Marginal-Glosse

28.05.2009

Don Quijote lebt in Heidelberg. Schlaglichter auf den aktuellen Diskurs

Dennis SchmolkDennis Schmolk© Cornelius Wachinger

Im komplexen Streit um Urheberrechte, Copyright und rechtsstaatlichen Schutz geistigen Eigentums kommen viele Parteien zu Wort. In seinem Kommentar lenkt Dennis Schmolk das Augenmerk auf die dahinter schwelenden Interessenskonflikte.

Zugegeben, der Titel ist übertrieben provokant und nicht im Dienste der Wissenschaftlichkeit dieses Weblogs. Aber sie umschreibt einen Eindruck, der sich dieser Tage aufdrängt: Selbsternannte Humanisten, Professoren und eine Justizministerin schreiten zu Felde gegen einen bösen amerikanischen Konzern, der sie in seinem Leitspruch – "don't be evil" – noch verhöhnt. Gleichzeitig verurteilt ein schwedisches Gericht die Betreiber einer Filesharing-Infrastruktur wegen Beihilfe zur Umgehung von Urheberrechten. Der Lobbyverein der deutschen Buchbranche wettert in jeder neuen Ausgabe des „Börsenblatts“ gegen die kulturzersetzende Wirkung des Internet auf die soziale Wissensverwaltung. Damit setzt er Kultur gleich mit den Herrschaftsstrukturen unseres Verlags- und Musikindustriebetriebs und einem kaum zweihundert Jahre alten Gesetz zu dessen Sicherung.

Dabei changieren die Meinungen zwischen den verschiedenen Extremen: Technophobie, Panikmache vor dem Ende des Abendlands, berechtigte Warnung vor der Monopolisierung des Wissens und der Kunst in der Hand eines Konzerns. Und überall begegnet uns die Angst etablierter Autoren und Verlage vor der bislang klein gehaltenen künstlerischen und wissenschaftlichen Konkurrenz. Letztlich also geht es um Herrschaft, und die ist in unseren Tagen eine Sache vor allem des Geldes. Das erklärt auch die mangelnde Bereitschaft, zu differenzieren: So richtet sich der „Heidelberger Appell“ ja nicht etwa nur gegen Googles geistigen Monopolanspruch, sondern auch gegen generelle Open-Access-Ideen. Das übersieht, dass das Internet (und insbesondere das Web) eine Chance für das freie Publizieren darstellt – allerdings ganz und gar nicht im Sinne der Herrschenden des (Buch-)Medienbetriebs. Denn die verlegerische Selektion der Inhalte wird ausgehebelt. Dass das zu durchaus brauchbaren Ergebnissen führen kann, beweist die vielgeschmähte, doch qualitativ überzeugende Wikipedia.

Es gibt eine Zukunft für das Buch

Haben wir es also mit einem Herrschaftskampf zwischen den alten Eliten und ihrer neuen Konkurrenz zu tun – und nicht etwa mit einem Kulturkampf um die Werte des Abendlandes? Auf jeden Fall wird der kulturelle Schock durch die Einführung elektronischer Kommunikationsmedien vermutlich ähnliche Auswirkungen haben wie jener bei Einführung des Buchdrucks. Er wird unsere Gesellschaften umwälzen, und zwar schneller und tiefgreifender als der Buchdruck. Die alten Institutionen tragen nicht mehr, das beste Beispiel sind die Entlohnungsformen von Künstlern und Wissenschaftlern. Die Technik macht ihnen (und ihren Verlegern) einen Strich durch die Rechnung. Der konservative Generalfehler ist aber, zu glauben, dies ließe sich aufhalten. Stattdessen sollte man sich lieber Gedanken über neue Entlohnungsverfahren machen. Den Verlagen als Wissensmanagern kann hierbei durchaus ein Platz zukommen. Dies wird aber immer unwahrscheinlicher, je mehr man die stattfindenden Prozesse ausblendet oder Symbolpolitik und Appelle gegen sie einsetzt. Denn dann überlässt man das Feld wirklich den Branchenriesen wie Google und Amazon. Man sorgt für einen Abtausch der alten (nationalstaatlich-kleinwirtschaftlichen) Herrschenden im Wissens- und Kulturbetrieb durch neue (supranational-industrielle) Machthaber. Es wird abzuwarten sein, ob die alten Strukturen der Nationalstaaten stark genug sind, diesen Unternehmen Alternativen beizustellen. Sinnvolle Entlohnungssysteme für Wissenschaft und Kunst könnten in den bekannten Modellen der Kulturflatrate oder bei Verwertungsgemeinschaften liegen: Hohe Profite für wenige (Bestseller) liefern keine gesellschaftliche Motivation zur Kreativität. Auch geistige Arbeit muss in Ansätzen eine realistische Bezahlung finden.

Das Buch wird bei alledem nicht verschwinden, egal, wer es nun herausgibt. Wir können uns auf lange Sicht zwar darauf einstellen, dass der klassische Buchmarkt in der Medienkonkurrenz schrumpft, aber sowohl für das kulturelle und materielle Artefakt wie auch für das Handelsgut Buch wird es weiterhin Absatzchancen geben. Wissenschaft und Kunst werden (in diesem und in anderen Medien) ebenfalls weiter existieren. Open Access und die social media bieten hier sogar ganz neue Chancen der Wissenschaftskommunikation, gebären neue, interaktive Kunstformen und demokratisieren den Betrieb. Die leichte und allzeitige Verfügbarkeit von Wissen schätzen beide Seiten – so lange sie frei bleibt. Open Access ist keine Keule in der Hand Googles, sondern in der seiner Gegner.

An wirksames Urheberrecht zu glauben, zeugt von technischem Unverständnis

Ob der freie Zugang zu heute urheberrechtlich geschützten Werken tatsächlich künstlerische und wissenschaftliche Kreativität eindämmt, muss (und wird) sich erst noch herausstellen. Quantitativ wird sicherlich das Gegenteil der Fall werden: Mehr Menschen partizipieren an ihrer Produktion und ihrem Konsum. Die qualitative Seite ist schwer zu beurteilen, da auch der Diskurs bestimmt, was Qualität ist (und sich schon die alten Griechen über ihren Verfall aufregten). Es ist wahr, durch Raubdruck geriet der Geheimrat Goethe unter Druck; aber Millionen von Autoren, die sich nicht wie Goethe in den Herrschaftsstrukturen hochdienen konnten, mussten im letzten Jahrhundert denselben Druck aushalten. Auch und gerade unter der Ägide des (durchsetzbaren und durchgesetzten) Urheberrechts. Die Durchsetzbarkeit ist heute nicht mehr gewährleistet: Jede andere Meinung zeugt von obrigkeitsstaatlichem Totalitarismus oder technischem Unverständnis.

Der wirtschaftliche Kampf wird ausgetragen zwischen den alten wissenschaftlichen und Kulturbetriebs-Eliten in den Verlagen und den neuen Allround-Eliten der Industrie. Gegen beide stehen die Interessen der Autoren und Künstler – und die des Publikums. Worum es in der Debatte um den Heidelberger Appell geht, sind neue Monopolrechte für alte Verlage gegen die elektronische Konkurrenz. Als Gesellschaft werden wir lernen müssen, diese "Konkurrenz" als Ergänzung zu verstehen. Hier liegen Chancen für den Verlagsbuchhandel, wenn er bereit ist, sich strukturell den neuen Gegebenheiten anzupassen. Wenn er auf rechtliche und technische Repression setzt, wird er auf lange Sicht nur verlieren.

Dennis Schmolk

17 Kommentar/e

1. Matthias Ulmer 28.05.2009 13:42h

Ach du meine Güte. Beim Lesen hatte ich das Gefühl in der berühmt gewordenen Diskussionsrunde des öffentlich rechtlichen Fernsehens zu sitzen, in der Rudi Dutschke und Daniel Cohn-Bendit Ihre Visionen den Chefredakteuren einiger Zeitungen und Sender zu erklären versuchten. Da wurde auch unheimlich viel von Herrschaftsstrukturen und notwendigem Umsturz geredet. Verständnisorientiert war keiner der Redebeiträge. Insoweit kann man sich bei so tief ideologisierten Aussagen nur ducken und den Rest der Geschichte überlassen.

Ich kann es aber nicht bleiben lassen ein paar Dinge anzumerken. Dass der Heidelberger Appell gegen Open Access ist, ist falsch und in Dutzenden von Artikeln und Interviews zurückgewiesen worden. Entweder haben Sie das einfach nicht recherchiert, oder es passt nicht in Ihr Argumentationsschema, ganz nach dem Motto: Man kann den anderen besser verhaften, wenn man ihm ein paar falsche Beweise in die Tasche steckt. Lesen SIe den Text einfach noch mal. Open Access ist der älteste Hut der Welt, schließlich war Open Access immer zuerst da, erst danach kam ein restricted access. Und um so einen alten Hut muss man dann auch nicht viel Aufhebens machen. Wer will, der soll, wer nicht, der nicht. Das Thema alleine würde wohl kaum jemanden zu einem Appell veranlassen.

Ob Sie nun in Ihrer Generalattacke gegen die herrschenden Zustände den Begriff "Entlohnungsform" für Honorarmodelle nur mangels besseren Wissens gewählt haben oder ob Sie damit tatsächlich den Autor und Künstler gerne zum abhängigen Beschäftigten machen würden, das interessiert mich. Ihr Werben für eine Kulturflatrate spricht dafür. Staatlich alimentierte Kulturschaffende als in Lohn und Brot der Werktätigen stehende, das muss Ihnen gefallen. SIe würden sich für die Stelle des Vorsitzenden der neuen Reichsschrifttumskammer sicher gerne bewerben.

Warum Sie bei so lupenrein totalitären Vorschlägen jedoch anderen obrigkeitsstaatlichen Totalitarimus (was für eine skurrile Wortschöpfung) vorwerfen, nur weil diese davon ausgehen, dass bestehende Gesetze auch durchsetzbar sind, das ist rätselhaft. Auch Falschparken ist verboten und das Verbot lässt sich nicht technisch durchsetzen. Dennoch funktioniert die Sache mit den Knöllchen ganz ausgezeichnet. Man nennt es Abschreckung. Und es ist ein wesentliches Element der Sozialdisziplinierung.

In den letzten fünf Zeilen des letzten Absatzes schreiben Sie dann etwas sachliches: "Als Gesellschaft werden wir lernen müssen, diese (elektronische) "Konkurrenz" als Ergänzung zu verstehen. Hier liegen Chancen für den Verlagsbuchhandel, wenn er bereit ist, sich strukturell den neuen Gegebenheiten anzupassen." Richtig. Genau darum bemüht sich der "Lobbyverein" seit Jahren. Damit es auch morgen noch Jobs in der "Verlagsindustrie" gibt.

2. Markus Groß 28.05.2009 16:18h

Lieber Herr Ulmer, Sie sprechen mir so sehr aus der Seele, gerade auch weil Sie so deutlich werden. Ich habe den ganzen Tag den Blogbeitrag schon hier geöffnet stehen und überlege ob und wann ich mir die Zeit nehmen soll, darauf zu antworten. Und ich hab so wenig Lust, das Gleiche immer und immer wieder zu widerholen. Diese Diktion von Herrn Schmolk kenne ich noch zu gut aus meinen Marburger Tagen in der Politikwissenschaft. Schmolk begreift nicht, dass LINKS sein nicht heißt und nicht heissen kann: Autoren und Verleger, die freiwillig miteinander Verträge über Rechtsübertragung gegen Honorar geschlossen haben zu enteignen, die Gesetzeslage zu ignorieren und durch modernistische Schlagworte wie 'open access' und die damit einhergehende Forderung: 'Wir wollen alls für lau haben und wir wollen, dass am Ende Verlage verschwinden und Autoren von der Gnade der Online-Leser existieren zu ersetzen.
Die Schmolk's dieser Welt rühren böse klingende Worte ( Lobbyverein - Herrschaftsstrukturen - Monopolisierung des Wissens ) in der Tradition der seligen Marxistischen Gruppe zusammen und erklären sich so die Welt.
Ich bin Autor, denn ich schreibe (ua hier) - ich habe mich freiwillig entschlossen, im Falle einer Entgegnung zu Herrn Schmolk ohne Honorar und sozusagen Open Access zu arbeiten. Aber dies ist MEINE ureigene und freiwillige Entscheidung. Morgen beim nächten Text entscheide ich eben, dass ich dann nur gegen Honorar arbeite. Dazu vielleicht einen Vertrag mit einem Verlag schließe, der mich honoriert und der auch dafür zu sorgen hat, dass Herr Schmolk und seine Open Access Freunde ihre Finger vom illegalen Nutzen meines Textes lassen. Ich lasse mich nämlich nicht bestehlen. Und als Verleger, der ich in kleinem Rahmen auch bin, der freiwillig mit Autoren Verträge schließt, lasse ich den Diebstahl durch andere auch nicht zu. Und ob Herr Schmolk das gut findet oder nicht ist sein Problem, denn ich habe als Autor das verdammte RECHT den Zugang zu MEINEM geistigen Eigentum zu beschränken auf die Leute, die dafür bezahlen. Und an diesem RECHT ändert kein Getöse von Open Access etwas. Kostenlos arbeite ich NUR wenn ich das selbt so möchte.
JA: Trotzdem kann ich mir gut vorstellen, dass es Open Access Angebote gibt - JA auch die Verleger müssen sich überlegen, wie Sie ihre Angebote auch in elektronischer Form zugänglich machen - sonst könnte ihnen das langfristig Schaden. JA, ic kannmit dem Internet umgehen und habe es sicherlich schon genutzt, lange bevor Sie das getan haben - nur um den Vorwurf der Technikfeindlichkeit u.ä. gleich abzustellen... NEIN Sie brauchen mir kein Honorar anzubieten...


3. Christian Sprang 28.05.2009 16:41h

Lieber Herr Ulmer,

es mutet Ihnen nicht zufällig so an, als wären Sie 40 Jahre zurück in einem APO-Diskurs gelandet,, es IST in gewisser Weise auch so. Die Kritik am Urheberrecht ist heute vielfach das, was in den 60er und 70er Jahren die radikale Kritik am bestehenden politischen System war - auch in diesem Kampf war den erklärten Gegnern jedes Mittel und schon gar jedes Argument recht. Ein Diskurs ist deshalb schwierig, weil unsere Argumente aus der geltenden Rechts- und Marktordnung gegriffen werden, während die Gegenseite diese gedanklich längst verlassen hat. Umso tapferer von Ihnen und Herrn Groß, auf so einen Blogbeitrag zu reagieren!

4. André Pleintinger 28.05.2009 20:43h http://www.m-verlag.net

Lieber Herr Groß,

besonders Sie als Autor sprechen mir aus der Seele. Besonders dieser folgende Satz tut Verlag sowie Urheber Unrecht: "Der wirtschaftliche Kampf wird ausgetragen zwischen den alten wissenschaftlichen und Kulturbetriebs-Eliten in den Verlagen und den neuen Allround-Eliten der Industrie. Gegen beide stehen die Interessen der Autoren und Künstler."
Es ist erstens schlichtweg falsch, dass hier Verlag und Autor als "Gegner" dargestellt werden. Ganz im Gegenteil: im täglichen Geschäft bekommt man im wissenschaftlichen immer mehr die Sorgen seiner Autoren zu spüren, der Großteil möchte definitiv seine Urheberrechte geschützt wissen!
Was mir zweitens missfällt ist der sich durchziehende Gedanke von unvereinbarer Gegensätzlichkeit zwischen - wie es heißt - "Kulturbetriebs-Eliten in den Verlagen und den neuen Allround-Eliten der Industrie". Gerade dieses Problem muss gemeinsam angepackt und gelöst werden.

5. Dr. Klaus Graf 29.05.2009 02:31h http://archiv.twoday.net

Ich bin froh, dass dem unerträglichen Geschwalle von Ulmer und Konsorten, die das Börsenblatt als Kampfblatt nutzen und dabei in der Regel jegliches Niveau unterschreiten, einmal Paroli geboten wurde.

Irgendwelche konstruktiven Ansätze außer den Dollarzeichen in den Augen von Ulmer konnte ich auf Verlagsseite beim besten Willen nicht feststellen. Zur Rhetorik des Fälschens gehört es, lauthals und möglichst oft zu krähen, man wolle doch den Dialog. In Wirklichkeit wollen Ulmer, Sprang & Co. nur den Profit.

Wo sind denn die innovativen Modelle z.B. Open-Access-Experimente. Die UTB-Lehrbücher, bei denen Studierenden fürs Ausdrucken abgezockt werden sollen, zeigen doch mehr als deutlich, in welche Richtung es geht.

Natürlich ist der Heidelberger Appell gegen Open Access; sonst hätten sich wohl nicht die Wissenschaftsorganisationen zu Wort gemeldet.

Ich finde es einfach schäbig, auf einen jungen und mutigen Buchwissenschaftler einzudreschen, wenn dieser es wagt, die herrschende Position in diesem Forum zu kritisieren. Aber von Ulmer und Sprang ist man nichts anderes gewohnt.

6. Müller 29.05.2009 08:29h

Aber aber Herr Graf, warum kritisieren Sie die Kollegen Ulmer und Sprang so scharf. Dabei gehen sie doch nur auf die selbe Weise (sprachlich aber deutlich weniger polemisch) wie Sie gegen Kritiker der eigenen Position vor? Mir scheint Sie als der OA-Vorkämpfer mag es nicht, wenn die eigenen Waffen auch von anderen benutzt werden...

Köstlich!

7. Sabria David 29.05.2009 09:08h www.text-raum.de

Ganz ehrlich, ich halte diese Polemiken für Rückzugsgefechte. Es ist ein Medienwandel im Gange, den keiner, egal wie entrüstet, wird aufhalten können. Die Rolle des Urhebers/Autors als Autorität verändert sich. Das hat mit dem Wandel der Schriftlichkeit zu einer schriftlichen Mündlichkeit zu tun. "Das Internet ist ein Schriftmedium, das nach den Regeln der Mündlichkeit funktioniert" (wenn ich aus einem Vortrag von mir zum Thema zitieren darf http://www.text-raum.de/zweiraum/rotkaeppchen-20). Das bringt einiges an bisher festen Strukturen ins Rutschen, und zwar auch in den Bereichen Software und Musik. Für aufhaltbar halte ich das nicht.
Anstatt also alle Energie in einen Windmühlenkampf zu investieren, wären alle gut beraten, die Bedingungen, unter denen dieser Wandel stattfindet, so zu gestalten, dass er für Wissen, Kultur, Autoren und Gesellschaft förderlich ist (Stichwort: heraufziehende neue Monopolisierung). Die Musikindustrie hat den Zeitpunkt, Einfluss auf den Wandel zu nehmen, bekanntlich verpasst. Anstatt also immerzu an alten Strukturen festzuhalten, sollten wir lieber genau hinsehen und rechtzeitig nach neuen Antworten suchen.

8. Andreas Praefcke 29.05.2009 09:16h

Ich denke, die Branche sollte sich mit der jungen Generation und ihrer vorherrschenden Denkweise konstruktiver auseinandersetzen als es Ulmer und Sprang hier tun. Der Vergleich mit der APO ist doch recht interessant. Ich möchte zu bedenken geben, dass die 68er-Bewegung die Universitäten, die Politik und die ganze Gesellschaft verändert hat. Zwar nicht wie von den Radikalsten vorhergesagt, aber langfristig und nachhaltig. Auch die "digitale" Jugend von heute wird die Gesellschaft verändern, nicht heute, nicht morgen, aber in ein paar Jahren, und die Richtung scheint inzwischen halbwegs klar. Das Urheberrecht von heute jedenfalls wird sich nicht ewig halten lassen. Dann denkt man über Ulmers und Sprangs Verteidigungsstrategien wie heute über das Kuppeleiverbot und den §175 und den Mann als gesetzlichen "Haushaltsvorstand": kaum mehr für möglich gehaltene Ideen, die gefühlte 100 Jahre alt sind. Die Frage ist für mich, wie sich die Buchbranche im dann veränderten gesellschaftlichen Klima aufstellt, nicht wie sie sich gegen diese Gesellschaft aufstellt. Die gesammelten Fehler der Schallplattenbranche brav zu wiederholen, ist jedenfalls keine Lösung.

9. D. Prochnow 29.05.2009 10:10h

Auffällig ist doch, dass jene "Windmühlenkämpfer", die das althergebrachte Modell mit seinen rigid-aristokratischen, von-oben-herab Strukturen verteidigen, dieselben sind, die sich bis vor ein, zwei Jahren (teilweise bis heute) nicht vorstellen konnten, dass digitale Texte tatsächlich einmal eine Gefahr für das gedruckte Buch darstellen könnten.

Zeugt das nicht davon, dass es eben die sind, die sich mit technischen Neuerungen nicht früh genug auseinander setzen, die diese dann, wenn sie im Durchbruch begriffen sind, verteufeln?

10. Matthias Ulmer 29.05.2009 10:13h

Zur Diskussion oder Auseinandersetzung gehören doch zwei grundlegende Dinge: 1. man muss sich mit den Argumenten des anderen auseinandersetzen, nicht aber mit seiner Person. Und 2. muss man zunächst versuchen die Position des anderen zu verstehen.

An beiden Punkten mangelt es leider erheblich. Kennzeichen der ganzen Diskussion ist doch, dass ein Ergebnis nicht angestrebt ist, ein Lernprozess also nicht einmal in Betracht gezogen wird. Wenn aber das Ergebnis der Diskussion schon feststeht, dann dient der Prozess der Auseinandersetzung ausschließlich der Selbstdarstellung.

Selbst wenn ich jetzt beschwöre:
- Ich bin nicht gegen Open Access!
- Ich finde Internet und Digitalisierung toll!
- Ich tue alles, damit die Umstellung der Branche auf digitale Medien schneller geht!
- Ich bemühe mich darum, dass jeder sein Recht behält und niemandem seine beschnitten werden!,
dann hat das nicht die geringste Wirkung. Man wird mir, dem Verband oder der Branche gleich im nächsten Beitrag wieder vorwerfen, als alte Dinosaurier die Digitalisierung und den Fortschritt unverbesserlich blockieren zu wollen und dabei die Rechte von Autoren und Lesern zu mißachten nur um die fetten Monopolgewinne zu sichern. Toll.

Dass wir für die Digitalisierung des Buches und des Verlagswesens insgesamt vermutlich erheblich mehr getan haben als alle unsere Kritiker aus den Reihen der Bibliothekare und Studenten gemeinsam, das muss man vielleicht auch mal thematisieren.

Die Themen sind doch so interessant, die Entwicklung der kommenden Jahre so spannend, dass das eine unerschöpfliche Quelle für interessante, hilfreiche und weiterführende Diskussionen sein könnte. Keiner weiß wo es hin führt, jeder benötigt den Austausch mit anderen, vor allem denen, die die Dinge aus einer ganz anderen Warte sehen. Ist eine Kulturflatrate umsetzbar, ohne durch die Verteilungsregeln schuldig zu werden? Wie kann eine Umstellung auf OA aus freien Stücken gelingen, ohne Nötigung? Können die Vorteile der Digitalisierung auch ohne Eingriffe in die Rechte der Urheber und Verlage wirksam gemacht werden? Wo verläuft die Grenze zwischen Individualrechten und Kollektivinteressen, wie weit schützt das Kollektiv das Individuum? Wo ist die Grenze für angemessene Ansprüche des Individuums an das Kollektiv? Wie kann die Frage der verwaisten Werke gelöst werden? Und: wie viel Informationsgesellschaft erträgt die Gesellschaft ohne auseinander zu fallen? Wie bewältigen wir die Kehrseiten der Informationsflut, welche Probleme entstehen dabei, wie helfen wir den Überforderten? Wie ändert sich Ausbildung und Lehre durch die Digitalisierung? Wie ändert sich das Leseverhalten, wie ändert sich das Denken, das Erinnern?

Wenn wir statt einer inhaltlichen Auseinandersetzung in dieser dynamischen Veränderungsphase unsere Energie auf das Kultivieren eines Generationenkonflikt verschwenden, ideologischen Klassenkampf betreiben, dann vertun wir eine Chance die Dinge zu gestalten.

11. Joachim Eberhardt 29.05.2009 14:19h http://www.philobar.blogspot.com

@Ulmer, 1. Äußerung

<i>Ich kann es aber nicht bleiben lassen ein paar Dinge anzumerken. Dass der Heidelberger Appell gegen Open Access ist, ist falsch und in Dutzenden von Artikeln und Interviews zurückgewiesen worden.</i>

Vielleicht hätten Sie die Güte, ein paar dieser Artikel zu nennen? Mir sind da nämlich vor allem die anderen Äußerungen von Reuß im Ohr, à la: Open Access ist die freie Veröffentlichung von Leuten, deren Werk es nie in ein echtes Buch geschafft hätte, sieht hässlich aus etc. Ja, Sie können das Haar spalten und sagen: Der Heidelberger Appell wendet sich gegen den Zwang zum Open Access. Aber er tut es mit dem Argument, dass Open Access nicht gut ist. Übrigens würde ich an Ihrer Stelle das Wort "Reichsschrifttumskammer" zurücknehmen und mich entschuldigen -- ich kann mich nur wundern, wie schnell die unfairen Diffamierungen bei der Hand sind.

Der Vorwurf mangelnder Differenzierung bleibt auch an Ihnen selbst hängen. Der Begriff "Open Access" gehört nur in die wissenschaftliche Veröffentlichungskultur. Dass im Internet jeder veröffentlichen kann, was er will, und dass der Heidelberger Appell nicht dagegen ist, ist richtig. Aber solche "freie" Veröffentlichung wird nicht mit Open Access bezeichnet.

@Groß
Herrn Schmolks Diktion erinnert ans politikwissenschaftliche Seminar im früher mal linken Marburg -- schon recht. Aber die Verwendung des Wortes "Herrschaft" versucht das Unbehagen zu beschreiben, dass viele Autorinnen und Autoren haben, wenn sie ihre sämtlichen Rechte im Standard-Verlagsvertrag an den Verlag abtreten. Das handhabt doch sicher auch der Ulmer-Verlag so. Es ist leicht gesagt, dass dies ja eine Form der Freiwilligkeit ist, weil jeder die Wahl hat, ob er sein Werk einem Verlag überlässt oder nicht. Das ist jedoch ein ganz hohler Begriff von Freiwilligkeit. Dass hier strukturelle Zwänge wirksam sind, kann man natürlich mit dem konservativen Blick ausschließlich auf die individuelle Entscheidung eines Autors leugnen, aber hier scheint mir, dass ein unpersönliches Beschreibungsmodell die Situation besser erfasst. Das lenkt dann den Blick auf die Veröffentlichungsgewohnheiten eines Faches. Will ein angehender Doktor bei den Juristen gelesen werden, muss er gegenwärtig hoffen, dass er sein Buch in einer kleinen Gruppe von Verlagen veröffentlicht wird. Die verlangen dann vielleicht einen Druckkostenzuschuss <i>und</i> die Rechteübertragung. Das finden Sie in Ordnung, weil freiwillig?

@Graf
Es möchte noch ein paar Vertreter des Wissenschaftsbetriebes geben, die Open Access besser erklären können. Das Klassenkampf-Vokabular des Artikels schreckt mich genauso ab wie Herrn Ulmers Begrifflichkeit oder Ihre Beschimpfungen. Können wir nicht von einer Position gegenseitigen Respekts miteinander reden?

12. Matthias Ulmer 29.05.2009 15:50h

@Herrn Eberhardt: Wenn es um den Heidelberger Appell geht, dann sollten wir uns auch an diesen Text halten.
Da geht es schon im ersten Absatz um die freie und selbstbestimmte Publikation. Im dritten Absatz wird der Eingriff in die Presse- und Publikationsfreiheit beklagt. Im vierten geht es weiter: "Es muß auch künftig der Entscheidung von Schriftstellern, Künstlern, Wissenschaftlern, kurz: allen Kreativen freigestellt bleiben, ob und wo ihre Werke veröffentlicht werden sollen. Jeder Zwang, jede Nötigung zur Publikation in einer bestimmten Form ist ebenso inakzeptabel...". Im fünften Absatz wird davor gewarnt, dass die Allianz die Autoren auf eine bestimmte Form der Veröffentlichung verpflichten will. Im letzten wird dann die Politik aufgerufen, die Publikationsfreiheit zu schützen.

Ich hab manchmal das Gefühl, ich spreche Chinesisch. Die geplante Nötigung im Wissenschaftsbereich und das Vorgehen von Google treffen sich doch nur an dem Punkt "selbstbestimmte Publikation". Genau deshalb und nur durch diese Thematik sind im Appell diese beiden Themen verknüpft. Jetzt wird den Initiatoren vorgeworfen, dass man Google und Open Access zusammenbringe, obwohl das nichts miteinander zu tun habe. Genau, das hat nichts miteinander zu tun. Daraus könnte man ja folgern, dass man es dann missverstanden hat und den Appell noch einmal lesen.

Ob nun die Unterzeichner Open Access gut finden, praktikabel, rentabel, was auch immer, das spielt doch gar keine Rolle. Es ist ein Publikationsmodell, das es schon lange gibt, das immer häufiger genutzt wird, das für den Leser Vorteile hat und für den Autor auch Nachteile, das sich bisher noch nicht durchsetzen kann und was daraus wird, das zeigt die Zukunft.

Das Thema Herrschaft und strukturelle Gewalt ist ausgesprochen unergiebig. Solange wir von einer Geschäftsfähigkeit ausgehen, solange wir ein Wahlrecht ausüben, sollte auch davon ausgegangen werden, dass jemand, der einen Vertrag unterzeichnet das wollte. Es gib immer Probleme, dass jemand nicht ausreichend geschäftsfähig ist, dass er nicht nachgedacht hat, dass er seine Meinung geändert hat etc. Das Recht sieht für die meisten Fälle Lösungen vor, das ist ja alles Alltag. Wenn ich von meinem Alltag ausgehe (und das ist ja immerhin real existierender Verlegerismus, nicht bloße Spekulation darüber), dann kann ich Ihnen sagen, dass wir rund 6.500 Autoren unter Vertrag haben, zahllose Grafiker, Fotografen, Übersetzer kommen noch dazu. Und ich glaube es gab im Laufe der Jahre eine Hand voll Anfragen, ob etwas als PDF am Lehrstuhl auf den Server gestellt werden dürfte. Dagegen gab es deutlich mehr Proteste von Autoren, die nicht wollen, dass ihre Werke digitalisiert angeboten werden, weil sie fürchten, dass dann der Absatz einbricht. Und: wir zahlen Honorare, bei nahezu allen Publikationen. Ausnahme sind Zuschusswerke, die wir aber lieber gar nicht machen würden, das ist in der Regel Gefälligkeit.

Ich finde es verständlich, dass Alternativen gesucht werden zu Publikationsmodellen, bei denen ein Autor das Gefühl hat, vor unbefriedigenden Lösungen zu stehen und keine echte Wahl zu haben. Wenn ein Verlag keine adäquate Leistung bringt, keinen attraktiven Mehrwert bietet, dann wird er nicht lange überleben.

13. Dennis Schmolk 29.05.2009 17:50h http://www.anouphagos.com/

Es tut mir leid, wenn die Verwendung des Begriffs "Herrschaft" bei Ihnen, die Herren Ulmer und Groß, Beklemmungen auslöst. Man könnte ökonomisch auch von divergierenden Interessen von Produzenten, Händlern und Konsumenten sprechen; ich habe aber bewußt eine soziologische Perspektive gewählt.

Ich habe niemals einem Totalitarismus das Wort geredet, im Gegenteil stets im Sinne des schönen Bonmots argumentiert: Wer Ideen liebt, lässt sie frei. (Denn totalitäre Ansprüche werden gerne mit dem Deckmäntelchen des Idealismus erhoben - und die Liebe zu Ideen gehört dazu. Auch wenn keineswegs ausgemacht ist, dass ein Verzicht auf Urheberschutzrechte oder Monopolrechte der Produzenten die Produktion eindämmt.) Der Künstler, der Autor und der wissenschaftlich publizierende müssen natürlich keineswegs "abhängig beschäftigt" sein - gerade hier habe ich aber nie behauptet, eine endgültige Lösung an der Hand zu haben, sondern auf das altbekannte Problem der Vergütungen hingewiesen. Wie Sie, Herr Ulmer, im Übrigen von einer Kulturflatrate zu einer neuen Reichsschrifttumskammer kommen, müssen Sie mir erklären. (Oder habe ich den hintergründigen Witz der Polemik nicht verstanden?)

Ich darf Sie, Herr Groß, übrigens noch korrigieren und vielleicht beruhigen: Ich begreife mich selbst politisch keineswegs als LINKS, auch nur in Ansätzen als links, sondern (jedenfalls in dieser Frage) als liberal. Vielleicht zu liberal für staatliche Schutzrechte für die Verlagsindustrie.

Und nochmals zu Ihnen, Herr Groß: Dass ich mir die Welt anhand einer Mixtur "böse klingender Worte" erkläre, müssten Sie mir auch nochmal erklären. Dass der Börsenverein Lobbyarbeit betreibt, Google Wissen zu monopolisieren versucht und es Herrschaftsstrukturen (oder meinetwegen Abhängigkeitsverhältnisse oder Hierarchien, zu meiner Terminologie s.o.) in der künstlerischen und wissenschaftlichen Buchproduktion gibt, dürften doch Fakten sein, oder?

Ich danke allen für die sehr angeregte Diskussion!

Mit bestem Gruß

Dennis Schmolk

14. Matthias Ulmer 29.05.2009 23:58h

Lieber Herr Schmolk, ich gebe zu, da hab ich ein paar Gedankenschritte getan, die ich besser erklären sollte. Einig sind sich ja alle, dass bei einer Kulturflatrate von allen Internetnutzern Gebühren eingezogen werden. Diese müssen also verteilt werden. Das Konzept der Grünen schlägt vor, für die Verteilung die Zahl der Downloads anzusetzen, die auf den wichtigsten Downloadplattformen gemessen werden können. Das ist untauglich, weil die Zahlungsbereitschaft bei normalen Ladenpreisen mit der kostenfreien Downloadbereitschaft nichts zu tun hat. Man muss nur einen tollen Titel finden, "Wilder, hemmungsloser Sex" etwa, und dahinter verbergen sich nur vier Seiten mit dem Text "Reingelegt, reingelegt, reingelegt." Die Datei wird dennoch einen Spitzenplatz beim Download haben. Und dementsprechend auch die größte Prämie abkassieren. Es werden sich zahllose findige Leute damit befassen passende Titel und Beschreibungen für maximale Downloads zu kreieren. Eine echte Fehlsteuerung. Die Autoren der freigegebenen Bücher werden nur die verbleibenden Brösel aufsammeln. Um solche ungewünschten Ergebnisse zu vermeiden, wird also sofort jemand auftreten und eine erwünschte Zuteilung vorschlagen: 20% an kulturell förderwürdige Texte, 15% für Lehr- und Schulbücher etc. etc. Außerdem wird man sagen: Pornografie muss man ja ausnehmen, das ist jugendgefährdend, das darf man ja nicht freigeben. Und Scientology wollen wir auch nicht unterstützen. Und Hass- und Hetzschriften nicht und und und. Und damit kommt man, ob man will oder nicht, zu einer Institution, die anfängt das Geld zwischen guter und schlechter, erwünschter und unerwünschter Literatur aufzuteilen. Das aber ist ein Eingriff in die Kunst und Meinungsfreiheit, der in meinen Augen totalitär ist, eine neue Reichsschrifttumskammer eben.

Es gibt nur einen Weg das zu vermeiden: Wenn keine Zentralinstitution entscheiden soll, und wenn die Nutzungsstatistik nichts aussagt, dann muss man die Gelder nach der Zahlungsbereitschaft der Nutzer verteilen. Also gibt man jedem Nutzer einen gleichen Teil des Geldes und sagt ihm: gib es dem, dessen Arbeit Du fördern willst, einem alles oder vielen wenig, ganz nach Deinem persönlichen Geschmack. Das wäre gerecht und eine Alimentierung, die den Willen der Leser widerspiegelt. Aber dann muss man das Geld gar nicht erst durch eine Kulturflatrate einziehen und neu austeilen, sondern lässt es gleich bei den Lesern und lässt sie kaufen, was sie mögen. Dafür muss man nur die Durchsetzung des Urheberrechts im Internet sicherstellen. Technisch nicht wirklich ein Problem. Man muss nur wollen.

Und zum Thema Herrschaft: Sie haben selbst das schmutzige Wort "liberal" benutzt. Deshalb traue ich mich zu dieser Erläuterung: Wenn man einem Menschen, der einen Vertrag unterzeichnet hat auf den Kopf zusagt, dass er das nicht aus freien Stücken getan hat, sondern durch strukturelle Gewalt dazu gedrängt wurde, dann tut man ihm Gewalt an. Man entmündigt ihn, entwertet seine eigene Entscheidung, legt sie im eigenen Interesse aus und instrumentalisiert ihn. Das ist eine üble und bösartige Form anderen seine Meinung aufzuzwingen. An dem Punkt reagiere ich allergisch. Ich habe die Erfahrung gemacht, dass das Thema der Herrschaftsstrukturen immer dann ausgepackt wird, wenn jemand einen anderen "wohlmeinend" manipulieren will. Für mich gibt es nur einen sauberen Weg: was jemand tut, was er sagt, was er entscheidet, das muss ich als seinen Willen akzeptieren. Alles andere führt in die Unfreiheit.

Ich freue mich übrigens, dass Sie die Diskussion angestoßen haben. Ich hätte wie oben bereits gesagt eine präzisere Auseinandersetzung mit den Themen des Heidelberger Appells bevorzugt. Aber die Diskussion habe ich den Erlangern bereits angeboten. Ich hoffe, Sie haben in den kommenden Marginalglossen vor, weitere heiße Eisen anzupacken. Wenn Sie einem Speichellecker der Reaktion nicht übelnehmen sich einzumischen, dann würde mich das freuen.

15. Nikolaus Weichselbaumer 30.05.2009 15:16h

Zum Thema der Kulturflatrate würde ich ihnen recht geben, Herr Ulmer.

Es klingt ja zunächst chic. Alle zahlen ein bisschen was und alle, die irgendwie ein wenig herumkünstlern bekommen ein bisschen was und am Ende haben sich alle ganz doll lieb. Dabei ist die Kulturflatrate nur eine Art Zwangs-Open Access. Und es muss alle Probleme eines Zwangssystems nach sich ziehen. Wie Herr Ulmer sehr richtig schreibt kann man es nicht gerecht lösen. Ob man Godwin’s Law mal wieder bestätigen und das ganze mit der Reichsschrifttumskammer vergleichen muss sei dahingestellt. In jedem Fall aber habe ich bisher noch von keinem befriedigenden Modell zur Verteilung der Gelder gelesen.

„Dafür muss man nur die Durchsetzung des Urheberrechts im Internet sicherstellen. Technisch nicht wirklich ein Problem. Man muss nur wollen.“

Hier würde ich gerne wiedersprechen.
Dass man den Austausch von Daten jeder Art über das Netz einfach nicht unterbinden kann ohne das Netz komplett abzuschalten oder doch wenigstens schwer zu verkrüppeln halte ich für eine Tatsache. Es würde mich wirklich interessieren wie Sie die Durchsetzung des Urheberrechts im Internet sicher stellen wollen. Mir ist bis heute kein funktionierendes System begegnet; nicht mal in China.

Ob man das jetzt schön findet oder nicht steht auf einem anderen Blatt; ob es legal ist auch. Aber man kann urheberrechlich geschützte Daten übertragen und also wird es gemacht. Die Musik- und Filmindustrie führen dagegen seit Jahren einen aussichtslosen Kampf und die Buchbranche ist nur deswegen noch nicht ganz so angegriffen, weil ihr Medium bisher im Normalfall ein analoges war bzw ist. Sobald eBooks sich durchsetzen werden beinahe alle veröffentlichten Bücher illegal kostenlos zu erhalten sein. Sogar noch viel einfacher und schneller als Musik und Filme, da Texte ein um mehrere Größenordnungen geringeres Datenvolumen haben. Es ist also sogar unproblematisch möglich große Mengen an Literatur einfach per Mail weiterzureichen. Nochmal: Ich rede dem nicht das Wort, ich halte es nur für nicht zu verhindern. Es wäre der Branche zu wünschen, dass sie nicht zu viel Energie verschwendet etwas zu bekämfen, das sich nun mal nicht effektiv bekämpfen lässt.

Kann man aber daraus, dass man es nicht verhindern kann ableiten, dass man das zugrundeliegende Recht abschaffen sollte? Wohl eher nicht. Mir scheint ein erheblicher Teil der aktuellen Diskussion von Seiten der Filesharingbefürworter dreht sich darum, dass man irgendwie legitimieren will, was mann ohnehin tut. Und es ist nun mal heroischer gegen das „Establishment“ zu kämpfen als zu stehlen, wenn auch etwas, das keinem materiell fehlen wird. Bemühungen Filesharingnetzwerke „mit der ganzen Härte des Gesetzes“ zu verfolgen erreichen aber nichts. Vielleicht kann man einfach damit leben, dass man ein Recht hat, es aber mit vertretbarem Aufwand nicht immer durchzusetzen ist?

16. Dennis Schmolk 08.06.2009 17:16h http://www.anouphagos.com/

Ich weise abschließend auf diesen Artikel im Tagesanzeiger hin: http://www.tagesspiegel.de/meinung/kommentare/Book -Search-Heidelberger-Appell-Open-Access;art141,281 4009

"Wer den „Heidelberger Appell“ unterzeichnet, hat ihn nicht verstanden. „Book Search“ und „Open Access“ haben nichts miteinander zu tun. [...] Der „Heidelberger Appell“ fand schon über zweieinhalbtausend Unterstützer, darunter Günter Grass, Michael Naumann und Hans Magnus Enzensberger. Eine ganze Generation deutscher Intellektueller vereint sich hinter einem Dokument der Angst und Faktenferne."

17. Dennis Schmolk 10.06.2009 14:53h http://www.anouphagos.com/

Und noch ein Nachschlag: DonAlphonso kommentiert die berühmt-berüchtigte Resolution:
http://blogbar.de/archiv/2009/06/08/die-korrigiert e-resolution-im-wortlaut/

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