Das Gegenteil der Lügen
Wenn ich in Freiburg bin und gerade mal wissen will, was an einem gegebenen Tag auf der Welt schon wieder so alles zusammengelogen wird, gehe ich zum Hauptbahnhof, kaufe mir ein paar Zeitungen, setze mich in den Starbucks und verzweifle. Die einzige Chance, mich davon anschließend wieder zu erholen, bietet der Weg zur bahnhofsnahen Buchhandlung Jos Fritz.
Gleich bei der Kasse gibt es da alle wichtigen linken Zeitschriften, in denen jeweils das Gegenteil der aktuellen Lügen steht. Zwar widersprechen diese Zeitschriften einander nicht selten schroff, das kommt aber nicht von der Unwahrheit, sondern davon, dass die Wirklichkeit eben widersprüchlich ist – jedenfalls widersprüchlicher als der auf künstliche Vielfalt frisierte Einheitsbrei, der am Kiosk serviert wird.
Die Buchhandlung Jos Fritz, die ein Kollektiv ausgezeichneter Individuen um diese lebenswichtige Zeitschriftentankstelle herumorganisiert hat, weiß alles, das heißt: mindestens dreimal soviel wie das dumme Internet. Die bessere Weltbelletristik und -lyrik ist hier Pflicht; philosophische und politische Diskussionsliteratur findet man am Ende des Wegs zum Café, das zu dieser Buchhandlung gehört.
Wer zu den Frauen- und Lesbenbüchern will, muss eine kleine Treppe hinaufgehen; auf diese zwanglose Weise erfährt die Lesemenschheit unmittelbar sinnlich, dass sich die Probleme und Chancen der interessanteren Menschheitshälfte grundsätzlich auf einem höheren Niveau abspielen als diejenigen der Bartträger.
Das Publikum der Buchhandlung ist aufgeklärt, lebhaft und sympathisch. Wo sonst als im Jos-Fritz-Café kann man bei einer Lesung auf einem weit von der Bühne entfernten Sofa eine junge Frau dabei bestaunen, wie sie gerade ein ganz anderes Buch studiert als das, aus dem gleichzeitig vorgelesen wird, und dabei durch winzige Veränderungen ihres Mienenspiels beweist, dass sie tatsächlich beiden Texten folgen kann?
Wenn ich Glück habe, begegne ich hier plötzlich meiner pensionierten Englischlehrerin, die mir aus dem Stand lauter wohlüberlegte und präzise Fragen zu den Kandidatinnen und Kandidaten auf der Shortlist des letztjährigen Man-Booker-Preises stellt, sodass ich für ein paar anstrengende, aber erhellende Minuten auch als erwachsener Mensch noch einmal in den Genuss der nostalgischen Angst komme, meine mündliche Mitarbeit könnte womöglich mangelhaft oder gar ungenügend sein.
Die derzeit sechs Frauen und zwei Männer, denen man diese Oase von Sinn und Verstand verdankt, sind meistens besser darüber unterrichtet als man selbst, was man eigentlich sucht. Es wäre ungerecht, überflüssig und geschmacklos, eine einzelne Person aus diesem Team besonders hervorzuheben, deshalb verzichte ich auf die ausführliche Schilderung der großen Freude, die in mir aufblüht, wenn ich Susanne Schmid auch mal außerhalb des Ladens auf dem Fahrrad oder im Supermarkt begegne. Diese Leute sind mindestens so klasse wie ihr Laden, und das will wirklich was heißen.
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Tags: Lieblingsbuchhandlung



2 Kommentar/e
Sie sprechen mir aus dem Herzen! Ich kann jede Silbe dieser Lobeshymne ehrlich unterschreiben (inkl. der Begegnungen mit Susanne Schmid und den anderen wundervollen Jos FrizlerInnen