Recht
28.05.2009Meinung
Digitalisierung: Der Kleingärtner und die Lawine
Wir wollen über Google sprechen? Und über die, die ihre Hand auf die Urheberrechte legen? Gut, aber dann eines vorweg: Die Digitalisierung alles Geistigen ist nicht aufzuhalten. Wer es auch nur partiell versucht, der steht da wie ein Kleingärtner in Schülerlotsenuniform, der eine Lawine an seinem Besitz vorbeiwinken möchte.
Und noch eines: Die Digitalisierung ist so stark und unumkehrbar, weil sie uns allen – gerade auch uns geistig Tätigen – enorme Vorteile bringt. Die Existenz von Netz und Suchmaschine hat das Schreiben verändert, das Denken sowieso. Es ist nur noch ein Klick von einem Namen zur Geschichte der Person, ein Klick von der vagen Erinnerung an ein Zitat zu seinem Wortlaut und überhaupt, so scheint es: ein Klick von jeder Frage zu ihrer Antwort. Die Absicht der Aufklärer und Enzyklopädisten könnte demnächst erreicht sein: Was einer weiß, kann jeder wissen. Und was man wissen kann, das muss man auch wissen.
Doch es gibt eine dunkle Seite dieser Aufklärung. Das Internet ist bestrebt, sich alles einzuverleiben. Und diese Totaldigitalisierung der Welt tendiert darauf, alles und jedes zur Ware zu machen! Das Netz ist die Göttin des globalen Kapitalismus. Selbst was es umsonst anzubieten scheint, fungiert zumindest als Werbeträger oder als Sprungbrett zum Kostenpflichtigen einen Klick weiter. Dass Google jetzt darangehen will, den Buchbestand der Welt zu digitalisieren, mag besonderes Aufsehen erregen und auch Widerspruch hervorrufen – es ist aber nur eine weitere Stufe der Verwandlung von Welt in Ware, wobei – wie zu Zeiten des Kolonialismus – der Produzent die schwächste Figur, der Händler aber die stärkste ist.
Vor 20 Jahren endete der Konflikt zwischen den großen sozialen und ökonomischen Entwürfen. Jetzt erleben wir weltweit den Kater, der auf die Siegesfeier der Marktwirtschaft folgt. Der globale Kapitalismus hat sich überhoben, wenn nicht gar verrückt gespielt. Die Digitalisierung, die ihn erst ermöglichte, frisst ihre Erzeuger, indem sie das Urheberrecht durch die schutzlose Omnipräsenz geistigen Eigentums unterhöhlt.
Und was tun? Sammelklagen beitreten oder von Sammelklagen Abstand nehmen? Ich kann leider zu nichts kurzfristig Wirksamem raten. Sondern nur dazu, alles als Teil eines Ganzen zu sehen. Und das heißt vor allem: Wir müssen uns selbst als mittreibende Kraft einer Entwicklung begreifen, deren negative Auswirkungen wir jetzt erfahren. Wir haben qua Netz eine Ahnung davon bekommen, wie gewaltig groß, ja unabsehbar die Welt des Wissens tatsächlich ist. Eine »Rückbescheidung« auf ein Dutzend papierene Nachschlagewerke ist ausgeschlossen und auch gar nicht erwünscht.
Also begreifen wir das Netz nicht länger bloß als Werkzeug oder »Medium«, sondern als gestaltendes Subjekt der Bewusstseinsgegenwart. Und das heißt: Arbeiten wir an Entwürfen für ein Internet der Zukunft, das ebenso wie unser Wirtschaftssystem nicht allein an der Funktionalität oder am Profit, sondern daran zu messen ist, ob es den Aufbau einer humanen Gesellschaft befördert. Das Netz ist momentan noch die Göttin des Kapitalismus – aber wie er muss sie (notfalls mit Macht!) darauf verpflichtet werden, eine Dienerin der Menschheit zu sein.



1. Matthias Ulmer 28.05.2009 11:26h
Entzaubern wir das Internet doch ein bisschen. Gar nichts ist passiert. Bisher lag das Wissen der Welt in Büchern in der Bibliothek und Jedermann ist draussen vorbei gelaufen, heim zu seinem Fernseher. Jetzt ist das Wissen der Welt digitalisiert zu Hause im Fernseher von Jedermann.
Ist Jedermann jetzt klüger?
2. Brigitte Labes 28.05.2009 11:53h
Vielleicht ist es genau das: wer wie Matthias Ulmer, noch dazu als Verleger, glaubt, einen blossen Jedermann verachten zu können, wird nur zuschauen können, wie alle und alles an ihm vorbeiläuft.
3. Plamen Tanovski 28.05.2009 12:27h http://www.mengensatz.de/blog/
Zunächst erstmal ist die Digitalisierung eine Grudvoraussetzung für eine (überarbeitete) Neuauflage.
4. Matthias Ulmer 28.05.2009 14:22h
Aber Frau Labes, wie kommen Sie denn auf diese Schlussfolgerung? Jedermann sagt doch gerade Jedermann, also auch ich. Und ich hab doch nur ganz bildhaft sagen wollen: alleine von der Verfügbarkeit wird man nicht schlau.
In der aktuellen Diskussion wird so getan, als ob Probleme von Bildung nur durch bessere Verfügbarkeit gelöst werden könnten. Mit kostenlosen Wissenschaftsservern soll Forschung und Entwicklung geradezu in ein anderes Jahrtausend katapultiert werden, durch die Anhäufung digitaler Dateien soll die Kreativität der Schriftsteller explodieren, durch unbegrenzte Internet Downloads soll eine ganze Kindergeneration zu überquellenden Künstlern werden.
Da hab ich so meine Zweifel. Wenn schon unsere magere Zahl von rund 90.000 jährlichen Neuerscheinungen die Gruppe der Vielleser zum Stöhnen bringt (die anderen ignorieren die Anzahl sowieso) dann kommt mir dieser Verfügbarkeits-Optimismus sehr verträumt vor. Letztlich geht es darum, was im Kopf ankommt, nicht was am Bildschirm verfügbar ist. Und da ist - dem freien Willen sei Dank - die Hauptdeterminante nicht das Lesen dürfen, sondern vielmehr das Lesen wollen (und leider auch immer stärker das Lesen können).
5. saguenay 28.05.2009 14:42h
@Matthias Ulmer
nun seien Sie doch nicht immer so negativ. Dass Verfügbarkeit allein letztlich nicht schlauer macht (oder genauso schlau, wie ein Buch unterm Kopfkissen) ist ja richtig, ich gehe aber auch davon aus, dass Sie sich über den Nutzen des Internets genauso bewusst sind, wie alle anderen auch. Anderenfalls würden Sie hier keine Beiträge posten, sondern nach alter Väter Sitte sich an die Schreibmaschine setzen und Papier einspannen....
Dass das Netz Homo sapiens nicht auf eine neue Entwicklungsstufe heben wird ist auch klar, ebenso, dass er auch mit Internet nur der hoffnungslos überspannte Kulturaffe sein wird, der er bereits jetzt ist. Das heisst aber nicht, dass das Internet all denen, die damit umzugehen wissen, nicht Möglichkeiten bietet, sich das Leben interessanter - und in einigen Fällen profitabler - zu gestalten, als das bisher der Fall war.
Und wenn man ganz nüchtern sein will, kann man auch die Buchkultur entzaubern und sich fragen, ob sich kulturelles Niveau wirklich an der Höhe unverkaufter Buchstapel messen lässt. Aber jetzt werde ich genau das, was ich Ihnen eben vorgeworfen habe, etwas zu kulturkritisch negativ angehaucht, drum hör ich besser auf.....