Medien

Michael Roesler-GraichenMichael Roesler-Graichen© Nicole Hoehne

08.06.2009Kommentar

Googles E-Book-Outing

Nun ist die Katze aus dem Sack: Google will zum Jahresende eine Plattform für den Verkauf von E-Books starten. Börsenblatt-Redakteur Michael Roesler-Graichen kommentiert die Nachricht.

Das Wissen der Welt zugänglich zu machen – das war Googles Mission bis zum 28. Oktober 2008, dem Tag, an dem das Google Book Settlement unterzeichnet wur­de. Die in dem Vergleichsvertrag enthaltene Regelung, die Google den Verkauf vergriffener, nicht reklamierter digitaler Titel einräumte, war der erste Schritt zum E-Book-Händler.

Mit der Ankündigung, bis zum Jahresende eine Verkaufsplattform für E-Book-Novitäten zu starten, hat sich der Riese aus Mountain View endgültig geoutet: Aus dem Suchmaschinenbetreiber wird auch ein Online-Buchhändler, zunächst in den USA. Die neue Mission: das Wissen der Welt zu klingender Münze zu machen. Man darf gespannt sein, ob sich dies auf den Verkauf von Content beschränkt. Vielleicht gibt es demnächst auch ein Lesegerät von Google. Einen Partner gäbe es – direkt in Mountain View: das Unternehmen Plastic Logic, das im Januar 2010 seinen Reader auf den US-Markt bringt.

Mehr zum Thema

Artikelservice

Anzeige

4 Kommentar/e

1. Kai Weber 08.06.2009 14:37h

Die Katze war doch schon viel früher aus dem Sack. Das Google Book Settlement definierte doch nicht nur bereits eine große Anzahl möglicher "Display Uses" für vergriffene Titel. Da fand sich schon immer der ein oder andere Passus, aus dem klar hervorging: Google wird Ebooks verkaufen. Zitat aus dem Settlement, worin der Begriff "consumer purchase" definiert wird: "Consumer Purchase will enable purchasers to view, copy/paste and print pages of a Book, and may enable Book
Annotations."
Googles Ausführungen zum Buchverkauf im Settlement deuten in manchen Formulierungen eher auf Online-Zugriffe hin, aber sofern die Dateien mit einem DRM-System geschützt sind, schließen sie auch den Download im Rahmen eines "consumer purchase" nicht aus.
Es bedurfte meines Erachtens nicht allzu vielen Gripses, diese Katze auch schon zu kennen, während sie noch im Sack steckte.

2. Wolfgang Lehner 08.06.2009 14:57h www.schriftbild.net

Ist das wirklich eine Überraschung? Wer käme nicht auf die Idee, Software per Download zu verkaufen, wenn er über ein weltweites Netz verfügt, wenn er vom überwiegenden Teil der Computer-User mehrmals täglich aufgerufen wird? Was braucht es noch, um einen weltweiten Shop zu eröffnen? Gibt es eine größere Werbefläche als die Google-Homepage?
Amazon und Apple zeigen, dass es funktioniert und ein Bedarf besteht. Vor allem wir Büro-Wissens-Bildungs-Kultur-Arbeiter, die wir acht Stunden täglich auf den Monitor starren, haben immer weniger Probleme damit, außerhalb der Arbeitszeit auf Readern oder gar dem Handy zu lesen. Unter dem Stichwort "green publishing" werden in den Marketingabteilungen schon die Messer gegen das Papier gewetzt bzw. die Argumente für digitale Produkte gesammelt.
Und dem Beispiel Apple folgend, fangen jetzt die Mobilfunker an, eigene Shops einzurichten (damit kann man später mal die sinkenden Einnahmen durch den Preiskampf ausgleichen). Jetzt noch ein paar "Killer-Apps" - sprich Bestseller - auf den Smartphones (z.B. erfolgreiche Texte, die nie ein Verlag in Händen hatte), und die Papierwelt wird plötzlich alt aussehen (auch wenn es sie noch lange geben wird, auch wenn sie in vielen Belangen besser ist - sie ist halt nicht angesagt). Aktuelles, trendiges und schnell sich änderndes wird über kurz oder lang digital besser (mehr Möglichkeiten) und erfolgreicher (mehr Reichweite) sein. Und ohne Klotz-am-Bein Printausgabe werden rein digitale Produkte erheblich billiger sein.
Nebenbei: Die vielzitierten Hostingkosten, die die E-Books ja angeblich verursachen und wegen denen man die Preise an die Printausgabe koppeln muss, liegen bei entsprechender Vermarktung natürlich bei Apple, Amazon, Google und Nokia. 70% für den Autor (oder Verlag) und 30% für den Händler - so einfach sieht das neue Geschäftsmodell aus.
Wir sind gespannt, was jetzt gerade in den Hinterzimmern von Libreka! ausgebrütet wird - wann kommt der Handy-Shop des deutschen Buchhandels? Macht man sich gerade fit für den Reader von Plastic Logic? Den halte ich für das ultimative Lesegerät, vor allem - falls es noch nicht jedem bekannt ist - weil er alle Office-Formate lesen kann. Dann ist die letzte Stufe des Downsizing der Buchproduktion geschafft: Satzmaschine -> DTP -> Word. Jetzt kann jeder, der eine Textverarbeitung beherrscht, auch ein Buch produzieren und veröffentlichen. Komme jetzt bitte keiner mit dem Qualitätsargument ... kein Verlag schützt uns vor unappettitlichen und überflüssigen Printprodukten - allerdings, ich gebe es gern zu, haben die meisten eine ausgezeichnete Rechtschreibung.
Letztlich gewinnt der Autor, und das ist gerecht, denn in den letzten Jahren ging es ihm nicht sonderlich gut, auch wenn die Verleger das anders sehen.
Es bleibt spannend.

3. Matthias Ulmer 09.06.2009 00:11h

Es geht nicht eigentlich darum, ob das jetzt eine Überraschung ist. Ist es nicht, jeder vernünftige Mensch würde das Google-Modell in dieser Richtung ausbauen.
Es geht darum, dass Google das in der Vergangenheit immer abgestritten hat. Wir sind doch eine Suchmaschine, kein Händler!
Wie ehrlich beurteilt man jetzt das Fair Use Argument beim Einscannen der amerikanischen Bibliotheksbestände? Da hatte Google keine kommerziellen Interessen? Glaubt das wirklich noch jemand?

4. Bunte 09.06.2009 17:56h

Hallo Herr Michael Roesler-Graichen,

es gibt tatsächlich inzwischen eine empirische google-Kritik mit dem Nachweis des Autors (Dr. Richard Albrecht), daß & warum speziell google.de nachzensiert. Und (Nach-) Zensur ist m.E. das Gegenteil des universellen (auch von Ihnen zitierten google-Anspruchs) die Wet "zugänglich" zu machen.

Hier´s der Hinweis auf die Erstveröffenlichung des Fachaufsatzes:

R. Albrecht, google.de: Einblicke in die deutsche „Google-Gesellschaft“; in: Aufklärung und Kritik, 14 (2007) 2: 214-224

Besten Gruß Ihr Bunte

Kommentar schreiben

Ihr Kommentar

Bitte geben Sie diese Buchstabenfolge hier noch einmal ein:. Wenn Sie die Buchstabenkombination nicht entziffern können, erhalten Sie durch Klick auf die Buchstaben eine neue Kombination.