Verlage
22.01.2009Print on Demand
»Amazon ist ein sehr ernsthafter Konkurrent«
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Immer mehr Verlage nutzen das Print on Demand-Verfahren für ihre Backlist-Produktion. Warum gerade jetzt?
Biesalski: Der Digitaldruck hat sich, was Qualität und Geschwindigkeit angeht, in den vergangenen Jahren sichtbar weiterentwickelt. Er stellt somit eine attraktive Option für bestimmte Anwendungen im Bereich kleiner Auflagen, individualisierter Produkte u.a. dar. Das erkennen nun auch Verlage, die das Verfahren bisher abgelehnt haben. Daher gehe ich davon aus, dass dieser Markt in den kommenden Jahren noch deutlich wachsen wird.
Triebfeder der Entwicklung war bislang das Geschäft mit Privatkunden, den Autoren. Inwiefern hat sich das Konzept, Bücher auf Nachfrage zu drucken, hier etabliert?
Biesalski: Autoren, die selbst publizieren möchten, können das heute mit überschaubaren Mitteln tun. Immer mal wieder finden einzelne Titel dann auch Zugang zum Massenmarkt, aber das ist nach wie vor die Ausnahme und wird es auch bleiben. Man sollte nicht übersehen, dass die meisten Titel nur in kleinsten Stückzahlen für den Autor und dessen direktes Umfeld produziert werden.
Der Wettbewerb unter den Anbietern scheint immer noch gering zu sein. Könnte sich das ändern?
Biesalski: Ja, die Wettbewerbssituation wird sich ändern. Dieser Markt befindet sich immer noch in Entwicklung, und bietet immer noch viel Potenzial für neue Ideen und auch neue Anbieter.
BoD kommt, nach eigenen Angaben, auf rund Zweidrittel des PoD-Marktes. Wie erklären Sie sich den Erfolg?
Biesalski: Unzweifelhaft ist, dass BoD diesen Markt dominiert. Man hat Ende der 90er Jahre in Norderstedt erkannt, welches Potenzial der Digitaldruck in Verbindung mit der Logistik eines Barsortimentes und den Recherchemöglichkeiten des Internets hat. In der Folge hat das Unternehmen diesen Markt ganz wesentlich mitentwickelt und wichtige Impulse gegeben. Mittlerweile bietet BoD weit mehr als nur eine Druckdienstleistung und Vertriebslogistik – ein Bündel von weiteren Dienstleistungen rund um diese ursprünglichen macht den Erfolg aus.
Kann Amazon den Wettbewerb in Deutschland anheizen?
Biesalski: Da bin ich selber gespannt. Ich halte Amazon für einen sehr ernsthaften Konkurrenten und glaube, dass der Online-Buchhändler mit seinem Modell Erfolg haben wird.
BoD will die Espresso Book Machine nach Deutschland bringen und denkt dabei auch an den Buchhandel. Wie schätzen Sie die Chancen für diesen Schnelldrucker ein?
Biesalski: Schwer zu sagen, dazu weiß man noch zu wenig. Ich gebe nur zu bedenken, dass wir nicht nur ein außerordentlich enges Netz von Buchhandlungen in Deutschland haben – und diese auch dank der Logistik der Barsortimente fast jeden Titel innerhalb von 24 Stunden besorgen können. Ein derartiger Druckautomat wäre sicher die Attraktion in einer Buchhandlung, aber langt das? Lohnt sich die Aufstellung, wenn jeden Tag 15 oder 20 Kunden ein Buch ausdrucken lassen? In einigen großen Buchhandlungen mit starker Kundenfrequenz mag das funktionieren, ansonsten bin ich noch skeptisch. Allerdings wird es meiner Meinung nach gar nicht mehr lange dauern, bis die Auslieferungen und Barsortimente sich die PoD-Technologie ins Haus holen.
Die Qualität der per PoD gedruckten Bücher hat sich erhöht, die Kosten sind gesunken. Wie wird sich der Markt künftig entwickeln?
Biesalski: Meines Erachtens sind die Möglichkeiten von Print on Demand noch bei weitem nicht ausgeschöpft. Ich denke hier insbesondere an individualisierte Drucksachen, die vom Nutzer selbst zusammengestellt oder entsprechend seinen Interessen von Dienstleistern – vielleicht Buchhändlern – zusammengestellt werden. Hier müssen die Verlage geeignete Geschäftsmodelle entwickeln, auch wenn dazu noch eine Reihe von Problemen, zum Beispiel urheberrechlicher Natur, zu lösen sind.
Einen Überblick über die aktuellen Entwicklungen im Print-on-Demand-Markt lesen Sie im Börsenblatt, das heute erscheint (Ausgabe 4/2009).
Tamara Weise



1. Dr. Reinhilde Ruprecht 22.01.2009 16:39h www.edition-ruprecht.de
Der Digitaldruck bzw. Printing on Demand ist längst nicht nur etwas für Autoren, die einen Selbstverlag mit - verkürzt ausgedruckt - Anschluss zu Amazon suchen. Nicht nur die Qualität des Drucks ist gestiegen wie im Interview beschrieben, sondern auch die Auswahl von Ausstattungsmerkmalen. Zu den Zeiten, als z.B. nur wenige Formate und nur Paperbacks in Klebebindung angeboten wurden, war das Verfahren für viele Verlage nicht attraktiv. Inzwischen spielt sich der Wettbewerb der Anbieter auf weiteren Gebieten ab: Hostinggebühren, komfortable Nachdrucke (vom manuell einzugebenden online-Auftrag bis zur Lagerergänzung nach Bestandsabfrage bei der Verlagsauslieferung).
2. krämer 22.01.2009 17:31h
Print on Demand ist aber keine Veröffentlichung im eigentliche Sinne. Für eine Veröffentlichung ist es mindestens erforderlich, daß das Buch auch in Bibliotheken und Büchereien steht, oder wenigstens in Bibliographien erwähnt wird als beachtenswert.
Book on Demand verwischt den Charakter von Öffentlichkeit. Habe ich mit Book on Demand etwas veröffentlicht, wenn für ein Seminar 30 Exemplare geordert werden?: NEIN.
Damit geht mittels Book on Demand der enge Zusammenhang zwischen "Veröffentlichung" und "Öffentlichkeit" verloren, und das heißt letztlich, daß auch die Attraktivität, ein Opus per Book on Demand zu veröffentlichen, in Zukunft, nach erster Euphorie abnehmen wird. Das dümpelt langfristig auf dem Niveau, was der Selbstverlag bietet.
3. krämer 22.01.2009 17:42h
Dazu kommt noch der fatale Effekt, die Entwertung, es geschafft zu haben, sein Buch zu öffentlichen. JEDER kann' s jetzt. Damit geht es in die Richtung, daß jedermann sein Buch macht, wie sein Vorgärtchen hegt. Eine generelle Deklassierung überhaupt der Eitelkeit, ein Buch veröffentlicht zu haben, und damit eine Demotivation der MEISTEN Schreiber und Schreiberinnen, somit die Konklusion ist, daß Book on Demand allenfalls eine Vorstufe für eigentliche Veröffentlichungen werden kann, eine Art Vortest, und wenn die Nachfrage anzieht, dann erst gibt es den schriftstellerischen Erfolg, und die Öffentlichkeit, auf die es ankommt.
4. krämer 22.01.2009 18:05h
Bei uns genießt der Pfarrer ja generell eine hohe Achtung. In Amerika wird gefragt: Wieviel Schäflein betreuen Sie? Was heißt, wie gewichtig ist Ihre Gemeinde, Dollor-mäßig gesehen.
So kommt es dann auch, mit den Veröffentlichungen von Büchern, Books on demand pusht das: Die Veröffentlichung als solche wird entwertet, und statt dessen wird nach der Auflage gefragt.
Sie haben ein Buch veröffentlicht? - Ja. (geschwellte Brust usw.). - Ach so, Print on Demand? - Ja, aber es gab schon 17 Bestellungen. - Respekt! Bei der Konkurrenz, die Sie haben (;- )).
Das ist dann etwa so, wie wenn ein Pfarrer in Amerika die Schäflein einer kleinen (sehr kleinen) Dorfgemeinschaft betreut.
5. Leander Wattig 22.01.2009 18:28h http://leanderwattig.de
Ich kann mir Automaten wie die Espresso Book Machine auch sehr gut in Hochschulen oder ggf. auch irgendwann einmal in Supermärkten vorstellen ... Wozu noch der Umweg in die Buchhandlung, wenn ich genau weiß, was ich suche? Wenn ich auch Beratung wünsche, sieht es natürlich etwas anders aus.
Ich denke, dass es für den Kunden ein großer Unterschied ist, ob er 24 Stunden auf ein Buch warten muss oder ob er es sofort mitnehmen kann. Das erspart ihm einen Weg am Tage. Langfristig eine Chance für große Buchhandlungen.
6. krämer 22.01.2009 18:32h
Wie ja schon andernorts diskutiert, ist ein Effekt des Publikations-Tsunami (book on demand verstärkt das nur), daß wegen Über-Information, erfaßt in der Formel [Schreiben > Lesen], daß in solcher Flut nicht mehr möglich ist, lesenswerte Schriftwerke zu erkennen. Gerade der sich etablierende Selektionsmechanismus (Auflagenhöhe, sowie dann Zahl der "cited by" usw. auf google und anderswo), diese ganze Entwicklung zerstört die klassische Öffentlichkeit von Druckwerken und führt hin zu einer Informations-Schwemme, einem Overkill an Information, wo dann jedenfalls für die Wirksamkeit von "Werken", ganz andere Regeln gelten werden, statt stillem Dasein eines Buchs für diejenigen, die es zu würdigen verstehen, wird es einen, verglichen mit dem heutigen Werbe-Geballere, noch sehr gesteigerten Beeinflussungsversuch geben, womit schriftstellerische Arbeit, Journalismus, Medien und Propaganda zu einem einzigen Potpurri verschmelzen, eben der weltweiten Wissen- und Unterhaltungsdatenbank, inkl. Video etc., täglich aktualisiert, auf die für die eigenen Ambitionen ein verzweifelter Input gemacht wird, dessen Wirkungen sich zwar zeigen mögen, aber NIEMALS auch nur ein wenig der Intention, wozu ein Werk erstellt wurde, nahe kommen, daher geistige Tätigkeit auf den Nullpunkt bringt, und statt kühles Abchecken: Wieviel Dollar bringt mir das ein.
7. krämer 22.01.2009 18:56h
Print on Deman, und vergleichbares, ist somit nur für die ehrgeizigen ein erster Schritt, der Welt ein Produkt, welcher Qualität auch immer, zu übergeben, die Schwelle dafür sinkt rapide ab, entsprechend Hinz und Kunz fühlen sich aufgerufen, eine Message zu machen, zu "wirken". Was ist die Wirkung? Kein Konzert, sondern Geräusch der unerfreulichen Sorte.
Was liegt dann bald näher, sowieso schon, gibt es nicht auch das "Buch der Natur"?, lesen aus der alltäglichen Erfahrung, und Überantwortung des Bit-Gemülle der Mülltonne!
8. krämer 22.01.2009 19:21h
Der Trend, wie angedeutet, kann unter dem Aspekt "kulturelle Bedeutung des Buches, der Autoren, Verleger und Verbreiter (Händler)" nur ein ungünstiger sein, es geht also bergab, und zwar schnell. Bei verschiedenen Stimmen dazu, hört man, wie doch noch solide gewirtschaftet werden könne, aber das klingt wie das Geschnappe nach Luft von Ertrinkenden. Das Gewerbe des Buchhandels (inkl. Verlage) steht vor dem Abgrund. Und Digital-Ritter, die frisch aufsatteln, die können vielleicht nochmal lokal, privat, was zufischen, aber ändert nichts an dem Trend, daß bald Schluß ist mit dem "BUCH", aus, vorbei, und statt 1/0-Bits umsonst, von denen 99% Müll sind, und auf dem Bildschirm blinken. Zur Zeit noch sind es wohl nur, ich spreche nicht von der Freizeit, sondern von der Angestelltenarbeit: 80% sitzen vor der Kiste. Dieser Anteil geht weiter hoch, wir werden zu Karikaturen des homo sapiens, der auf den Bildschirm glotzt und in die Tastatur tippt. Im Freizeitbereich sieht es ähnlich aus: Vor der Kiste hocken, Pixel beobachten, und Tasten tippen. Ist das nicht die völlige Verblödung, sind wir nicht als Menschen dahin geraten, Maschinen zu sein? Noch nicht mal Maschine, sondern nur ein Mechanismus, Rädchen oder Störfaktor im weltweiten Kommunikationsgeräusch.
9. krämer 22.01.2009 19:40h
Was folgt daraus? Werden Sie kein Schreiber, werden Sie Leser, lesen Sie im Buch der Natur.
Das ist ALLES. Book on demand kitzelt nur Ihre Eitelkeit, und Sie schaffen es doch nicht. Denn Sie hatten nicht genug gelesen, im Buch der Natur.
10. krämer 22.01.2009 20:09h
Ja so siehts aus. Und es nervt mich schon länger die Verquickung von Kulturauftrag und Geschäft.
Dann nämlich, ist ja doch der Thalia/Weltbild-Trend irgendwie passender?. Ist ehrlicher, als das Kultur-Gequatsche. Cash-Machen um jeden Preis. Heute schimpft Ihr noch, morgen hofft Ihr auf den Cash, egal, ob Kultur, Buch, Papier, Ditigal, shit egal, Schäflein aufsTrockene bringen: wie woanders ein Verleger gemeint hat: Der Buchhandel (inkl. Verleger) ist vorne, Pionier, Innovator, progressiver Neuerer, und begrüßt bzw. bewältigt die Digitalgefahr. Wie Gutenberg, und die ersten Drucker: vorne dran. Ha, ha.
11. krämer 22.01.2009 21:47h
Übrigens, statt wie in der Überschrift: "Amazon ist ein ernsthafter Konkurrent", sollte es wohl besser heißen: "Amazon ist ein ernst zunehmender Konkurrent".
Wohl wahr, und was steht letztlich dem entgegen, daß Amazon dann auch die Ladenketten einsackt. Amazon lokal vor Ort. Richtiges Ladengeschäft wieder, steht Amazon drauf, warum nicht, Buchpreisbindung ging auch schon lange den Bach runter, daher, in diesen Läden ist es günstiger geworden, Papier zu kaufen, oder Digits.
12. Jo_Cit 22.01.2009 22:02h
PoD ist eine Möglichkeit. Nicht mehr und nicht weniger. Das ist positiv.
13. krämer 22.01.2009 22:14h
Eine Möglichkeit. Eine Positivität. Wie schon Hegel schwadroniert hat, aus dem Sein gebiert sich das Werden und wird zum Sein. Nicht mehr und nicht weniger, that's it.
14. krämer 22.01.2009 22:26h
Ach so, sorry, Sie meinten, PoD sei eine OPTION.
Optionen, hm, hm. Wenn wir die haben, warum dann auch nicht PoD: Volle Zustimmung!
15. Harz IV 23.01.2009 03:37h
is ja alles richtig,
und eigentlich kann ich im Netz, jetzt schon, ungefähr 200 Leben lang, lesen - und auch gute Sachen. Die ganzen Klassiker sind da, kostenlos.
Oder Musik hören, kostenlos.
Trotzdem hab ich vorgestern bei itunes 3 Cds geloadet, 30 Ocken und heute 3 bücher bei libri, 45 ocken. WIESO, ich Idiot
wieso?
- ich finds trotzdem spannend,
vielleicht, ist der ausweg, Herr "krämer", endlich mal wieder selbst schreiben.
16. Jo_Cit 23.01.2009 22:13h
Herr krämer, für mich ist das ganz klar: sobald das PoD-Maschinen hier verfügbar ist, kauf ich mir das und stelle es neben mein Bett.
Immer dann, wenn ich albtraumgeschüttelt aufwache, tipp ich das ein, was mich so schüttelte, damit ich’s nicht vergessen habe - nach dem regulären Erwachen. Dann wird’s textlich angereichert, also gedehnt auf ca. 250 Seiten, und in Form gebracht … und … nein, noch nicht gedruckt, sondern abgespeichert.
Dieser Vorgang wird sich tag- bzw. nächtlich, sozusagen tagnächtlich wiederholen – bis 365 Tage oder ein Jahr vergangen sind bzw. ist. Dann wird ausgestoßen, d.h. zack, zack. Und dann werden meine von mir geschriebenen und von mir gefertigten Bücher in meinem Buchladen von mir der Welt feilgeboten. Denn es ist kaum denkbar, daß die, auf die es wirklich ankommt, darauf nicht gewartet hätten, was sie bisher nur nicht gewußt hatten.
Aber es mag schon sein, daß Sie, Herr kramer genau darauf nicht gewartet haben werden. Nun gut, aber das ist kein Argument, es nicht zu tun.
Andererseits, Herr kramer, vielleicht überlegen Sie sich das noch - und wir könnten dann in Zukunft unsere Bücher tauschen. …