Sortiment

Manfred QueißerManfred Queißer© Uwe Bellhäuser

18.06.2009Buchtage Berlin

Das große Plus der kleinen Sortimente

Auf den Buchtagen Berlin bietet der Lebacher Buchhändler Manfred Queißer eine Zukunftswerkstatt für Buchhändler an. boersenblatt.net  sprach mit ihm über Probleme und Chancen mittelständischer Sortimente.

Zukunftswerkstatt Buchhandel heißt Ihr Workshop – wie sehen Sie die Zukunft
für Buchhändler?

Queißer: Da hilft ein nüchterner Blick in die Zahlen: Der Buchhandel besetzt in Deutschland eine Million Quadratmeter Verkaufsfläche, er hat 35.000 Beschäftigte, er hat im vergangenen Jahr neun Milliarden Euro Umsatz gemacht – das ist nicht wenig. Aber wenn wir uns die Entwicklungen der vergangenen 20 Jahre betrachten, dann verzeichnen insbesondere die 1600 mittelständischen, kleineren Buchhandlungen seit 1998 keine großen Umsatzzuwächse mehr, der Trend geht oft abwärts.

Wo sehen Sie die Gründe?
Queißer: Lesen steht bei den Leuten nicht mehr an erster Stelle, es kommt hinter Surfen im Internet, Chatten usw. Im Workshop möchte ich den Zuhörern die unterschiedlichen Lesetypen in Deutschland bis hin zu den
Leseabstinenten vorstellen. Es gilt, sich in die Gedankenwelt und Nutzungsgewohnheiten insbesondere der Jüngeren hineinzuversetzen. Ich war erst letzte Woche in einer Klasse, deren Schüler dem berühmten Jahrgang 1995 angehören, also die Generation, die mit Handy, Computer, Internet etc. aufgewachsen ist. Die haben einen anderen Zugang zum Buch, aber sie sind ja nicht völlig desinteressiert.

Welche Möglichkeiten sehen Sie denn, die Leute überhaupt in Buchhandlungen
zu bekommen?

Queißer: Das Angebot im Buchladen muss klar strukturiert sein, das Motto »Alles für alle« hat ausgedient. Die Insolvenz von Karstadt ist ein gutes Beispiel, dass ein Warenangebot, das Jahrzehnte nach diesem Grundsatz
funktioniert hat, heute nicht mehr klappt. Genauso ist auch die einstige Faszination des Kaufhausbuchhandels gebrochen; die Zuwächse werden doch vor allem durch die Flächenausdehnung erzielt. Umgekehrt erreichen kleine Buchhandlungen schwarze Zahlen oft auch nur durch permanente Selbstausbeutung.

Aber wo liegen dann die Chancen?
Queißer: Gut funktionieren Einkaufszentren und Shopping-Malls, also das Umfeld der Buchhandlung muss stimmen. Und H & M funktioniert, auch weil dort alle 14 Tage neue Ware reinkommt, da lohnt es sich aus Kundensicht immer, mal reinzugucken. Das heißt, der Buchhandel muss seine Waren einfach besser und abwechslungsreicher inszenieren. Das gilt nicht nur für die einzelne Buchhandlung, sondern auch für den Auftritt der Branche insgesamt: Die Konzentration auf die Leipziger Buchmesse im Frühjahr und die Frankfurter Buchmesse im Herbst reicht nicht, eigentlich muss im Bewusstsein der Öffentlichkeit jeden Monat etwas Neues aufploppen.

Sprengt eine 14-tägig wechselnde Waren-Inszenierung vom Schaufenster
bis in den Laden hinein nicht die Möglichkeiten kleinerer Buchhandlungen?

Queißer: Sicher ist das für kleinere Buchhandlungen schwer zu stemmen, aber sie müssen einfach Neues bieten. Und sie müssen lernen, in Kooperationen zu denken, etwa in Einkaufsgenossenschaften. Oder warum sollten sie nicht die Aktion eines 100 km entfernten Buchhändlers übernehmen? Und dann stelle ich im Gegenzug bei ihm neue Jugendbücher vor. Auch eine tolle Dekoration kann doch von mehreren Läden genutzt werden, wenn sie weit genug auseinander liegen, da gibt es noch ordentlich Einsparpotenzial. Statt dessen aus Kostengründen nur minimalistisch zu dekorieren, das wird von Kunden immer weniger honoriert.

Haben kleinere Buchhandlungen denn auch Vorteile gegenüber den Filialisten?
Queißer: Allemal. Das große Plus der Kleinen ist, dass sie ihr eigenes Lesevergnügen dem Kunden spürbar und überzeugend vermitteln. Da fühlt sich der Kunde unmittelbar angesprochen. Vor Ort gut vernetzte Buchhandlungen können auch leichter mit anderen Einzelhändlern kooperieren. Warum nicht mit dem Optiker zusammenarbeiten unter dem Motto »Siehst du richtig? Liest du richtig?« oder so ähnlich. Und mit ihrer oft sehr intensiven Kundenkenntnis haben sie auch einen gewaltigen Vorteil, der häufig zu wenig genutzt wird.
Der altmodische, persönliche Kundenbrief liegt übrigens gerade wieder im Trend, da bemerken wir im Moment eine unglaubliche Resonanz.

Schlagworte:
Buchtage, Sortiment

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3 Kommentar/e

1. Arthur Huber 18.06.2009 16:01h www.LuuBooks.de

Sehr geehrter Herr Queißer, ich lade sie gerne einmal zu uns nach Langenargen in unsere Buchhandlung ein, dann sehen was sonst noch möglich ist für uns kleineren Buchhändler und den sog. Erlebniswelten die Buch Habel anstrebt. Endloses Stöbern mit weit über 300 Verlagen im Angebot.
Unsere Kunden danken es uns mittlerweile jeden Tag!

2. Carsten Vogt 18.06.2009 23:53h

Was mir unklar ist, warum nicht mehr Branchenmarketing gemacht wird. Es ist doch nur bedingt die Konkurrenz zwischen Groß und Klein. Wir stehen mit Büchern etc. doch quer durch in der Konkurrenz zu Kino, Internet, Fernsehen, Restaurantbesuch, Kleidungs-/Schuhkauf etc.
Der Verbraucher und Benutzer hat Geld und Zeit eben nur einmal.
Warum nicht eine konzertierte Aktion von Buchhandlungen, Verlagen, Börsenverein usw.?
"books = gifts" war vor Weihnachten eine Aktion in den USA. Schaffen wir so etwas in Old Germany nicht?
Ich habe spontan bereits vor einigen Monaten versucht, so etwas anzuregen. Ein einfache Botschaft als Branchenfeuerwerk zu initiieren. Alle ziehen kreativ an einem Strang. Mit Dieter Banzhaf und Helmut Benze telefonierte und mailte ich. Die hatten Ideen! (Und sicherlich weiter behilflich.) Und es gibt auch noch andere buchaffine kreative Querdenker. Wir brauchen - zündende - Ideen!
Dazu sollte m.E. von der Marketingabteilung des Börsenvereins ein einladender Impuls ausgehen.
Ich habe die Einstellung: Alle Marktteilnehmer (Verlage, Zwischenhändler, Auslieferungen, Sortimenter und Verlagsvertreter) sollten ihr Auskommen haben. Dazu bedarf es aber in unserer doch eigentlich kleinen Branche (ich bemühe jetzt doch den Aldi-Umsatz-Vergleich) einer gemeinsamen Anstrengung. Und diese Anstrengung wäre m.E.: Branchenmarketing!

3. Harald Kraft 19.06.2009 23:06h

Einen wichtigen Vorteil für kleinere
Buchhandlungen sehe ich gegenüber den
größeren Filialisten in einer besseren
Beratung für den Kunden.
Kleinere Buchhandlungen können in ihrem
individuellen Sortiment noch effektivere
Schwerpunkte im Angebot der Bücher
setzen.
In kleineren Buchhandlungen ist das Sortiment
noch überschaubarer und nicht so in einer
Art und Weise ,vollgestopft` wie in den
Großbuchhandlungen.
Ich vermisse heute in vielen Buchhandlungen
einen ,Erlebniskaufeffekt`.
In einer Buchhandlung möchte ich einmal
ungestört mich umschauen können.
Der Buchhändler sollte also etwas ein
Fingerspitzengefühl für seine Kunden haben
und nicht sofort auf manche Kunden stürzen
wenn diese das Geschäft betreten.
Der Kunde soll ja möglichst wieder in die
Buchhandlung kommen. Also vermittle ich
ihm als Buchhändler den ,Willkommens-
effekt`. Das heißt, der Kunde ist in meiner
Buchhandlung willkommen und ich stelle
mich auf ihn ein; ich warte erst einmal ab.
Und in einer guten Beratung liegt nun eben
mal die Stärke einer kleineren Buchhandlung.
Ein Buchhändler kann da eine Beziehung zum
Buchkäufer aufbauen, während sich doch in
größeren Buchhandlungen langsam
eine Anonymität ausbreitet.
Ich selber gehe lieber in eine kleinere
Buchhandlung, denn dort fühle ich mich
als Kunde noch etwas aufgehoben.
Auch schätze ich die freundliche Beratung
einer Buchhändlerin.
Die Freundlichkeit ist das A und O gegen-
über dem Kunden in der Buchhandlung.
Zu 2.) ,Wir brauchen - zündende - Ideen!`
Herr Vogt, vielen Dank für dieses Argument.
Da haben Sie völlig recht.
Pfiffige Ideen benötigen wir ja schon zum
Beispiel für eine Schaufensterwerbung.
Wie binde ich Kunden an die
Buchhandlung?
Eine durchschlagende Idee wäre auch,
so könnte ich mir dies vorstellen, eine
monatliche Aussprache der Mitarbeiter
mit dem Vorgesetzten (Abteilungsleiter
oder dem Chef der Buchhandlung).
Da können dann alle ihre Vorschläge
und Verbesserungen einbringen.
Auch negative Dinge können da
ausgesprochen werden.
So ein Treffen hat nur einen Sinn,
wenn die Beteiligten ohne wenn
und aber daran teilnehmen.
Vor allem in Zeiten der Krise hat
sich das Finden eines gemeinsamen
Nenners bewährt.
Der Erfolg einer Buchhandlung hängt
entscheidend von einer durchdachten
,Firmenphilosophie` ab.
Stehen alle Kollegen und Kolleginnen
hinter den Leitgedanken der jeweiligen
Buchhandlung, dann gibt es auch
gewisse Erfolge.

Harald Kraft, Bibliotheksangestellter, München


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