Medien
18.02.2009Abwrackprämie für Bücher
Von wegen »undenkbar«
Ein Lieblingswort von Politikern ist »undenkbar«. Dabei ist nichts »undenkbar« - es sei denn, das Angedachte ist nicht gewollt, soll also noch nicht einmal gedacht werden. Ist es etwa »undenkbar«, dass die Buchbranche eine Konjunkturspritze bekommt? Es ist genauso »undenkbar«, wie es die staatlichen Hilfen für Banken und andere Branchen bis vor Kurzem noch waren.Die Antworten der Politik auf die Weltfinanzkrise hat einige bisher »undenkbare« Maßnahmen gezeitigt. Öffentliche Gelder in dreistelliger Milliardenhöhe fließen, deren Beträge man bis vor Kurzem noch nicht einmal in Millionenhöhe laut auszusprechen gewagt hätte. Das freie Schalten und Walten des Marktes, bis vor Kurzem Glaubensbekenntnis Nummer 1, wird durch staatliche Interventionen ungeahnten Ausmaßes ersetzt.
Ja, wir alle wissen, dass ein riesiger Teil der Arbeitsplätze in Deutschland von der Automobilindustrie abhängt. Es werden zwar vernünftige und tolle Autos bei uns gebaut, aber nicht genug verkauft. Was tut man da? Man bietet eine Abwrackprämie für Altautos an. 1,5 Milliarden Euro werden dafür bereitgestellt. Warum legt die Bundesregierung nicht ein ähnliches Programm für Bibliotheken auf? Das käme den Verlagen, dem Buchhandel, der Druckbranche und den Autoren zugute, vor allem aber der Bildung.
Denn wir wissen auch alle, und jeder Politiker wird nicht müde, dies in jeder Sonntagsrede zu sagen, dass der wichtigste Rohstoff in unserem Land die Bildung ist – wenn sie denn tatsächlich in die Köpfe und Herzen vor allem der jungen Generation eingeht. Aber hier herrscht ja kerngesunder Wettbewerb – in Gestalt föderalen und parteipolitischen Gezänks. Eine Ganztagsschulbetreuung, die Voraussetzung für eine wirkliche Bildungsoffensive wäre, wird nicht umgesetzt. Besonders die Kinder bildungsferner Schichten, deren Potenzial man ja angeblich nutzen will, werden nachmittags dem Geflimmer des Fernsehens und dem Geklicke des Internets überlassen.
Da die öffentliche Hand dieses Problem offensichtlich nicht wirklich angehen will, sollte sie den privaten Unternehmen, die hier engagiert sind, unter die Arme greifen. Gemeinsam könnten wir Bücher in die Hände nicht nur der bildungsaffinen Schichten bringen, sondern in die Hände aller Kinder – also in die Schulen! Die Buchbranche sollte sich nicht mehr damit zufriedengeben, dass sie den reduzierten Mehrwertsteuersatz und die Buchpreisbindung hat. Das reicht nicht, um immer nur brav »Danke, liebe Politiker« zu sagen – wir brauchen mehr.
Zum Beispiel eine Bildungsinitiative in Höhe von einer Milliarde Euro, um den öffentlichen Bibliotheken in diesem Land einen Austausch ihrer alten, abgenutzten Bücherbestände und eine Ergänzung ihres Angebots an neuen Titeln zu ermöglichen. Mit einem solchen Konjunkturprogramm könnten für 10.000 Bibliotheken (bei einem durchschnittlichen Ladenpreis von 15 Euro) jeweils 6.666 neue Bücher angeschafft werden. Das entspricht etwa der Anzahl der jährlichen Neuerscheinungen im deutschsprachigen Kinder- und Jugendbuch.
Der Umsatz würde die Buchbranche beleben, die Bibliotheken wären dank eines renovierten und vergrößerten Angebots attraktiver und neue Bibliotheken könnten eingerichtet werden. Wer stellt sich da hin und behauptet, dies sei keine Investition in die Zukunft? Oder wird etwa heimlich schon gedacht: Bücher brauchen wir gar nicht mehr, wir bekommen doch bald alles als Download, und das über kurz oder lang umsonst? Liebe Politiker, investieren Sie lieber gutes Geld für gute Bücher statt gutes Geld für schlechtes Wirtschaften auszugeben!



1. Anonym 18.02.2009 14:32h
Liebe Kollegen,
sollte noch einmal jemand über die Jugend und ihre laut Pisa so begrenzte Lesefähigkeit spötteln, dann werde ich dieser Person den Artikel von Herrn Störiko-Blume vorsetzen. Bereits nach den ersten zwei Abschnitten hatte ich so viele inhaltliche Fehler beisammen, daß es mir schlicht den Atem verschlägt. Nebenbei bemerkt: Das simple Nachplappern von Fehlern anderer läßt einen nicht gerade gescheit erscheinen.
Beispiele gefällig? Dann lesen Sie mal die Definition von Bürgschaft nach. Und wo bitte gibt es bei uns ein "freies Schalten und Walten der Wirtschaft"? In meinem Laden jedenfalls nicht, darauf achtet Vater Staat schon sehr genau. Ist es im Verlagsbereich anders? Falls ja, dann werde ich mir demnächst dort einen Arbeitsplatz suchen.
Ob der Rest, den ich noch nicht gelesen habe, besser wird? Es hofft der Mensch, so lang' er lebt.
2. Anonym 18.02.2009 14:46h
"Das käme den Verlagen, dem Buchhandel, der Druckbranche UND NICHT DEN AUTOREN zugute, vor allem aber der Bildung." (Hervorhebung von mir)
Freudsche Fehlleistung, was, Herr Verleger?
3. Redaktion 18.02.2009 14:54h
Freud war nicht im Spiel. Bei Ulrich Störiko-Blume hieß es "nicht zuletzt den Autoren"; das "zuletzt" ist der Redaktion bei der Übertragung verloren gegangen. Verzeihung!
4. Sermo 18.02.2009 15:28h
Liebe/r/s Anonym: Ich glaube, auch wenn ich eine Definition von "Bürgschaft" lese, weiß ich immer noch nicht mehr über diese ärgerliche "Abwrackprämie". Banken bekommen in Krisenzeiten Bürgschaften, nun gut - Autokäufer / Verkäufer / Hersteller bekommen richtig Geld.
So haarsträubend, wie Sie dies darstellen, sind die Fehler von Herrn Störiko-Blume gar nicht. Es handelt sich allerhöchstens um Unachtsamkeit in Nuancenfragen. Und ob man an "Freies Schalten und Walten der Wirtschaft" glaubt, ist eine Frage der Ideologie. Da stehen Sie offensichtlich auf einer anderen Seite als der Autor dieses Betrags, aber das berechtigt Sie noch nicht, hier von einem sachlichen Fehler zu sprechen.
Ein etwas blauäugiger Idealismus ist mir immer noch lieber als ein anonymer, argumentativer Destruktivismus (oder deutscher: lieber als Stänkerei).
5. Lothar Beyer 18.02.2009 16:19h www.germansense.com
Schon ziemlich dreist: er beckmessert, er hat nicht die Traute, seinen Namen zu nennen, er geht mit keinem Wort auf den Inhalt von Störiko-Blumes Kommentar ein, - kann er ja auch nicht, denn er hat ihn ja nicht zu Ende gelesen. Welches Interesse hat Anonym? Mir scheint – anders als Störiko-Blume – ist ihm jedenfalls nicht am Wohl der Buchbranche gelegen.
Lothar Beyer
6. krämer 18.02.2009 17:29h
Investition in oder auch Subvention von Bildung und Kultur, Installation multiplikativer Effekte (die sich aber schwierig messen lassen) zahlen sich sicher längerfristig aus, aber der Sinn der Abwrackprämie für Autos ist ja der einer sofortigen Krisenintervention, die sehr kurzfristig Effekt machen soll. Und, wie es scheint, funktioniert auch ganz gut.
7. Holger Ehling 18.02.2009 21:53h www.ehlingmedia.com
Uli Störiko-Blume sei herzlich gedankt für seinen klugen und konstruktiven Beitrag. Die Krittelei von "Anonym" hat Lothar Beyer schon hinreichend gewürdigt, ich schließe mich an.
Ich möchte der Argumentation von Herrn Störiko-Blume noch einen Hinweis anfügen: Gerade hat das Bundeswirtschaftsministerium seinen neuesten Bericht zur Situation der Kultur- und Kreativwirtschaft veröffentlicht (www.bmwi.de/BMWi/Navigation/Service/publikationen ,did=289974.html).
Die Ergebnisse sind höchst interessant: Die Kreativwirtschaft beschäftigt ebenso viele Menschen wie die Automobilindustrie und steht in ihrer Wirtschaftsleistung von 60 Milliarden Euro nur dem Maschinenbau und der Automobilindustrie nach. Von diesen 60 Milliarden gehen rund 10 Milliarden auf das Konto der Buchbranche.
Die Anregung, mit den Unsummen, die in Strukturprojekte gesteckt werden sollen, auch Bibliotheken zu erneuern und zu verbessern, ist deshalb sehr zielführend. Zumal ja auch seitens der Politik Investitionen in Bildung ausdrücklich als Ziel der Maßnahmen genannt wurden.
So wie in der Automobilindustrie, so wie in der Baubranche hätte ein Erneuerungsprogramm für Bibliotheken einen sofortigen und sichtbaren positiven Effekt für Konjunktur und Beschäftigung.
8. krämer 19.02.2009 17:14h
"So wie in der Automobilindustrie, so wie in der Baubranche hätte ein Erneuerungsprogramm für Bibliotheken einen sofortigen und sichtbaren positiven Effekt für Konjunktur und Beschäftigung."
Das ist so nicht richtig. Es müssen auch die Multiplikator-Effekte berücksichtigt werden, und wie schnell sie wirken könnten. Die Politik macht es im Moment ganz richtig, sich um die Autoindustrie zu sorgen. Und auch das Bankensystem muß funktionsfähig bleiben, es ist richtig, da kurzfritig Milliarden rein zu buttern, auch wenn die positive Wirkung der Krisenbekämpfung nicht sicher ist. Die Investition in Bildung, Kultur, Bibliotheken usw. ist eher eine langfristige Angelegenheit, und die deswegen zu kurz kommt, weil die Politik kurzsichtig nur reagiert auf unmittelbare Anforderungen, genauso wie bei solchen akuten Nöten, die Notwendigkeit, von der Schuldenmacherei wegzukommen, beiseite geschoben wird. Aber trotzdem ist es richtig, die Gelder jetzt eher in die Autoindustrie reinzupumpen, als in die Austattung von Bibliotheken, um der akuten Krise zu begegnen.
9. Mahler 22.02.2009 21:03h
Fernsehen = Geflimmer
Internet = Geklicke
Gedrucktes = Kultur & Bildung
Lieber Herr Störiko-Blume,
wäre es aber dann nicht wesentlich sinnvoller, wenn Sie Ihren Aufruf irgendwo aufdrucken lassen? In ein Buch oder vielleicht eine Zeitschrift? Eine Veröffentlichung Ihres Textes im Internet macht diesen wertlos; und Sie gehen die Gefahr ein, dass Ihre Botschaft von den angesprochenen Unterschichten-Kinderlein gelesen wird (die, die nachmittags zu viel Zeit haben). Wollen Sie das tatsächlich?
Mit freundlichen Grüßen,
Mahler
10. Martina Meister 27.02.2009 15:04h Unnötige Sorgen
Warum wird eigentlich so ängstlich darüber diskutiert, dass der Buchmarkt Einbrüche erleben könnte ? In Zeiten der wirtschaftlichen Krise, wenn die Leute kein GHeld haben oder ihren Job sogar verloren haben, ist es doch sogar günstiger, sich ein Taschenbuch zum Preis von 9,95 € zu kaufen,
spannende Lektüre zu genießen und was für seinen
Kopf zu tuin, als wenn ich in einer Kneipe oder in einem Kino rumhänge und das Vergnügen nach ein paar Stunden vorbei ist. Man sollte auch nicht die Leselust der Jugendlichen unterschätzen. Ich beobachte immer noch viele Mädchen und junge Frauen, die in der Straßenbahn oder U-Bahn konzentriert lesen. Selbst wenn es vielleicht "nur" ein gutgeschriebener Thriller ist und weder Karin Duve, Ingeborg Bachmann oder Daniel Kehlmann, um mal wahllos einige Namen der guten Autoren herauszugreifen. Was ist stärker - das Papier oder die Elektronik ? Wir sind eine alternde Gesellschaft mit immer mehr 50 - 80 jährigen ! Und die lesen Bücher und keine e-books...
11. Ulla K. 09.03.2009 21:00h www.kopf.hoch-norbert.de
Ich bin erst einmal froh, dass es diesen Vorschlag schon gibt. Ich persönlich "verschlinge" Bücher. Als haptischer Mensch stehe ich darauf, wenn ein buch schön azufassen und anzuschauen ist - wenn es nach Paier und Druck riecht, liebe das Geräcusch, wenn ich die Seiten umblättere. Das, was mich allerdings abhält, neue zu kaufen, ist der Platz., den sie brauchen. Wenn ich sie weg geben möchte, kommen mir nur Flohmärkte, Kirchengemeinden oder Ähnliches in den Sinn. Fühlt sich anstrengend an. Wenn mir allerdings so etwas wie eine "Abwrackprämie" angeboten würde, machte ich mir gern die Arbeit und brächte sie in die nächste öffentliche Bibliothek.
Als Endverbraucherin und Leserin und Bücherverschenkerin trollte ich mich dann zu gern öfter in den Buchladen - auch wenn das unterm Strich eine Milchmädchenrechnung ist.
Warum sollte nicht der Buchhändler davon profitieren, wenn er den Ausgleich von staatlicher Stelle bekommt. Systemisch gesehen ein guter Effekt für die Bildung - und die Umsätze würde es, ähnlich wie in der Autoindustrie, in die Höhe treiben... wäre es auf jeden Fall umweltfreundlicher.
Vielleicht hält das ja irgendein Entscheider mal für "denk - und vor allem machbar".