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Joachim Leser, Kein & AberJoachim Leser, Kein & Aber© privat

16.04.2009Meinung

Schonfristen wird es nicht mehr geben

Nur attraktive Portale können illegalem Download von E-Books vorbeugen. Von Joachim Leser.

Es herrschte zuletzt rege Betriebsamkeit in »Doc Gonzos Sprechzimmer«. Zur Debatte standen die Auswirkungen der neuen E-Reader: »Es wird eine Hexenjagd losgehen, wie sie die MP3-Szene bereits hinter sich hat«, prophezeit 123hexerei. Und BinTraden folgert: »Wir betreiben unser Hobby nicht mehr im Wohnzimmer, sondern im Bunker.«
Das Portal Doc Gonzo wurde 2002 zum illegalen Austausch von E-Books eingerichtet. Bis vor Kurzem agierte die Szene unbehelligt. Mit dem Verkaufsstart der neuen Reader hat sich das geändert.

Die Buchbranche nimmt nun etwas überrascht zur Kenntnis, dass es Strukturen zum illegalen Austausch von E-Books gibt. Das Angebot ist auf den ersten Blick erschreckend umfangreich. Tausende PDF-Dateien werden dort gebündelt und paketweise transferiert. Allein das Inhaltsverzeichnis zu einem Paket umfasst über 1 000 Seiten und führt um die 40 000 E-Books auf. Das entspricht dem Bestand einer Buchhandlung mit ca. 250 Quadratmetern Verkaufsfläche. Viele Titel bei Doc Gonzo sind Longseller aus den Verlagshäusern. Es finden sich allerdings auch in Massen Merkwürdigkeiten, für die sich allenfalls Arno Schmidt interessiert hätte: die Ausgabe der »Nordsee-Zeitung« vom 1. Ok­to­ber 2005. Eine Montageanleitung für Topfscharniere. Kaum ein Antiquar würde eine Paketsendung dieser Bücher in gedruckter Form kostenlos entgegennehmen.

Was bei Doc Gonzo auffällt: Es fehlen – wie bei libreka! – aktuelle Bestseller. In den Regeln des Forums findet man die Erklärung für diese Tatsache: »Bücher, deren Erstauflage vor weniger als neun Monaten erschien, und Heftserien, deren Erstauflage vor weniger als drei Monaten erschien, unterliegen der Schonfrist, das heißt: Sie dürfen bei uns nicht angeboten werden.« Wer gegen diese Regeln verstößt, dem droht der Ausschluss aus dem Forum.
Es gibt gravierende Unterschiede zwischen der illegalen Musik- und E-Bookszene. »Schonfristen« gab es für die Musikindustrie nie. Noch ist die illegale Verbreitung von E-Books kein Volkssport: Es sind ein paar Dutzend, die aktiv E-Books einsammeln und für deren Verbreitung sorgen. Die »digital natives« sind bislang kaum im E-Book-Bereich aktiv. Mangels legaler Angebote haben die Musikliebhaber den Austausch von Musikdateien selbst »organisiert«; es dauerte Jahre, bis die Musikbranche mit eigenen Downloadportalen auf den Markt kam.

Was der Buchbranche – neben der Ausschöpfung der juristischen Möglichkeiten – bleibt: Sie muss die Attraktivität ihrer E-Book-Portale vorantreiben. Reizvolle legale Angebote – das zeigen in erster Linie die Erfahrungen der Musikindustrie – sind der beste Kopierschutz.
Beim Hörbuch hat das bereits gut funktioniert: Mit flexiblen Preismodellen (Abos) und einem umfassenden Sortiment kann man den Schaden, der durch illegale Downloads angerichtet wird, in Grenzen halten. Der legale Download von Hörbüchern hat sich zu einer relevanten Einnahmequelle für Verlage entwickelt. libreka! präsentiert sich derzeit als teurer Verbandskompromiss, von einem attraktiven Kundenportal ist die Plattform weit entfernt. Noch erfährt ein potenzieller Kunde nur unter unzumutbarem Aufwand, welche Titel als E-Book erhältlich sind. Wenn im Jahr 2015 – wie kürzlich prognostiziert – um die drei Millionen E-Reader verteilt sind, wird es keine Schonfristen mehr geben.

 

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10 Kommentar/e

1. ebook-Freund 16.04.2009 11:03h

Soweit ich das beurteilen kann, ist Zucker immer schon ein besseres Lockmittel für Menschen gewesen als Essig - will sagen: Strafandrohungen haben jemanden, der ernsthaft gewillt ist, etwas Verbotenes zu tun, nur in den seltensten Fällen davon abgehalten.

Ergo würde ich viel mehr Geld in attraktive Portale mit kundenfreundlicher Preisgestaltung als in gerichtliche Verfahren investieren; und - vor allen Dingen - dafür sorgen, daß die "handwerkliche" Qualität der in meinem Portal angebotenen ebooks
sowie der Kundendienst stimmt. Fehlende Titelblätter, keine - oder nicht funktionierende - Inhaltsverzeichnisse, unmotivierte Wort- und Absatztrennungen usw. sind nämlich mindestens genauso schädlich für den Umsatz wie illegal vertriebene Dateien (die zu allem Überfluß dann auch noch "handwerklich" einwandfrei sind) ... vor allem, wenn dann noch Probleme bei der Reklamation auftauchen ...

Wer genaueres dazu wissen will, sollte sich z.B. mal die entsprechenden Threads im deutschsprachigen Teil des Mobileread-Forums durchlesen.

BTW - das us-amerikanische Portal http://www.webscription.net bietet jetzt nicht nur alle dort erhältlichen ebooks auch als epub an; man erhält auch - ohne zusätzliche Kosten - für alle vorher dort gekauften Bücher die Möglichkeit, diese als epub herunterzuladen ...

2. Leander Wattig 16.04.2009 12:32h http://leanderwattig.de

Volle Zustimmung zur Meinung von Joachim Leser. Man muss im Sinne des Lesers handeln, nicht gegen ihn und seine Interessen. Denn er hat inzwischen die Macht und diese wird eher noch größer (Stichwort bessere eReader). Ich habe mir zu dem Thema im weitesten Sinne auch mal Gedanken gemacht:

Geld verdienen in digitaler Buchbranche:
http://leanderwattig.de/index.php/2009/04/16/geld- verdienen-in-digitaler-buchbranche/

3. André Duve 16.04.2009 12:42h

Sehr geehrter Herr Leser,

super geschrieben, die paar Dutzend E-Book-Kopierer sind sicher nicht der Grund für etwaige Umsatzrückgänge.

Die Gefahr lauert eher von denen, die alles ins Netz stellen, wenn sie es in der Hand haben. Aktuelle Hörspiele/bücher finden Sie am Erscheinungstag im Netz, gleiches gilt für Musik und Filme, das ist nicht neu. Solange die Verlags-E-Books in dieser Qualität wie heute geliefert werden, besteht kaum Gefahr von den Raubkopierern.

In Amerika gibt es Verlage, wo man Abos über Neuerscheinungen abschliessen kann, natürlich mit Preisvorteilen,ist ja klar...
Hierzulande dürfte das rein rechtlich gar nicht gehen, Buchpreisbindung sei Dank. Wenn man ein wenig über den Tellerrand schaut, dann sieht man, dass es sehr wohl gute Geschäftsideen mit E-Books gibt und die Verlage haben eine zusätzliche Einnahmequelle, Autoren auch. Aber man muss das eben auch WOLLEN, was im deutschsprachigen Raum wohl eher nicht der Fall ist. Nennt man das traurig oder eher peinlich?

4. Kai Weber 16.04.2009 14:37h

Eine kleine Berichtigung:
Schonfristen gibt es bei vergleichbaren Angeboten auch für die Musikindustrie. Man siehe z.B. den Musik-Blog-Aggregator Totally Fuzzy:
http://totallyfuzzy.blogspot.com/2007/08/no-more-n ew-releases-please.html
Was allerdings in diesen Fällen bitter aufstößt: Mit diesen freiwilligen Schonfristen versuchen die Betreiber, sich als "fair", vielleicht sogar "moralisch integer" darzustellen. Letztlich bleibt es aber doch immer noch eine selbstgemachte Regel, bei der Urheber und Rechteinhaber nicht gefragt werden.

5. Wolfgang Tischer 16.04.2009 15:22h http://www.literaturcafe.de

Es beruhigt und gibt Hoffnung, einen solch besonnenen und unaufgeregten Beitrag eines Verlagsmitarbeiters zu lesen.

Vor allen Dingen scheint sich Herr Leser die illegalen Angebote auch wirklich einmal angesehen zu haben, anstatt sich von den einschlägigen Untersuchungen verrückt machen zu lassen, die nur die Zahl der angeblich im Netz kursierenden Raubkopien nennt und die dadurch scheinbar entgangenen Umsätze.

Gerade die Verlage sollten doch wissen, dass man seinen Kunden und Lesern das bieten sollte, was diese wünschen.

Doch beim Thema eBook scheinen Kunden für die Verlage zu Feinden und potenziellen Raubkopierern zu werden.

Nicht nur das für die Branche aber leider nicht für den Kunden konzipierte libreka!-Angebot ist ein Beleg dafür.

Ein illegales ePub-Buch oder eine PDF-Datei habe ich mühelos in Sekunden ohne zusätzliche Software mittels eines USB-Kabels auf dem SONY PRS-505 eBook-Reader kopiert.

Für ein legal erworbenes eBook muss ich zwei Softwareanwendungen installieren, deren Bedienung erlernen und mich neben der Registrierung im Online-Shop auch noch zusätzlich bei Adobe(!) registrieren, um es auf dem SONY-Reader lesen zu können.

Für welchen "Bezugsweg" entscheide ich mich?

6. Ralf Biesemeier 16.04.2009 17:52h www.readbox.net

Danke für den guten Artikel, und auch danke @Wolfgang Tischer für den Kommentar. Wir haben uns bei readbox von Anfang an bemüht, dem Leser so wenig Hürden zu bauen. Kaufen ohne Anmeldung, alle Formate auf einer Plattform (inkl. Print), kein Kopierschutz (und wenn, dann nur ein weicher, wie z.B. Wasserzeichen), Bücher vorab online lesen und hören - und nicht zuletzt Preise, bei denen die Nutzer Bücher eben auch mal ausprobieren. Wir wollen mehr und neue Leser für unsere Verlage gewinnen und keinen Verdrängungswettbewerb zwischen eBook und pBook. Der im Artikel beschriebene Weg ist auf jeden Fall ganz sicher der richtige.

7. Fabio Bacigalupo 18.04.2009 19:48h http://www.ebooks.vc

Die Überschrift zieht im Grunde das Fazit: "Schonfristen wird es nicht mehr geben". Ich kann mich Ihnen Herr Leser und meinen Vorredern nur anschließen. Wenn die Verlage nicht umgehend ein brauchbares Angebot auf die Beine stellen, droht den Verlagen das gleiche Schicksal wie der Musik- und Filmindustrie.

An einer Stelle muss ich aber vehement Einspruch einlegen. Die »digital natives« stehen in keinster Weise im Umfeld der Raubkopierer!

8. Gustl Baierhammer 04.05.2009 09:14h

Das Hauptproblem ist doch der Preis. Warum soll ich für ein EBook den selben preis bezahlen wie für ein gedrucktes Buch. Die Kosten für ein EBook sind doch ERHEBLICH geringer für die Verlage.
Und das Argument mit der Buchpreisbindung ist doch nur vorgeschoben um die hohen Preise rechtfertigen zu können!!!
Ein Buch ist immer noch ein gedrucktes Buch. Ein EBook hat nur den Inhalt gemeinsam. Sonst nichts.

9. Jamsi Biedermann 19.09.2009 12:27h

Ein eBook, das einfach nur ein (PDF)Abklatsch eines Printbuchs ist, langweilt. eBooks werden erst interessant, wenn sie einen Mehrwert/Zusatznutzen gegenüber Printbücher aufweisen - z.B. interne Links zu anderen Quellen und Inhalten. Das aber ist mit erheblichem zusätzlichem Aufwand beim Er- und Herstellen verbunden. Das Interessante am Internet/Web ist ja nicht alleine, dass so vieles umsonst zu kriegen ist, sondern dass man sich in NullKommaNix ganz neue Quellen u. Inhalte erschließen kann, von denen man nichts wusste.

10. Kaspar Hauser 14.10.2009 08:50h

Ich bin seit 2 Monaten Besitzer eines Readers und sehr entsetzt über das schlechte Angebot an deutschsprachigen Büchern. Was allerdings dem ganzen noch die Krone aufsetzt ist, dass sich die ebooks an die Buchpreisbindung halten müssen und somit gegenüber Hörbüchern und Musikabos keinerlei Attraktivität geboten werden kann!

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