Meinung

Es droht eine Kultur des Copy & Paste

Der Zwang zur Online-Publikation auf Uni-Servern schadet Verlagen und Wissenschaft. Meint Andreas Barth vom Universitätsverlag Winter in Heidelberg.

Andreas Barth, Verleger

Andreas Barth, Verleger © Universitätsverlag Winter

Spätestens seit der »Berliner Erklärung über offenen Zugang zu wissenschaftlichem Wissen«, dem deutschen Open-Access-Manifest vom 22. Oktober 2003, ist die Diskussion über die Zukunft wissenschaftlichen Publizierens voll entbrannt. Dabei lässt sich eine zunehmende Verhärtung der Positionen beobachten. So ist man schnell bei der Hand, denjenigen kritischen Stimmen, die sich öffentlich zu Wort melden, Traditionalismus, Interessenwahrung und Fortschrittsfeindlichkeit zu attestieren. Dies geschieht mitunter mit einer Vehemenz, die vermuten lässt, dass es weniger um den Austausch von Argumenten als um die Durchsetzung einer ideologischen Doktrin geht.

Dabei ist die wissenschaftspolitisch motivierte Direktive zum elektronischen Publizieren längst über das Stadium der Diskussion hinaus; sie ist manifest, wie das Beispiel der Universität Zürich zeigt, deren Budgetvergabe gekoppelt ist an den Zwang zur Online-Publikation, wahlweise begleitet von einem Printmedium. Jeder Wissenschaftler, gewohnt daran, frei zu forschen und die Ergebnisse dieser Forschung in einem Verlag seiner Wahl zu veröffentlichen, wird sich dazu verhalten müssen, und Gleiches gilt für jeden wissenschaftlichen Fachverlag.

Was steht auf dem Spiel? Wissenschaftliche Verlage geben mit ihren Buchpublikationen wissenschaftlichen Strömungen Profil, sie selektieren und organisieren Wissen; sie redigieren und layouten Texte. Sie kommunizieren diese Texte und verbreiten sie, sie sorgen für Medienpräsenz und geben dem Autor eine öffentliche Stimme, initiieren den Dialog und Diskurs zwischen den Disziplinen. Und sie tun es über ein Medium, das sich seit Jahrhunderten bewährt hat und das unverändert befähigt ist, den Forschungen des publizierten Autors eine gleichermaßen strukturierte wie würdige Form zu geben: das Buch.

Als Wirtschaftsbetriebe fungieren wissenschaftliche Verlage als außeruniversitäres, qualitatives Regulativ. Sie investieren in die in ihrem Programm publizierten Bücher, und kein seriöser Verlag kann es sich leisten, Investitionen in wissenschaftlich schwache oder formal fehlerhafte Bücher zu tätigen.

Ob man diese Praxis leichthin gegen eine summarische Präsentation wissenschaftlicher Forschung im Netz eintauschen möchte, ist die konkret zu verhandelnde Frage, die durchaus Anlass zu einiger Skepsis gibt – zumal das Problem der Finanzierbarkeit elektroni­schen Publizierens, allen Propagan­dismen zum Trotz, nicht gelöst ist.

In Zeiten des Wettbewerbs zwischen den Hochschulen ist zu konstatieren: Es wird immer mehr publiziert und immer weniger gelesen; dieses Verhältnis wieder auf ein gesundes Maß zu bringen, dazu scheint Open Access schlecht geeignet.
Im Gegenteil: Das Missverhältnis wird sich weiter potenzieren, mit Auswirkungen auf den interdisziplinären Austausch zwischen den Fakultäten. Provokant gefragt: Ist damit zu rechnen, dass die an das Buch geknüpfte Lesekultur abgelöst wird von einer Kultur des Copy & Paste?

Ob die Wissenschaftler künftig tatsächlich noch die Wahl haben, in welcher Form sie ihre Arbeiten der Öffentlichkeit zugänglich machen, diese Frage ist offen. Vergleichen können wird man die Publikationsformen erst dann, wenn repräsentative Ergebnisse zu Open Access in den Geisteswissenschaften vorliegen. Bis dahin könnte es für die wissenschaftlichen Verlage zu spät sein.

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6 Kommentar/e

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  • Mathias Schindler

    Mathias Schindler

    Interessehalber: War es Andreas Barth oder die BöBla-Redaktion, die aus <i>Provokant gefragt: Ist damit zu rechnen, dass die an das Buch geknüpfte Lesekultur abgelöst wird von einer Kultur des Copy & Paste?</i> ein "Es droht eine Kultur des Copy&Paste" gemacht hat?

    Im übrigen: IMHO nein.

  • Manfred Meiner

    Manfred Meiner

    Sechzig Jahre ist es jetzt her, dass der Meiner Verlag seine Pforten in Hamburg geöffnet hat, ganz unphilosophisch übrigens mit einem Lehrbuch zum Führen von Straßenbahnen, dass an Verkehrsbetriebe geliefert wurde und dazu beitrug, den in Leipzig völlig zerstörten und anschließend noch einmal enteigneten Verlag wieder aufzubauen.

    Heute findet die Zerstörung und Enteignung mittelständischer wissenschaftlicher Verlage durch staatliche Gewalt subtiler statt, und es ist fraglich, ob unkonventionelle Ideen dem entgegenzuwirken in der Lage sein werden. Eindringlich hat dies kürzlich Roland Reuß, Professor am Germanistischen Seminar der Universität Heidelberg, in der FAZ vom 11. Februar ("Eingecremtes Publizieren: Open Access als Enteignung") beschrieben:

    "Leichtfertig aufs Spiel gesetzt wird mit solchen Dirigismen [d.h. die Verpflichtung des Verfassers zur frei verfügbaren elektronischen Publikation] nicht nur die bewährte Infrastruktur mittelständischer Wissenschaftsverlage; in Frage gestellt wird auch eine Errungenschaft, die in den letzten 250 Jahren zum Aufblühen einer wissenschaftlichen Kultur geführt hat, um die uns jeder beneidet: das Recht, als Wissenschaftler im Rahmen staatlich finanzierter Einrichtungen frei zu forschen und zu lehren und eben auch darüber zu bestimmen, wo das erscheinen soll, was man erdacht und erforscht hat."

    Trotz der "Berliner Erklärung über offenen Zugang zu wissenschaftlichem Wissen", dem deutschen Open Access-Manifest vom 22. Oktober 2003, konnten wir unser Verlagsprogramm bislang unbeschadet fortführen. Sollten sich die Ideologen der "Open Access-Bewegung" allerdings durchsetzen, wird es wissenschaftliche Verlage wie Meiner über kurz oder lang nicht mehr geben.

  • Norbert Gillmann

    Norbert Gillmann

    Dass sich die Entwicklung des Open Access an den Verlagen vorbei entwickelt, haben sich diese (und hier wohl die großen Zeitschriften-Verlage) selbst zuzuschreiben. Den Wissenschafts- und Forschungseinrichtungen und deren Bibliotheken bleibt keine andere Wahl als eine für sie finanzierbare und zukunftsweisende Richtung einzuschlagen.
    Eine vertretbare Abwicklung der Fernleihkopien außer kraft zu setzen und wieder zu Post und Fax zurückzukehren ist eine Zumutung. Hier trifft auch das Justizministerium und unsere gewählten Gremien wie Bundestag und Bundesrat eine Mitschuld.

  • Dennis Schmolk

    Dennis Schmolk

    Dass wissenschaftliche Verlage selegieren ist ja auch gut und schön - und genau dort werden sie auch ihre wirtschaftliche Sparte finden. Denn dem Endverbraucher (also dem Geisteswissenschaftler bzw. geisteswissenschaftlich Interessierten) wird mit zunehmendem Open Access - und dieser wird kommen, da mache man sich mal keine Illusionen - die Bandbreite des Gebotenen zu groß. Da wünscht er sich wieder Selektion, und zwar sorgfältig editierte Ausgaben mit gutem Lektorat und echtem Service am Leser. Nicht halbgare Publikationen, wie wir sie gerade erleben, ohne Lektorat und editorischer Kompetenz.

  • Dr Klaus Graf

    Dr Klaus Graf

    Ich kann nur noch einmal auf http://archiv.twoday.net/stories/5531082/ verweisen. Daraus geht klar hervor, dass eine verantwortungsbewusste Qualitätskontrolle im Winter-Verlag nicht stattfindet.

  • Christian Fuhrer, Universität Zürich

    Christian Fuhrer, Universität Zürich

    Diese willkürliche Auslegung der Leitlinien der Universität Zürich ist falsch. Die tatsächlich seit einiger Zeit praktizierte Umsetzung ist nun beschrieben auf folgendem Link:
    http://www.oai.uzh.ch/index.php?option=content& ;task=view&id=368&Itemid=246.

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