Medien
10.02.2009Interview
„Auf der Lernkurve dabei sein“
Blinden und sehbehinderten Menschen fällt es aufgrund der optischen Bedienung der CD-Player meist schwer, Hörbücher auf Audio-CDs zu nutzen. Aus diesem Grund entwickelte ein internationales Konsortium von Blindenbibliotheken bereits in den 90er Jahren den digitalen Standard DAISY (Digital Accessible Information System), der den Benutzern von Audiobooks weit reichende Navigationsmöglichkeiten und Zusatzinformationen bietet. Bisher waren DAISY-Hörbücher, bis auf wenige Ausnahmen, nur in Blindenbibliotheken auszuleihen.Wie weit ist das Projekt gediehen?
Stumpp: Wir haben im Mai 2008 begonnen und zur Buchmesse die ersten 20 Titel der „argon daisy edition“ vorgestellt. Von den inzwischen vorliegenden 100 DAISY-Ausgaben, die wir jeweils in Mini-Auflagen von 50 Exemplaren hergestellt haben, wurden bislang rund 4500 Exemplare verkauft; mit einem Drittel der Titel sind wir daher schon in der zweiten Auflage. Kalkulatorisch befinden wir uns unter Berücksichtigung von Gemeinkosten sicherlich noch in der Investitionsphase, allerdings bei überschaubarem Risiko.
Warum hat sich Argon überhaupt in Sachen DAISY engagiert?
Stumpp: Die Blinden und Sehbehinderten sind für mich eine absolut valide Zielgruppe. Es gibt für mich keinen Sinn, dass wir die Audioinhalte einerseits schon haben, sie aber andererseits noch einmal von der DZB für die Leihbücherei erstellt werden. An der Stelle gibt es eine sinnvollere Lösung, die der Markt herstellen kann. Es muss sich natürlich in irgend einer Weise kommerzialisierbar machen lassen – zumindest müssen wir unsere Kosten wieder einspielen. Daran arbeiten wir gerade. Wir müssen Erfahrungen sammeln – und die lassen sich nur in der Praxis gewinnen. Eine zweite Überlegung ist das Thema Medienkonvergenz, also die enge Verzahnung mit den Printverlagen, die bei Holtzbrinck gegeben ist. Die Frage ist: Wie kriegt man Print und Audio auf eine Umgebung? Mit dem DAISY-Format sind wir in der Lage, Text- und Audio-Inhalte in einer Form zusammenzubringen, wo sie mit entsprechendem technischen Gerät wieder wieder an die Oberfläche zu bringen sind. Wenn der e-book-Reader etwa DAISY-fähig wäre, könnte man Nutzungs-Topologien erarbeiten, die weit über die jetzige getrennte Verwertung hinausgehen.
Das klingt spannend – in der Praxis läuft es mühsamer?
Stumpp: Warum sollte ein Gerätehersteller eine technische Funktion gewährleisten, für die es in der Praxis keine Anwendungsbeispiele gibt? Das ist das, was Leute wie Thomas Kahlisch (Direktor der DZB – N.K.) nicht aufhören zu predigen: Man muss halt irgendwann mal den Anfang machen!
Noch stehen Sie mit Ihrem Engagement am Markt relativ allein auf weiter Flur...
Stumpp: Es gibt auch ein eklatantes Rechte-Problem. Wir als Hörbuchverlage können ja nicht umfangreiche Texte aufbringen. Momentan beschränkt sich das auf Navigations-Informationen, Überschriften, Strukturen, Gliederungen – im Prinzip all das, was dem Sehenden bei der Betrachtung eines Buches ins Auge fällt, ohne Buchstabe für Buchstabe gelesen zu werden. Mit den Blinden und Sehbehinderten haben Sie eine relativ abgeschlossene Zielgruppe, für die berechtigte Ausnahmen im Urheberrecht existieren. Sobald Sie Inhalte über die Zielgruppe hinaus kommerziell nutzen wollen, wird’s schwierig. Je länger und intensiver man sich mit der Materie beschäftigt, desto komplexer wird das ganze Gebilde. Man kann nicht einfach machen, was man gern machen möchte.
Warum lassen Sie sich, bei allen Unwägbarkeiten, dennoch auf dieses Projekt ein?
Stumpp: Weil ich davon lernen kann! Was die DZB da im Audiobereich macht, ist uns, sowohl technisch, als auch von den Anwendungen her, um Jahrzehnte voraus! Uns gibt diese Kooperation Möglichkeiten, mit dem Format zu spielen – auch wenn ich heute noch gar nicht sagen kann, wohin die Entwicklung in drei, vier Jahren treibt. Es gibt ja jede Menge Nutzer, die schon heute älteren Semesters sind, die vielleicht noch keine ausgeprägte Sehschwäche haben – aber dort hineinwachsen. Sie haben eine Zielgruppe, die nicht von Kindesbeinen an blind ist, sich in dieser Community nicht perfekt bewegen kann – sondern mit einfachen technischen Mitteln die Ausfälle kompensieren muss. Da brauchen wir über kurz oder lang Antworten! Und wenn Sie sich jetzt noch die demographische Entwicklung unserer Gesellschaft anschauen, nehmen die Fragen, die da auf uns zukommen, eher zu als ab. Hier Erfahrungen zu sammeln, auf der Lernkurve dabei zu sein – das finde ich nicht wenig spannend!
Interview: Nils Kahlefendt



1. Bodo Wardin 10.02.2009 09:10h www.verlagskontor.com
Die Aussage: "Argon ist das erste Hörbuchlabel, das – in Kooperation mit der Deutschen Zentralbücherei für Blinde (DZB) in Leipzig - DAISY-Hörbücher in größerer Anzahl auch kommerziell vertreibt." - ist leider nicht ganz korrekt.
Richtig müßte es heißen:
" Das Breuer&Wardin Verlagskontor ist das erste Hörbuchlabel, das – in Kooperation mit der Deutschen Zentralbücherei für Blinde (DZB) in Leipzig - DAISY-Hörbücher in größerer Anzahl auch kommerziell vertreibt." Das Verlagskontor stellte seine Sprachkurse bereits 2007 auf der Frankfurter Buchmesse vor.
2. Katharina Eberenz 10.02.2009 13:30h www.argon-verlag.de
Lieber Herr Wardin,
die ersten kommerziellen DAISY-Hörbücher auf dem deutschen Buchmarkt hat zweifellos Breuer & Wardin mit den Birkenbihl-Sprachkursen produziert. Diese Vorreiterrolle möchte Ihnen sicherlich keiner absprechen. Argon kann momentan allerdings die weitaus höhere Titelzahl vorweisen (100 lieferbare DAISY-Hörbücher, weitere erscheinen ab März) - daher wohl auch die Formulierung "in größerer Anzahl".
Wichtig ist letztendlich, dass wir gemeinsam mit DAISY vorankommen - und es stetig mehr Titel in diesem Format gibt!
3. Manfred Scharbach 12.02.2009 10:10h www.absv.de
Daisy-Bücher sind für Alle da!
Blinde Menschen waren nur der Hauptgrund für die Entwicklung dieses weltweiten Hörbuchstandards. Das war aber auch schon bei der Erfindung der Schreibmaschine so.
Schön und komfortabel ist Daisy für jeden, der Hörbücher hört. Und mal ehrlich, wer hätte denn nicht lieber eine CD statt 15 oder 27? Also: ein prächtiger Standard für alle und deshalb Dank, Dank und nochmals Dank an all diejenigen, die für
die Daisy-Verbreitung sorgen.