Verlage
16.02.2009Podiumsdiskussion im Frankfurter Literaturhaus
Frankfurt stellt Suhrkamp den Stuhl vor die Tür
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Denn mit Ausnahme eines weitgehend ahnungslosen Stocherns im Nebel der Motivation für den Umzug des Verlags konnten die Podiumsteilnehmer – die Autoren Eva Demski, Andreas Maier und Wilhelm Genazino, die Journalisten Arno Widmann (FR) und Hubert Spiegel (FAZ) sowie der Frankfurter Kulturdezernent Felix Semmelroth, angeleitet von Moderator Martin Lüdke – herzlich wenig bieten, was erhellend gewesen wäre.
Natürlich ist es von gewisser feuilletonistischer Relevanz, wenn Eva Demski den Suhrkamp Verlag als eine Kreuzung aus „Kathedrale und Irrenhaus“ charakterisiert, wenn Wilhelm Genazino die „Mentalität eines Stiers“ beschwört, mit der Siegfried Unseld – im Gegensatz zu Ursula Berkéwicz - die Autoren seines Hauses in die Öffentlichkeit brachte, wenn Andreas Maier den Umzug als einen weiteren Schnitt in einer Kette von radikalen Schnitten empfindet, die seit dem Tod Unselds vollzogen wurden. Und es ist richtig, wenn Arno Widmann konstatiert, dass eine kulturelle Symbiose zwischen Suhrkamp und Frankfurt, wie sie in der teils hysterischen Frankfurter Lokal-Debatte beschworen wurde, schlichtweg nicht existiert, und zwar mangels Grundlage: Weder bietet die Stadt ein Klima, das in irgendeiner Weise den glorreichen 60er Jahren gleichkommt, noch ist der Verlag bemüht, seine Programme wirkungsvoll in der Stadt zu inszenieren.
„Sechs Uneingeweihte reden über einen Abwesenden“ – so ähnlich könnte die dramaturgische Umsetzung dieser Diskussion durch den seligen Samuel Beckett betitelt sein. Man redete und spekulierte in gesetztem Tone vor sich hin – immer betonend, dass man ganz auf Seiten der Mitarbeiter sei, aber deren Schicksal müsse man jetzt doch gerade mal ausklammern, weil das in die Argumentation nicht hineinpasse und eigentlich könne man ja auch nur erahnen, was denn nun wirklich die Motivation sei.
Als Gewinner fühlen konnte sich einzig Kulturdezernent Semmelroth: Niemand stellte die Frage, wie denn eigentlich die Stadt - die sich so gerne mit den fremden Federn schmückt, die Suhrkamp oder auch die Frankfurter Buchmesse bereiten – mit ihren Verlagen umgeht. Er könne sich vorstellen, dass nach dem Wegzug des Börsenvereins das Buchhändlerhaus im Hirschgraben zu einem Haus der Verlage werden könne, ließ er wissen. Geld sei dafür aber eigentlich nicht zu erwarten.
Klar ist, dass es der Stadt Frankfurt mit dieser Podiumsdiskussion darum ging, dem Suhrkamp Verlag den Stuhl vor die Tür zu stellen. Und mit der rotzig-präpotenten Betitelung „…na und?“ gab man Geschäftsleitung und Mitarbeitern gleich noch einen kräftigen Tritt in den Hintern.
hge
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1. saguenay 16.02.2009 13:32h
Na das passt doch hervorragend zum Grundtenor der gesamten Debatte. Da haben wir irgendwelche Alt-68er, die seit 40 Jahren keinen Blick mehr auf den Kalender geworfen haben, und die jetzt in einem Alter sind, wo man seine Mitmenschen ständig mit Erzählungen aus der guten alten Zeit nervt, Feuilletonisten, die schon aus beruflichen Gründen ständig den Untergang des Abendlandes konstatieren müssen, Kommunalpolitiker die mit Versprechungen um sich werfen, wie die Jecken mit Bonbons, und vieleviele mehr. Dass viele der Mitarbeiter über den Umzug nicht glücklich sind, kann man verstehen, aber alle anderen, die davon nicht betroffen sind, müssen sich fragen lassen, woher dieser übersteigerte Glaube an den Schollenzwang wirklich rührt?
Zeigt sich da nicht jene geistige Beweglichkeit, die auch die deutsche Politik seit Jahren kennzeichnet? Mobil wie ein Findling, und mit Vollgas auf der Stelle tretend. Aber mal ehrlich, warum soll die Politik besser sein als ihre Wähler? Aber wir kommen vom Thema ab. Freuen wir uns doch an der Vorstellung, dass all jene, die den Verlag am liebsten in Frankfurt festgenagelt hätten, sich irgendwann mit Trauermiene und Krokodilstränen über dessen Ableben geäussert hätten, mit Unverständnis und wohlgesetzten Worten, und ohne auch nur einen Gedanken an die Ursachen oder evtl. Gegenmassnahmen zu verschwenden. Denn wenn man sich im deutschen Feuilleton auf eins mit Sicherheit verlassen kann, dann sind es Worthülsen und falsche Betroffenheit.
Der deutsche Jägerzaunhorizont bietet nicht die besten Voraussetzungen, sich neu zu erfinden, aber eine Menge Anknüpfungspunkte um auf jene zu schimpfen, die es wenigstens versuchen.....
2. krämer 16.02.2009 19:01h
Bei geistiger Mobilität ist die territoriale Mobilität eigentlich nicht nötig. Was, abgesehen von eventuellen zusätzlichen Subventionen, von denen keiner was weiß, eine Rolle gespielt haben könnte: Durch den Ortswechsel dem Verlag neues Leben einhauchen (wie schon gesagt, das kann eigentlich nur die Ostausrichtung (Berlin selbst, Ostdeutschland, und auch Polen, Rußland usw. sein), das ist dann EIN Motiv für den Umzug, und aus Frankfurter Sicht, ein solches Motiv hat die Gegenseite, daß was in die Jahre gekommen war, bißchen lästig sogar, keine Veranlassung gibt, "wer reisen will, den laß ziehn", eventuell wurde sogar gepokert, klar, Frankfurt macht sowas nicht, und bißchen Winke, winke hinterher ist ja auch normal, und Frankfurt ist Krämer-Stadt schon immer gewesen, ist das vielleicht altbacken?
Bezügl. der gelieferten Podiums-Diskussion: Solche Schwatz-Runden hatten sich noch nie gelohnt, (- für die Zuhörer). Gab es da nicht auch mal eine Satire von Heinrich Böll.
3. Axel Dielmann, axel dielmann - verlag KG Frankfurt am Main 17.02.2009 12:20h www.dielmann-verlag.de
Einige wichtige Dinge sind in dieser Debatte leider völlig unbeleuchtet geblieben:
Erstens: War die Verlegerin, die am Abend nicht anwesend war, eingeladen? Wenn nicht, dann war das eher ein Tribunal denn eine öffentliche Diskussion um öffentliche Belange. Wenn sie doch eingeladen war, aber nicht kam, dann war das ein unternehmerisches Armutszeugnis, da sie in diesem Falle nicht nur offenbar ihre Mitarbeiter im Stich gelassen, sondern ihr ganzes Unternehmen ruderlos der Meinungsmache überlassen hat.
Zweitens: Wie kommt es, daß eine Kommune wettbewerbsverzerrend einzelnen Unternehmen massive Vorteile in Form von reduzierten Mieten anbietet, und kein Mensch staunt oder beschwert sich darüber? Und schon gar nicht darüber, daß diese Vorteile wiederum einem vergleichsweise großen Unternehmen angeboten werden, in einem Markt, der sich durch die wildesten Konzentrationsbewegungen ohnedies zu Gunsten der Größen umstrukturiert.
Drittens: Warum wurde nicht über eine wirkliche, nachhaltige Kulturpolitik und ihre Konzepte gesprochen? Es ist kaum haltbar, daß Kultur als Standortfaktor und Städte-Marketing-Instrument immer wieder heraufbeschworen wird, sich dies dann aber rasch im mageren Image-Wert von Firmierungen wie »Suhrkamp Frankfurt« oder eben »Suhrkamp Berlin« erschöpft. – Die Frankfurter Literatur und die hiesigen Verlage hätten genug zu bieten (siehe »Langer Tag der Bücher« im Schauspielhaus, dieses Jahr am 5. April), mit ihnen PR zu machen. Dazu wäre es gut, würden die vor rund 2 Jahren zaghaft begonnenen Gespräche zwischen Kulturpolitik und Verlagen fortgesetzt. Das Einrichten einzelner Großveranstaltungen, bei denen man auf Uferfest-mächtige Besucherzahlen und in Richtung »Leipzig liest« schielt, genügen ebensowenig wie sie schon das vororte Potential ausschöpfen.
Viertens: Weshalb wurde über die finanzielle Not des Verlages Suhrkamp heftigst spekuliert (was erst dann sinnvoll gewesen wäre, wenn ein versierter Wirtschaftsjournalist mit auf dem Podium gesessen hätte) und von edlen Verlegertugenden der längst überlebten wirtschaftswundervollen 50er bis 80er Jahre geträumt, aber nicht ein Moment lang die aktuellen Bedingungen des (literarischen) Buchmarktes angesprochen? Die nämlich, nicht die angeblich nicht mehr praktizierten Verlegertugenden Sturheit und Begeisterung (und physische Wucht, aha!) für Autoren und Bücher sind für die wirtschaftliche Klemme verantwortlich, in der ahnungsweise Suhrkamp, wie Dutzende anderer Literaturverlage auch, steckt. (Und apropos vermißte Verlegertugenden: Alle Podiumsteilnehmer sind herzlich gerne eingeladen, sich meinen Schuhschrank anzusehen, darin die schiefgelaufenen Absätze vom verlegerischen Trommeln und Klinkenputzen auch bei jenen Redaktionen zeugen, die auf dem Podium vertreten waren. Auf die hier gelobten Verlegereigenschaften wird sonst sehr anders reagiert, wenn man für einen – schon gar wenig maingestreamten – Autoren wirbt, streitet, bettelt und antichambriert.)
Axel Dielmann
axel dielmann – verlag KG in Frankfurt am Main, www.dielmann-verlag.de