Alfred-Kerr-Preisträger empfehlen

Hubert Spiegel (FAZ)
Hubert Spiegel, geboren 1962, war der Alfred-Kerr-Preisträger 2005. Der Germanist ist seit vielen Jahren Redakteur bei der Frankfurter Allgemeinen Zeitung.

Franz Hessel, Spazieren in Berlin
Verlag für Berlin-Brandenburg, Berlin 2011, 240 S., 19,90 EUR

Geschrieben wurde dieses Buch, um den Berlinern ihre Stadt zu zeigen. Heute lesen wir diese 80 Jahre alten Feuilletons, weil sie zum Lehrbuch einer aussterbenden Kunst geworden sind: Franz Hessel, der Freund von Walter Benjamin und Franziska zu Reventlow, zeigt, was es heißt, mit wachen Sinnen durch eine Stadt zu gehen.
Swetlana Alexijewitsch, Tschernobyl - Eine Chronik der Zukunft
Berliner Taschenbuch Verlag, 297 S., 9,90 EUR, ISBN: 978-3-8333-0357-9

Das Buch besteht fast nur aus Monologen. Alle berichten von den Folgen der Katastrophe von Tschernobyl, die sich ein Vier­teljahrhundert vor dem Reaktorunglück von Fukushima ereignet hat. Swetlana Alexijewitsch hat die Berichte Betroffener aufgezeichnet und damit ein vielstimmiges literarisches Werk geschaffen, das an eine andere Chronik einer menschengemachten Katastrophe erinnert: Walter Kempowskis »Echolot«.
Anita Albus, Im Licht der Finsternis. Über Proust
S. Fischer, 224 Seiten, 38,00 EUR, ISBN: 978-3-10-000624-0

Ihre Bücher sind Ereignisse – jenseits der Bestsellerlisten. Sie reifen in jahrzehntelanger Beschäftigung mit ihren Gegenständen heran, sei es in der Malerei oder in der Literatur. Jetzt lässt uns Anita Albus an ihrer Proust-Lektüre teilhaben und schenkt uns, was kostbar ist: neue Einsichten und tieferes Verständnis.
Ernst Jünger, Kriegstagebuch 1914-1918
Klett-Cotta, 654 Seiten, 32,95 EUR, ISBN: 978-3-608-93843-2

Der Mensch wird zum Material, und einer führt Buch darüber: Ernst Jüngers »Kriegstagebuch« dokumentiert unvergleichlich präzise, anschaulich und herzlos Leben und Sterben in den Schützengräben des Ersten Weltkriegs, festgehalten von einem unberührten und unberührbaren Stenografen des Todes.
Robert Louis Stevenson, Der Master von Ballantrae
Mare, 336 Seiten, 29,90 EUR, ISBN: 978-3-86648-120-6

Es gibt noch Klassiker zu entdecken: Melanie Walz hat Robert Louis Stevensons "Der Master von Ballantrae" übersetzt, eine in Deutschland nur wenig bekannte meisterliche Abenteuergeschichte, die viel zu lange im Schatten der populären "Schatzinsel" stand. Jetzt liegt sie in einer schönen Ausgabe vor: eine Wintergeschichte für Kaminabende.
Friedrich Sieburg, Die Lust am Untergang. Selbstgespräche auf Bundesebene
Die Andere Bibliothek im Eichborn Verlag, 420 Seiten, 32,00 EUR, ISBN: 978-3-8218-6229-3

Sieburgs "Lust am Untergang" ist wieder aufgetaucht wie ein altes Möbelstück, das sorgsam in weiße Tücher gehüllt und dann in einem abgedunkelten Raum vergessen wurde. Nun zieht die Neuausgabe die Laken herunter, und man steht staunend vor einem Buch, dessen Intelligenz und Brillanz die Jahrzehnte überdauert hat.
Andreas Maier, Onkel J. - Heimatkunde
Suhrkamp, 131 Seiten, 17,80 EUR, ISBN: 978-3-518-42134-5

Unsentimentaler und wehmütiger als Andreas Maier kann man das Unvermögen unserer Zeit im Umgang mit dem Wort Heimat nicht ins Auge fassen. Maiers Heimatgefühl ist ein Abschiedsgefühl, sein Heimatbegriff eine Existenzweise, die er in seinen Kolumnen umkreist: beiläufige Beobachtungen, durchsetzt mit Gefühls- und Geistesblitzen. Wo sie einschlagen, bleibt etwas zurück, lange noch.
Péter Esterházy (Hrsg.), Lichterfeste, Schattenspiele. Chamisso- Preisträger erzählen
dtv, 319 Seiten, 9,90 EUR, ISBN: 978-3-423-13828-4

Schriftsteller wird, wem die Sprache problematisch wird. So hat es Péter Esterházy als Herausgeber des Bandes über Feste und Feiertage in den unter-schiedlichsten Kulturen formuliert. Die Autoren schreiben auf Deutsch, obwohl das Deutsche nicht ihre Muttersprache ist, und wurden für ihre Werke mit dem Chamisso-Preis ausgezeichnet. Deshalb ist dieser Band selbst ein kleines Sprach- und Literaturfest.
Kazuo Ishiguro, Bei Anbruch der Nacht
Karl Blessing, 240 Seiten, 19,95 EUR, ISBN: 978-3-89667-409-8

Die Tücken des Talents und das Gift der musikalischen Gabe sind das Thema des glänzend komponierten Erzählungsbandes, mit dem der englische Romancier Kazuo Ishiguro sich erstmals der kleinen Form zuwendet. Diese raffinierten und zuweilen unerhört komischen Storys über Kaffeehausmusiker, Schnulzensänger und Jazz- saxofonisten könnten ein Klassiker werden.
Wolf Haas, Der Brenner und der liebe Gott
Hoffmann und Campe, 224 Seiten, 18,99 EUR, ISBN: 978-3-455-40189-9

Der Brenner ist zurück. Endlich. Seit Wolf Haas den Ex-Detektiv Simon Brenner auf seine metaphysischen Expedi­tionen in die Abgründe des Alltäglichen schickt, hat sich so mancher Krimiverächter von der Sprachlust des Österreichers bekehren lassen. Jetzt setzt Haas nach mehrjähriger Pause die Serie seiner Brenner-Romane fort und zeigt aufs Neue, dass nichts spannender ist als erzählerische Intelligenz.
Thomas Bernhard, Meine Preise
Suhrkamp, 139 Seiten, 15,80 EUR, ISBN: 978-3-518-42055-3

Die Literaturpreisverleihung als Dichterfolter – das ist das Thema des letzten Buches, das Thomas Bernhard seinem Verleger Siegfried Unseld versprochen hatte. Jetzt ist es aus dem Nachlass erschienen, eine Sammlung von auto-biografischen Texten, die kunstvoll und leidvoll belegen, dass Ruhmeslorbeer und Almosen im Dichterleben oft kaum voneinander zu unterscheiden sind.
Hugh Trevor-Roper, Der Eremit von Peking
Eichborn Verlag, 32,00 EUR, ISBN: 978-3-8218-4590-6

Boxeraufstand, Sturz des chinesischen Kaiserthrons, kostbare Schriftrollen und dubiose Waffengeschäfte im Ersten Weltkrieg: In diesem Szenario verfolgt der Historiker und ehemalige Agent Hugh Trevor-Roper die Spur eines genialen Fälschers und Hochstaplers, der das Leben eines ehrwürdigen Gelehrten zu führen vorgab: eine atemraubende historische Recherche über den Schurken Backhouse.
Irina Brežná, Die beste aller Welten
Edition Ebersbach, 168 Seiten, 18,00 EUR, ISBN: 978-3-938740-72-9

Wie reagieren Kinder auf die Allgegenwart der Ideologie in einem totalitären System? Seit Agota Kristofs Klassiker »Das große Heft« hat keine Autorin aus Osteuropa das Thema mehr so eindringlich behandelt wie Irena Brežná in ihrem autobiografisch grundierten Roman »Die beste aller Welten«: Dieser schildert eine berührende Reise in eine bleierne Kindheit hinter dem Eisernen Vorhang.
Orhan Pamuk, Das Museum der Unschuld
Carl Hanser, 576 Seiten, 24,90 EUR, ISBN: 978-3-446-23061-3

Schon heute steht fest, dass der türkische Nobelpreisträger Orhan Pamuk der Weltliteratur mit seiner Liebesgeschichte von Kemal und Füsun etwas hinzufügt, was es so noch nie gegeben hat. Denn Pamuk lässt das Museum, von dem der Titel spricht, in Istanbul tatsächlich bauen: als einzigartiges Monument der Liebe zum Leben und zur Literatur. Ein künftiger Klassiker.