen schleierhaft.
15. Peter Mulzer 17.12.2008 15:53h
Gehen wir richtig in der Annahme,
a)
daß Sie zu dem konkret angesprochenen Fall keine neuen Fakten zu liefern in der Lage oder bereit sind
b)
daß Sie über die immer wieder bekannt gewordenen ähnlich gelagerten Sündenfälle der Antiquare nicht unterrichtet sind,
c)
daß Sie dem Kultur-Journalisten eines Weltblatts ( die FAZ hat einen exzellenten Ruf gerade in Kulturfragen) die Kompetenz absprechen, dort die Zerstörung von Kulturgut aus Gewinnsucht zu konstatieren, wo er sie beobachtet?
Sie können die Sache nur entkräften, indem Sie aus Wien die nach meiner Einschätzung liebevoll ausgesparten Fakten einholen. Allgemeine Redensarten bringens nicht.
Sie dürfen sonst damit rechnen, daß der - von Ihnen in seiner Berufsehre angezweifelte - FAZ-Redaktreur die Sündenfälle der letzten Jahre herauskramt und zusammenstellt. Das ist hurtig gemacht.
16. e.köstler 17.12.2008 21:15h
Ihr geht recht in der Annahme
a) daß Euch die Redaktion dieser Seite als Internet-Troll einschätzt:
http://www.boersenblatt.net/297195/template/b4_tpl _antiquariat/
b) daß man daher Euere Beiträge am besten ignoriert: http://de.wikipedia.org/wiki/Troll_(Internet)
17. Peter Mulzer 17.12.2008 22:20h
Es geht hier nicht um persönliche Auseinandersetzungen. Das will die Öffentlichkeit nicht hören. Beruht übrigens auf Gegenseitigkeit - was ich nach Ihrem bundesweit beachteten Auftritt in der Karl-May-Affaire von Ihnen halte, können Sie sich denken - eine Kulturnation hatte über Sie gelächelt.
Mit solchen Ablenkungsmanövern können Sie die anstehenden Sachfragen nicht abblocken. Lassen Sie die Nebelwerfer zuhause, stellen Sie sich den präzise gestellten Fragen.
Ich finde es rührend, wie besorgt Sie um mein Wohl sind - indessen sind die figurae dramatis, die FAZ, ein Redakteur der Kulturabteilung dort, die Herren Biester (der die Meldung aufgegriffen hatte, zurecht), Koll. Wetscherek, Dr. Graf und die öffentliche Meinung wichtig.
Mein persönlicher Beitrag beschränkt sich darauf, daran zu erinnern, daß der Fall noch offen ist. Daß ausgerechnet Ihnen mein Insistieren auf einer Klärung nicht paßt, das liegt ja nun auf der Hand.
Fazit: Keine Personaldiskussion von Randfiguren, sondern A n t w o r t zur S a c h e, wenns beliebt.
Ich werde Sie hier gern noch öfter daran erinnern.
18. krämer 18.12.2008 20:53h
Vielleicht ist es kein besonderer Einzelfall, sondern bei einigen Antiquaren, oder bei bestimmter Ware gängige Praxis, dieses "Schlachten" von Büchern, und wenn das dem Händler zum finanziellen Vorteil gereicht, ist nichts dagegen einzuwenden, es sei denn, es handele sich um seltenes Kulturgut, so habe ich die Diskussion verstanden.
Bei diesem Kulturgut eines Stammbuches von Johann Friedrich Behrendt, gest. 1757, inwiefern handelt es sich um Kulturgut. Wenn die Schlagzeile lautet: Telemann filetiert, das deutet in die Richtung, das Stammbuch sei nur Kulturgut, wegen des Eintrages von Telemann, und sonst wäre es kein Kulturgut.
Aber Telemann, das war kein Dichter, das war ein Komponist. Niemanden interessiert anscheinend, was Telemann mit dem Vierzeiler ins Stammbuch geschrieben hat. Aber wenn es sich um Kulturgut handelt, müßte doch auch inhaltlich dieser Eintrag interessant sein. Ist er aber nicht, sondern es ist Tinte von Telemann.
Als Kulturgut von Telemann sehe ich aber eher seine Musik, und wenn ein verloren gegangenes Noten-Manuskript auftauchte, und das würde dann seitenweise verhökert, da wäre es zutreffend, von kulturschädlicher Tätigkeit um des Profits willen zu sprechen. Bei diesem Stammbuch ist aber der Eintrag Telemanns einer unter anderen. Es heißt, der Wert sei bei der Auktion unterschätzt worden. Der Wert, der vom Telemann käme. Aber was ist eigentlich mit dem Stammbuch als solches von dem Behrendt.
Ist dieses Stammbuch ohne Telemann-Eintrag kein schützenswertes Kulturgut. Wovon hängt das ab. Von dem, was für so ein Stammbuch gezahlt wird? Ist es ohne Telemann nichts wert, also auch kein Kulturgut?
Eine weitere Frage, wenn dieses Stammbuch geschlachtet wird, und nur die einzelnen Seiten kommen in den Handel, und finden Käufer. Sind diese einzelnen Seiten kein Kulturgut? Worin besteht genau die Qualität Kulturgut bei diesem Stammbuch, und warum wurde dieses Kulturgut, seine Qualität, durch die Filetierung zerstört und ist nicht mehr da? wg. Profitsucht eines Antiquars, oder, vorher schon, wg. besonderem Privatinteresse, ein Filetstück zu entnehmen, und nunmehr sei das Kulturgut zerstört.
Inwiefern ist das so, oder vielmehr, es ist keineswegs so: Den Telemann-Eintrag gibt es immer noch, nur nicht mehr in der Weise, in einem intakten Stammbuch zu stehen. D.h. der Telemanneintrag wäre kein Kulturgut mehr, weil die Seite isoliert ist, der Telemann-Eintrag ist nur Kulturgut, wenn das Stammbuch intakt ist. Wie ist es dann aber denkbar, daß diese isolierte Seite nun anscheinend zu einem vergleichsweise sehr hohen Preis im Angebot ist, trotzdem sie ja als einzelne Seite kein Kulturgut mehr ist.
Um Kulturgut zu erhalten, kann man aber nur wünschen, daß öffentliche Institutionen wie Bibliotheken, Museen, Kulturinstitute, Archive usw. mit genügenden Mitteln ausgestattet werden, um Kulturgüter aufzukaufen, und vor dem Schlachten durch gierige Händler zu bewahren.
19. Peter Mulzer 18.12.2008 23:09h
Archivgut ist eben mehr als nur die Auflistung, das Digitalisat (igitt, welch Wort) oder die Fotografie des Materials. Hier darf ich Koll. Heuberger mit seiner Grundidee vom "Haptischen" zitieren: Tausend Gründe sprechen dafür, daß man das Original archivieren muß.
Im Fall Wetscherek fehlte, so dürfen wir nun vermuten, ein Blatt, nämlich das von Hamburg herausgesuchte. Der Rest war, wenn auch seines Einbands beraubt, integral vorhanden.
Um die Zerstörung dieses "Restes" durch den Wiener Versteigerer be- oder auch verurteilen zu können, muß man sich mit dem besonderen Wesen des
S t a m m b u c h s
vertraut machen. Hier fehlt vielen Antiquaren die Fachausbildung, liegt aber auch die Tragödie des Koll. Köstler, von dem wir ja wissen, daß e r es besser weiß.
Ich beneide ihn nicht um seine Rolle in diesem Trauerspiel - als Verbandschef muß er Koll. Wetscherek decken, so gut es eben geht - - als Autographenfachmann von hohen Graden aber dreht sich ihm angesichts der Zerstörung eines Stammbuchs der Magen um.
Koll. Köstler weiß im Grunde seines Herzens, welche Kulturbarbarei hier - vermutlich - begangen worden ist. Wenn es sich so abgespielt hat, wie ich vermute und oben nachgefragt habe, dann plagt ihn sein Gewissen als Fachmann.
20. krämer 19.12.2008 18:38h
Wenn ich die Ausführungen von Herrn Mulzer richtig verstehe, geht es nicht um einen besonderen Eintrag von Telemann, sondern Kulturgut ist das Stammbuch des Studenten Johann Friedrich Behrendt, gest. 1757. Neben Telemann gibt es weitere 70 Einträge, die auch von Wert sind, aber auch nur im Gesamtzusammenhang des Stammbuches, als vollständiges oder annähernd vollständiges Dokument.
Wenn das Blatt, das in Hamburg entfernt wurde, dieses Kulturgut nicht schon zerstörte, sondern die Entnahme dieses einzelnen Blattes hatte noch nicht den kulturzerstörenden Effekt. Wenn dieser gegeben gewesen wäre, dann hätte man ja guten Gewissens schlachten können, was ohnehin kaputt war. Daher ist die Ansicht, dieses eine Blatt macht den Unterschied nicht. Könnte eventuell ein zweites Blatt aus diesem Stammbuch herausgetrennt werden, und wie sieht es dann mit der Qualität "Kulturgut" bei diesem Stammbuch aus.
Könnte eventuell dieses zweite Blatt das des Telemann sein. Ich würde sagen, ja, denn bei 70 Einträgen, ob 1 oder 2 weniger, das macht nicht den Unterschied. Den Telemann könnte man raustrennen, und trotzdem gäbe es noch ein Kulturgut Stammbuch des Johann Friedrich Behrendt, gest. 1757.
Es bleibt unklar, ob das Stammbuch als solches das Kulturgut ist, oder der Eintrag Telemann. Sicher hängt das ab von den Interessen und Fragen an das Stammbuch. Wenn es eine historische Quelle von größerer Bedeutung wäre, dann ist es sicher wünschenswert, diese Quelle solange intakt zu erhalten, bis sie wenigstens vollständig ausgewertet ist. Mit dem telemanninduzierten Marktwert hat das aber ganz bestimmt nichts zu tun, sondern auch ein Dokument, das auf dem Antiquariatsmarkt nichts einbringt, kann trotzdem in diesem Sinne Kulturgut sein. Der Fehler liegt dann ja schon überhaupt darin, solches Kulturgut einer Auktion auszuliefern, anstatt es einem Archiv-Institut zu übereignen. Von vornherein ist das Profit-Interesse ausschlaggebend, es kommt auf den Markt, um Moneten zu erzielen: Dort ist bereits die ethische Verfehlung zu verorten. Wenn es dann zur weiteren Verwertung geschlachtet wird, so ist das nur konsequent, und dagegen gibt es aus ökonomischer Sicht nur die geltende Entwertung unvollständiger Bücher (war aber bereits mit dem ersten Blatt geschehen).
21. Peter Mulzer 19.12.2008 21:56h
Ich fürchte, so drehen wir uns nur im Kreis und kommen weder zu einer ethischen noch zu einer fachlich antiquarischen Beurteilung der Angelegenheit.
Vom Standpunkt der Archivwissenschaft ist j e d e Entnahme aus einem so bedeutenden Stammbuch eine Barbarei. Der Versteigerer kann und darf das nicht anders sehen. Der springende Punkt ist nur, daß, soweit ich es richtig sehe, Koll. Wetscherek argumentiert, nach der Entnehme eines (wenig bedeutsamen) Blattes und der Entfernung des Einbands sei das Stammbuch nunmehr s c h l a c h t r e i f gewesen.
Diese Verteidigungslinie wäre natürlich ganz unsinnig und würde den sehr deutlichen Angriff von Dr. Graf voll gerechtfertigt haben, noch mehr den allgemeiner gehaltenen Protest der FAZ.
Nochmals: O h n e die ergänzende Klarstellung aus Wien können wir die Frage nicht abschließend beantworten. Wien weiß das natürlich und bleibt im Nebel.
Der Fragen sind zwier - ob sich Koll. Wetscherek nicht doch zu einer präzisen Antwort meiner sehr genauen Frage bewegen läßt - und ob sich die FAZ mit seiner Erklärung abfindet.
Ich bin mir da nicht so sicher. Es gibt noch Redakteure an der Eschenheimer Landstraße...